Karpaltunnelsyndrom: Ursachen, Symptome und Behandlung

Das Karpaltunnelsyndrom (KTS) ist ein weit verbreitetes Leiden, das durch die Kompression des Nervus medianus im Karpaltunnel verursacht wird. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten des Karpaltunnelsyndroms umfassend.

Was ist der Karpaltunnel?

Der Karpaltunnel ist ein enger, etwa 4 bis 5 cm langer Kanal im Handgelenk, durch den der Medianusnerv vom Unterarm in die Hand verläuft. Er wird von den Handwurzelknochen und einem stabilisierenden Bindegewebsband (Retinaculum flexorum) gebildet. Durch diesen Tunnel verlaufen neben dem Nervus medianus auch Sehnen der Handbeugermuskeln und Blutgefäße.

Was passiert beim Karpaltunnelsyndrom?

Das Karpaltunnelsyndrom (KTS) entsteht, wenn der Nervus medianus innerhalb des Karpaltunnels unter Druck gerät, gequetscht oder eingeklemmt wird. Der Nervus medianus spielt eine entscheidende Rolle bei der Aktivierung der Muskeln im Vorderarm und in der Hand. Er ist wichtig, um die Bewegungen der Finger, der Handgelenke und des Daumens zu kontrollieren und das Greifen und Halten von Gegenständen zu ermöglichen. Darüber hinaus regelt der Medianusnerv die sensorische Wahrnehmung, indem er Informationen wie Berührung, Temperatur, Schmerz und Druck an unser Gehirn weiterleitet. Wenn der Nerv komprimiert oder gereizt wird, können die Nervenfasern Wasser einlagern und anschwellen, was zu einer Schädigung des Gewebes führt. In der Folge kommt es zu Nervenschmerzen und anderen Symptomen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, möglicherweise weil der Karpaltunnel bei Frauen tendenziell etwas enger ist. Schätzungen zufolge leidet etwa jeder zehnte Mensch im Laufe seines Lebens unter den Symptomen eines Karpaltunnelsyndroms.

Symptome des Karpaltunnelsyndroms

Die Symptome des Karpaltunnelsyndroms können vielfältig sein und variieren im Schweregrad. Zu den häufigsten Beschwerden gehören:

  • Schmerzen und Kribbeln: Betroffene verspüren oft Schmerzen und ein unangenehmes Kribbeln in Daumen, Zeige- und Mittelfinger, insbesondere nachts oder während bestimmter Aktivitäten wie Tippen oder Greifen. Auch nadelstichartige Schmerzen in Daumen und Fingern können auftreten. Diese Symptome werden oft als "eingeschlafene Hand" beschrieben. Schütteln, Reiben, Dehnen oder Massieren der Finger/Hand können die Beschwerden lindern.
  • Taubheitsgefühl: Ein Taubheitsgefühl oder Gefühlsverlust in den betroffenen Fingern kann auftreten.
  • Schwäche: In fortgeschrittenen Fällen kann es zu Muskelschwäche in der Hand kommen, vor allem im Bereich der Daumenmuskulatur (Thenar), was zu Schwierigkeiten beim Greifen von Gegenständen führen kann. Feinmotorische Aufgaben, wie das Schließen eines Hosenknopfes, können zur Herausforderung werden.
  • Eingeschränkte Tastfähigkeit: Es kann zu einem Verlust des Tastsinns im Versorgungsgebiet des Nervus medianus kommen, insbesondere im Daumen, Mittel- und Zeigefinger.
  • Schmerzen im Arm: Mit Fortschreiten der Erkrankung können die Schmerzen in den Arm und bis in die Schulter ausstrahlen.
  • Nächtliche Beschwerden: Die Symptome verschlimmern sich oft nachts, vermutlich durch ein unbewusstes Abknicken des Handgelenks im Schlaf.
  • Muskelschwund: In späteren Stadien kann es zu einer Rückbildung der Daumenmuskulatur kommen.

Bestimmte Bewegungen verstärken die Schmerzen bei vielen Betroffenen: Die Symptome verschlechtern sich durch anhaltende Beuge- oder Streckstellung der Hand, wie z. B. beim Stricken, Tragen von Einkaufstaschen, Telefonieren, Halten eines Buches, Rad- und Motorradfahren.

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Ursachen für das Karpaltunnelsyndrom

Die Ursachen für das Karpaltunnelsyndrom sind vielfältig und oft nicht eindeutig zu bestimmen. In vielen Fällen lässt sich nicht genau herausfinden, warum es zu der Einengung des Nervus medianus kommt. Zu den möglichen Ursachen und Risikofaktoren gehören:

  • Schwellung der Sehnenscheiden: Eine Schwellung der Sehnenscheiden im Karpaltunnel kann den Druck auf den Nerv erhöhen.
  • Anatomische Veranlagung: Ein Engpass im Karpaltunnel kann genetisch bedingt sein. Studien haben gezeigt, dass ein Teil der Bevölkerung bereits mit einem zu engen Karpaltunnel geboren wird.
  • Verletzungen oder Entzündungen: Verletzungen am Handgelenk, wie z.B. Handgelenkfrakturen, oder entzündliche Erkrankungen, wie Arthritis oder Diabetes, können das Risiko erhöhen.
  • Überlastung: Übermäßige Belastungen und wiederholte, monotone Handbewegungen können ebenfalls zu einem Karpaltunnelsyndrom führen. Tätigkeiten mit Beugung und Streckung der Handgelenke, erhöhter Kraftaufwand der Hände, Vibrationen oder Hand-Arm-Schwingungen erhöhen das Risiko.
  • Hormonelle Veränderungen: Hormonelle Schwankungen während der Schwangerschaft und der Wechseljahre können ebenfalls einen Einfluss auf den Druck im Karpaltunnel haben.
  • Andere Erkrankungen: Auch andere Erkrankungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes mellitus oder eine verminderte Nierenfunktion können ursächlich sein.
  • Gewichtszunahme und Übergewicht: Übergewicht kann ein Karpaltunnelsyndrom begünstigen.
  • Medikamente: Die Einnahme von Kortikosteroiden oder Hormontherapie gelten als Risikofaktoren.
  • Familiäre Häufung: In manchen Familien tritt das Karpaltunnelsyndrom gehäuft auf.

Berufe, die monotone Handbewegungen erfordern, wie Fließbandarbeit, Reinigungsarbeit oder die Arbeit mit einem Presslufthammer, erhöhen das Risiko für ein KTS.

Diagnose des Karpaltunnelsyndroms

Die Diagnose des Karpaltunnelsyndroms basiert auf einer Kombination aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und elektrophysiologischen Untersuchungen.

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die genauen Beschwerden, deren Verlauf und mögliche auslösende Faktoren.
  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht Hand und Arm, um die Sensibilität, Motorik und Beweglichkeit zu prüfen. Dabei können Provokationstests durchgeführt werden, um die Symptome auszulösen oder zu verstärken. Zu den gängigen Tests gehören:
    • Hoffmann-Tinel-Zeichen: Beklopfen des Karpaltunnels löst Parästhesien im Versorgungsgebiet des Nervus medianus aus.
    • Phalen-Test: Abknicken des Handgelenks in maximaler Palmarflexion für bis zu zwei Minuten führt zu Parästhesien im Versorgungsgebiet des Nervus medianus.
    • Durkan-Test: Druck auf den Karpaltunnel löst Parästhesien aus.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen: Um eine sichere Diagnose vom Ausmaß der Nervenschädigung zu erhalten, werden sogenannte elektrophysiologische Untersuchungen eingesetzt, welche die elektrische Leitfähigkeit der Nerven im Karpaltunnel testen. Mit Hilfe dieser Untersuchung lässt sich feststellen, wie stark der Nerv bereits geschädigt ist, da die Nervenleitgeschwindigkeit entsprechend sinkt. Die Elektroneurografie (ENG) ist der Goldstandard zur Bestätigung der Diagnose. Hierbei wird die Nervenleitgeschwindigkeit des Nervus medianus gemessen. Eine verringerte Nervenleitgeschwindigkeit deutet auf eine Schädigung des Nervs hin.
  • Bildgebende Verfahren: Je nach individuellem Beschwerdebild können weitere Untersuchungen wie Röntgen, Sonografie und MRT sinnvoll sein, um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen, z.B. Veränderungen der Knochen oder Raumforderungen.

Karpaltunnelsyndrom wirksam therapieren

Die gewählte Therapie des Karpaltunnels variiert je nach Schweregrad der Symptome, Dauer der Beschwerden und der individuellen Gesundheitsfaktoren des Patienten. Ziele der Behandlung sind die Schmerzreduktion, die Verbesserung von Gefühlsstörungen und Bewegungseinschränkungen, die Verhinderung von Nervenschäden und der Erhalt der Arbeitsfähigkeit.

Konservative Behandlungsmöglichkeiten

  • Handgelenksschienen: Das Tragen einer Handgelenksschiene kann dazu beitragen, das Handgelenk in einer neutralen Position zu halten und den Druck auf den Karpaltunnel zu verringern. Dies wird oft besonders nachts empfohlen. Insbesondere bei Schwangeren ist dies die Behandlung der Wahl, da sich die Symptome häufig nach der Entbindung zurückbilden.
  • Physikalische Therapie: Ein Physiotherapeut kann spezielle Übungen und Techniken empfehlen, um die Muskulatur im Handgelenk zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und den Druck auf den Medianusnerv zu reduzieren. Auch das Training mit einer Faszienrolle kann die Beschwerden lindern.
  • Medikamentöse Therapie: Nichtsteroidale entzündungshemmende Medikamente (NSAIDs) können zur Reduzierung von Entzündungen und Schmerzen beitragen. In einigen Fällen können auch kortikosteroidhaltige Medikamente direkt in den Karpaltunnel injiziert werden. Allerdings können Kortisoninjektionen bei mehrfacher Anwendung zu Schäden des Nervs führen.
  • Ergonomische Anpassungen: Änderungen in der Arbeitsumgebung oder in den täglichen Aktivitäten können helfen, wiederkehrende Belastungen zu reduzieren. Dies kann die Anpassung von Arbeitsplätzen, Tastaturen oder Mausgeräten beinhalten.
  • Gewichtsreduktion: Bei Übergewichtigen kann eine Gewichtsabnahme den Druck auf das Handgelenk bzw. den Karpaltunnel verringern und dadurch die Symptome lindern.
  • Akupunktur: In Absprache mit Ihrem Arzt können begleitend Akupunkturbehandlungen hilfreich sein, um die Symptome zu lindern.

Operative Behandlung

In schweren Fällen, in denen konservative Maßnahmen nicht ausreichen, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Ziel der Operation am Karpaltunnel ist es, den Druck auf den Medianusnerv zu reduzieren, indem der Karpaltunnel erweitert wird. Dieser Eingriff wird als Karpaltunnel-Release bezeichnet. Dabei wird das Karpalband (Retinaculum flexorum) durchtrennt, um den Nerv zu entlasten.

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  • Offene Operation: Bei der offenen Operation wird ein Schnitt in der Handfläche gemacht, um das Karpalband zu durchtrennen.
  • Endoskopische Operation: Bei der endoskopischen Operation werden nur kleine Hautschnitte gemacht und das Karpalband mit speziellen Instrumenten unter Kamerasicht durchtrennt.

Die Operation kann in der Regel ambulant und unter lokaler Betäubung durchgeführt werden. Nach der Operation sind die Schmerzen meist rasch besser. Die Störungen von Sensibilität und Beweglichkeit bzw. der Kraft können jedoch bis zu einem Jahr bestehen bleiben. In seltenen Fällen treten Komplikationen durch die Operation auf, wie eine dauerhafte Schädigung des Nervs oder eine Infektion.

Weitere Maßnahmen

Verfahren wie Yoga, Magnettherapie, Ultraschalltherapie, Lasertherapie, die Gabe von Vitaminen oder Diuretika (zur Ausschwemmung von Wasser) erbrachten keinen eindeutigen Wirksamkeitsnachweis.

Verlauf und Prognose

Das Karpaltunnelsyndrom verläuft meist langsam progredient, ein fluktuierender Verlauf ist typisch. Die Erkrankung kann lediglich vorübergehend sein und sich spontan bessern (in bis zu 1/3 der Fälle ohne Therapie). Karpaltunnelsymptome, die während der Schwangerschaft entstehen, verschwinden meist innerhalb von einigen Wochen nach der Entbindung.

Das Tragen einer Schiene führt bei einem Großteil der Patienten nach einigen Wochen bis Monaten zu einer Verbesserung. Auch Kortisonspritzen können bei vielen Betroffenen zu einer Verbesserung führen.

Die Erfolgsraten einer Operation liegen hoch und sind den nicht-operativen Maßnahmen langfristig überlegen. In einigen Fällen kann es im Verlauf zu einem erneuten Karpaltunnelsyndrom kommen.

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Vorbeugung

Es gibt verschiedene Maßnahmen, die helfen können, einem Karpaltunnelsyndrom vorzubeugen:

  • Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Achten Sie auf eine ergonomische Gestaltung Ihres Arbeitsplatzes, um Fehlhaltungen und Überlastungen zu vermeiden.
  • Regelmäßige Pausen: Machen Sie regelmäßige Pausen bei monotonen Tätigkeiten, um Ihre Hände und Handgelenke zu entlasten.
  • Dehnübungen: Führen Sie regelmäßig Dehnübungen für Handgelenke und Finger durch.
  • Vermeidung von Überlastung: Vermeiden Sie übermäßige Belastungen und wiederholte, monotone Handbewegungen.
  • Behandlung von Grunderkrankungen: Lassen Sie Grunderkrankungen wie Diabetes oder Arthritis behandeln.
  • Gewichtsreduktion: Achten Sie auf ein gesundes Gewicht.
  • Ausgewogene Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und vermeiden Sie Mangelerscheinungen.

Anerkennung als Berufskrankheit

Tritt ein Karpaltunnelsyndrom im Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit auf (monotone, sich wiederholende Tätigkeiten mit Beugung und Streckung der Handgelenke, erhöhter Kraftaufwand der Hände oder Hand-Arm-Schwingungen), kann dieses als Berufskrankheit anerkannt werden. Zuständig hierfür sind die gesetzlichen Unfallversicherungsträger.

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