Vitamin-D-Mangel bei Epilepsiepatienten unter antiepileptischer Medikation

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen, von der weltweit über 65 Millionen Menschen betroffen sind. Die Erkrankung ist häufig mit Stigmatisierung, sozialer Ausgrenzung, Einschränkungen im täglichen Leben sowie erhöhter Morbidität und Mortalität verbunden. Viele Epilepsieformen erfordern eine langfristige, oft lebenslange Einnahme von Antiepileptika (ASM). Bei der Auswahl des geeigneten Medikaments müssen verschiedene Faktoren wie Epilepsieform, Geschlecht, Alter, Begleiterkrankungen und mögliche Komedikationen berücksichtigt werden. Insbesondere bei Patienten mit therapieresistenter Epilepsie, die eine Polytherapie benötigen, ist eine sorgfältige Beurteilung jedes einzelnen Medikaments erforderlich. Die Risiken jedes ASM und die potenziellen Neben- und Wechselwirkungen der ASM untereinander müssen beachtet werden, was nicht immer eine reine Summation der Nebenwirkungen darstellt.

Die längerfristige Einnahme von Enzyminduzierenden (EI)-ASM beeinflusst den Lipid- und Hormonstatus, verursacht Atherosklerose und erhöht das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Myokardinfarkt und Schlaganfälle. Einige Nicht-Enzyminduzierende (NEI)-ASM, wie z. B. Valproinsäure, können ebenfalls den Lipidstoffwechsel beeinflussen, was indirekt durch erhöhten Insulinspiegel, gesteigerten Appetit und Gewichtszunahme verursacht wird.

Menschen mit Epilepsie sind in der Regel weniger körperlich aktiv als die Allgemeinbevölkerung, was zu verminderter Ausdauer, geringerer Muskelkraft und eingeschränkter Beweglichkeit führt. Zusätzlich wirken sich EI-ASM negativ auf die Knochendichte aus.

Antiepileptika als Mikronährstoff-Räuber

Epilepsiemedikamente, sogenannte anfallssuppressive Medikamente (ASMs), gehören zu den Arzneimitteln, die am häufigsten zu Mikronährstoffmängeln führen. Dies dürfte auch ein Hauptgrund für die hohe Nebenwirkungsrate dieser Medikamente sein. Bei Epilepsiepatienten sollte auf jeden Fall auf die Mikronährstoffversorgung geachtet werden.

Vitamin D und Epilepsie

Fast die Hälfte der Menschen mit einer Epilepsie-Erkrankung weisen auch einen Vitamin D-Mangel auf. Inzwischen steht fest, dass Patienten mit Epilepsie überwiegend eine Unterversorgung mit den Vitaminen D, C und B1 aufweisen. Besonders betroffen sind Patienten unter Behandlung mit Langzeit-Antiepileptika. Diese stehen im Verdacht, die angeführten Nährstoffmängel mit auszulösen.

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Vitamin D3 hat neben zahlreichen anderen Funktionen auch eine wichtige Bedeutung im Hirnstoffwechsel. Es fungiert im Gehirn als Neurosteroid, das über Vitamin-D-Rezeptoren verschiedene Hirnfunktionen beeinflusst. Gerade in den letzten Jahren wurden sehr viele Studien publiziert, die sich mit dem Thema Vitamin D3 und Epilepsie beschäftigen. Bereits vor Beginn einer epileptischen Behandlung sind die Vitamin-D3-Spiegel bei den Patienten niedriger als bei gesunden Kontrollpersonen. Durch die Einnahme von anfallssuppressiven Medikamenten (ASMs) können erhebliche Vitamin-D3-Defizite auftreten, wobei die Abnahme des 25-(OH)-D3-Spiegels mit der Zeitdauer der Medikation korreliert. Eine verminderte Knochendichte ist eine häufige Nebenwirkung der antiepileptischen Therapie. Hierfür spielt sicherlich die Verminderung des Vitamin-D3-Spiegels eine entscheidende Rolle.

Auswirkungen von Antiepileptika auf den Vitamin-D-Haushalt

Einige dieser Medikamente haben negative Einflüsse auf den Vitamin-D-Haushalt, so dass eine Überwachung des Vitamin-D-Status notwendig ist. Antiepileptika induzieren Cytochrom-P450-haltige Monooxygenasen in der Leber, die den Abbau und die Metabolisierung von Vitamin D beschleunigen. Dies hat einen Abfall von 25-(OH)- und 1,25-(OH)2-Vitamin-D-Spiegel im Serum zur Folge.

Studienergebnisse zum Vitamin-D-Spiegel bei Epilepsiepatienten

In einer randomisierten, kontrollierten Studie in Saudi-Arabien wurden 163 Kinder von 2-16 Jahren mit bekannter Epilepsie, die sich unter Antikonvulsiva-Medikation befanden, mit zwei verschiedenen Dosierungen Vitamin D (400 IE versus 1000 IE) behandelt, nachdem im ersten Schritt ein bestehender Mangel von Vitamin D korrigiert wurde. Danach wurden die Kinder mit Spiegeln > 75nmol/l randomisiert, entweder 400 IE oder 1000 IE Vitamin D zu erhalten. Nach 3 Monaten erfolgte eine Kontrolle der Spiegel und Calciumstoffwechselparameter. Bei Beginn der Studie hatten immerhin 74,2 % Vitamin-D-Spiegel < 75 nmol/l. Auch nach 6 Monaten fanden sich unter der niedrigen Dosis immer noch erniedrigte Spiegel bei 75 %, unter den 1000 IE bei 54,8 %. Laut einer indonesischen Studie hatten Kinder mit Epilepsie bei der Einnahme von einem oder mehreren Epilepsiemedikamenten niedrigere 25 (OH)D Spiegel als altersgemäß erwartet. Am niedrigsten waren die Vitamin-D-Spiegel bei der Einnahme mehrerer ASMs.

Kognitive Auswirkungen von Vitamin-D-Mangel bei Epilepsie

Chinesische Wissenschaftler publizierten 2024, dass verminderte Konzentrationen von Vitamin D mit kognitiven Störungen bei Epilepsie-Patienten assoziiert waren. Forscher aus China fanden bei Kindern mit Epilepsie auch eine Assoziation zwischen verminderten Vitamin-D-Spiegeln und einer Störung der exekutiven Funktionen.

Vitamin D und Anfallshäufigkeit

Eine ältere placebokontrollierte therapeutische Studie ergab, dass die Anfallshäufigkeit bei Patienten, die täglich 16.000 I.E. Vitamin D2 erhielten, signifikant sank. Nach Anhebung des Vitamin D-Spiegels über die 20 ng/ml-Marke reduzierte sich die berechnete mittlere Anfallshäufigkeit von 5,18 Epilepsie-Anfällen pro Monat auf 3,64 Anfälle, und dies bereits in der sechsten Woche nach Beginn der Supplementierung.

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Weitere Mikronährstoffmängel bei Epilepsie

Bei Epilepsiepatienten ist ein Mangel an Mikronährstoffen sehr häufig. Ein Mangel an Mikronährstoffen kann wiederum die Entstehung von Epilepsieanfällen fördern. ASMs können verschiedene Mängel im Bereich der B-Vitamine auslösen. Im Vergleich zu der Normalbevölkerung zeigten Epilepsiepatienten unter anderem auch eine niedrigere Aufnahme von Vitamin B1 und B6. Über die Hälfte der mit ASMs behandelten Patienten zeigten Störungen in der Folsäureversorgung. Die Einnahme von ASMs vermag auch eine Hyperhomocysteinämie auszulösen, so dass sich bei Epilepsiepatienten auf jeden Fall die Kontrolle des Homocysteinspiegels empfiehlt. Viele Patienten mit Epilepsie haben auch einen Vitamin-B6-Mangel. Bei langer Therapie mit ASMs kann auch ein Biotinmangel auftreten, weil verschiedene ASMs den Biotinabbau beschleunigen können. Ein schwerer Magnesiummangel kann Krampfanfälle auslösen. Zink ist für die Funktionsfähigkeit verschiedener Neurotransmittersysteme erforderlich. Sowohl niedrige wie auch hohe Zink-Konzentrationen im Gehirn können das Epilepsierisiko erhöhen. Selen ist ein wichtiges antioxidatives Spurenelement und generell von großer Bedeutung für den antioxidativen Schutz des Gehirns.

Oxidativer Stress und Epilepsie

Oxidativer Stress kann mit einer ganzen Reihe von gesundheitlichen Störungen in Verbindung gebracht werden. Das Gehirn ist wegen seines hohen Sauerstoffbedarfs besonders anfällig für oxidativen Stress. Die Epilepisien sind durch eine neuronale Übererregbarkeit charakterisiert, was einen vermehrten Energieverbrauch der Nervenzellen bewirkt. Dies führt zu einem erhöhten oxidativen Stress als Folge der Erkrankung. Die Antiepileptika der älteren Generation rufen oxidativen Stress hervor und beeinträchtigen im Vergleich zu den neueren Epilepsiemedikamenten die Lebensqualität von Epilepsiepatienten. Forscher aus Japan empfehlen die Bestimmung von reaktiven Sauerstoffmetaboliten, um die Sicherheit und Effektivität der Neuronen zu überprüfen. Forscher aus Indien publizierten 2014, dass Epilepsiepatienten im Vergleich zu entsprechenden Kontrollpersonen signifikant niedrigere Spiegel von Antioxidantien aufwiesen.

Empfehlungen zur Überwachung und Behandlung

Obwohl es keine hochgradige Evidenz für den Nutzen spezifischer diagnostischer Maßnahmen zur Überwachung der Auswirkung der ASM auf den Knochenstoffwechsel gibt, empfehlen die Leitlinien zur Diagnostik und Therapie - Erster Epileptischer Anfall und Epilepsien - bei Einsatz von EI-ASM und Valproinsäure eine Bestimmung der Serumkonzentration von Vitamin D vor Eindosierung und im Weiteren in jährlichen Abständen. Außerdem wird eine Densitometrie an der Lendenwirbelsäule und dem Schenkelhals vor Eindosierung und im Abstand von 2 bis 5 Jahren empfohlen. Aus praktischer Sicht wird empfohlen, die Cholesterinwerte und Triglyzeride routinemäßig, mindestens 1‑mal jährlich, zu überprüfen.

Vitamin D Supplementierung

Vitamin D3 wird auch um 500% rascher in seine aktive Form umgewandelt, also gilt für Sie, nutzen Sie auf jeden Fall die Gabe von Vitamin D3, wenn Sie Ihren Vitamin D-Spiegel anheben möchten, nicht aber D2. Die angewandten Vitamin D-Dosen wurden dabei als sicher und verträglich eingestuft, Probleme gab es keine.

Weitere unterstützende Maßnahmen

Bei Epilepsiepatienten sollte auf jeden Fall auf die Mikronährstoffversorgung geachtet werden. Wissenschaftler aus Polen beschäftigten sich in einem Fachartikel mit der Frage, inwieweit Vitamin C bei der antiepileptischen Therapie eine Rolle spielen könnte. Für die Autoren des Fachartikels ist Vitamin E aufgrund seiner antioxidativen, antientzündlichen und neuroprotektiven Eigenschaften ein nützlicher therapeutischer Ansatz zur Behandlung der Epilepsie. Eine höhere Aufnahme von Vitamin B1 war mit einem niedrigeren Epilepsierisiko assoziiert. Das häufig verwendete Epilepsie-Medikament Levetiracetam macht häufig neuropsychiatrische Symptome, die durch die Einnahme von Vitamin B6 gebessert werden können.

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