Atlasphysiologie: Ursachen von Migräne

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, die von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein können. Die Ursachen von Migräne sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es gibt jedoch verschiedene Faktoren, die als Auslöser oder Verstärker von Migräneattacken identifiziert wurden.

Die Vielschichtigkeit des Schmerzes verstehen

Schmerz ist ein komplexes Phänomen, das weit über eine reine Sinnesempfindung hinausgeht. Er ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird.

Dimensionen des Schmerzes

Um Schmerz wissenschaftlich zu untersuchen oder klinisch zu diagnostizieren und zu behandeln, ist es wichtig, die verschiedenen Eigenschaften oder Dimensionen des Schmerzes zu definieren und gezielt zu analysieren. Dazu gehören:

  • Sensorische Komponente: Ort, Dauer und Stärke des Schmerzes.
  • Vegetative Komponente: Reaktionen des autonomen Nervensystems und der von diesem kontrollierten Organe.
  • Evaluative Komponente: Einfluss von Befinden, Stimmungen, Interessen, Erwartungen und Lehrerfahrungen auf die Sinneserlebnisse.
  • Soziale Komponente: Wirkung sozialer Kontextfaktoren in Familie, Berufsfeld und Gesellschaft auf Schmerzerleben und Schmerzverhalten.

Migräne als Doppelstörung der Halswirbelsäule (HWS)

Ein Lösungsansatz für die Behandlung von Migräne bietet die Biokinematik des Körpers und die zugehörige Biokybernetik. Die Migräne stellt sich als Doppelstörung dar, bei der sowohl die mechanische als auch die sinnesphysiologische Funktion der Halswirbelsäule (HWS) in einen Entgleisungszustand geraten sind.

Die HWS als Sinnesorgan

Die HWS ist nicht nur zum Tragen des Schädels da, sondern sie ist auch ein Sinnesorgan. Sie ist dafür verantwortlich, die Sinnesinformationen, welche über die Sinnesorgane des Schädels (Auge, Nase, Ohr) aufgenommen werden, mit den Sinnesinformationen, welche die inneren Zustände des Körpers darstellen (Kraft, Lagezustand des Körpers, Gliederwinkel), zu koordinieren. Die HWS ist somit das funktionelle Bindeglied zwischen Schädel und Körper.

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Störungen der HWS-Funktionen

Ebenso wie die mechanische, kann die sinnesphysiologische Funktion der HWS gestört sein. Dies kann sich in Sehstörungen (Schleiersehen), Hörstörungen (Tinnitus) oder Gleichgewichtsstörungen (Schwindel) äußern, wobei das zuständige Hauptorgan völlig gesund ist. Im Extremfall kann dies sogar zu einer dauerhaften Blindheit führen, ohne dass Schmerzen oder Veränderungen am Auge auftreten (Migräne ohne Schmerz).

Im Fall der Migräne herrscht ein Durcheinander zwischen Sinnesphysiologie und Bewegungsphysiologie. Sowohl die Mechanik als auch das Denken sind im Chaoszustand. Schmerzen und Wahrnehmungsstörungen können sowohl einzeln als auch in beliebiger Kombination auftreten. Es bestehen somit auch Migräneanfälle ohne Schmerzen (Konzentrationsstörungen, Kreislaufstörungen, Tinnitus, Schwindel, Angst- und Panikzustände, etc.).

Die Rolle der Muskeln

Die mechanischen Systeme der Augen, Ohren, des Gleichgewichtsorgans, der Arterien und Venen, des Kauapparates, der Atmung sowie der Halswirbelsäule sind auf eine sorgfältige Abstimmung angewiesen, um ihre Aufgaben verrichten zu können. Die verbindenden Elemente dieser Teile sind die großen und kleinen Muskeln des Halses. Muskeln sind sehr empfindlich und reagieren schnell auf Umgebungseinflüsse. Bei einseitiger Beanspruchung geht die Beweglichkeit verloren und bei Gewalteinwirkungen wird deren Funktion blockiert. Im speziellen Fall kann die Gesamtheit der muskulären Funktionen so durcheinandergeraten, dass die HWS-Funktionen in einen Zustand entgleisen, der als Migräne empfunden wird.

Auslöser dieser Entgleisung

Spezielle psychologische Situationen (angenehm oder unangenehm), diverse Medikamente, Nahrungsmittel, das Wetter, Hormonwechsel, psychischer Entspannungszustand (Wochenendmigräne) u.v.m., können Anlass für das Auslösen dieser Entgleisung sein.

Genetische Faktoren

Ein wichtiger Durchbruch in der Migräneforschung wurde im Juni 2010 erzielt, als ein internationales Konsortium zum ersten Mal eine genomweite Durchmusterung auch bei Patienten mit „normaler“ Migräne durchführte. Die Forscher verglichen vielversprechende Abschnitte im Erbgut von insgesamt mehr als 33.000 Migränepatienten aus Finnland, Deutschland und den Niederlanden mit denen von mehr als 60.000 Nicht-Migränikern.

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Die Entdeckung eines Migränegens

Bei der Auswertung der Vergleichsdaten stellten die Wissenschaftler fest, dass Migränepatienten deutlich häufiger eine bestimmte DNA-Abfolge zwischen zwei Genen auf Chromosom 8 aufweisen. Eine Mutation an dieser Stelle scheint demnach ein signifikant höheres Risiko für Migräne mit sich zu bringen.

Der Mechanismus

Die Wissenschaftler entdeckten auch den Mechanismus, der hinter dieser Genvariante steckt: Sie löst eine Prozesskette aus, die letztlich die Aktivität des so genannten EAAT2-Gens um etwa 20 Prozent herunterreguliert.

Glutamat und Migräne

Das jetzt entdeckte Gen könnte zumindest zum Teil die Empfindlichkeit gegenüber Glutamat erklären. Glutamat ist nicht nur ein im Gehirn wirksamer Botenstoff, sondern findet sich auch als Geschmacksverstärker in nahezu allen Fertigprodukten der Lebensmittelindustrie. Schon seit längerem stehen diese im Verdacht, bei Migränikern eine Attacke auslösen zu können, gerne auch als „China-Restaurant-Migräne“ bezeichnet. Ist das entdeckte Gen mutiert, wird das überschüssige Glutamat nicht abgebaut.

Weitere Forschung notwendig

Wo sich aber das neue Migränegen in die konkurrierenden Erklärungsmodelle der Migräneattacke einfügt, ist weiterhin strittig. Führt der Glutamat-Überschuss zur Depolarisation der Nervenzellen und damit zur kortikalen Depression? Oder löst das Glutamat über einen noch unbekannten Mechanismus direkt den Kopfschmerz aus? Weitere Studien müssen dies nun zeigen. Klar scheint nur, dass vermutlich auch dieses Gen nicht das einzige und letzte bleiben wird.

Hormonelle Einflüsse

Hormonschwankungen zählen zu den häufigsten Auslösern (Triggerfaktoren) von Migräneattacken. Mediziner konnten bei Migränepatientinnen beispielsweise einen Zusammenhang zwischen der Migräne und ihrer Periode entdecken. Der Einfluss der Hormone zeigt sich auch daran, dass Mädchen und Jungen vor der Pubertät relativ gleich häufig von Migräne betroffen sind.

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Östrogen und Serotonin

Verantwortlich für die Kopfschmerzattacken während der Monatsblutung ist wahrscheinlich das Hormon Östrogen. Die Produktion dieses Botenstoffs schwankt im Verlauf des monatlichen Zyklus. Mediziner vermuten, dass das plötzliche Absinken des Östrogenspiegels auch den Serotoninspiegel beeinflusst. Das Hormon Östrogen erhöht die Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn. Wird weniger Östrogen produziert, nimmt in der Folge also auch die Menge des „Glückshormons“ Serotonin ab. Zudem schüttet der Körper während der Periode vermehrt Prostaglandin aus, einen Botenstoff, der für das Schmerzentstehen eine wichtige Rolle spielt.

Migräne in der Schwangerschaft und den Wechseljahren

In der Schwangerschaft und in den Wechseljahren ist der weibliche Hormonhaushalt vielen Veränderungen ausgesetzt. Bei etwa 80 Prozent der Migränepatientinnen bessert sich das Migräneleiden im Laufe der Schwangerschaft und Stillzeit vorübergehend. Grund dafür ist die Veränderung des Hormonhaushalts. Während einer Schwangerschaft ist der Spiegel des weiblichen Sexualhormons Östrogen konstant hoch. Bei Patientinnen, die an Migräne mit Aura leiden, können die Attacken hingegen zunehmen.

Mit zunehmendem Alter bleibt öfter ein Eisprung aus, die Produktion von Östrogen und anderen weiblichen Geschlechtshormonen in den Eierstöcken sinkt. Bis hin zur Menopause (letzte Regelblutung) treten jedoch häufig Zyklusstörungen auf. So kann beispielsweise eine Östrogendominanz entstehen, bei der eine hohe Konzentration des Hormons vorliegt. Ein starker Abfall der Östrogenkonzentration innerhalb weniger Tage kann, neben den bekannten Symptomen der Wechseljahre wie Hitzewallungen, auch eine hormonelle Migräne mit sich bringen. Deswegen ist eine Verschlechterung der Migräne meist auch während der Wechseljahre zu beobachten, bei der die Hormone stark schwanken können.

Hormonelle Therapieverfahren

Zu hormonellen Therapieverfahren wie verschreibungspflichtigen Hormonpflastern oder einer oralen Gabe von Östrogen raten Ärzte mittlerweile ab. Denn die Kopfschmerzattacken werden so in der Regel nur um ein paar Tage verschoben, aber nicht verhindert. Östrogen-Gele, die auf die Haut aufgetragen werden und Frauen an ihren „kritischen Tagen“ schützen sollen, haben sich hingegen in einigen Fällen bewährt. Daneben erfolgt die Behandlung von Kopfschmerzen während der Periode wie die einer „normalen“ Migräne: mit Schmerzmitteln oder speziellen Migränemitteln, sogenannten Triptanen.

Weitere Faktoren

Neben den genannten Faktoren gibt es noch weitere, die bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielen können:

  • Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel wie Käse, Schokolade, Zitrusfrüchte oder Alkohol können bei manchen Menschen Migräneattacken auslösen.
  • Stress: Sowohl akuter als auch chronischer Stress kann Migräneattacken begünstigen.
  • Schlafstörungen: Ein unregelmäßiger Schlafrhythmus oder Schlafmangel können Migräneattacken auslösen.
  • Wetter: Wetterveränderungen wie Luftdruckschwankungen oder Temperaturwechsel können bei manchen Menschen Migräneattacken auslösen.
  • Umweltfaktoren: Lärm, grelles Licht oder starke Gerüche können Migräneattacken begünstigen.

Therapie und Prävention

Die Therapie von Migräne zielt darauf ab, die Symptome während einer akuten Attacke zu lindern und die Häufigkeit und Intensität zukünftiger Attacken zu reduzieren. Dazu stehen verschiedene Medikamente und nicht-medikamentöse Verfahren zur Verfügung.

Akuttherapie

  • Schmerzmittel: Paracetamol, Ibuprofen oder ASS können bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken helfen.
  • Triptane: Spezielle Migränemittel, die bei mittelschweren bis schweren Attacken eingesetzt werden.
  • Antiemetika: Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen.

Prophylaxe

  • Betablocker: Können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
  • Antidepressiva: Können bei chronischer Migräne helfen.
  • Antiepileptika: Können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
  • CGRP-Antikörper: Eine neue Klasse von Medikamenten, die gezielt gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) wirken, ein Protein, das bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt.
  • Nicht-medikamentöse Verfahren: Entspannungstechniken, Biofeedback, Akupunktur oder Physiotherapie können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.

Neuromodulation

  • Nerivio®: Ein Neuromodulationssystem in Form eines Armbands, das die natürliche Schmerzhemmung nach dem REN-Prinzip aktiviert.

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