Levetiracetam bei Epilepsie: Ein umfassender Überblick

Epilepsie ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. In Deutschland spielt die Behandlung von Epilepsie eine wichtige Rolle, wobei Levetiracetam (LEV) ein häufig eingesetztes Antikonvulsivum darstellt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Levetiracetam, seine Anwendung, Wirkungsweise, Nebenwirkungen und wichtige Hinweise für Patienten und Angehörige.

Einführung in Levetiracetam

Levetiracetam ist ein Antiepileptikum, das zur Behandlung verschiedener Arten von Anfällen eingesetzt wird. Es ist sowohl als Monotherapie als auch als Zusatztherapie verfügbar und kann bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab einem bestimmten Alter angewendet werden.

Anwendungsgebiete von Levetiracetam

Levetiracetam ist indiziert für:

  • Monotherapie partieller Anfälle mit oder ohne sekundäre Generalisierung bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren mit neu diagnostizierter Epilepsie.
  • Zusatztherapie
    • partieller Anfälle mit oder ohne sekundäre Generalisierung bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab 4 Jahren mit Epilepsie.
    • myoklonischer Anfälle bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren mit Juveniler Myoklonischer Epilepsie.
    • primär generalisierter tonisch-klonischer Anfälle bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren mit Idiopathischer Generalisierter Epilepsie.

Dosierung und Anwendung

Die Dosierung von Levetiracetam variiert je nach Alter, Gewicht, Nierenfunktion und Art der Anfälle. Die folgenden allgemeinen Richtlinien gelten:

  • Erwachsene und Jugendliche (ab 16 Jahren): Bei Monotherapie initial zweimal täglich 500 mg. Die Dosis kann je nach Ansprechen und Verträglichkeit auf bis zu 3000 mg täglich, aufgeteilt in zwei Gaben, gesteigert werden. Eine geringere Initialdosis von 250 mg zweimal täglich ist möglich, basierend auf der Beurteilung des Arztes.
  • Kinder (4-11 Jahre) und Jugendliche (12-17 Jahre) unter 50 kg: Initial zweimal täglich 10 mg/kg. Die Dosis kann je nach Ansprechen und Verträglichkeit auf maximal zweimal täglich 30 mg/kg gesteigert werden.
  • Säuglinge (ab 1 Monat): Als Zusatztherapie bereits bei epilepsiekranken Säuglingen ab einem Monat einsetzbar. Die Fachinformationen geben genaue Hinweise zur Dosisanpassung.

Levetiracetam ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich, darunter Tabletten, Lösung zum Einnehmen und Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung. Die Tabletten können unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Für Säuglinge und Kinder unter sechs Jahren ist die Lösung zum Einnehmen besser geeignet. Die Infusion ist eine Option, wenn eine orale Medikation kurzzeitig nicht möglich ist.

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Wirkungsweise von Levetiracetam

Obwohl Levetiracetam seit vielen Jahren auf dem Markt ist, ist der genaue Wirkmechanismus noch nicht vollständig aufgeklärt. Es wird angenommen, dass Levetiracetam an das synaptische Vesikelprotein SV2A bindet, das an der Vesikelfusion und der Exozytose von Neurotransmittern beteiligt ist. Dies soll zum antiepileptischen Wirkmechanismus beitragen. Darüber hinaus beeinflusst Levetiracetam die intraneuronalen Calciumspiegel, indem der durch N-Typ-Kanäle vermittelte Calciumionen-Strom partiell inhibiert und die Freisetzung von Calciumionen aus intraneuronalen Speichern vermindert wird.

Pharmakokinetik

Levetiracetam wird nach oraler Verabreichung rasch und nahezu vollständig aus dem Darm ins Blut aufgenommen. Die maximalen Plasmakonzentrationen werden innerhalb von etwa einer Stunde erreicht. Die Halbwertszeit beträgt etwa 7 Stunden. Levetiracetam wird hauptsächlich über die Nieren ausgeschieden, wobei ein geringer Teil auch metabolisiert wird.

Nebenwirkungen von Levetiracetam

Die häufigsten Nebenwirkungen von Levetiracetam sind:

  • Nasopharyngitis (Entzündung des Nasen-Rachen-Raumes)
  • Somnolenz (Schläfrigkeit)
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit
  • Schwindel

Häufige weitere Nebenwirkungen sind:

  • Psychiatrische Symptome wie Depression, Feindseligkeit/Aggression, Angst, Insomnie, Nervosität und Reizbarkeit
  • Erkrankungen des Nervensystems wie Gleichgewichtsstörungen, Lethargie und Tremor
  • Anorexie
  • Husten
  • Abdominalschmerzen, Diarrhoe, Dyspepsie, Erbrechen, Nausea
  • Hautausschlag
  • Asthenie/Müdigkeit

Seltenere, aber schwerwiegendere Nebenwirkungen sind:

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  • Psychosen und Suizidgedanken
  • Panzytopenie, Neutropenie, Agranulozytose
  • DRESS (Arzneimittelexanthem mit Eosinophilie und systemischen Symptomen)
  • Überempfindlichkeit (einschließlich Angioödem und Anaphylaxie)
  • Hyponatriämie
  • Enzephalopathie
  • Verlängertes QT-Intervall im EKG
  • Pankreatitis
  • Leberversagen, Hepatitis
  • TEN (Toxische epidermale Nekrolyse), SJS (Stevens-Johnson-Syndrom), Erythema multiforme
  • Rhabdomyolyse, erhöhte Kreatinphosphokinase im Blut
  • Akute Nierenschädigung

Es ist wichtig, dass Patienten und Angehörige sich dieser möglichen Nebenwirkungen bewusst sind und bei Auftreten von ungewöhnlichen Symptomen einen Arzt aufsuchen.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Es gibt keine relevanten Wechselwirkungen zwischen Levetiracetam und den meisten anderen Antiepileptika. Bei gleichzeitiger Anwendung mit Methotrexat kann sich die MTX-Clearance verringern, was dessen Toxizität erhöht. Daher sollten die Serumkonzentrationen der Wirkstoffe sorgfältig überwacht werden. Die gleichzeitige Einnahme von Macrogol kann die Wirksamkeit von oral angewendetem Levetiracetam verringern.

Levetiracetam in Schwangerschaft und Stillzeit

Levetiracetam gilt neben Lamotrigin als das Antiepileptikum der Wahl in der Schwangerschaft. Es sollte möglichst in Monotherapie verordnet werden. Während der Schwangerschaft steigt die Clearance von Levetiracetam, wodurch die Plasmaspiegel sinken können. Dosisanpassungen können daher notwendig sein. Stillen ist bei Monotherapie und guter Beobachtung des Kindes akzeptabel.

Wichtige Hinweise für Patienten

  • Nehmen Sie Levetiracetam immer genau nach Anweisung des Arztes ein.
  • Informieren Sie Ihren Arzt über alle anderen Medikamente, die Sie einnehmen, einschließlich rezeptfreier Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel.
  • Seien Sie sich der möglichen Nebenwirkungen bewusst und suchen Sie bei ungewöhnlichen Symptomen einen Arzt auf.
  • Brechen Sie die Behandlung mit Levetiracetam nicht abrupt ab, da dies zu einer Zunahme der Anfallshäufigkeit führen kann.
  • Achten Sie auf Ihre Verkehrstüchtigkeit und Ihre Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen, da Levetiracetam das Reaktionsvermögen beeinträchtigen kann.
  • Wenn Sie schwanger sind oder stillen, sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Risiken und Vorteile der Einnahme von Levetiracetam.

Levetiracetam bei speziellen Patientengruppen

Kinder und Jugendliche

Bei Kindern und Jugendlichen wird Levetiracetam zur Zusatzbehandlung von partiellen, myoklonischen und primär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen eingesetzt. Die Dosierung muss an das Körpergewicht angepasst werden. Levetiracetam darf nicht zur alleinigen Behandlung bei Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren (Monotherapie) angewendet werden.

Ältere Patienten

Bei älteren Patienten können neurotoxische Nebenwirkungen häufiger auftreten. Eine Dosisanpassung kann erforderlich sein.

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Patienten mit Nierenfunktionsstörungen

Bei Patienten mit Nierenfunktionsstörungen muss die Dosis von Levetiracetam angepasst werden. Die Tagesdosis muss individuell entsprechend der Nierenfunktion festgelegt werden.

Patienten mit Leberfunktionsstörungen

Bei Patienten mit leicht bis mäßig eingeschränkter Leberfunktion ist keine Dosisanpassung erforderlich.

Einfluss von Patientencharakteristika auf die Wirksamkeit von Levetiracetam

Eine Studie der Universitätsmedizin Göttingen untersuchte die Effektivität von LEV in einem Studienkollektiv aus 226 randomisiert ausgewählten Patientinnen. Es ließ sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Geschlecht oder dem Alter und der LEV-Effektivität nachweisen. Allerdings führte LEV bei Pat. mit generalisierter Epilepsie deutlich häufiger zu Anfallsfreiheit als bei Pat. mit fokaler Epilepsie. Hinsichtlich der Ätiologie der Epilepsie wurde bei Patientinnen mit genetischer Epilepsieursache die beste Wirksamkeit nachgewiesen, jedoch ohne statistisch signifikanten Zusammenhang. Hinsichtlich der Medikamentenkombinationen trat die beste Effektivitätsbeurteilung unter „LEV + Valproat“ auf. Als negativer Einfluss zeigte sich, dass bei einer Kombination von LEV mit Natriumkanalinhibitoren geringere Wahrscheinlichkeiten für eine gebesserte Anfallssituation bestanden. Eine verlässliche Vorhersage der LEV-Effektivität anhand der verabreichten Tagesdosis gelang nicht.

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