Es liegt in der Natur des Menschen, seine Grenzen ausloten und verschieben zu wollen. Dazu sind seit jeher Substanzen willkommen, welche die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit steigern sollen. Der Artikel bietet einen Überblick über verschiedene Medikamente und Substanzen, die zur Leistungssteigerung des Gehirns eingesetzt werden, sowie deren Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken.
Einleitung
Der Begriff "Hirndoping" beschreibt den Einsatz von Medikamenten zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit bei gesunden Menschen. Dabei werden Substanzen missbräuchlich zur Leistungssteigerung eingesetzt, ähnlich wie beim Doping im Sport. Dieser Artikel untersucht die verschiedenen Aspekte des Hirndopings, von legalen Substanzen wie Koffein bis hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten und illegalen Drogen.
Ursprung und Definition des Doping-Begriffs
Den Begriff Doping verbindet man gemeinhin mit dem Leistungssport. Der Begriff hat seinen Ursprung wahrscheinlich in Südostafrika, wo "Dop" ein alkoholisches Getränk bezeichnet, das während religiöser Zeremonien als Stimulans dient. Im Kontext der Leistungssteigerung des Gehirns kann man als Hirndoping den Missbrauch von verschreibungspflichtigen oder verbotenen Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung bei Gesunden bezeichnen.
Verbreitung von Hirndoping
In den letzten Jahren mehren sich Berichte über den zunehmend verbreiteten Einsatz von Psychostimulanzien in Studenten- und Hochschulkreisen. In einer Studie gaben 11,3 % der Studierenden italienischer Universitäten an, zumindest einmal leistungssteigernde Substanzen wie Methylphenidat oder Amphetamine konsumiert zu haben. Eine repräsentative Studie in Deutschland zeigte, dass fast 70 Prozent der Befragten mindestens einmal im letzten Jahr Neuro-Enhancer eingenommen haben, wobei Koffein und Energydrinks am häufigsten genannt wurden. 3,7 Prozent der Befragten gaben an, ohne medizinische Notwendigkeit, verschreibungspflichtige Medikamente einzunehmen.
Substanzen zur Leistungssteigerung
Die Bandbreite der Substanzen, die eine Verbesserung unserer Leistung versprechen, ist breit. Sie reicht von harmlosen Stoffen wie Koffein, Mate, Guarana oder Ginkgo über verschreibungspflichtige Medikamente wie Methylphenidat, Amphetamine oder Modafinil bis hin zu illegalen Drogen wie Speed oder Ecstasy.
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Nichtverschreibungspflichtige Substanzen
Koffein
Das wohl bekannteste Mittel, das seit Jahrhunderten zur Steigerung von Wachheit und geistiger Leistungsfähigkeit eingesetzt wird, ist Koffein. Die genannten Getränke enthalten Mengen zwischen 30 mg/0,33 l Coca-Cola und 60-150 mg/Tasse Kaffee; Energydrinks schlagen mit etwa 80 mg/250 ml zu Buche. Koffeintabletten mit 200 mg/Stück sind ebenfalls erhältlich, eine Höchstdosis von 400 mg/Tag sollte nicht überschritten werden. Koffein führt zu einer Verbesserung von Vigilanz und Aufmerksamkeit; die Reaktionsgeschwindigkeit wird fraglich positiv beeinflusst.
Höhere Dosen führen zu Nebenwirkungen wie Tremor, Erregung, Reizbarkeit, gastrointestinalen Beschwerden, Tachykardie, Herzrhythmusstörungen und Insomnie. Als letale Dosis werden 10.000 mg angegeben.
Vitamine und Flavanole
Verschiedenen Vitaminen wurden positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit zugeschrieben, wobei eine unmittelbare Wirkung nicht sicher nachgewiesen werden konnte. Flavanole sind phenolische Phytopharmaka, die in Kakao, Schokolade, Tee und Rotwein enthalten sind und eine periphere und zerebrale Gefäßerweiterung bewirken.
Ginkgo biloba
Ginkgo biloba, ein Produkt aus Blättern des asiatischen Ginkobaums, ist frei verkäuflich und wird vorwiegend als „Neuroenhancer“ und Antidementivum eingesetzt. Eine systematische Literaturrecherche über Publikationen mit gesunden Menschen konnte keine Verbesserung bei leistungstechnischen kognitiven Tests nachweisen. Neuere Metaanalysen zeigen in der Indikation leichte kognitive Störungen und Demenzen positive Effekte bei einem günstigen Nebenwirkungsprofil.
Verschreibungspflichtige Medikamente
Methylphenidat (MPH)
Methylphenidat (MPH), eine Substanz aus der Gruppe der Phenylethylamine, ist als Komponente eines multimodalen Behandlungskonzepts des ADHS zugelassen. Die Substanz wirkt an- und aufregend (psychoanaleptisch), unterdrückt Müdigkeit und Hemmungen und steigert kurzfristig die körperliche Leistungsfähigkeit. Bei Gesunden kommt es zu einer Steigerung von Vigilanz und Aufmerksamkeit sowie zu einer Abnahme der Reaktionszeit, besonders bei Müdigkeit.
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Das Spektrum an Nebenwirkungen ist breit und umfasst Inappetenz, Schlafstörungen, innere Unruhe, Kopfschmerzen, Hautausschlag, Schwindel, Übelkeit, Hypertonie, Tachykardie, abdominelle Schmerzen, Gewichtsverlust, Tics und Dyskinesien. Stimulanzien haben ein Abhängigkeitspotenzial.
Modafinil
Modafinil ist für die Behandlung der Narkolepsie mit exzessiver Tagesmüdigkeit mit und ohne Kataplexie zugelassen. Modafinil ist subjektiv meist gut verträglich und kann Müdigkeit dämpfen; kognitives Leistungsvermögen und Stimmung werden angehoben. Zu objektivieren sind eine Zunahme der Vigilanz, eine Abnahme der Reaktionszeit sowie eine Verbesserung von Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen.
Zu den unerwünschten Wirkungen gehören Nervosität, Kopfschmerzen, Palpitationen, Tremor, innere Unruhe, Schwindel, Schlafstörungen, Benommenheit und Mundtrockenheit. Auch über Übelkeit, Erbrechen und Diarrhö wurde berichtet.
Cholinesterasehemmer (ChEH)
Es erscheint naheliegend, Cholinesterasehemmer (ChEH) der 2. Generation (Donepezil, Galantamin, Rivastigmin), die symptomatisch bei leicht- und mittelgradiger Alzheimer-Demenz zugelassen sind, auch zur zerebralen Leistungssteigerung bei Gesunden einzusetzen. Untersuchungen an Gesunden liegen für Donepezil, Galantamin und Rivastigmin vor. Die Ergebnisse sind enttäuschend, da keinerlei Effekt beobachtet werden konnte; bei älteren Probanden fanden sich teilweise sogar Verschlechterungen der Gedächtnisfunktion.
Memantin
Memantin ist ein N‑Methyl-D-Aspartat(NMDA)-Rezeptor-Modulator, der für die Behandlung der mittelgradigen und schweren Alzheimer-Demenz zugelassen ist. Untersuchungen an Gesunden konnten keinen Einfluss auf Aufmerksamkeit, Vigilanz, Gedächtnisleistung oder Stimmung nachweisen.
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Nootropika
Unter der Bezeichnung Nootropika werden zahlreiche Präparate zu Erhalt oder Steigerung der Hirnleistungsfähigkeit eingesetzt. Zielparameter ist meist die Verbesserung der Durchblutung. Auch eine Zunahme von Sauerstoff- und Glucoseutilisation wird angeführt, ebenso wie die Beeinflussung verschiedener Neurotransmitter.
Antidepressiva
Die stimmungsaufhellende und angstlösende Wirkung von Antidepressiva macht diese auch für Gesunde verlockend. Untersuchungen an gesunden Probanden zeigen allerdings keine wesentlichen Effekte auf die objektive und die subjektive geistige Leistungsfähigkeit; auch die Stimmung bleibt unbeeinflusst. Nebenwirkungen umfassen gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö), Unruhe, Benommenheit, Schlafstörungen und Beeinträchtigung der Sexualfunktion.
Illegale Drogen
Versuche zur geistigen Leistungssteigerung mit illegalen Amphetaminen oder Kokain haben Tradition. Besonders bekannt wurde Methylamphetamin, das unter dem Namen Pervitin® im 2. Weltkrieg zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Als „Crystal Meth“ ist Methamphetamin als preisgünstige Substanz in der Drogenszene geläufig. Das Abhängigkeitspotenzial ist sehr hoch; Psychosen, Depression und Verhaltensauffälligkeiten sind häufige Folgeerscheinungen des Konsums.
Risiken und Nebenwirkungen
Alle Substanzen haben ein breites Spektrum von unerwünschten Nebenwirkungen. Die Stimulantien Methylphenidat und Modafinil können Nebenwirkungen hervorrufen, die sich aus dem anregenden Wirkprofil ergeben, dazu zählen Schlafstörungen, Unruhe, Nervosität und Konzentrationsstörungen. Auch Kopfschmerzen, Benommenheit und Schwindel sind zu nennen sowie Herzklopfen, Herzrasen und Bluthochdruck. Zudem haben Methylphenidat und Modafinil ein hohes Abhängigkeitspotential. Die Einnahme von Antidepressiva hat ebenfalls zahlreiche Nebenwirkungen, wie Ruhelosigkeit, Nervosität, Schlafstörungen sowie Kopfschmerzen und Benommenheit.
Ethische und gesellschaftliche Aspekte
Die vielfältigen Aspekte des „Hirndopings“ zeigen, wie wichtig es ist, mögliche Folgen des lebenswissenschaftlichen Fortschritts mit einem gesellschaftlichen Diskurs zu begleiten. Dieser muss die ethischen, rechtlichen und sozialen Dimensionen neuer Entwicklungen öffentlich ausleuchten.
Gesunde Alternativen zum Neuroenhancement
Geringer Effekt, hohes Risiko: Unterm Strich lohnt sich Neuroenhancement nicht. Bleiben gesunde Alternativen, um das Hirn auf Hochtouren zu bringen. „Dazu gehören ausreichend Schlaf und Pausen, eine gute Flüssigkeitsversorgung, reichlich Bewegung und frische Luft“, sagt Nelles. Sinnvolle Pausen zeichnen sich dadurch aus, dass man eine Tätigkeit wirklich unterbricht, aufsteht, die Gedanken schweifen lässt, etwas völlig anderes tut. Wenn möglich, sind viele kurze Pausen besser als eine lange.
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