Medikamentenpause bei Migräne: Dauer, Ablauf und was Sie wissen sollten

Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Leiden, von dem etwa 70 % der Bevölkerung mindestens einmal jährlich betroffen sind. Dabei unterscheidet man zwischen primären Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne und Spannungskopfschmerzen und sekundären Kopfschmerzen, die als Symptom einer anderen Erkrankung auftreten. Werden Kopfschmerzen jedoch regelmäßiger, sprechen schlecht auf Schmerzmittel an oder nehmen in ihrer Häufigkeit zu, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Auch wer häufiger als 8-10 Mal im Monat Schmerzmittel gegen Kopfschmerzen einnimmt, sollte ärztlichen Rat einholen.

Kopfschmerzen: Ursachen und Diagnose

Um die richtige Diagnose stellen zu können, ist der Arzt auf die Schilderung der Beschwerden angewiesen. Er wird nach der Lokalisation, Intensität, dem Schmerzcharakter und den Begleitsymptomen fragen. Wichtig sind auch die Dauer der Attacken, potentielle Auslöser, die Häufigkeit der Attacken, der bisherige Krankheitsverlauf und die bislang praktizierte Therapie. Bei manchen Patienten treten auch nebeneinander verschiedene Kopfschmerzarten auf. Es kann bei chronischen Beschwerden im Vorfeld eines Arztbesuchs sinnvoll sein, für einige Wochen, einen Kopfschmerzkalender zu führen.

Migräne: Symptome, Ursachen und Therapie

Migräne gehört zu den häufigsten Kopfschmerzerkrankungen. Sie zeichnet sich durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken aus, die häufig einseitig lokalisiert sind. Der Schmerzcharakter ist dumpf und drückend und wird insbesondere bei körperlicher Belastung meist stechend, pochend oder pulsierend. Die Intensität ist in aller Regel so hoch, dass sie zu einer relevanten Beeinträchtigung im Alltag führt. Beim Erwachsenen halten Migräne Attacken unbehandelt wenige Stunden bis maximal 3 Tage an. Typisch für die Migräne sind folgende Begleitsymptome: Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geräusch- und Geruchs- Überempfindlichkeit. Bei ca. 15-25% der Migränepatienten besteht meist vor Eintritt der Kopfschmerzen eine Aura.

Die Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns. Es kommt zu einer Aktivierung schmerz­verarbeitender Zentren und zur Ausschüttung von schmerzvermittelnden Botenstoffen (Neurotransmittern). Nach dem aktuellen Wissensstand besteht für die Migräne eine genetische Veranlagung. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen der Therapie der Attacke selbst und den vorbeugenden Maßnahmen. In der Attacke werden in der Regel gängige Schmerzmittel wie z. B. Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen in Kombination mit Medikamenten gegen die begleitende Übelkeit eingesetzt. Darüber hinaus gibt es aber auch migränespezifische Substanzen, die sog. Triptane.

Spannungskopfschmerzen: Symptome, Ursachen und Therapie

Die meisten Menschen haben schon einmal Spannungskopf­schmerzen erlebt. Der Spannungskopf­schmerz ist der häufigste Kopfschmerz. Bei den meisten Patienten tritt er nur gelegentlich auf. Spannungskopfschmerzen betreffen in der Regel den ganzen Kopf, sie sind dumpf und drückend. Die Intensität ist meist leicht bis mittelstark, so dass sie oft als sehr lästig empfunden werden und nicht zu einer schweren Beeinträchtigung im Alltag führen. Begleit­symptome wie Übelkeit, Lärm- oder Lichtempfind­lichkeit, die für eine Migräne typisch sind, fehlen beim Spann­ungskopfschmerz.

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Die Entstehung der Spannungskopfschmerzen ist, obwohl es sich um eine häufige Erkrankung handelt, bis jetzt nicht geklärt. Die gängigste Vorstellung geht zurzeit von einer erhöhten Anspannung der Nackenmuskulatur aus, die bei häufigem Auftreten zu einer erhöhten Empfindlichkeit der Schmerzzentren im Gehirn führt. Medikamentös sind bei akuten Schmerzen die meisten Schmerzmittel, wie Aspirin 500 mg, Paracetamol 500 mg oder Ibuprofen 400 mg gut wirksam.

Medikamenteninduzierter Kopfschmerz (MÜK): Ein Teufelskreis

Nachteil aller Schmerzmittel ist, dass sie immer dann, wenn sie über längere Zeit zu häufig eingenommen werden, zu einer Verschlechterung und Chronifizierung der Migräne führen können. Deswegen dürfen normale Schmerzmittel nicht häufiger als an 10-15 Tagen im Monat genommen werden. Migräne spezifische Medikamente sollten höchstens an 8 bis maximal 10 Tagen im Monat genommen werden. Wer sehr häufig Schmerz- oder Migränemittel einnimmt, kann dadurch mehr Kopfschmerzen bekommen. Man nennt dieses Phänomen dann Kopfschmerzen durch Medikamenten-Übergebrauch. Es entsteht ein Teufelskreis.

Definition und Häufigkeit

Der chronische Kopfschmerz durch häufige oder regelmäßige Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln ist nach der Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS ICHD-3) definiert als ein Kopfschmerz, der an 15 Tagen oder mehr im Monat auftritt und Folge einer zu häufigen Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln ist. Laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DKMG) leiden etwa 500.000 Menschen in Deutschland unter einem medikamenteninduzierten Kopfschmerz.

Symptome eines MÜK

Die Symptome des medikamenteninduzierten Kopfschmerzes sind denen von Spannungskopfschmerzen ähnlich, auch eine Migräne äußert sich meist entsprechend. Was spricht für die medikamenteninduzierte Form? Zum einen verändert sich bei vielen Betroffenen die Schmerzqualität: Fühlt sich die Migräne eher pulsierend und hämmernd an, ist der Kopfschmerz durch Schmerzmittel eher drückend-dumpf. Die Begleitsymptome können schwächer ausfallen als sonst. Ein weiterer Hinweis ist, dass die Kopfschmerzen zunehmend länger anhalten und schlecht auf die Behandlung durch Schmerzmittel reagieren. Patienten klagen häufig vom Aufstehen bis zum Schlafengehen über einen täglichen Dauerkopfschmerz.

Ursachen für Schmerzmittel-Übergebrauch

Ein Grund: Apotheken bieten eine große Zahl an freiverkäuflichen Schmerzmitteln - in Deutschland gehören sie zu den am häufigsten verordneten oder für die Eigenbehandlung verkauften Arzneien. Ein weiterer Auslöser ist, dass Migräne-Patienten mitunter ausgeprägte Angstgefühle vor der nächsten Attacke entwickeln.

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Diagnose eines MÜK

Nicht selten bestehen Kopfschmerzen aufgrund eines Übergebrauchs an Schmerzmitteln jahrelang. Denn viele Betroffene wissen gar nicht, dass sie durch die Medikamente ihre Beschwerden mitverursachen und ihr Kopfschmerz medikamenteninduziert ist. Besteht allerdings der Verdacht, dass zu viele Schmerzmittel verwendet werden, sind folgende Punkte wichtig:

  • Ehrlichkeit mit sich selbst: Betroffene müssen sich bewusst machen, wie viele Schmerzmittel sie einnehmen. Sollten sie darüber den Überblick verloren haben, hilft es, ein Migränetagebuch zu führen. Darin können sie Medikamente, Dosierung und Häufigkeit der Einnahme eintragen.
  • Ehrlichkeit mit dem Arzt: Nur wenn der Arzt Bescheid weiß, welche Medikamente sie wie oft einnehmen, kann er bei Verdacht auf medikamenteninduzierten Kopfschmerz die richtigen Behandlungsmethoden in die Wege leiten.

Ein Mediziner kann mit einer ausführlichen Befragung gut feststellen, ob der Patient an medikamenteninduzierten Kopfschmerzen leidet. Dafür stellt er Fragen zu der Medikamentennutzung und den Beschwerden. Ferner erfolgen manchmal körperliche Untersuchungen.

Die Medikamentenpause: Der Ausweg aus dem Teufelskreis

Die einzige Möglichkeit dem Teufelskreislauf zu entkommen: unter ärztlicher Aufsicht eine Pause einzulegen. Eine kontrollierte Medikamentenpause kann ambulant oder stationär erfolgen. Nehmen die Patienten übermäßig Analgetika oder Triptane ein, sollen sie ab einem bestimmten Zeitpunkt komplett darauf verzichten. Opioide werden ausgeschlichen, also langsam reduziert. Als Nebenwirkung eines Entzugs entwickeln viele Patienten einige Tage Symptome wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Ängste. Diese lassen sich jedoch durch spezielle Arzneimittel behandeln. Erst wenn der Betroffene an drei aufeinanderfolgenden Tagen völlig schmerzfrei ist, gilt die Medikamentenpause als beendet.

Ablauf einer Medikamentenpause

  1. Vorbereitung: Vor Beginn der Medikamentenpause werden schmerzdistanzierende Medikamente (Antidepressiva) wie z.B. Doxepin oder Amitryptilin aufdosiert.
  2. Akutphase: Insbesondere in den ersten Tagen nach Absetzen der vom Patienten eingenommenen Schmerzmedikamente kann es zu einer u.U. deutlichen Intensitätszunahme der Kopfschmerzen kommen. In den ersten Tagen werden nochmals regelmäßig Schmerzmittel wie z.B. Naproxen 3 x tgl. 250 mg verabreicht, um den Entzugskopfschmerz zu mindern. Gegen den in dieser Zeit auftretenden Umstellungskopfschmerz dürfen keine Akutschmerzmittel verabreicht werden. Sinnvoll ist eine Begleittherapie, zum Beispiel ein Antiemetikum gegen Übelkeit und Erbrechen oder ein mittelpotentes Neuroleptikum gegen Unruhe und Schlaflosigkeit.
  3. Medikamentenpause: Dann erfolgt eine Medikamentenpause, in der die auslösenden Medikamente abgesetzt werden. Die Einnahme der Schmerzmittel wird radikal für bis zu acht Wochen pausiert.
  4. Nachsorge: Unter dem Aspekt der Gefahr eines Rückfalls (im ersten Jahr bei 40 %) sollte im ersten Jahr eine engmaschige ärztliche Begleitung erfolgen.

Dauer der Medikamentenpause

Die Dauer der Medikamentenpause variiert. Sie dauert in der Regel bis zu acht Wochen. Bei anderen Medikamenten ist die Behandlung komplexer. Hier ziehen sich die Umstellungskopfschmerzen oft über drei bis vier Wochen hin. Ist der Umstellungskopfschmerz überwunden und bleiben die Patienten danach fünf bis zehn Tage kopfschmerzfrei, ist der chronische Kopfschmerz wieder in einen episodischen remittiert.

Was passiert nach der Medikamentenpause?

Nach der Medikamentenpause können bei akuten Kopfschmerzen wieder Schmerz- oder Migränemittel eingenommen werden. Es gilt aber immer die Regel: Nicht häufiger als an zehn Tagen im Monat und nicht länger als an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Eine andere Möglichkeit ist, eine vorbeugende Behandlung (Prophylaxe-Therapie) zu beginnen, sodass keine vollständige Medikamentenpause erforderlich ist.

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Vorbeugung eines MÜK

Damit ein Schmerzmittel-Übergebrauch erst gar nicht entsteht, empfehlen Experten, durch verschiedene Maßnahmen vorzubeugen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Ausdauersport
  • Verhaltenstherapie
  • Entspannungsverfahren
  • Stressmanagement

Zudem können auch Medikamente Verwendung finden, die zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden.

Die 10-20 Regel

Durch ein kontrolliertes Einnahmeverhalten nach der 10-20 Regel kann ein MÜK vermieden werden. Die 10-20 Regel besagt, dass an mindestens 20 Tagen im Monat keine spezifischen Migränemittel wie Triptane eingenommen werden dürfen. Und an weniger als 10 Tagen pro Monat solche verwendet werden dürfen. Bei Aspirin, Paracetamol und Co. wäre es also dementsprechend eine 15-15 Regel.

Alternative Behandlungsmethoden

Sowohl bei Migräneattacken, als auch bei Spannungskopfschmerzen können neben der medikamentösen Therapie, auch alternative Therapien zum Einsatz kommen. Gute Erfolge zeigen sich bei akuten Schmerzen zum Beispiel mit sogenannten Imaginationsübungen. Anhand der eigenen Vorstellungskraft wird der Schmerz verdrängt oder moduliert. Aber auch die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training, Atem-Meditation und Ausdauersport zielen auf die Reduktion der Anfallsbereitschaft ab.

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