Medizinische Begutachtung in der Neurologie: Fortbildung und Qualifizierung

Die medizinische Begutachtung spielt eine zentrale Rolle in der Entscheidungsfindung von Gerichten, Versicherungen und anderen Institutionen. In strittigen Fällen werden externe Gutachter hinzugezogen, von denen eine objektive und fundierte Expertise erwartet wird. Diese Expertise muss fachlich, juristisch und somit gerichtsfest sein. Die verantwortungsvolle Aufgabe der medizinischen Begutachtung erfordert spezifische Kenntnisse und Fähigkeiten, die weder durch medizinisches Fachwissen noch durch Berufserfahrung oder traditionelle Aus- und Weiterbildung vollständig abgedeckt werden.

Die Notwendigkeit strukturierter Fortbildung

Die wachsende Bedeutung der medizinischen Begutachtung in allen medizinischen Fachgebieten erfordert eine qualitätsgesicherte Ausbildung für Ärztinnen und Ärzte. Um dieser Anforderung gerecht zu werden, wurde die curriculare Fortbildung „Medizinische Begutachtung“ der Bundesärztekammer entwickelt. Diese Fortbildung richtet sich an Ärztinnen und Ärzte, die ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in der Gutachtenerstellung erweitern und vertiefen möchten.

Curriculare Fortbildung der Bundesärztekammer

Die curriculare Fortbildung der Bundesärztekammer ist modular aufgebaut und umfasst in der Regel drei Module:

  • Modul I: Grundlagen der medizinischen Begutachtung, Kausalitäts- und Zustandsbegutachtung.
  • Modul II: Fachübergreifende Aspekte der medizinischen Begutachtung.
  • Modul III: Fachspezifische Aspekte der Begutachtung im Bereich Orthopädie/Unfallchirurgie ODER Neurologie/Psychiatrie.

Der erfolgreiche Abschluss dieser Fortbildung ist Voraussetzung für die Erlangung der ankündigungsfähigen Bezeichnung „Medizinische Begutachtung“, deren Erwerb durch die zuständige Ärztekammer bescheinigt wird. In einigen Regionen, wie beispielsweise Berlin, ist die erfolgreiche Teilnahme an dieser Fortbildung eine notwendige Voraussetzung für die Aufnahme in das Gutachterverzeichnis der Ärztekammer.

Anforderungen und Ablauf der Fortbildung

Um die Qualifikation zur medizinischen Begutachtung nach dem Curriculum der Bundesärztekammer zu erlangen, sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen:

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  • Abgeschlossene Facharztweiterbildung
  • Teilnahme an allen drei Modulen des Kurses
  • Erstellung eines Final- und eines Kausalitätsgutachtens
  • Bestandene Lernerfolgskontrollen

Es wird empfohlen, den gesamten Kurs zügig zu absolvieren, wobei ein Zeitraum von maximal fünf Jahren für den Abschluss aller Module vorgesehen ist.

Zertifikatskurs „Qualifizierung zum medizinischen Sachverständigen CPU“

Ein Beispiel für eine solche Fortbildung ist der Zertifikatskurs „Qualifizierung zum medizinischen Sachverständigen CPU“, der von der Dresden International University (DIU), der Weiterbildungsuniversität der TU Dresden, angeboten wird.

Entstehung und Entwicklung des CPU-Kurses

Der Zertifikatskurs „Qualifizierung zum medizinischen Sachverständigen CPU“ wurde im Jahr 2002 unter der ärztlichen Leitung von Dr. med. Frank Schröter in Kooperation mit Prof. Dr. H. Meyer-Wolters von der Universität zu Köln und der Ärztekammer Nordrhein entwickelt. Von 2003 bis 2015 wurde der Kurs an der Business School der Kölnischen Rückversicherung (heute GenRe) durchgeführt. Im Jahr 2016 übernahm die Dresden International University (DIU) das Programm und führt es seitdem kontinuierlich weiter.

Die Abkürzung “CPU” stand ursprünglich für „Certified Postgraduate Programme of the University of Cologne“. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Abkürzung zu einer Art Qualitätssiegel. Die Bezeichnung CPU steht nun für „Certified Postgraduate Programme of Dresden International University“.

Inhalte und Struktur des CPU-Kurses

Der CPU-Kurs besteht aus sechs Modulen, die jeweils aus einer Vorbereitungsphase, einer Wissensinputphase und einer Anwendungsphase bestehen.

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  • Vorbereitungsphase: Vier Wochen vor dem Präsenztermin wird ein virtuelles Klassenzimmer mit Vorbereitungslektüre freigeschaltet. Die Teilnehmer werden gebeten, Supervisionsgutachten einzureichen.
  • Wissensinputphase: Dreitägige Präsenzveranstaltung in Dresden mit kollegialem Austausch, Abendveranstaltung mit den Dozenten und schriftlicher Multiple-Choice-Abschlussklausur.
  • Anwendungsphase: Nach der Präsenz erhalten die Teilnehmer eine anwendungsorientierte Hausaufgabe mit vier Wochen Bearbeitungszeit. Die Hausaufgabe, Gutachtenfälle und das Modul werden anschließend in einer Online-Nachbesprechung besprochen und abgeschlossen.

Die Wissensinputphase erfordert eine hundertprozentige Anwesenheitspflicht. In den Modulen 2, 3 und 5 ist es unter Umständen möglich, sich virtuell zuzuschalten.

Supervision und Gutachtenerstellung

Ein wesentlicher Bestandteil des CPU-Kurses ist die Supervision der eigenen Gutachten. Die Kursteilnehmer reichen vor den Modulen 1, 3 und 5 anonymisierte Gutachten ein, die von erfahrenen CPU-Gutachtern nach einem festen Bewertungsschema begutachtet werden. Die anonymisierten Gutachten dienen als Grundlage für Online-Fallbesprechungen und werden von den Referenten in die Präsenztage integriert.

Im Modul 4 haben die Teilnehmer die Möglichkeit, ein weiteres Gutachten für ein Gerichtsrollenspiel einzureichen, in dem sie ihr Gutachten vor einem Richter, einem Rechtsanwalt und gegebenenfalls einem Gegengutachter verteidigen müssen. Vor dem Modul 6 reichen die Teilnehmer ein letztes Gutachten ein, das vor einer Prüfungskommission verteidigt wird.

Dozenten und Kooperationspartner

Der CPU-Kurs wird von erfahrenen Dozenten aus verschiedenen Fachgebieten geleitet, darunter Richter, Fachärzte, Juristen und Vertreter von Berufsgenossenschaften und Versicherungen. Zu den Dozenten gehören unter anderem:

  • Stefan Bultmann - Richter am Sozialgericht Hamburg
  • Dr. med. Volkhard Dittrich - Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sozialmedizin
  • Dr. med. Astrid Janz - Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie; Sozialmedizin, Suchtmedizinische Grundversorgung, Verkehrsmedizin, Gesundheitsförderung und Prävention
  • Dr. med. Petra Nieder - Fachärztin für Anästhesiologie, Spezielle Schmerztherapie
  • Michael Behrens - Ass. iur., stellvertretender Bezirksdirektor der Bezirksdirektion Köln der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie
  • Claudia Drechsel-Schlund - Ass. iur., stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege
  • Prof. Dr. med. Pedro Faustmann - Professur für Neuroanatomie und molekulare Hirnforschung Ruhr-Universität Bochum
  • Carina Habelt - Richterin am Sächsischen Landessozialgericht
  • Prof. Dr. med. Martin Hansis LL.M. Medizinrecht - Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie, langjähriges Mitglied der Gutachterkommission der Ärztekammer-Nordrhein
  • Dr. med. Daniel Kämpf - Leiter der Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Technischen Universität Dresden
  • Dr. med. Thomas Kausch - Facharzt für Orthopädie, spezielle Schmerztherapie, Sozialmedizin, Medizinischer Sachverständiger cpu
  • Dr. med. Thomas Konkel - Facharzt für Chirurgie, Unfallchirurgie, Rettungsmedizin, Sozialmedizin, MGI Medizinisches Gutachteninstitut Hamburg
  • Dr. med. Simone Moser - Fachärztin für Innere Medizin, Angiologie, Sozialmedizin, Leitende Ärztin Sozialmedizinischer Dienst Halle, DRV Knappschaft-Bahn-See
  • RA Dr. Jens Muschner - Partner und Berliner Büroleiter der Kanzlei BLD Bach Langheid Dallmayr, spezialisiert auf Versicherungs- und Haftungsrecht
  • Dr. med. Martin Obladen - Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
  • Prof. Dr. med. Rolf Schneider - Facharzt für Psychiatrie und Neurologie
  • Andrea Podhraski - Richterin am Oberlandesgericht Dresden
  • Dr. med. Gerd Sandvoss - Facharzt für Neurochirurgie
  • Dr. med. Wolfgang Schöps - Facharzt für Urologie
  • Dirk Scholtysik - Ass. iur., langjähriger Leiter des Referates Unfallbegutachtung, Soziale Teilhabe, Pflege und psychische Störungen der DGUV
  • Michael Schwiede - Ass. iur, Life/Health Senio Glaims Specialist GenRe
  • Prof. Dr. med. Andreas Seidler - Lehrstuhlinhaber Arbeits- Sozialmedizin und Public Health der Technischen Universität Dresden
  • RAin Dr. iur. Carolin Wever - Fachanwältin für Medizinrecht, Bergmann Partner Rechtsanwälte mbB
  • Volker Wittchen - Fachanwalt für Versicherungsrecht, Kanzlei Dr.

Kooperationspartner des CPU-Kurses ist die Fachgesellschaft Interdisziplinäre Medizinische Begutachtung e.V.

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Flexibilität und Zertifizierung

Der CPU-Kurs bietet den Teilnehmern Flexibilität bei der Gestaltung ihres Studiums. Es ist möglich, den gesamten Kurs in einem Jahr zu absolvieren, einzelne Module zu belegen oder den Kurs über mehrere Jahre zu strecken. Nach erfolgreichem Abschluss des Kurses sind die Teilnehmer berechtigt, das CPU-Siegel zu führen und es im Rahmen ihrer gutachtlichen Tätigkeit zu verwenden. Außerdem werden sie in ein Gutachterverzeichnis aufgenommen.

Das Diploma of Advanced Studies (DAS) ist ein Zusatzdiplom auf Zertifikatskursbasis, das von der Dresden International University verliehen wird, wenn alle Prüfungsleistungen im Zertifikatskurs erfolgreich absolviert wurden.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurowissenschaftliche Begutachtung e. V. (DGNB)

Die Deutsche Gesellschaft für Neurowissenschaftliche Begutachtung e. V. (DGNB) ist die größte deutschsprachige Gutachter-Vereinigung mit interdisziplinärem Bezug auf die Fächer Neurochirurgie, Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Die DGNB setzt sich für eine evidenzbasierte und wissenschaftlich fundierte Begutachtung ein und engagiert sich in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Gutachtern.

Ziele und Aufgaben der DGNB

Zu den Zielen und Aufgaben der DGNB gehören:

  • Förderung der Qualität von Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bereich der medizinischen Begutachtung
  • Erstellung und Aktualisierung von wissenschaftlichen evidenzbasierten Leitlinien zur Begutachtung
  • Förderung Gutachten-spezifischer Forschung

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