Vergesslichkeit ist ein weit verbreitetes Phänomen, das Menschen jeden Alters betrifft. Ob es sich darum handelt, den Namen eines Bekannten zu vergessen, die Brille zu verlegen oder sich nicht mehr an einen Termin zu erinnern, gelegentliche Gedächtnislücken sind in der Regel kein Grund zur Besorgnis. Doch wann wird Vergesslichkeit zum Problem, und welche Ursachen können dahinter stecken? Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Ursachen für ein schlechtes Gedächtnis, von harmlosen Alltagsfaktoren bis hin zu ernsthaften Erkrankungen, und gibt Tipps, wie Sie Ihr Gedächtnis verbessern können.
Wie funktioniert das Gedächtnis?
Um die Ursachen für ein schlechtes Gedächtnis zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, wie das Gedächtnis überhaupt funktioniert. Unser Gedächtnis ist kein monolithischer Speicher, sondern ein komplexes System, das aus verschiedenen Komponenten besteht:
- Ultrakurzzeitgedächtnis: Hier werden Informationen zunächst strukturiert und bewertet. Unwichtige Informationen werden sofort gelöscht, während wichtige Informationen ins Kurzzeitgedächtnis gelangen.
- Kurzzeitgedächtnis: Das Kurzzeitgedächtnis speichert Informationen, die wir im Alltag benötigen, wie z. B. den Ort, an dem wir unseren Schlüssel abgelegt haben. Es hat jedoch eine begrenzte Kapazität und speichert Informationen nur für kurze Zeit.
- Langzeitgedächtnis: Informationen, die ins Langzeitgedächtnis gelangen, können potenziell immer wieder abgerufen werden. Hier werden unsere Erinnerungen, unser Wissen und unsere Fähigkeiten gespeichert.
Das Vergessen von unwichtigen Informationen ist ein normaler und sogar notwendiger Prozess, da es unserem Gehirn ermöglicht, Platz für neue, wichtige Informationen zu schaffen.
Ursachen für Vergesslichkeit
Die Ursachen für ein schlechtes Gedächtnis sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:
Alltagsfaktoren
- Stress: In stressigen Zeiten ist unser Gehirn oft überfordert, was dazu führen kann, dass wir uns Informationen schlechter merken oder sie schnell wieder vergessen.
- Schlafmangel: Im Schlaf werden die Erlebnisse des Tages verarbeitet und zum Teil im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Anhaltende Schlafstörungen können daher zu Vergesslichkeit führen.
- Flüssigkeitsmangel: Ein Mangel an Flüssigkeit kann die Gehirnfunktion beeinträchtigen und zu Konzentrationsschwierigkeiten und Vergesslichkeit führen.
- Mangelernährung: Eine unausgewogene Ernährung, insbesondere ein Mangel an B-Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren, kann die Gedächtnisleistung beeinträchtigen.
- Medikamente: Einige Medikamente, wie z. B. Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel, können als Nebenwirkung Vergesslichkeit verursachen. Auch entwässernde oder blutdrucksenkende Medikamente können das Gedächtnis schwächen.
Altersbedingte Veränderungen
Mit zunehmendem Alter verändert sich auch unser Gehirn. Einzelne Gehirnfunktionen lassen allmählich nach, und die geistige Fitness sowie die Konzentrationsfähigkeit nehmen in einem schleichenden Prozess ab. Das Gedächtnis älterer Menschen arbeitet langsamer als das von Jüngeren, weshalb sie in lebhaften Diskussionen oder bei vielen neuen Informationen eher mal den Faden verlieren.
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Psychische Erkrankungen
Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen können ebenfalls zu Gedächtnisproblemen führen. Depressive Episoden im Laufe eines Lebens erhöhen dabei die Wahrscheinlichkeit, im Alter verstärkt geistige Leistungsfähigkeit einzubüßen.
Organische Ursachen
In einigen Fällen kann Vergesslichkeit auch organische Ursachen haben, wie z. B.:
- Durchblutungsstörungen im Gehirn: Eine gestörte Durchblutung im Gehirn kann dazu führen, dass nicht genügend Sauerstoff und Nährstoffe ankommen, was die Gedächtnisleistung beeinträchtigen kann. Erkrankungen wie Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes stehen mit einer durchschnittlich niedrigeren Gedächtnisleistung im Zusammenhang und können somit auch Ursachen für Vergesslichkeit sein.
- Schilddrüsenerkrankungen: Eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse kann sich negativ auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirken.
- Schlafapnoe: Die Schlafapnoe, bei der es im Schlaf zu Atemaussetzern kommt, kann ebenfalls zu Gedächtnisproblemen führen.
- Vitamin-B12-Mangel: Ein Mangel an Vitamin B12 kann die Nervenfunktion beeinträchtigen und zu Gedächtnisstörungen führen.
- Demenzerkrankungen: Demenzerkrankungen wie Alzheimer sind eine häufige Ursache für Gedächtnisverlust im Alter. Bei der Alzheimer-Krankheit sterben Nervenzellen im Gehirn ab, was zu einer fortschreitenden Verschlechterung der Gedächtnisleistung und anderer kognitiver Fähigkeiten führt.
Weitere Ursachen
- Alkoholmissbrauch: Schwerer und chronischer Alkoholmissbrauch kann zu Schäden an den Nervenzellen im Gehirn führen und sich somit negativ auf die kognitiven Fähigkeiten wie Gedächtnis, Konzentration und Urteilsvermögen auswirken.
- Hirnverletzungen: Schädel-Hirn-Verletzungen, z. B. durch einen Unfall, können ebenfalls zu Gedächtnisproblemen führen.
- Infektionen: Gehirnentzündungen (Enzephalitis) oder Hirnhautentzündungen (Meningitis) können ebenfalls Gedächtnisstörungen verursachen.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Nicht jede Vergesslichkeit ist ein Grund zur Sorge. Wenn Ihr Gedächtnis jedoch häufiger streikt und Sie folgende Warnzeichen oder Alarmsignale bemerken, sollten Sie die Ursache Ihrer Vergesslichkeit von einem Arzt abklären lassen:
- Sie vergessen häufig Termine, Namen, Passwörter usw.
- Ihnen fallen öfters ganz alltägliche Worte und Begriffe nicht mehr ein.
- Sie haben an Ihnen bekannten Orten gelegentlich das Gefühl, sich nicht auszukennen.
- Sie verlegen häufig Sachen (Schlüssel, Brille, Hausschuhe, Fernbedienung usw.).
- Eigentlich gewohnte Handlungen wie Bügeln oder das Wechseln einer Glühbirne fallen Ihnen schwer(er).
- Sie stellen wiederholt die gleiche Frage, obwohl Sie die Antwort darauf schon (mehrfach) erhalten haben.
- Sie erzählen wiederholt die gleiche Geschichte innerhalb einer kurzen Zeit (z. B. einer Stunde) und der gleichen Person gegenüber.
- Sie haben Probleme bei alltäglichen Tätigkeiten und Bewegungsabläufen (z. B. Essen kochen, aber vergessen, es an den Tisch zu bringen).
- Sie haben Schwierigkeiten, sich an Geschehnisse zu erinnern, die erst vor wenigen Minuten stattgefunden haben.
- Sie vergessen nicht nur Details oder bestimmte Fakten, sondern ganzer Geschehnisse.
- Sie haben Orientierungsprobleme, auch in bekannter Umgebung.
- Sie zeigen wenig Antrieb und ziehen sich sozial zurück.
Der erste Ansprechpartner sollte Ihr Hausarzt sein. Er wird Sie bei Bedarf zum Facharzt (Neurologen) überweisen. Darüber hinaus gibt es auch spezialisierte Gedächtnissprechstunden für Menschen, die unter (möglicherweise krankhafter) Vergesslichkeit leiden.
Untersuchungen und Diagnose
Um die Ursache Ihrer Vergesslichkeit zu ermitteln, wird der Arzt verschiedene Untersuchungen durchführen. Dazu gehören:
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- Anamnese: Der Arzt wird Sie ausführlich zu Ihrer Krankengeschichte befragen, um mögliche Risikofaktoren und Ursachen für Ihre Vergesslichkeit zu identifizieren.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird Ihren Blutdruck messen, Ihr Herz und Ihre Lunge abhören und Ihre neurologische Funktion überprüfen.
- Neuropsychologische Tests: Diese Tests dienen dazu, Ihre Gedächtnisleistung, Konzentrationsfähigkeit und andere kognitive Funktionen zu beurteilen. Ein bekannter Test ist der Uhrentest, bei dem Sie eine Uhr zeichnen müssen.
- Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns erforderlich sein, um strukturelle Veränderungen oder Durchblutungsstörungen festzustellen.
- Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, Stoffwechselstörungen, Vitaminmängel oder andere Erkrankungen zu identifizieren, die zu Vergesslichkeit beitragen können.
Was tun gegen Vergesslichkeit?
Es gibt viele Dinge, die Sie tun können, um Ihr Gedächtnis zu verbessern und Vergesslichkeit vorzubeugen:
Gesunder Lebensstil
- Ernähren Sie sich ausgewogen: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, magerem Eiweiß und gesunden Fetten. Insbesondere B-Vitamine und Omega-3-Fettsäuren sind wichtig für die Gedächtnisleistung.
- Bewegen Sie sich regelmäßig: Körperliche Aktivität fördert die Durchblutung des Gehirns und verbessert die Gedächtnisleistung. Versuchen Sie, mindestens 30 Minuten pro Tag Sport zu treiben.
- Schlafen Sie ausreichend: Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Gedächtniskonsolidierung. Streben Sie 7-8 Stunden Schlaf pro Nacht an.
- Trinken Sie ausreichend: Trinken Sie täglich 1,5 bis 2 Liter Wasser oder ungesüßten Tee, um Ihren Körper ausreichend mit Flüssigkeit zu versorgen.
- Vermeiden Sie Stress: Versuchen Sie, Stress abzubauen, z. B. durch Entspannungsübungen wie Yoga oder Meditation.
- Vermeiden Sie Alkohol und Nikotin: Alkohol und Nikotin können die Gehirnfunktion beeinträchtigen und zu Gedächtnisproblemen führen.
Gedächtnistraining
- Fordern Sie Ihr Gehirn heraus: Trainieren Sie Ihr Gehirn regelmäßig, z. B. durch Lesen, Kreuzworträtsel lösen, Sudoku spielen, ein Musikinstrument lernen oder eine neue Sprache lernen.
- Nutzen Sie Gedächtnisstrategien: Es gibt verschiedene Gedächtnisstrategien, die Ihnen helfen können, sich Dinge besser zu merken, z. B. die Assoziationsmethode, die Routenmethode oder die Akronyme-Methode.
- Bleiben Sie sozial aktiv: Pflegen Sie soziale Kontakte und nehmen Sie an Aktivitäten teil, die Ihnen Spaß machen. Soziale Interaktion kann die geistige Leistungsfähigkeit verbessern.
Pflanzliche Mittel und Nahrungsergänzungsmittel
- Ginkgo biloba: Ginkgo biloba ist eine Heilpflanze, die die Durchblutung des Gehirns fördern und die Gedächtnisleistung verbessern kann. Es gibt verschiedene Ginkgo-Präparate in Form von Tabletten oder Tropfen in der Apotheke. Tebonin® intens 120 mg und Tebonin® konzent® 240 mg enthalten einen Ginkgo-biloba-Blätter-Trockenextrakt und können zur symptomatischen Behandlung von hirnorganisch bedingten geistigen Leistungseinbußen eingesetzt werden.
- B-Vitamine: B-Vitamine sind wichtig für die Nervenfunktion und können bei mentaler Erschöpfung und Konzentrationsschwäche helfen.
- Omega-3-Fettsäuren: Omega-3-Fettsäuren sind wichtig für die Gehirnfunktion und können die Gedächtnisleistung verbessern.
Medikamentöse Behandlung
In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung erforderlich sein, um die Ursache der Vergesslichkeit zu behandeln. Bei Demenzerkrankungen können Antidementiva eingesetzt werden, um die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
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