Es ist ein weitverbreitetes Gefühl: Die Familie, die eigentlich ein Ort des Rückhalts und der Geborgenheit sein sollte, wird zur Quelle von Stress und Ärger. Besonders Eltern können in bestimmten Phasen des Lebens zur Belastung werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für solche Spannungen und bietet Lösungsansätze, um das Familienleben wieder harmonischer zu gestalten.
Die Pubertät als Auslöser für Konflikte
Viele junge Menschen erleben während der Pubertät eine Phase, in der sie sich von ihren Eltern abgrenzen und sich gegen vermeintliche Bevormundung auflehnen. Die hormonelle Umstellung führt zu Stimmungsschwankungen und einer erhöhten Reizbarkeit. In dieser Zeit ist es wichtig, dass Jugendliche lernen, sich selbst zu reflektieren und ihre Handlungen zu hinterfragen. Gespräche mit den Eltern können helfen, Missverständnisse auszuräumen und gemeinsam Lösungen zu finden. Wichtig ist dabei, eine respektvolle Kommunikation zu pflegen und auf Beleidigungen zu verzichten.
Parentifizierung: Wenn Kinder Elternrollen übernehmen
Ein weiterer Grund für Spannungen in der Familie kann die sogenannte Parentifizierung sein. Dabei handelt es sich um eine Rollenumkehr, bei der Kinder Aufgaben und Verantwortungen übernehmen, die eigentlich den Eltern zukommen. Dies kann in zwei Formen auftreten:
- Instrumentelle Parentifizierung: Das Kind übernimmt altersunangemessene Aufgaben im Haushalt oder in der Familie, weil die Eltern dazu körperlich oder psychisch nicht in der Lage sind.
- Emotionale Parentifizierung: Das Kind dient als emotionale Stütze für einen Elternteil oder die elterliche Beziehung, beispielsweise nach einer Trennung.
Kinder, die parentifiziert werden, wirken oft reif und verantwortungsbewusst, tragen aber eine zu große Last auf ihren Schultern. Sie vernachlässigen ihre eigenen Bedürfnisse und entwickeln ein Verhaltensmuster, bei dem sie sich ständig für andere verantwortlich fühlen. Dies kann zu Überforderung, Angstzuständen und einem Mangel an Urvertrauen führen.
Spätfolgen der Parentifizierung
Parentifizierung in der Kindheit kann langfristige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Betroffene neigen dazu, sich schnell verpflichtet zu fühlen, die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen und Schwierigkeiten zu haben, "Nein" zu sagen. Sie definieren ihren Selbstwert oft über Leistung und Erfolg und sind stark auf ihren Partner ausgerichtet. Tief im Inneren können jedoch Wut und Groll über die erlebte Ungerechtigkeit schlummern.
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Was tun bei Parentifizierung?
Wenn Sie vermuten, dass Sie in Ihrer Kindheit parentifiziert wurden, ist es wichtig, sich mit dieser Erfahrung auseinanderzusetzen. Notieren Sie sich, welche der genannten Spätfolgen auf Sie zutreffen, und machen Sie sich bewusst, dass es sich um eine Überlebensstrategie handelte, für die Sie sich nicht schuldig fühlen müssen. Beobachten Sie sich liebevoll und versuchen Sie, Ihre Gefühle wahrzunehmen und zu entschlüsseln. Üben Sie, "Nein" zu sagen, Verantwortung abzugeben und Konflikte auszuhalten. Schreiben Sie einen Brief aus der Perspektive des Kindes, das Sie waren, an Ihre Eltern, um Ihre Gefühle auszudrücken. Trauern Sie um die verlorene Kindheit und seien Sie gnädig mit sich selbst, wenn die Veränderungen nicht sofort gelingen. Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Der Alltag als Stressfaktor
Auch der ganz normale Alltag kann zu Spannungen in der Familie führen. Viele Eltern fühlen sich überfordert von den zahlreichen Aufgaben und Verpflichtungen, die mit der Kindererziehung, dem Haushalt und dem Beruf einhergehen. Der sogenannte "Mental Load", die ständige gedankliche Organisation und Planung des Familienlebens, kann zusätzlich belasten. In solchen Situationen ist es wichtig, Prioritäten zu setzen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Fragen Sie sich: "Was ist jetzt gerade wirklich wichtig?" und nehmen Sie sich bewusst Zeit für die Kinder.
Warum uns Verhaltensweisen der Eltern so sehr stören
Manchmal sind es Kleinigkeiten, die uns an unseren Eltern stören und zu Konflikten führen. Dies liegt oft an ungelösten Konflikten aus der Kindheit und dem notwendigen Ablösungsprozess. Bis zum Beginn der Pubertät sind Eltern wichtige Vorbilder, von denen wir viele Verhaltensweisen übernehmen. Als Erwachsene wollen wir uns jedoch von ihnen abgrenzen und unsere eigene Identität entwickeln. Wenn wir dann feststellen, dass wir uns in bestimmten Punkten ähneln, kann dies zu einem Gefühl der Unselbstständigkeit und Scham führen.
Trigger und ungelöste Konflikte
Bestimmte Verhaltensweisen der Eltern können als Trigger wirken und heftige Reaktionen auslösen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn wir uns wie ein kleines Kind behandelt fühlen oder an frühere Erfahrungen erinnert werden, in denen wir uns unselbstständig und nicht ernst genommen gefühlt haben. Je höher die Sensitivität für solche Gesten ist, desto wahrscheinlicher gibt es ungelöste Konflikte aus der Kindheit, die der eigentliche Grund für die innere Anspannung sind.
Wie man mit den Verhaltensweisen der Eltern umgeht
Um besser mit den Verhaltensweisen der Eltern umzugehen, ist es wichtig, die eigentlichen Konflikte hinter den eigenen Gefühlen zu erkennen. Versuchen Sie, Distanz zu gewinnen und zu akzeptieren, dass Ihre Eltern so sind, wie sie sind. Konzentrieren Sie sich darauf, für sich selbst und Ihre eigene Familie Verantwortung zu übernehmen.
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Was tun gegen das Dauergeneörgle?
Wenn die Eltern ständig nörgeln und kritisieren, kann dies sehr belastend sein. Hier sind einige Tipps, wie Sie damit umgehen können:
- Sprechen Sie das Problem offen an: Erklären Sie Ihren Eltern, wie Sie sich durch ihr Verhalten fühlen und dass Sie sich wünschen, dass sie damit aufhören.
- Setzen Sie Grenzen: Machen Sie deutlich, welche Art von Kritik Sie akzeptieren und welche nicht.
- Ignorieren Sie das Genörgel: Versuchen Sie, das Genörgel Ihrer Eltern zu ignorieren oder mit Humor zu nehmen.
- Suchen Sie sich Unterstützung: Sprechen Sie mit Freunden oder einem Therapeuten über Ihre Situation.
- Ziehen Sie aus: Wenn alles andere nicht hilft, kann es sinnvoll sein, räumliche Distanz zu schaffen.
Konflikte mit erwachsenen Kindern
Auch Eltern können unter Konflikten mit ihren erwachsenen Kindern leiden. Oftmals tauchen Vorwürfe über (frühere) Fehler der Eltern auf oder es werden Forderungen gestellt, die nicht erfüllt werden können oder wollen. In solchen Situationen ist es wichtig, herauszufinden, was hinter den Vorwürfen oder Forderungen steckt. Hören Sie Ihrem Kind aufmerksam zu und versuchen Sie, seine Perspektive zu verstehen. Gestehen Sie Fehler ein und bitten Sie um Vergebung. Suchen Sie gemeinsam nach Kompromissen und Lösungen, die für beide Seiten gangbar sind.
Wertvorstellungen und finanzielle Unterstützung
Besonders schwierig wird es, wenn bei den Eltern Wertvorstellungen berührt sind oder es um finanzielle Unterstützung geht. In solchen Fällen ist es wichtig, die eigenen Werte zu hinterfragen und abzuwägen, ob ein Festhalten daran die Beziehung zum Kind gefährdet. Letztlich müssen Eltern akzeptieren, dass ihre erwachsenen Kinder ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihr Leben selbst gestalten.
Liebe hat Priorität
In allen Konfliktsituationen sollte die Beziehung zum Kind die oberste Priorität haben. Seien Sie bereit, nachzugeben und Kompromisse einzugehen, um die Beziehung nicht zu gefährden. Denken Sie daran, dass Sie nicht mehr für die Entscheidungen Ihrer erwachsenen Kinder verantwortlich sind, selbst wenn Sie diese mitfinanzieren. Halten Sie die Gesprächstür für Ihre Kinder immer offen und geben Sie die Hoffnung auf eineHarmonie nie auf.
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