Meningeom und Epilepsie: Ein komplexer Zusammenhang

Meningeome sind in der Regel gutartige Tumoren, die aus den Hirnhäuten (Meningen) entstehen, den Schutzhüllen des Gehirns. Sie machen etwa 30 % der intrakraniellen Tumoren bei Erwachsenen aus und wachsen meist langsam, ohne Metastasen zu bilden. Die Entfernung eines Meningeoms ist heutzutage oft sicher durchzuführen und kann neurologische Ausfälle wie Halbseitenlähmung oder Sprachstörungen verbessern, da der Tumor nicht mehr auf das Hirn drückt. Langfristige Nachsorge ist wichtig, um das Ausbleiben eines Rezidivs zu gewährleisten. Fortschritte in der medizinischen Bildgebung und schonende Operationsverfahren haben die Diagnose und Behandlung von Meningeomen erheblich verbessert.

Gehirntumoren und Epilepsie sind zwei scheinbar unterschiedliche Erkrankungen, die jedoch gemeinsam auftreten können. Diese Kombination stellt sowohl Betroffene als auch Ärzte vor Herausforderungen.

Epileptische Anfälle bei Hirntumorpatienten

Epileptische Anfälle können bei Hirntumorpatienten auftreten, wobei sie in 60 % der Fälle das Erstsymptom der Erkrankung darstellen. Bei weiteren 10 bis 20 % der Patienten treten im Verlauf der Erkrankung Anfälle auf. Bestimmte Hirntumoren sind häufiger mit Anfällen verbunden als andere. So sind mindestens 75 % der Patienten mit Oligodendrogliomen und Gangliogliomen von epileptischen Anfällen betroffen, 60 bis 70 % der Patienten mit differenzierten Astrozytomen, 15 bis 20 % mit cerebralen Metastasen und 15 % der Patienten mit primären ZNS-Lymphomen.

Epileptische Anfälle bei Hirntumorpatienten sind generell fokale Anfälle, die von einem umschriebenen Herd im Hirngewebe um den Tumor ausgehen. Ein Anfall selbst dauert meist nicht länger als 30 bis 90 Sekunden. Da jedoch oft im Anschluss an einen Anfall eine Funktionsstörung des Gehirns bestehen kann, die z.B. eine Phase der Reorientierung oder einen „Terminalschlaf“ nach einem großen Anfall bedingt, empfinden Beobachter die Zeitdauer des Anfalls oftmals als länger.

Zusammenhang zwischen Hirntumoren und Epilepsie

Der Zusammenhang zwischen Hirntumoren und Epilepsie beschäftigt Neurologen schon lange. Es ist bekannt, dass Patienten mit einem Hirntumor an epileptischen Anfällen leiden können, insbesondere wenn der Tumor in einem anfälligen Bereich sitzt, wie z.B. im inneren Anteil des Schläfenlappens. In vielen Fällen sind diese unterschiedlich stark ausgeprägten „Kurzschlüsse“ im Gehirn das erste und einzige Anzeichen für das Vorliegen eines Tumors.

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Auf der anderen Seite ist zu beobachten, dass bei langjährigen Epilepsie-Patienten deutlich häufiger die Diagnose „Hirntumor“ gestellt wird als bei Personen ohne Anfallsleiden. Die sogenannte Oxford Record Linkage Study analysierte die Daten von mehr als 11.000 Epilepsie-Patienten aus einem Zeitraum von 35 Jahren (1963-1998). Bei beiden Studien stellte sich - relativ übereinstimmend - heraus, dass das Risiko von Epilepsie-Patienten, an einem Hirntumor zu erkranken, rund 20 Mal so hoch war wie bei Nicht-Epilepsie-Patienten. Das höchste Risiko trugen dabei Patienten, die zum Zeitpunkt der Diagnose der Epilepsie zwischen 15 und 44 Jahre alt waren. Dieses höhere Risiko bleibt den Forschern zufolge über mehrere Jahre bestehen. Für Epilepsie-Patienten ist daher eine MRT-Untersuchung zu empfehlen, um den Verdacht auf einen Tumor im Gehirn auszuschließen.

Langzeitepilepsie-assoziierte Tumoren (LEA-Tumoren)

Wiederholte epileptische Anfälle über einen längeren Zeitraum sind eher ungewöhnlich und weisen auf eine besondere Gruppe von Tumoren hin, die sogenannten Langzeitepilepsie-assoziierten Tumoren (LEA-Tumoren). Diesen Tumoren ist nur schwer beizukommen. „LEA-Tumoren stellen eine besondere Herausforderung dar, die in den Therapieplanungs- und Behandlungsphasen die gebündelten Kenntnisse eines interdisziplinären Epilepsie-Zentrums wie am Bonner Universitätsklinikum erfordert“, sagt Prof. Dr. Rainer Surges, Direktor der Klinik für Epileptologie.

Bei den herausgeschnittenen Tumoren handelt es sich oft um komplexe Gewächse, die sowohl aus Nerven- als auch glialen Stützzellen aufgebaut sind. Sie werden meist als Gangliogliome bezeichnet. Die LEA-Tumorbank des Instituts für Neuropathologie am Uniklinikum Bonn ist eine der größten Sammlungen dieser Tumoren weltweit und bietet eine einzigartige Voraussetzung, die Biologie dieser Erkrankungen zu untersuchen. „Nicht nur die Diagnose ist oft schwierig, da das Erscheinungsbild stark variieren kann“, sagt Privatdozent Dr. Pitt Niehusmann. Sehr wichtig sei die Beurteilung des biologischen Verhaltens. „Zumeist verhalten diese Tumoren sich sehr gutartig, ungünstige Varianten müssen aber für die postoperative Therapie sicher herausgefiltert werden.“

Behandlung epileptischer Anfälle

Durch die Gabe von Antiepileptika wird das Wiederholungsrisiko für weitere Anfälle verringert. Häufig ist es jedoch ein langer Weg, bis der Betroffene das für ihn richtige Medikament in der optimalen Dosierung gefunden hat. Dieser Weg sollte gemeinsam mit einem erfahrenen Neurologen oder Epileptologen gegangen werden.

Prof. Surges und sein Team stehen bei der Behandlung betroffener Patienten gleich vor mehreren Aufgaben. Neben der medikamentösen Kontrolle der Anfälle gilt es zu entscheiden, wann und in welchem Ausmaß die operative Entfernung des Tumors erfolgen soll. Dies geschieht in enger Abstimmung mit Prof. Dr. Harmut Vatter, Direktor der Klinik für Neurochirurgie: „Die Operation hat die Entfernung der Tumormasse und gleichzeitig die Freiheit von Anfällen zum Ziel. Die nachfolgende Gewebeuntersuchung des Tumors ist dann ein wesentlicher Baustein für die Planung der postoperativen Therapiephase.“

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Antiepileptika nach Schädel-OP

Nach einer Hirnoperation, zum Beispiel bei einem Tumorleiden, wird den betreffenden Patienten mitunter ein Antiepileptikum verordnet, obwohl diese vorher nicht an einer Epilepsie gelitten haben. Die Medikamentengabe soll verhindern, dass sie nach der Operation Anfälle erleiden.

Eine am Universitätsklinikum St. Pölten durchgeführte Studie zeigt, dass die perioperative Gabe von Levetiracetam (LEV) keinerlei nachteiligen Effekt auf irgendeine der getesteten kognitiven Funktionen innerhalb des Beobachtungsintervalls hatte. Interessanterweise war im postoperativen Verlauf sogar eine Verbesserung zu verzeichnen, was laut Konrath möglicherweise auf die Reduktion des Tumorgewebes durch die Operation zurückzuführen ist: „Besonders ausgeprägt und damit klinisch relevant war die erzielte Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses. Dieses ist als wesentlicher Bestandteil komplexer kognitiver Prozesse an allen Arten der Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung beteiligt. Parallel zu den kognitiven Funktionen berichteten die Betroffenen postoperativ von einer Verbesserung ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität und von geringen bis moderaten LEV-bedingten Nebenwirkungen, von denen Schläfrigkeit die am häufigsten genannte war. LEV hatte darüber hinaus keinen relevanten nachteiligen Effekt auf die untersuchten Blutwerte und stellt somit eine verträgliche Möglichkeit dar, das Anfallsrisiko zu minimieren.

Fallbeispiele und Erfahrungen von Betroffenen

Einige Betroffene berichten, dass ihr Tumor aufgrund eines epileptischen Anfalls entdeckt wurde. Ihnen wurde gesagt, dass der Anfall durch Platzmangel im Hirn ausgelöst wurde. Auch die Einnahme von Keppra 1000 mg am Tag wird von einigen Patienten positiv bewertet, da sie bis heute keinen erneuten Anfall hatten. Das Risiko, noch einen zu bekommen, ist aber nicht auszuschließen, da so etwas auch wegen der Narbenbildung im Hirn entstehen kann.

Andere Patienten berichten von epileptischen Anfällen nach der Operation eines Meningeoms. Ein Operateur erklärte, dass dies eben nun mal nach Eingriffen am Gehirn passiere. Eine Neurologin verordnete daraufhin Trileptal und war sehr verständnisvoll hinsichtlich der Ängste und Unsicherheit des Patienten. In einer Epilepsie-Sprechstunde wurde erklärt, dass diese Anfälle von den Blutresten, die sich im Kopf befanden, ausgelöst wurden.

Tumorbedingte Spätfolgen

Tumorbedingte Spätfolgen können bei Patienten mit hochgradig malignem Gliom zunächst dadurch entstehen, dass der Tumor Raum innerhalb des Schädels einnimmt, dabei auf benachbarte Gehirn- oder Rückenmarksstrukturen drückt und sie dadurch schädigt. Außerdem können Tumoren im Bereich der hinteren Schädelgrube zu Abfluss-Störungen von Nervenwasser aus den Hirnkammern führen. Die oben genannten Spätfolgen können dazu führen, dass die Entwicklung sowie die Alltagsteilhabe und Alltagsaktivität der Betroffenen eingeschränkt sind.

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Manche hochgradig maligne Gliome gehen von der Sehbahn oder dem Zwischenhirn aus. Die oben genannten Spätfolgen können dazu führen, dass die Entwicklung sowie die Alltagsteilhabe und Alltagsaktivität der Betroffenen eingeschränkt sind.

Nach einer Schädigung des Hinterhauptlappens (oder Okzipitallappens) kann es zu einer so genannten "Rindenblindheit" kommen. Die oben genannten Spätfolgen können dazu führen, dass die Entwicklung sowie die Alltagsteilhabe und Alltagsaktivität der Betroffenen eingeschränkt sind.

Wichtig zu wissen: Nicht jeder Patient wird später infolge des Tumors oder der Therapie an jeder der genannten Komplikationen leiden.

Forschung und Ausblick

Die Stiftung Michael fördert Forschungsprojekte, die sich mit der Verbesserung der Behandlung von Patienten mit Epilepsien beschäftigen. Ein Ziel ist es, Veränderungen auf Molekülebene zu entdecken, die verbesserte Auskunft über das Risiko einer möglichen Wiederkehr des Tumors und eine maßgeschneiderte Vorbeugung gegen das erneute Auftreten von Anfällen geben können.

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