Menstruelle Migräne: Prävalenz, Ursachen und Therapieansätze

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise 15 % der Weltbevölkerung betroffen sind. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer, was auf hormonelle Schwankungen zurückgeführt wird. Ein besonderes Augenmerk gilt der menstruellen Migräne, die eng mit dem Menstruationszyklus der Frau verbunden ist. Dieser Artikel beleuchtet die Prävalenz, mögliche Ursachen und therapeutischen Optionen der menstruellen Migräne.

Was ist Migräne?

Migräne äußert sich durch wiederkehrende, oft pulsierende, einseitige Kopfschmerzen, die unbehandelt 4-72 Stunden andauern und mit Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie Übelkeit einhergehen können. Etwa ein Drittel der Betroffenen erlebt Auren, vorübergehende neurologische Störungen, die den Kopfschmerzen vorausgehen.

Prävalenz von Migräne

In Deutschland leiden etwa acht Millionen Menschen an Migräne, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Laut einer aktuellen Auswertung des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) erhielten im Jahr 2022 in Deutschland rund 55 Frauen je 1.000 Einwohnerinnen und 16 Männer je 1.000 Einwohner eine entsprechende Diagnose. Die Erkrankung tritt in allen Berufsgruppen auf und kommt vor allem im mittleren Alter von 50 bis 59 Jahren vor. Weltweit sind ca. 20 % aller Frauen von Migräne betroffen.

Menstruelle Migräne: Ein Überblick

Menstruelle Migräneattacken treten zwischen Tag −2 und Tag +3 des Menstruationszyklus auf und sind oft intensiver und halten länger an als andere Migräneformen. Die Internationale Kopfschmerzklassifikation unterscheidet zwischen einer rein menstruellen Migräne und einer menstruationsassoziierten Migräne. Bei der rein menstruellen Migräne treten Migräneattacken ausschließlich am Tag 1 ± 2 des Menstruationszyklus auf. Diese ist eine seltene Migräneunterform, die nur ca. Viel häufiger ist hingegen die menstruationsassoziierte Migräne, bei der Attacken häufig perimenstruell, aber auch zu anderen Zeiten des Zyklus auftreten. Entsprechend gilt die Menstruation im reproduktiven Alter als einer der wichtigsten Triggerfaktoren für die Entwicklung einer Migräneattacke.

Ursachen und Auslöser

Die genauen Ursachen der menstruellen Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Perimenstruelle hormonelle Veränderungen, insbesondere schwankende und niedrige Östrogenspiegel, stehen im Verdacht, die Migräneanfälligkeit zu erhöhen. Dieser Zusammenhang wurde erstmals in den 70er-Jahren als „Estrogenentzugshypothese“ beschrieben. Auch im tierexperimentellen Setting konnte gezeigt ­werden, dass der Estrogenabfall zu einer vermehrten Aktivierung des trigeminovaskulären Systems führt. Eine Studie der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat ergeben, dass betroffene Frauen während der Menstruation besonders große Mengen an CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) bilden, eine körpereigene Substanz, die bei Migräne vermehrt ausgeschüttet wird und die Blutgefäße im Gehirn stark erweitert.

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Weitere mögliche Auslöser für Migräneattacken sind:

  • Wetterumschwünge
  • Stress
  • Unregelmäßiger Schlaf
  • Geruchs- und Lärmbelästigungen
  • Ausgelassene Mahlzeiten

Symptome

Die Symptome der menstruellen Migräne ähneln denen anderer Migräneformen, können aber intensiver sein. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Pochende, stechende Kopfschmerzen, meist auf einer Kopfseite
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit
  • Appetitlosigkeit
  • Müdigkeit
  • Schlafprobleme
  • Verändertes Essverhalten

Manche Menschen durchlaufen zunächst eine Prodromalphase mit Müdigkeit, Schlafproblemen und verändertem Essverhalten. Migräne-Kopfschmerzen werden durch körperliche Aktivität nicht gelindert, sondern eher verstärkt.

Diagnose

Die Diagnose der Migräne, einschließlich der menstruellen Migräne, basiert auf den Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS). Mindestens fünf Attacken mit bestimmten Merkmalen (Dauer, Schmerzcharakter, Begleitsymptome) müssen vorliegen, um die Diagnose Migräne zu stellen. Die Differenzierung zwischen Migräne ohne Aura und beispielsweise einem Kopfschmerz vom Spannungstyp kann schwierig sein. Bei Verdacht auf menstruelle Migräne ist es wichtig, die Attacken in Bezug zum Menstruationszyklus zu dokumentieren.

Therapie

Die Therapie der menstruellen Migräne umfasst sowohl die Akutbehandlung von Attacken als auch die Prophylaxe, um die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren.

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Akutbehandlung

Zur Akutbehandlung werden neben klassischen Analgetika wie nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) und Paracetamol auch Triptane eingesetzt. NSAR wie Ibuprofen (200-600 mg), Naproxen (500-1000 mg) oder Diclofenac (50-100 mg) können kombiniert mit einem Antiemetikum (z. B. 10-20 mg Metoclopramid) bei leichter bis mittelschwerer Migräne eingesetzt werden. In der nächsten Stufe kommen Triptan-Präparate (z. B. Rizatriptan oder Sumatriptan) zum Einsatz. Auch kann bei Sumatriptan-Einnahme die gleichzeitige Gabe von Naproxen die Rate von Wiederkehr-Kopfschmerzen signifikant senken.

Prophylaxe

Eine Kurzzeitprophylaxe bei menstrueller Migräne kann während der Perimenstruationsphase hilfreich sein, birgt jedoch ein hohes Risiko für Medikamentenübergebrauch. Naproxen (2x 500 mg/Tag 3-4 Tage vor bis 3 Tage nach der Periode) oder mit einem Triptan (z. B. Frovatriptan 2,5 mg 2x tgl. Kurzzeit-Prophylaxe. Zur Langzeitprophylaxe gehören Betablocker, trizyklische Antidepressiva, Antikonvulsiva, Kalziumkanalblocker und Calcitonin-gene-related-peptide(CGRP)-(Rezeptor‑)Antikörper.

Bei menstrueller Migräne kann auch eine kontinuierliche hormonelle Behandlung in Betracht gezogen werden, wobei bei Migräne mit Aura östrogenfreie Optionen bevorzugt werden sollten, um das Risiko ischämischer Schlaganfälle zu minimieren.

Weitere Therapieansätze

  • Pflanzliche Präparate: Phytopharmaka können bei prämenstruellen Beschwerden eine wichtige Behandlungsalternative bieten. Insbesondere Mönchspfefferextrakt kann nachhaltig helfen.
  • Hormonelle Kontrazeption: Die Einnahme einer hormonellen Kontrazeption kann einen variablen Einfluss auf den Migräneverlauf nehmen. Kombinierte Präparate im Langzyklus und insbesondere eine Gestagen-Monotherapie sind hingegen häufiger mit einer Besserung der Migräne assoziiert. Bei Patientinnen mit Migräne plus Aura sollten vor allem estrogenfreie kontrazeptive Strategien eingesetzt werden.
  • Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport kann zur Vorbeugung von Migräne beitragen.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstraining und progressive Muskelentspannung nach Jacobson können helfen, Stress abzubauen und die Migränefrequenz zu reduzieren.
  • Multimodale Schmerztherapie: Eine passgenaue multimodale Schmerztherapie, die auf den konkreten Einzelfall abstellt, kann bei komplexen Fällen sinnvoll sein.

Migräne und hormonelle Veränderungen im Lebensverlauf

Pubertät

Während Mädchen und Jungen gleichermaßen von Migräne betroffen sind, entwickeln sich ab der Pubertät geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Migräneprävalenz, welche in den reproduktiven Jahren am stärksten ausgeprägt sind.

Schwangerschaft

Über die Hälfte der Frauen mit Migräne erleben eine Besserung in der Schwangerschaft, bis hin zum vollständigen Sistieren der Attacken. Umgekehrt beginnt eine Migräneerkrankung bei 1-10 % aller Frauen während der Schwangerschaft und bei bestehender Migräne kommt es in ca. 10 % der Fälle zu einer Verschlechterung.

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Perimenopause und Menopause

Durch den progredienten Verlust der ovariellen Follikelfunktion ist die perimenopausale Phase durch stark schwankende Estrogenkonzentrationen gekennzeichnet. In der Folge kann es insbesondere bei Frauen mit einer menstruationsassoziierten Migräne zu einer Verschlechterung der Migräne kommen. Auch eine Hormonersatztherapie zur Behandlung klimakterischer Beschwerden kann zu einer Zunahme der Migräne führen und sollte, insbesondere bei Vorliegen kardiovaskulärer Risikofaktoren, bei Patientinnen mit Migräne mit Vorsicht eingesetzt werden. Nach der postmenopausalen hormonellen Stabilisierung berichten ca. 70 % der Patientinnen über eine Besserung der Migräne.

Regionale Unterschiede in Deutschland

Migräne, aber auch chronischer Schmerz, wird nach der BARMER-Auswertung besonders häufig in Thüringen diagnostiziert. Dort leiden rund 40 je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner an Migräne, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern mit etwa 39 je 1.000 Personen und Sachsen-Anhalt mit etwa 38 je 1.000 Personen. Am geringsten betroffen sind der Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt und Eichstätt in Bayern.

Psychosoziale Aspekte

Migränepatientinnen leiden häufiger als Migränepatienten unter Beziehungsproblemen, Unverständnis des familiären Umfelds sowie vermehrter Angst in der anfallsfreien Zeit vor erneuten Attacken. In Anbetracht der Verkettung der körperlichen Symptome mit den psychosozialen Folgen leiden Migränepatientinnen und -patienten häufig unter psychischen Komorbiditäten wie Depressionen, generalisierten Angststörungen oder Panikstörungen.

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