Methadon: Wirkung auf das Nervensystem, Biologie und therapeutischer Einsatz

Einführung

Methadon ist ein synthetisches Opioid, das sowohl als Schmerzmittel als auch in der Substitutionstherapie bei Opioidabhängigkeit eingesetzt wird. Seine Wirkung auf das Nervensystem ist komplex und vielfältig, was sowohl seine therapeutischen Vorteile als auch seine Risiken erklärt. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von Methadon, seine Anwendungsgebiete, Nebenwirkungen und die damit verbundenen biologischen Aspekte.

Was ist Methadon?

Methadon ist ein synthetisch hergestelltes Opioid, das 1939 in Deutschland entwickelt wurde. Es gehört zu den wichtigsten Ersatzmedikamenten beim Heroin-Entzug und wird auch zur Behandlung starker Schmerzen eingesetzt. Insbesondere das sogenannte Levomethadon, eine bestimmte Form von Methadon, wird erfolgreich in der Schmerztherapie verwendet.

Opiate vs. Opioide

Es ist wichtig, zwischen Opiaten und Opioiden zu unterscheiden. Opiate sind natürliche Substanzen, die aus dem Schlafmohn (Papaver somniferum) gewonnen werden, wie beispielsweise Morphin, Codein und Thebain. Opioide hingegen sind Substanzen, die an den gleichen Rezeptoren andocken, aber synthetisch oder halbsynthetisch hergestellt werden. Methadon gehört zur Gruppe der Opioide.

Wirkungsweise von Methadon

Methadon wirkt auf das zentrale Nervensystem, indem es an Opioidrezeptoren bindet. Diese Rezeptoren, insbesondere die µ-, δ- und κ-Rezeptoren, sind auch die Andockstellen für körpereigene Opioidpeptide wie Endorphine.

Agonistische Wirkung am µ-Opioid-Rezeptor

Die primäre schmerzstillende Wirkung von Methadon beruht auf seiner agonistischen Wirkung am µ-Opioid-Rezeptor. Als Agonist aktiviert Methadon diese Rezeptoren, was zu einer Schmerzlinderung führt.

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Wirkung auf κ- und σ-Opioid-Rezeptoren

Methadon wirkt auch als Agonist an den κ- und σ-Opioid-Rezeptoren im zentralen und peripheren Nervensystem. Diese Interaktionen tragen zu den vielfältigen Effekten von Methadon bei, einschließlich seiner potenziellen Nebenwirkungen.

Racematische Zusammensetzung

Methadon wird als 50:50-Racemat von (R)- und (S)-Stereoisomeren angewendet. Das (R)-Methadon hat eine etwa 10-fach höhere Affinität und Potenz für den µ-Opioid-Rezeptor als das (S)-Stereoisomer. Dies bedeutet, dass die schmerzstillende Wirkung hauptsächlich auf das (R)-Isomer zurückzuführen ist.

Methadon als Heroinersatz

Beim Entzug von Heroin kommt es oft zu starkem Verlangen (Craving), begleitet von Zittern, Schwitzen und Übelkeit. Methadon wird in der Substitutionstherapie eingesetzt, um dieses Craving zu stoppen. Es bindet an die gleichen Rezeptoren wie Heroin, blockiert diese jedoch für längere Zeit und flutet langsamer an, wodurch die typische Euphorie wie beim Konsum der Droge unterbleibt. Das körperliche Verlangen wird dadurch gestillt.

Anwendungsgebiete von Methadon

Methadon wird hauptsächlich in zwei Bereichen eingesetzt:

  1. Substitutionstherapie bei Opioidabhängigkeit: Hier dient es als Ersatz für Heroin, um Entzugserscheinungen zu lindern und den Patienten schrittweise von der Droge zu entwöhnen.
  2. Schmerztherapie: Levomethadon wird aufgrund seiner starken schmerzlindernden Wirkung bei sehr starken Schmerzen eingesetzt, beispielsweise in der Behandlung von Krebsleiden.

Substitutionstherapie

In der Substitutionstherapie wird Methadon in Form eines Sirups oder Tabletten geschluckt. Der Wirkstoff wird im Darm fast vollständig aufgenommen und erreicht das zentrale Nervensystem langsam und kontinuierlich. Die Wirkung tritt nach etwa 20 bis 30 Minuten ein und erreicht nach ein bis zwei Stunden ihr Maximum.

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Schmerztherapie

Bei der Behandlung von Schmerzen kann Levomethadon auch direkt in die Blutbahn gespritzt werden, wodurch die Wirkung schneller eintritt. Die Ausscheidung erfolgt in beiden Fällen über die Nieren.

Nebenwirkungen von Methadon

Methadon kann eine Reihe von Nebenwirkungen verursachen, die vor allem auf seine zentral dämpfende Wirkung zurückzuführen sind. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:

  • Suchtentwicklung: Wie alle Opioide birgt auch Methadon ein hohes Suchtpotential.
  • Verstopfung: Eine häufige Nebenwirkung aufgrund der Wirkung auf den Darm.
  • Sedierung: Müdigkeit und Schläfrigkeit sind häufige Begleiterscheinungen.
  • Atembeschwerden: Insbesondere bei Überdosierung kann es zu einer gefährlichen Atemdepression kommen.
  • Niedriger Blutdruck: Kann zu Schwindel und Benommenheit führen.
  • Toleranzentwicklung: Der Körper gewöhnt sich an die Wirkung, sodass eine höhere Dosis erforderlich wird, um den gleichen Effekt zu erzielen.
  • Schwitzen: Eine häufige Begleiterscheinung.
  • Verkleinerung der Pupillen: Ein typisches Zeichen für die Einnahme von Opioiden.
  • Juckreiz: Kann durch die Freisetzung von Histamin verursacht werden.
  • Probleme beim Wasserlassen: Insbesondere bei älteren Männern mit Prostataerkrankungen.
  • Verlängerung der QT-Zeit: Eine seltene, aber gefährliche Nebenwirkung, die Herzrhythmusstörungen verursachen kann.

Wichtige Hinweise zur Einnahme von Methadon

Gegenanzeigen

Methadon darf nicht eingenommen werden bei:

  • Gleichzeitiger Einnahme von Monoaminooxidase-Hemmern (MAO-Hemmern)
  • Patienten mit Atemdepression
  • Während eines akuten Asthmaanfalls
  • Angeborenem oder erworbenem Long-QT-Syndrom

Bei bestimmten Vorerkrankungen wie verminderter Schilddrüsenfunktion, Colitis ulcerosa, Prostataerkrankungen, zu niedrigem Blutdruck, Krampfleiden und Gallenwegserkrankungen sollte der Wirkstoff nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt eingesetzt werden.

Wechselwirkungen

Methadon kann mit einer Vielzahl von Medikamenten interagieren. Andere Medikamente, die auch auf das zentrale Nervensystem wirken, können die Wirkungen und Nebenwirkungen von Methadon verstärken. Dazu gehören Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Medikamente gegen Depressionen und Antipsychotika. Besonders gefährlich ist die Kombination mit Alkohol.

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Bestimmte Antidepressiva aus der Gruppe der MAO-Hemmer können in Kombination mit Methadon starke Erregungs- oder depressive Zustände hervorrufen, die lebensbedrohlich sein können.

Methadon und viele andere Wirkstoffe werden vom Körper über den gleichen Abbauweg eliminiert. Bei gleichzeitiger Anwendung kann es daher zu einer gegenseitigen Beeinflussung von Wirkung und Nebenwirkungen kommen. Dies gilt beispielsweise für Itraconazol (bei Pilzinfektionen), Ritonavir (bei HIV), Verapamil (bei Herzrhythmusstörungen), Carbamazepin (bei Krampfleiden), Rifampicin (bei bakteriellen Erkrankungen) und Johanniskrautextrakt (bei depressiven Verstimmungen).

Da Methadon Einfluss auf das QT-Intervall im Herzen nimmt, sollte eine Kombination mit anderen Wirkstoffen, welche ebenfalls das QT-Intervall verlängern können, vermieden oder engmaschig ärztlich kontrolliert werden.

Verkehrstüchtigkeit und Bedienen von Maschinen

Methadon beeinträchtigt das Reaktionsvermögen. Während der Behandlung sollte deshalb auf die aktive Teilnahme am Straßenverkehr und das Bedienen von schweren Maschinen verzichtet werden. Dies gilt insbesondere in Kombination mit Alkohol.

Altersbeschränkung

Die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren wird nicht empfohlen, da die Wirksamkeit und Sicherheit von Methadon in dieser Altersgruppe nicht ausreichend untersucht ist. Bei älteren Patienten mit Leber- oder Nierenfunktionsstörungen kann eine Dosisanpassung notwendig sein.

Schwangerschaft und Stillzeit

Methadon wird seit Jahrzehnten in der Substitutionstherapie bei schwangeren Frauen eingesetzt. Opioid-abhängige Schwangere werden engmaschig interdisziplinär betreut. Methadon wirkt nicht teratogen, allerdings sind nach der Geburt Entzugserscheinungen beim Säugling möglich.

Der Wirkstoff tritt in geringen Mengen in die Muttermilch über. Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen Mütter unter Methadon-Therapie ihre Kinder stillen, wobei Mutter und Kind optimalerweise engmaschig ärztlich betreut werden.

Alternativen zur Methadon-Substitutionstherapie

Es gibt verschiedene Alternativen zur Methadon-Substitutionstherapie bei Opioidabhängigkeit:

  • Buprenorphin: Ein partieller Opioidagonist, der ähnlich wie Methadon die Wirkung von Heroin oder anderen Opioiden blockiert und Entzugssymptome lindert.
  • Naltrexon: Ein Opioidantagonist, der die Wirkung von Opioiden blockiert und Entzugssymptome lindert.

Methadon in der Krebstherapie

Die Vorstellung, Methadon könne nicht nur Symptome lindern, sondern den Krebs selbst bekämpfen, geht vor allem auf eine Theorie der Ulmer Forscherin Claudia Friesen zurück: Methadon könne Opioidrezeptoren auf Tumorzellen aktivieren und so die Krebszellen für Chemotherapie empfindlicher machen.

Allerdings ist die Studienlage dazu derzeit noch schlecht. Bisher liegen lediglich Ergebnisse aus Krebszellen in Labor Tests sowie wenige Tierversuche vor. Im Moment laufen erste Studien mit menschlichen Probanden. Experten raten bis auf weiteres davon ab, es Krebspatienten routinemäßig zu verordnen - insbesondere, weil Methadon teils gefährliche Nebenwirkungen haben kann.

Probleme beim Einsatz von Methadon

Die Sinnhaftigkeit der Methadon-Substitution bei Heroinentzug wird diskutiert, da der Wirkstoff eine vergleichbare Abhängigkeit wie Heroin hervorrufen kann. Viele Patienten müssen während der „Substitution“ die Tagesdosis steigern, um die Entzugssymptome ertragen zu können. Neuere Erkenntnisse haben gezeigt, dass sich der Methadon-Entzug schwierig gestaltet.

Hinzu kommt die missbräuchliche Anwendung des Wirkstoffes. Trotzdem wird Methadon auf dem Schwarzmarkt gehandelt und von vielen Abhängigen gespritzt, was zu Entzündungen an der Einstichstelle und im Extremfall zur Amputation des Arms führen kann.

Crystal Meth: Ein Vergleich

Zum besseren Verständnis der Wirkung von Methadon ist es hilfreich, es mit anderen Substanzen zu vergleichen, die ebenfalls auf das Nervensystem wirken. Ein Beispiel hierfür ist Crystal Meth (Methamphetamin), ein synthetisches Stimulantium mit anregender Wirkung.

Wirkung von Crystal Meth

Methamphetamin wirkt ähnlich wie Amphetamin, jedoch stärker und länger. Es erhöht das Selbstbewusstsein, verursacht Euphorie und Rededrang, unterdrückt Hunger und Schlafbedürfnis und steigert die Lust auf Sex. Gleichzeitig erhöht es Herzfrequenz und Blutdruck, verursacht Unruhe und steigert die Körpertemperatur.

Risiken von Crystal Meth

Der Konsum von Methamphetamin birgt erhebliche Risiken, darunter:

  • Starke psychische und körperliche Abhängigkeit
  • Psychotische Symptome wie paranoide Halluzinationen und Angstzustände
  • Lang anhaltende depressive Verstimmungen und Konzentrationsstörungen
  • Massive körperliche Schäden wie Gewichtsverlust, Essstörungen, Hautentzündungen und Zahnausfall

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