Die Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Migräne kann komplex sein, insbesondere wenn beide Erkrankungen gleichzeitig auftreten. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle von Methylphenidat, einem Stimulans, das häufig zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird, im Kontext von Migräne. Dabei werden sowohl potenzielle Vorteile als auch Risiken und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten berücksichtigt.
ADHS und seine vielfältigen Erscheinungsformen
Kinder und Jugendliche mit ADHS werden oft als "Zappelphilippe" oder "Hans-Guck-in-die-Luft" bezeichnet. Diese Stereotypen erfassen jedoch nur einen Teil des Spektrums. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Hyper- oder Hyposensibilität oder chronischen Schmerzen wie Migräne oder Gelenkschmerzen. Die Ursache für ADHS liegt oft in einer Reizüberflutung, die zu sensorischen Problemen führt. Viele betroffene Kinder nehmen Schmerzen, Lautstärke, Geruch und Geschmack stärker wahr als andere und sind dann zum Beispiel nach einem Vormittag auf dem vollen Schulhof und im lauten Klassenzimmer völlig gestresst und erschöpft. Einige weinen ohne Grund, andere können kaum das Wasser auf der Haut beim Duschen ertragen. ADHS hat viele Gesichter. Nicht alle Betroffenen sind schlecht in der Schule. Viele, wenn auch nicht alle, sind hypersensibel. Sehr häufig treten sensorische Begleiterkrankungen und -störungen auf, wie Wahrnehmungsstörungen beim Hören oder Sehen, Schreib- oder Rechtschreibstörungen, nächtliches Einnässen oder Einkoten, Restless-Legs-Syndrom, gestörtes Temperaturempfinden, fehlendes Sättigungsgefühl oder wählerisches Essverhalten sowie Adipositas oder Depression. Auch chronische Schmerzen mit Hypersensitivität und einer verlängerten Schmerzwahrnehmung sind häufig. Eine Studie ergab, dass von 153 Schmerzpatienten fast drei Viertel Symptome einer ADHS aufwiesen, die sich bei vielen durch eine medikamentöse Behandlung signifikant besserten. Daher sollten ÄrztInnen bei Kindern mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen immer auch eine ADHS-Diagnose und -Behandlung in Betracht ziehen.
Methylphenidat: Wirkung und Anwendung bei ADHS
Methylphenidat ist ein Stimulans, das primär zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird. Es wirkt, indem es die Spiegel von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöht. Dies führt bei ADHS-Patienten zu einer inneren Ruhe, verbesserten kognitiven Fähigkeiten und der Möglichkeit der "Gedankenausrichtung". Viele Jugendliche und Erwachsene nehmen Methylphenidat auch nach 16 Uhr ein und klagen nicht über Einschlaf- oder Durchschlafprobleme. Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS kann Methylphenidat helfen, Reizüberflutung, Schmerzen, fehlende Konzentrationsfähigkeit oder sensomotorische Störungen zu reduzieren. Durch die Besserung der ADHS-Symptome können auch andere Therapien wie Psycho-, Physio- und Ergotherapien ermöglicht werden, die zuvor nicht zugänglich waren.
Der Zusammenhang zwischen ADHS, Migräne und Methylphenidat
Chronische Schmerzen, einschließlich Migräne, treten häufiger bei Menschen mit ADHS auf. Der genaue Mechanismus, der diesen Zusammenhang erklärt, ist noch nicht vollständig geklärt, aber es wird vermutet, dass eine gemeinsame Ursache in der veränderten Schmerzwahrnehmung und Reizverarbeitung im Gehirn liegt. Die Neuropädiaterin Dr. Caroline Maxton erläutert, dass die gemeinsame Ursache für AD(H)S oft in einer Reizüberflutung liegt, die zu sensorischen Problemen führt.
Methylphenidat kann in bestimmten Fällen eine positive Wirkung auf Migräne bei ADHS-Patienten haben. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Behandlung der ADHS-Symptome, insbesondere die Verbesserung der Aufmerksamkeit und die Reduktion der Reizüberflutung, indirekt auch die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken verringern kann.
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Mögliche Risiken und Nebenwirkungen von Methylphenidat
Trotz der potenziellen Vorteile ist es wichtig, die möglichen Risiken und Nebenwirkungen von Methylphenidat zu berücksichtigen.
Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
Eine häufige Nebenwirkung von Methylphenidat ist Appetitlosigkeit, die zu Gewichtsverlust führen kann. Dies ist besonders bei Kindern und Jugendlichen bedenklich, da eine ausreichende Nährstoffversorgung für Wachstum und Entwicklung essenziell ist.
Schlafstörungen
Obwohl viele Patienten keine Schlafprobleme haben, kann Methylphenidat bei manchen Menschen zu Schlafstörungen führen, insbesondere wenn es spät am Tag eingenommen wird.
Erhöhter Blutdruck und Herzfrequenz
Methylphenidat kann den Blutdruck und die Herzfrequenz erhöhen. Daher ist Vorsicht geboten bei Patienten mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Kopfschmerzen
Paradoxerweise kann Methylphenidat in manchen Fällen auch Kopfschmerzen verursachen oder verstärken. Dies kann durch den Einfluss des Medikaments auf den Blutzuckerspiegel oder durch andere Mechanismen bedingt sein.
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Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Stimulanzien wie Methylphenidat können mit einer Reihe von anderen Arzneistoffen wechselwirken. Aufgrund ihrer noradrenergen Wirkung können Methylphenidat und Lisdexamfetamin etwa zu Wechselwirkungen mit Antihypertensiva, Sympathomimetika, Sympatholytika und Antiglaukommitteln führen. So ist etwa die gleichzeitige Anwendung von Phenylephrin, Pseudoephedrin, Ephedrin und Ephedrakraut kontraindiziert. Auch Monoaminoxidase(MAO)-Hemmer sollten bei der Einnahme aufgrund des Risikos einer hypertensiven Krise gemieden werden. Das gilt auch für das Antibiotikum Linezolid. Eine Kombination der Stimulanzien mit anderen dopaminergen Substanzen wie Dopaminagonisten oder Levodopa kann das Risiko für Psychosen erhöhen. Stimulanzien können auch die Wirkung von Antipsychotika abschwächen und die Krampfschwelle senken, woraus sich eine Interaktion mit Antiepileptika ergibt.
Bedeutung der Blutzuckerkontrolle bei der Einnahme von Methylphenidat
Es ist wichtig zu beachten, dass Stimulanzien den Glukoseverbrauch im Gehirn erhöhen und somit den Blutzuckerspiegel senken können. Viele Kinder und Jugendliche mit Stimulanzieneinnahme vor Schulbeginn berichten: „Bemerke ich etwa nach der 4. Schulstunde ein Nachlassen der Konzentration, dann esse ich sofort." Überhaupt kann bei zu niedrigem Blutzuckerspiegel das Methylphenidat nicht gut wirken, denn das Stirnhirn braucht Glukose, um arbeiten zu können. Hyperaktive Kinder verbrauchen schon wegen ihres großen Bewegungsdranges viel Glukose. Deshalb sollte auf eine ausreichende Nahrungszufuhr vor jeder Einnahme von Stimulanzien geachtet werden. Kommt es dennoch zu Kopfschmerzen, dann sollten alsbald als möglich oder besser noch sofort schnell verdauliche Kohlenhydrate, wie Traubenzucker, Bananen, glukosehaltige Fruchtsäfte, Süßigkeiten u.a. konsumiert werden. Damit lassen sich die Kopfschmerzen beseitigen, vorausgesetzt sie bestehen noch nicht über Stunden. Es setzt nämlich bei erhöhter Hirntätigkeit und Glukosemangel ein Milchsäurestoffwechsel ein, dessen Zwischenprodukte intermittierend (zeitweise) zum leichten Hirnödem (vermehrter Flüssigkeitsgehalt im Gehirn) führen. Durch eine ausreichende Nahrungszufuhr vor der Tabletteneinnahme können diese Nebenwirkungen weitgehend vermieden werden, wobei das empfohlene Zeitintervall von einer Stunde zwischen Essen und Tabletteneinnahme in der Praxis des Schulalltags kaum einzuhalten ist.
Alternativen und ergänzende Behandlungen
Bevor mit einer medikamentösen Behandlung begonnen wird, sollten alternative und ergänzende Behandlungen in Betracht gezogen werden. Manchmal hilft es vielleicht auch, sich in der Pause in eine ruhigere Ecke auf dem Schulhof zurückzuziehen oder nach der Schule durch einen Spaziergang oder Fahrradfahren an der frischen Luft zur Ruhe zu kommen.
Migräneprophylaxe
Für Patienten, die an mehr als vier Tagen im Monat unter Migräneattacken leiden, kommt eine medikamentöse Prophylaxe in Frage. Während die Therapie mit herkömmlichen Prophylaktika wie Topiramat, Betablocker, Amitryptilin etc. von Verträglichkeits- und Adhärenzproblemen gekennzeichnet ist, hat die Einführung der gegen das Calcitonin gene-related peptide (CGRP) oder seinen Rezeptor gerichteten Antikörper eine neue Ära der Migräneprophylaxe eingeläutet. Anders als Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab wird das zuletzt zugelassene Eptinezumab (Vyepti®) nicht subkutan injiziert, sondern nur alle drei Monate i.v. infundiert.
Akuttherapie von Migräne
Leichte Migräneattacken sollten mit Antiemetika und Analgetika behandelt werden. Mittelschwere bis schwere Attacken werden mit einem Antiemetikum und Ergotamintartrat therapiert oder mit einem spezifischen Migränemittel wie Sumatriptan behandelt.
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Nicht-medikamentöse Ansätze
Entspannungstechniken, Stressmanagement, eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung können ebenfalls dazu beitragen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
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