Migräne ist eine weit verbreitete und oft stark beeinträchtigende Kopfschmerzerkrankung. Sie manifestiert sich durch anfallsartige, pulsierende oder stechende Schmerzen, meist auf einer Kopfhälfte, und kann von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein. In Deutschland sind laut einer repräsentativen Befragung des Robert Koch-Instituts etwa 15 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer von Migräne betroffen. Hinzu kommen 14 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer, bei denen eine Migräne wahrscheinlich ist. Migräne tritt vor allem im erwerbsfähigen Alter auf und betrifft in dieser Lebensphase Frauen bis zu dreimal häufiger als Männer.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, was bedeutet, dass sie nicht durch eine andere Grunderkrankung verursacht wird. Sie resultiert aus einer Funktionsstörung des Gehirns, insbesondere der Strukturen, die für Schmerzentstehung und -verarbeitung zuständig sind. Betroffene haben oft eine überempfindliche Hirnrinde, wodurch äußere Reize verstärkt wahrgenommen werden. Die genauen Ursachen für Migräne sind noch nicht vollständig aufgeklärt, aber es wird angenommen, dass genetische Faktoren, neuronale Botenstoffe und Umweltfaktoren eine Rolle spielen.
Formen der Migräne
Gemäß der Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (ICHD-3) gibt es verschiedene Formen der Migräne:
- Migräne ohne Aura: Die häufigste Form, von der etwa 80 Prozent der Betroffenen betroffen sind. Sie zeichnet sich durch mittelschwere bis schwere, oft halbseitige Kopfschmerzen mit Übelkeit, Erbrechen und Licht- und Geräuschempfindlichkeit aus.
- Migräne mit Aura: Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen gehen den Kopfschmerzen neurologische Symptome voraus, die als Aura bezeichnet werden. Diese können Sehstörungen (Flimmern, Lichtblitze, Gesichtsfeldausfälle), sensible Störungen (Kribbeln, Taubheitsgefühle) oder Sprachstörungen umfassen.
- Hemiplegische Migräne: Eine seltene Form, die von vorübergehenden motorischen Störungen einer Körperhälfte begleitet ist, die leicht oder unvollständig gelähmt ist.
- Retinale Migräne: Kopfschmerzen, die von einem langsam fortschreitenden Gesichtsfeldausfall auf einem Auge begleitet sind, der sich anschließend vollständig zurückbildet.
- Migräne mit Hirnstammaura: Begleitet von mindestens zwei Aurasymptomen, die sich eindeutig dem Hirnstamm zuordnen lassen, wie Schwindel, Tinnitus, Sprachstörungen, Hörminderungen, Doppelbilder oder Bewusstseinsstörungen.
- Chronische Migräne: Liegt vor, wenn an mehr als 15 Tagen pro Monat über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten Kopfschmerzen auftreten.
Weitere Unterformen sind:
- Okuläre Migräne: Verursacht Sehstörungen wie Flimmern, Lichtblitze oder vorübergehenden Sehverlust, oft ohne Kopfschmerzen.
- Menstruelle Migräne: Steht in direktem Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, oft kurz vor oder während der Menstruation.
- Abdominelle Migräne: Tritt hauptsächlich bei Kindern auf und ist durch wiederkehrende Bauchschmerzen und Übelkeit gekennzeichnet, oft ohne Kopfschmerzen.
- Vestibuläre Migräne: Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind die Hauptsymptome, oft begleitet von den klassischen Migränekopfschmerzen.
Symptome der Migräne
Die Symptome einer Migräne können vielfältig sein und sich von Person zu Person unterscheiden. Typische Symptome sind:
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- Kopfschmerzen: Mäßige bis starke, einseitige (seltener beidseitige) Kopfschmerzen, die als pulsierend, pochend oder hämmernd beschrieben werden. Die Schmerzen verstärken sich bei körperlicher Aktivität.
- Übelkeit und Erbrechen: Häufige Begleiterscheinungen, die den Alltag der Betroffenen stark beeinträchtigen können.
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Betroffene ziehen sich oft in dunkle, ruhige Räume zurück, da Licht und Lärm die Schmerzen verstärken können.
- Aura: Neurologische Symptome, die den Kopfschmerzen vorausgehen können (siehe oben).
- Weitere Symptome: Schwindel, Benommenheit, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Reizbarkeit, Heißhunger oder Appetitlosigkeit.
Eine Migräne kann in verschiedenen Phasen verlaufen:
- Prodromalphase: Kündigt sich durch Symptome wie Reizbarkeit, Müdigkeit, häufiges Gähnen oder Heißhunger auf Süßes an.
- Auraphase: Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen treten neurologische Symptome auf, die sich langsam entwickeln und wieder zurückbilden.
- Kopfschmerzphase: Die migränetypischen Symptome treten auf.
- Nach- oder Erholungsphase: Nach dem Abklingen der Kopfschmerzen können entgegengesetzte Symptome wie in der Vorphase auftreten.
Ursachen und Auslöser (Trigger)
Die genauen Ursachen für Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Bei Menschen mit einer genetischen Veranlagung können bestimmte Auslöser (Trigger) eine Migräneattacke provozieren. Zu den häufigsten Triggern gehören:
- Stress: Sowohl akuter als auch chronischer Stress kann Migräne auslösen.
- Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus: Schlafmangel, Schlafüberschuss oder unregelmäßige Schlafzeiten können Migräneattacken begünstigen.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke wie Alkohol (insbesondere Rotwein), Käse, Schokolade, Zitrusfrüchte, Nüsse, Kaffee oder Lebensmittelzusatzstoffe können bei manchen Menschen Migräne auslösen. Unregelmäßige Nahrungsaufnahme oder Unterzuckerung können ebenfalls Trigger sein.
- Hormonelle Schwankungen: Bei Frauen können hormonelle Veränderungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren Migräneattacken auslösen. Auch die Einnahme von Hormonpräparaten (z. B. die Pille) kann ein Trigger sein.
- Wetterwechsel: Veränderungen des Luftdrucks, der Temperatur oder der Luftfeuchtigkeit können bei wetterfühligen Menschen Migräne auslösen.
- Sinnesreize: Helles Licht, laute Geräusche, starke Gerüche oder Flackerlicht können Migräneattacken provozieren.
- Psychische Belastung: Angst, Sorgen oder depressive Verstimmungen können Migräne begünstigen.
- Körperliche Anstrengung: Übermäßige körperliche Anstrengung oder Sport können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente können als Nebenwirkung Migräne verursachen.
- Weitere Faktoren: Saunabesuche, Rauchen oder Passivrauchen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Trigger individuell sehr verschieden sein können. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, die persönlichen Auslöser zu identifizieren und zu meiden.
Diagnose
Die Diagnose der Migräne basiert in erster Linie auf der Anamnese, also der ausführlichen Erhebung der Krankengeschichte durch einen Arzt. Dabei werden die Art, Häufigkeit, Dauer und Stärke der Kopfschmerzen sowie Begleitsymptome erfragt. Ein Kopfschmerztagebuch kann bei der Diagnosefindung hilfreich sein. In manchen Fällen können weitere Untersuchungen wie eine neurologische Untersuchung oder bildgebende Verfahren (z. B. MRT) erforderlich sein, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Die Diagnose erfolgt anhand der Kriterien der International Headache Society.
Behandlung
Die Behandlung der Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze:
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Akutbehandlung
Die Akutbehandlung zielt darauf ab, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern. Dazu können folgende Medikamente eingesetzt werden:
- Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken können Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol oder Ibuprofen helfen. Oft werden diese mit Koffein kombiniert, um die Wirkung zu verstärken.
- Triptane: Bei stärkeren Migräneattacken sind Triptane die Mittel der Wahl. Sie wirken spezifisch gegen Migräne, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen hemmen. Triptane sind rezeptpflichtig, einige sind in geringen Packungsgrößen nach ärztlicher Erstdiagnose auch rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingesetzt werden.
- Gepante: Eine neue Wirkstoffgruppe, die die Wirkung des Botenstoffs CGRP blockiert und sowohl zur Akutbehandlung als auch zur Vorbeugung eingesetzt werden kann.
Es ist wichtig, die Medikamente möglichst frühzeitig einzunehmen, sobald sich eine Migräneattacke ankündigt.
Vorbeugende Behandlung (Prophylaxe)
Die vorbeugende Behandlung zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren. Sie kommt infrage, wenn die Migräneattacken sehr häufig auftreten (mehr als drei Mal pro Monat) oder die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Folgende Medikamente können zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden:
- Betablocker: Substanzen, die auch zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt werden.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Einige Antiepileptika wie Topiramat oder Valproinsäure können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- CGRP-Antikörper: Eine neue Klasse von Medikamenten, die sich gegen den Botenstoff CGRP richten, der bei der Entstehung von Migräneattacken eine wichtige Rolle spielt. Sie werden in der Regel alle vier Wochen unter die Haut gespritzt.
- Gepante: Können auch vorbeugend wirken.
Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Migräneprophylaxe beitragen:
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeitszufuhr können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Akupunktur: Kann bei manchen Menschen die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Vermeidung von Triggern: Das Erkennen und Meiden der persönlichen Trigger kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
Alternative und ergänzende Therapien
Neben den schulmedizinischen Behandlungsansätzen gibt es auch alternative und ergänzende Therapien, die bei Migräne eingesetzt werden können. Dazu gehören:
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- Biofeedback: Eine Methode, bei der Betroffene lernen, Körperfunktionen wie Herzfrequenz oder Muskelspannung bewusst zu beeinflussen.
- Neuraltherapie: Eine Behandlung, bei der Lokalanästhetika in bestimmte Akupunkturpunkte oder Nervenbahnen gespritzt werden.
- Osteopathie: Eine manuelle Therapie, die darauf abzielt, Blockaden im Körper zu lösen und die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.
- Homöopathie: Eine alternative Behandlungsmethode, die auf dem Prinzip der Ähnlichkeit basiert.
Die Wirksamkeit dieser Therapien ist wissenschaftlich nicht immer eindeutig belegt. Es ist wichtig, sich vor der Anwendung alternativer Therapien von einem Arzt oder Therapeuten beraten zu lassen.
Leben mit Migräne
Migräne kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen und Strategien zu entwickeln, um mit den Beschwerden umzugehen. Dazu gehört:
- Akzeptanz der Erkrankung: Migräne ist eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist. Es ist wichtig, dies zu akzeptieren und sich realistische Ziele zu setzen.
- Selbstmanagement: Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs, das Erkennen und Meiden von Triggern, ein regelmäßiger Lebensstil und Stressmanagement können helfen, die Migräne besser zu kontrollieren.
- Unterstützung suchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren kann hilfreich sein. Auch psychologische Unterstützung kann sinnvoll sein, um mit den Belastungen der Erkrankung umzugehen.
- Arbeitsplatzanpassung: In Absprache mit dem Arbeitgeber können Maßnahmen ergriffen werden, um den Arbeitsplatz migränefreundlicher zu gestalten (z. B. blendfreies Licht, Lärmschutz).
Migräne bei Kindern und Jugendlichen
Auch Kinder und Jugendliche können von Migräne betroffen sein. Die Symptome können sich von denen bei Erwachsenen unterscheiden. So treten Kopfschmerzen bei Kindern oft beidseitig auf und sind kürzer als bei Erwachsenen. Bauchschmerzen sind bei Kindern ein häufiges Begleitsymptom. Die Behandlung von Migräne bei Kindern und Jugendlichen sollte immer in Absprache mit einem Kinderarzt erfolgen. Nicht alle Medikamente, die bei Erwachsenen eingesetzt werden, sind für Kinder zugelassen.
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