Migräne-Antikörper: Ein Überblick über Rote-Hand-Briefe, Wirkmechanismen und Therapieansätze

Antikörper haben sich in der modernen Medizin als wichtige Werkzeuge etabliert, insbesondere im Kampf gegen Krankheiten. Während der Corona-Pandemie wurde viel über ihren möglichen Einsatz gegen COVID-19 diskutiert. Aber auch in anderen Bereichen, wie der Migräne-Therapie, spielen Antikörper eine zunehmend wichtige Rolle. Kontinuierliche Forschung zielt darauf ab, ein breites Spektrum verschiedener Migräne-Arten abzudecken. In den letzten Jahren wurden mehrere neue Antikörper gegen Migräne zugelassen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Migräne-Antikörper, einschließlich ihrer Wirkmechanismen, der Bewertung ihrer Wirksamkeit und Sicherheit sowie relevanter Informationen aus Rote-Hand-Briefen.

Was sind Antikörper?

Antikörper sind Proteine, die vom Immunsystem produziert werden, um körperfremde Substanzen, sogenannte Antigene, zu erkennen und zu neutralisieren. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Abwehr von Infektionen und anderen Erkrankungen. In der Medizin werden Antikörper auch therapeutisch eingesetzt, um spezifische Ziele im Körper zu erreichen.

Antikörper in der Migräne-Therapie

Ein großes Einsatzgebiet von Antikörpern ist die Migräne-Therapie. Hierbei werden monoklonale Antikörper eingesetzt, die gezielt gegen bestimmte Moleküle wirken, die an der Entstehung von Migräne beteiligt sind.

CGRP und seine Rolle bei Migräne

Ein wichtiger Ansatzpunkt für Migräne-Antikörper ist das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP). CGRP ist ein Neuropeptid, das eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Migräne spielt. Es reguliert die nozizeptive Signalübertragung und wirkt als Vasodilatator. Während eines Migräneanfalls steigt der CGRP-Spiegel an und normalisiert sich beim Abklingen der Kopfschmerzen.

Wirkmechanismen von Migräne-Antikörpern

Die derzeit verfügbaren Migräne-Antikörper lassen sich in zwei Gruppen einteilen:

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  • CGRP-Rezeptor-Antagonisten: Diese Antikörper, wie Erenumab (Aimovig®), binden an den CGRP-Rezeptor und blockieren so die Wirkung von CGRP.
  • CGRP-Liganden-Antagonisten: Diese Antikörper, wie Galcanezumab (Emgality®) und Fremanezumab (Ajovy®), binden direkt an das CGRP-Molekül und verhindern so, dass es an seinen Rezeptor binden kann.

Eptinezumab (Vyepti) ist ein weiterer CGRP-Inhibitor, der als Konzentrat zur Herstellung einer intravenös zu verabreichenden Infusion auf den Markt kommt. Er hemmt die Wirkung von CGRP durch Bindung an den gleichnamigen Rezeptor.

Alle bislang verfügbaren Antikörper sind für Migränepatienten mit mindestens vier Migränetagen pro Monat zugelassen.

Verfügbare Migräne-Antikörper

Seit 2018 stehen verschiedene Antikörper zur Migräneprophylaxe zur Verfügung:

  • Erenumab (Aimovig®): Der erste monoklonale Antikörper, der spezifisch gegen das migräneauslösende Neuropeptid CGRP wirkt.
  • Galcanezumab (Emgality®)
  • Fremanezumab (Ajovy®)
  • Eptinezumab (Vyepti)

In den USA sind auch orale CGRP-Rezeptorantagonisten (Gepante) wie Rimegepant (Nurtec ODT) und Ubrogepant (Ubrelvy) erhältlich.

Anwendungsart und -dauer

Die Applikation der monoklonalen Antikörper Fremanezumab, Galcanezumab und Erenumab erfolgt als subkutane Injektion. Eptinezumab wird intravenös verabreicht. Die Therapie mit CGRP-Antikörpern sollte zunächst für drei Monate erfolgen.

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Studienergebnisse zur Wirksamkeit

Erenumab wurde in zwei Zulassungsstudien untersucht:

  • In einer Phase-IIb-Studie mit Patienten mit chronischer Migräne (CM) reduzierten beide Dosierungen von Erenumab (70 mg und 140 mg) die durchschnittlichen monatlichen Migränetage signifikant im Vergleich zu Placebo. Auch die Reduktion der monatlichen Akutmedikationstage war signifikant.
  • Eine Phase-III-Studie mit Patienten mit episodischer Migräne (EM) zeigte ebenfalls eine signifikante Reduktion der monatlichen Migränetage unter beiden Dosierungen von Erenumab im Vergleich zu Placebo.

Eine weitere zwölfwöchige doppelblinde placebokontrollierte Phase-III-Studie (ARISE) zeigte unter Erenumab im Vergleich zu Placebo eine statistisch signifikante Reduktion der durchschnittlichen monatlichen Migränetage.

Nebenwirkungen und Risiken

Die häufigsten Nebenwirkungen von Erenumab sind Reaktionen an der Injektionsstelle, Obstipation, Muskelspasmen und Juckreiz. In den Zulassungsstudien waren Studienabbrüche aufgrund von unerwünschten Ereignissen unter Erenumab doppelt so hoch wie unter Placebo.

Da CGRP eine vasodilatatorische Wirkung hat, birgt die Hemmung seines Rezeptors theoretisch das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Die verfügbaren Studien ergaben jedoch keine eindeutigen Hinweise auf ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Dennoch sollten Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen vor der Behandlung mit CGRP-Antikörpern sorgfältig untersucht werden.

Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen

Von der Teilnahme an den klinischen Studien waren ältere Patienten (> 65 Jahre), Patienten mit Opioid-Übergebrauch, Patienten mit Arzneimittelübergebrauch sowie Patienten mit vorbestehendem Myokardinfarkt, Schlaganfall, transitorischen ischämischen Attacken, instabiler Angina pectoris, koronarer arterieller Bypass-Operation oder anderen durchgeführten Revaskularisierungsverfahren innerhalb der letzten zwölf Monaten vor dem Screening sowie Patienten mit schlecht kontrolliertem Bluthochdruck oder BMI > 40 ausgeschlossen. Für diese Patientengruppen liegen weder Wirksamkeits- noch Sicherheitsdaten vor.

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Die abnehmbare Kappe des Erenumab-Fertigpens enthält getrockneten Naturkautschuklatex, der bei Personen mit Latexempfindlichkeit zu allergischen Reaktionen führen kann.

Rote-Hand-Briefe und Sicherheitsinformationen

Rote-Hand-Briefe sind wichtige Kommunikationsmittel, die von Pharmaunternehmen und Arzneimittelbehörden herausgegeben werden, um über neue Risiken oder wichtige Sicherheitsinformationen zu Arzneimitteln zu informieren. Im Zusammenhang mit Migräne-Antikörpern gibt es folgende wichtige Punkte:

Metamizol und Leberschäden

Ein Rote-Hand-Brief zu Metamizol weist auf das Risiko von arzneimittelbedingten Leberschäden hin. Patienten sollten über mögliche Frühsymptome einer Leberschädigung aufgeklärt werden und die Anwendung von Metamizol beenden, sobald entsprechende Symptome auftreten. Bei Patienten, bei denen ein Leberschaden unter Behandlung mit Metamizol aufgetreten ist, für den keine andere Ursache gefunden wurde, sollte das Präparat nicht wieder angewendet werden.

Unabhängig vom aktuellen Rote-Hand-Brief sollten Patienten zudem über das Risiko einer Agranulozytose aufgeklärt werden.

Hydrocortison 100-Rotexmedica: Chargenrückruf

Rotexmedica informierte in einem Rote-Hand-Brief über den Rückruf einer Charge von Hydrocortison 100-Rotexmedica aufgrund von Mängeln an Teilen der eingesetzten Glas-Vials, welche potenziell zur Undichtigkeit führen und so die Sterilität des Produkts gefährden könnten.

Nutzenbewertung und Kosten

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat den Zusatznutzen der CGRP-Antikörper bewertet und erkennt einen Zusatznutzen nur für hochgradig therapieresistente Migränepatienten. Ob Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab auch für bislang unbehandelte oder mit wenigen Substanzen vorbehandelte Patienten einen Zusatznutzen bringen, muss noch in kontrollierten Studien geprüft werden.

Die Jahrestherapiekosten sind derzeit am niedrigsten bei Fremanezumab, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Erstattungsbeträge noch verhandelt werden.

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