M-sense und Co.: Migräne-Apps im Fokus – Dauerhafte Entspannungsmusik als Therapieansatz?

Heutzutage leiden viele Menschen unter Kopfschmerzen und Migräne. Um den Betroffenen zu helfen, existieren Programme für mobile Endgeräte, die als Unterstützung dienen sollen. Ein Beispiel dafür ist die App M-sense. Der Wunsch, die lästige Migräne loszuwerden, ist bei vielen Patienten groß. Doch trotz der Sehnsucht nach Schmerzfreiheit hegen viele Bedenken gegenüber solchen Apps. Sie bezweifeln, dass es sich lohnt, sensible Gesundheitsdaten an ein Unternehmen zu senden, obwohl die Applikation genau solche Daten benötigt, um dem Patienten zu helfen.

Was ist Migräne?

Kopfschmerzen, auch Cephalgie genannt, äußern sich in einem Druckgefühl, Stechen oder Ziehen in der Schädelregion und gehören zu den häufigsten Schmerzen überhaupt. Man unterscheidet:

  • Primäre Kopfschmerzen: Hierbei ist der Schmerz das Hauptsymptom.
  • Sekundäre Kopfschmerzen: Diese werden durch andere Erkrankungen verursacht.
  • Andere Kopfschmerzen: Hierzu zählen Kopfschmerzen, die durch Nervenschmerzen verursacht werden.

Migräne ist eine besondere Art von Kopfschmerzen, die nicht durch eine andere Erkrankung verursacht wird. Die Schmerzen treten oft halbseitig auf und kehren bei vielen Patienten regelmäßig wieder (periodische Attacken). Bisher konnten die Ursachen für Migräne noch nicht vollständig identifiziert werden. Es ist jedoch bekannt, dass die Blutgefäße im Gehirn bei Migräne empfindlicher auf Reize reagieren. Die führenden Ansätze gehen von einem Zusammenhang zwischen den sauerstoffreichen Blutgefäßen im Gehirn und der Entstehung von Migräne aus.

Die M-sense App: Ein digitaler Begleiter für Migränepatienten

M-sense ist eine Applikation (kurz ‚App‘) für ein mobiles Endgerät, zum Beispiel ein Smartphone. Mit der App kann man Daten über Kopfschmerzen aufzeichnen und so ein Schmerztagebuch führen. Die App hat zum Ziel, vor allem Patienten mit Migräne zu helfen: Kopfschmerzattacken sollen seltener werden. Zudem soll der Konsum von Schmerzmitteln reduziert werden.

Funktionsweise und Datenerfassung

Der Patient trägt Daten über seine Kopfschmerzen, beziehungsweise Migräneanfälle ein. Darüber hinaus erfasst man mit der App Einflussfaktoren wie zum Beispiel den Schlaf, Ernährung und Stress. Die App erfasst die Wetterdaten anhand der Position des Patienten. Hierzu muss das Programm allerdings immer wissen, wo man sich gerade befindet.

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Bereits zu Beginn der Nutzung fällt auf, dass die App sehr interaktiv gestaltet ist. Der Anwender befindet sich in einem virtuellen Chat mit einer Gehirn-Figur. Wenn man eine Kopfschmerzattacke erleidet, dann trägt man diese direkt in die App ein. Die Stärke der Kopfschmerzen und deren Art erfasst die App ebenfalls. Zum Beispiel sind die Dauer, Intensität und Begleiterscheinungen der Schmerzen wichtige Anhaltspunkte. Die App erfragt zudem, ob man schmerzstillende Medikamente eingenommen hat. Diese Daten wertet die App ebenfalls aus.

Unterstützung der Arzt-Patienten-Kommunikation

Eine Funktion der App ist es, die Kommunikation zwischen dem Arzt und Patienten zu unterstützen. Bei allen auftretenden Schmerzattacken trägt der Patient möglichst viele Details ein, sodass die App berechnen kann, um welche Art der Schmerzen es sich handelt - Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Hierfür verwenden die Programmierer medizinische Richtlinien (ICHD-3).

Die App unterstützt die Patienten dabei, selbst gegen die Migräne vorzugehen. Je nach Patient schlägt die App sportliche Aktivitäten, Entspannungsübungen oder Atem-Meditation vor. Laut Entwickler kann man die Schmerzattacken auf diese Weise stark reduzieren. Die Übungen schlägt die App individuell vor.

Vorteile der M-sense App

  • Übersichtliche Diagramme: M-sense erstellt übersichtliche Diagramme anhand der Patientendaten. So ist es dem Patienten möglich, eine Übersicht über seine Kopfschmerzen zu erhalten - und mehr über die eigenen Kopfschmerzen zu lernen.
  • Kein Ersatz für den Arzt: Positiv ist, dass die App nicht den Anspruch an sich hat, den Arzt zu ersetzen. Ganz im Gegenteil: Die Entwickler sind darauf bedacht, dass Arzt und Patient gemeinsam bessere Therapien gegen die Schmerzen finden.
  • Reduktion von Schmerzmitteln: So ermöglicht die App, dass der Patient gegebenenfalls zukünftig auf Schmerzmittel verzichten kann.
  • Virtuelle Unterstützung: Das virtuelle Chatten mit der Gehirn-Figur in der App vermittelt dem Patienten, nicht mit seinem Schmerz allein zu sein. Durch gezieltes Fragen nimmt der Chat dem Leidenden zudem teilweise die Entscheidung ab, welchen Menüpunkt er als nächstes ansehen möchte. Auch dann, wenn der Nutzer die Hilfefunktion anwählt, erscheint der Chat. Im Hilfemenü hat der Patient auch die Möglichkeit, direkt mit einem Support-Mitarbeiter zu chatten. Es wird allerdings deutlich darauf hingewiesen, dass ausschließlich technische Fragen und keine gesundheitlichen Anliegen im Chat besprochen werden. Denn gesundheitliche Fragen direkt an Mitarbeiter zu stellen, widerspricht den Datenschutzrichtlinien des Unternehmens.
  • Erfassung von Einflussfaktoren: Es ist hilfreich, wenn Patienten ausführliche Daten über ihren Lebensstil sammeln. Das ermöglicht der App, beeinflussende Faktoren für den Schmerz abzubilden.
  • Geeignet für verschiedene Anwender: Die App eignet sich prinzipiell für alle Migräne- und Kopfschmerzpatienten. Durch die interaktive Art eignet sich die App vor allem für kommunikative Anwender. Denn das Direkt-Angesprochen-Werden durch die virtuelle Chatfigur vermittelt den Eindruck, nicht allein zu sein. Denn unter Umständen möchte der Patient bei Schmerzattacken nicht komplett allein sein und einen Partner an seiner Seite haben - auch wenn dieser nur virtuell ist. Auch Patienten, die sich nicht sicher darüber sind, unter welcher Art von Kopfschmerzen sie leiden, finden Antworten in der App. Die App eignet sich für alle Migräne- und Kopfschmerzpatienten, die ein detailliertes Schmerztagebuch führen möchten. Der Patient erhält hilfreiche Hintergrundinformationen und lernt mehr über die eigenen Schmerzen.
  • Alternative Aktivitäten: Gut ist auch der Ansatz, die Einnahme von Schmerzmitteln zu reduzieren und dem Patienten alternative Aktivitäten anzubieten.
  • Export der Daten: Ebenfalls gut ist, dass die App die Zusammenarbeit von Patient und Arzt unterstützt: Die Schmerzauswertung als PDF-Datei ist ein großer Pluspunkt.

Nachteile der M-sense App

  • Aufwand: Das Tägliche Einspeisen der Daten könnte sich jedoch etwas zu aufwendig für die Patienten gestalten - gerade dann, wenn sie sich in einer eher schmerzfreien Phase befinden und der Schmerz weniger präsent ist.
  • Datenschutz: Wie bei jeder Anwendung, die mit Daten arbeitet, erfordert die Nutzung von M-sense, dass der Patient seine Daten zur Verfügung stellt. Es besteht immer ein Restrisiko, solche Daten einer Firma bereit zu stellen. Es existieren zwar Datenschutzrichtlinien für Gesundheitsdaten.
  • Chat-Funktion: Wann immer der Anwender den Chat beenden möchte, fragt die App nach, wie sie verfahren soll. Für neue Anwender könnte diese Funktion etwas anstrengend sein. Zum einen, weil man die App zunächst einmal entdecken möchte und öfter einmal ein Thema abbricht.
  • Eingeschränkte kostenlose Version: Die Funktion ‘M-sense Active‘ ist der Teil des Programms, bei dem der Patient selbst aktiv wird. Sie beinhaltet die Menüpunkte ‚Entspannung‘, ‚Wissen‘, ‚Akut-Hilfe‘ und ‚Training‘. Allerdings ist es nicht möglich, mit der kostenlosen Version darauf zuzugreifen. Dies ist etwas schade, da das Aktiv-Sein eine der Kernideen der App ist.

Alternative und ergänzende Therapieansätze

CBD-Öl

Seit 2016 ist CBD-Öl in der Apotheke erhältlich. Die Abkürzung ‚CBD‘ steht für ‚Cannabidiol‘ - ein Wirkstoff aus der weiblichen Hanfpflanze Cannabis Sativa. Das Öl könnte gegebenenfalls gegen Migräne und Spannungskopfschmerzen helfen, da CBD schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften hat.

Neue Wirkstoffe: Ditane und Gepante

Inzwischen wurden jedoch neu Wirkstoffe entdeckt. Die beiden Wirkstoffgruppen sind die sogenannten ‚Ditane‘ und ‚Gepante‘. - klinische Studien sind jedoch noch nötig, um deren Wirksamkeit zu verifizieren.

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sinCephalea: Eine App für ernährungsmedizinische Migräneprophylaxe

sinCephalea ist weltweit die erste ernährungsmedizinische digitale Migränetherapie. In Deutschland ist die App auf Rezept als digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) zugelassen und somit von den Krankenkassen erstattungsfähig. Durch modernste Technologie in Form eines KI-gestützten Algorithmus ermittelt die Migräne-App, basierend auf Blutzuckerdaten aus einer zweiwöchigen Sensorphase (CGM), personalisierte Ernährungsempfehlungen, die den Blutzucker individuell niedrig-stabil halten. Diese Art der niedrig-glykämischen Ernährung sichert eine gleichmäßige Energieversorgung des Gehirns und beugt somit Energiedefizite vor, die wiederum mit dem Auslösen von Migräne-Attacken assoziiert wurden.

Die App ermöglicht es Patientinnen und Patienten, ihre Blutzuckerkurven einzusehen und unterstützt sie bei der Interpretation, indem sie die Blutzuckerreaktion auf Mahlzeiten bewertet und auf einer Skala von null bis neun einordnet. Diese Einstufung erfolgt zudem nach einem Ampelsystem und hilft Betroffenen, ihre Mahlzeiten in Bezug auf die Blutzuckerreaktion besser zu verstehen. Zusätzlich ermöglicht diese Funktion den Nutzerinnen und Nutzern, ihre Mahlzeitenbewertungen jederzeit nachträglich nochmal einzusehen. Das Mahlzeiten-Logging wurde deutlich vereinfacht. Anstatt Zutaten manuell abzuwiegen und detailliert in der App einzutragen, reicht es jetzt aus, ein einfaches Foto der Mahlzeit hochzuladen. Diese Methode spart einerseits Zeit und ermöglicht anderseits den Betroffenen, ihre Blutzuckerreaktionen auf verschiedene Mahlzeiten dennoch zuverlässig zu verfolgen.

Migräne-App der Schmerzklinik Kiel

Die Schmerzklinik Kiel bietet eine kostenlose Migräne-App an, mit der Anfälle in Bezug auf Frequenz, Dauer und Intensität aufgezeichnet werden können. Die App speichert alle Daten nur lokal und kommt ohne Werbung, Abonnements oder In-App-Käufe daher. Die Migräne-App der Schmerzklinik Kiel soll als „Cockpit” der Migränebehandlung dienen. Mit ihr kann der Migräne- und Kopfschmerzverlauf dokumentiert und analysiert werden. Auslösefaktoren wie zum Beispiel Wetterdaten werden automatisch diesem Verlauf hinzugefügt, um mögliche Zusammenhänge zu erfassen. Die Migräne-App warnt bei Überschreiten der Einnahmegrenzen von Akutmedikation und bietet Anleitungen zu Behandlungsmethoden wie der progressiven Muskelrelaxation.

SMARTGEM: Smartphone-gestützte Migränetherapie

Die Rostocker Klinik für Neurologie hat zusammen mit der Berliner Charité ein Projekt zur Smartphone-gestützten Migränetherapie (SMARTGEM) gestartet. Mittels einer speziellen App sollen die Patienten Tagebuch über ihre Attacken, eventuelle Auslöser, die Medikamenteneinnahme sowie Schlafqualität und Wohlbefinden führen. „Wir wollen anhand der Daten auch Strategien entwickeln, um den Medikamentenkonsum zu verringern und die Lebensqualität des Patienten zu erhöhen“, erklärt Prof. Dr. Peter Kropp, Verhaltenspsychologe und Direktor vom Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. Neben der Dokumentation ist die App gleichzeitig Therapiemodell und Schulung zur Selbsthilfe. „So werden die Patienten darin aufgefordert und angeleitet, beispielsweise Sport und Entspannungsübungen auszuführen, um die nächste Migräneattacke hinauszuzögern“, sagt Jürgens. Darüber hinaus werden telemedizinische Beratung, ärztlich moderierte Foren und Expertenchats angeboten.

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