Migräne ist nicht nur ein Problem von Erwachsenen. Auch Kinder und Jugendliche können darunter leiden. Bei Kindern äußert sich Migräne oft anders als bei Erwachsenen, was die Diagnose erschweren kann. Dieser Artikel beleuchtet die Symptome, Ursachen, Diagnose und Behandlung von Migräne bei Kindern und Jugendlichen.
Migräne im Kindes- und Jugendalter: Ein Überblick
Migräne ist bei Kindern und Jugendlichen seltener als bei Erwachsenen, aber dennoch weit verbreitet. Etwa 4 bis 5 % der Kinder leiden unter Migräne, wobei Jungen und Mädchen bis zur Pubertät etwa gleich häufig betroffen sind. Nach der Pubertät überwiegen die Mädchen deutlich.
Ein wichtiger Unterschied zur Migräne bei Erwachsenen besteht darin, dass Kinder oft andere Symptome zeigen und die Attacken in der Regel kürzer sind. Die Diagnose kann schwierig sein und sollte von einem Neurologen gestellt werden. Es ist wichtig zu beachten, dass Migräne bei Kindern nicht immer als solche erkannt wird, was zu einer verzögerten Behandlung führen kann.
Symptome der Migräne bei Kindern
Die Symptome der Migräne bei Kindern können vielfältig sein und sich von denen bei Erwachsenen unterscheiden. Einige typische Anzeichen sind:
- Kopfschmerzen: Der Kopfschmerz ist häufig pulsierend, kann aber auch dumpf-drückend sein. Im Gegensatz zu Erwachsenen, bei denen der Schmerz oft einseitig auftritt, ist er bei Kindern häufig beidseitig lokalisiert. Der Schmerz betrifft meistens beide Kopfseiten und die Stirn.
- Dauer: Migräneattacken dauern bei Kindern häufig sehr viel kürzer an als bei Erwachsenen, oft nur wenige Stunden. Eine Kopfschmerzattacke, die nur ein bis zwei Stunden dauert, kann bereits als Migräneattacke bewertet werden.
- Begleitsymptome: Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Blässe und Lichtscheue sind häufige Begleitsymptome. Diese können jedoch weniger ausgeprägt sein als bei Erwachsenen. Rund 70 % der Kinder empfinden während der Migräneattacke sogenannte autonome Symptome wie Gesichtsschwitzen, Gesichtsröte, gerötete oder tränende Augen, laufende oder verstopfte Nase und angeschwollene Augenlider.
- Aura: Einem Teil der Kopfschmerzattacken kann eine Aura vorausgehen. Bei der Aura handelt es sich um neurologische Symptome, die meist das Sehen betreffen. Beschrieben wird ein Flimmern vor Augen oder eine dunkle Einengung des Gesichtsfeldes. Speziell kann hier das sogenannte Alice-im-Wunderland-Syndrom auftreten, bei dem die Betroffenen z.B. ungewöhnliche Bilder sehen oder das Gefühl haben, zu wachsen oder zu schrumpfen.
- Verhaltensänderungen: Betroffene Kinder unterbrechen ihre Tätigkeit, sind blass und wollen sich hinlegen und schlafen. Sie suchen Ruhe und haben das Bedürfnis, einige Stunden zu schlafen, danach fühlen sie sich häufig wieder wohl.
- Bauchmigräne: Wiederholte plötzliche Bauchschmerzen, die mit Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Blässe und Lichtscheue einhergehen, können auf eine sogenannte Bauchmigräne (auch abdominelle Migräne genannt) hindeuten. Betroffene Kinder können während der Attacken nicht mehr lernen oder spielen und müssen sich hinlegen. Diese Migräneattacken dauern zwischen 2 Stunden und 3 Tagen und können von Kopfschmerzen begleitet sein, wobei die Bauchschmerzen überwiegen.
Ursachen und Auslöser der Migräne bei Kindern
Wie bei der Erwachsenen-Migräne sind die Ursachen der Kopfschmerzen von Kindern und Jugendlichen noch nicht vollständig erforscht. Es wird jedoch vermutet, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
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Häufige Auslöser für Migräne bei Kindern und Jugendlichen sind:
- Stress: Psychische Belastungssituationen, z.B. Stresssituationen, können Migräneattacken auslösen. Schon die Kleinsten sind dem engen Takt des Lebens unterworfen: Leistungsdruck in der Schule, lange Betreuungszeiten in der KITA, Kurse und Programme am Nachmittag - Kinder mit Neigung zu Migräne verkraften solche Tage oftmals schlecht. Auch Fernsehen und Computerspiele gönnen dem Kopf keine Pause, sondern reizen die Nerven übermäßig.
- Unregelmäßiger Tagesablauf: Abweichende Essenszeiten und zu wenig Schlaf können ebenfalls Migräne auslösen. Grund sind ein schwankender Blutzuckerspiegel und Übermüdung.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel, z.B. Koffein, fermentierte Kuhmilchprodukte (z.B. Käse, Butter oder Sahne), Schokolade oder Glutamat können als Auslöser infrage kommen.
- Physikalische oder chemische Reize: Laute Geräusche, helles Licht oder starke Gerüche von Zigaretten, Klebstoffen oder Benzin können ebenfalls Migräneattacken auslösen.
- Wetter: Wie auch bei Erwachsenen besteht bei einigen Kindern eine Wetterfühligkeit. Besonders auf Umschwünge und schwül-heißes Klima können die Kleinen reagieren.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Auslöser von Kind zu Kind unterschiedlich sein können. Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, die individuellen Auslöser zu identifizieren.
Diagnose der Migräne bei Kindern
Die Diagnose der Migräne bei Kindern kann schwierig sein, da die Symptome oft unspezifisch sind und sich von denen bei Erwachsenen unterscheiden können. Der behandelnde Arzt wird ein ausführliches Gespräch mit dem Kind und den Eltern führen, um die Krankengeschichte zu erheben und die Symptome genau zu erfassen.
Zur Diagnose kindlicher Kopfschmerzformen führt der behandelnde Arzt ein ausführliches Gespräch mit Ihnen und Ihrem Kind. Die Verdachtsdiagnose lässt sich aus der Beschreibung der Kopfschmerzen und dem Verhalten während der Kopfschmerzattacken stellen. Zur Therapieplanung ist die Aufzeichnung der Kopfschmerzhäufigkeit sehr hilfreich, hierzu können Sie ein kindgerechtes Kopfschmerztagebuch von uns erhalten.
In einigen Fällen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Dazu gehören beispielsweise eine körperliche Untersuchung, eine neurologische Untersuchung und bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomographie (MRT).
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Behandlung der Migräne bei Kindern
Die Behandlung der Migräne bei Kindern zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität des Kindes zu verbessern. Die Behandlung stützt sich eher auf nicht-medikamentöse Mittel wie Entspannungstechniken und Stressmanagement.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Entspannungstechniken: Das Erlernen von Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder autogenes Training kann den jungen Patienten helfen, die Zahl der Migräneanfälle zu reduzieren.
- Stressmanagement: Die Entschleunigung des Alltags und der Abbau von Stress können ebenfalls hilfreich sein.
- Regelmäßiger Tagesablauf: Ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Schlaf sind wichtig.
- Vermeidung von Triggern: Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, Trigger für die Attacken zu erkennen und einen guten Umgang damit zu finden.
- Rückzug und Ruhe: In der Regel sind Rückzug in ein abgedunkeltes Zimmer und Ruhe hilfreich. Lokales Kühlen mit einem Coolpack von Stirn und Schläfen, die Möglichkeit zum Rückzug und Schlaf reicht bei einem Teil der Kinder zur Therapie einer akuten Migräneattacke bereits aus.
- Ernährung: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist wichtig. Längere Fastenzeiten, Dehydratation sowie Lebensmittel, die mit Geschmacks- oder Farbstoffen versehen sind, sollten vermieden werden.
Medikamentöse Behandlung
Viele Migräne-Medikamente sind für Kinder und Jugendliche nicht zugelassen. Die Attackentherapie akuter Kopfschmerzen kann dann mit Paracetamol oder Ibuprofen erfolgen, die Dosierung wird dem Körpergewicht Ihres Kindes angepasst. Unter Umständen werden zusätzlich Medikamente gegen Übelkeit verabreicht. Sollten die Schmerzmittel nicht ausreichen, kann in notwendigen Fällen auch ein spezielles Migränemittel (Triptan) verordnet werden.
Zur Behandlung von Migräneattacken bei Kindern wird in erster Linie Ibuprofen 10 mg/kg Körpergewicht empfohlen. Ab dem 12. Lebensjahr kann auch Acetylsalicylsäure in einer Dosierung von 500 mg eingesetzt werden. Besteht Übelkeit oder Erbrechen kann Domperidon ab dem 12. Lebensjahr eingesetzt werden. Zur Behandlung der Migräne bei Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr sind Sumatriptan 10 mg und Zolmitriptan 5 mg als Nasenspray zugelassen.
Bei sehr häufigen Kopfschmerzen muss auch über eine vorbeugende Behandlung nachgedacht werden. An ersten Stelle stehen im Kindesalter verhaltensmedizinische Empfehlung wie das Einhalten regelmäßiger Pausen, regelmäßiger Mahlzeiten, ausreichendes Trinken, körperliche Freizeitaktivitäten und das Erlernen eines kindgerechten Entspannungsverfahrens. In einigen Fällen ist bei Kindern mit Kopfschmerz auch eine psychologische oder kinder- und jugendpsychiatrische Untersuchung sinnvoll, um schwerwiegende psychische Störungen, die zu Kopfschmerzhäufung führen können, einordnen zu können. Häufig führt eine Zunahme von Belastungssituationen und Stress in Schule oder Familie zu Zunahme der Kopfschmerzhäufigkeit.
Bauchmigräne
Gegen die Bauchmigräne helfen Entspannungsverfahren und die Abschirmung von Reizen. Das Führen eines Bauchschmerztagebuchs, um Trigger für die Attacken zu erkennen und einen guten Umgang damit zu finden, kann hilfreich sein. Betroffene sollten sich während einer Bauchmigräneattacke ausruhen, bis die Symptome wieder verschwunden sind. Auch können Entspannungsübungen, wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training, die Beschwerden lindern. Reicht dies allein nicht aus, kann nach ärztlicher Absprache Ibuprofen 10 mg/kg, Paracetamol 15 mg/kg oder Sumatriptan 10 mg intranasal verabreicht werden.
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Können die Triggerpunkte einer Bauchmigräne erkannt werden, sollten diese nach Möglichkeit gemieden werden. Es können auch Strategien entwickelt werden, um beispielsweise zu lernen, wie man mit Stress umgeht und wie eine gute Schlafhygiene eingeübt werden kann.
Leben mit Migräne im Kindesalter
Migräne kann den Alltag von Kindern und Jugendlichen stark beeinträchtigen. Es ist wichtig, dass die Betroffenen und ihre Familien lernen, mit der Erkrankung umzugehen. Dazu gehört:
- Akzeptanz der Erkrankung: Migräne ist eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist. Es ist wichtig, dies zu akzeptieren und sich auf die Behandlung zu konzentrieren.
- Unterstützung suchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann hilfreich sein. Es gibt verschiedene Selbsthilfegruppen und Online-Foren für Kinder und Jugendliche mit Migräne.
- Schule informieren: Die Schule sollte über die Erkrankung informiert werden, damit die Lehrer und Erzieher Verständnis zeigen und die notwendigen Maßnahmen ergreifen können.
- Selbstmanagement: Kinder und Jugendliche können lernen, ihre Migräne selbst zu managen. Dazu gehört das Erkennen von Auslösern, das Anwenden von Entspannungstechniken und das rechtzeitige Einnehmen von Medikamenten.
Zusätzliche Informationen und Ressourcen
Der Verein MigräneLiga e.V. Deutschland bietet unter www.migraeneliga.de > Migräne & Kopfschmerz > Ratgeber und Bücher > Seite 2 einen Kopfschmerzkalender für Kinder und den Ratgeber „Migräne und Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen“ zum Download an.
Für Eltern mit Kopfschmerzkindern wird folgendes Buch empfohlen: Prof. Dr. Kropp, Dr. Ebinger, Prof. Dr. Dr. Evers „Wenn Kindern der Kopf wehtut“.