Migräne behandeln: Aktuelle Therapieansätze und was wirklich hilft

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Viele Betroffene kennen die quälenden Attacken nur zu gut, die ihren Alltag erheblich beeinträchtigen können. Glücklicherweise gibt es verschiedene Behandlungsansätze, die helfen können, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren.

Die Entstehung von Migräne verstehen

Lange Zeit ging man davon aus, dass eine Weitstellung der Blutgefäße im Gehirn die Ursache für Migräne ist. Diese Theorie gilt heute als überholt. Auch wenn die genauen Mechanismen noch nicht vollständig geklärt sind, weiß man, dass bei Migräne die Steuerung der Nervenzellen im Gehirn nicht richtig funktioniert. Die Nervenzellen sind überaktiv und werden nicht mehr ausreichend mit Energie versorgt. Dadurch werden Botenstoffe zu schnell und in zu großer Menge an die Blutgefäße abgegeben.

Oft kündigt sich eine Migräneattacke bereits Tage vorher an. Einige Betroffene sind dann gereizt, schnell genervt und ungerecht, während andere sehr aktiv sind und ein starkes Verlangen nach kalorienreichen Lebensmitteln haben. Auch Müdigkeit, Gähnen oder Durst können Vorboten sein.

Als Auslöser für Migräneattacken kommen plötzliche Veränderungen jeglicher Art in Frage, an die sich das Gehirn anpassen muss. Dazu zählen Stress, Schlafmangel, ein unregelmäßiger Tages- oder Essensrhythmus sowie klimatische Veränderungen.

Medikamentöse Behandlung: Akuttherapie und Prophylaxe

Die medikamentöse Behandlung von Migräne umfasst zwei Bereiche: die Akuttherapie und die Prophylaxe.

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Akuttherapie

Für die Akuttherapie von Migräneattacken stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, darunter:

  • Triptane: Diese Medikamente greifen in den Hirnstoffwechsel ein und können die Schmerzen bei einer akuten Attacke lindern. Es gibt verschiedene Triptane auf dem Markt.
  • Schmerzmittel: Gängige Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS) oder Ibuprofen können ebenfalls bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken helfen.
  • Mutterkornalkaloide: Diese Medikamente werden seltener eingesetzt und können bei manchen Patienten wirksam sein.

Wichtig ist, dass Schmerzmittel nicht zu häufig eingenommen werden sollten, da dies zu einem medikamenteninduzierten Kopfschmerz führen kann. Neurologe Hartmut Göbel warnt davor, Schmerzmedikamente maximal an zehn Tagen pro Monat einzunehmen.

Prophylaxe

Wenn Migräneattacken häufig auftreten und den Alltag stark beeinträchtigen, kann eine medikamentöse Prophylaxe sinnvoll sein. Hierfür stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, darunter:

  • Betablocker: Diese Medikamente werden eigentlich zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt, können aber auch die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
  • Antidepressiva: Einige Antidepressiva haben ebenfalls eine prophylaktische Wirkung bei Migräne.
  • Antiepileptika: Das Antiepileptikum Topiramat kann ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
  • Botulinumtoxin: Seit September 2011 kann Botulinumtoxin (bekannt als Botox) zur Behandlung von chronischer Migräne eingesetzt werden. Dabei wird das Nervengift an 31 Stellen der Kopf- und Halsmuskeln injiziert, um die Signalübertragung an den Nervenzellen zu blockieren.
  • CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), einen Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt.

Alternative und ergänzende Behandlungsmethoden

Neben der medikamentösen Behandlung gibt es verschiedene alternative und ergänzende Methoden, die bei Migräne helfen können:

  • Biofeedback: Bei dieser Methode lernen Betroffene, Körperfunktionen wie Blutdruck und Muskelspannung bewusst wahrzunehmen und zu beeinflussen. Studien zeigen, dass Biofeedback Migräne und Spannungskopfschmerzen genauso gut vorbeugen kann wie bestimmte Medikamente. Laut der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie kann die Migränehäufigkeit sowohl durch verschiedene Biofeedback-Verfahren als auch durch Entspannungsverfahren wie PMR um 35 bis 45 Prozent verringert werden. Um die Biofeedback-Techniken zu erlernen, sind etwa fünf bis zehn Sitzungen nötig.
  • Entspannungsverfahren: Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson können helfen, Stress abzubauen und die Muskeln zu entspannen. Bei dieser Technik werden nacheinander verschiedene Muskelgruppen angespannt und wieder entspannt, was die Durchblutung fördert und Körper und Geist entspannt.
  • Akupunktur: Die Wirksamkeit von Akupunktur bei Migräne ist umstritten. Kritiker vermuten, dass die aufwendige Behandlung einen starken Placebo-Effekt hat.
  • Nervenstimulation: Bei dieser Methode werden bestimmte Nerven durch elektrische Impulse stimuliert, um die Schmerzempfindlichkeit im Gehirn herunterzusetzen. Dazu stimulieren die Mediziner mal einen Nerv seitlich des Unterkiefers, mal zwischen den Augenbrauen. Oder sie implantieren die Elektroden direkt unter die Nackenhaut, an den Occipitalis-Nerv.
  • Pfefferminzöl: Eine kleine Studie aus den 90er-Jahren zeigte, dass auf Schläfen, Stirn und Nacken aufgetragenes Pfefferminzöl die Schmerzen etwa so gut lindern kann wie das schwach wirkende Paracetamol.

Verhaltensänderungen und Selbsthilfe

Neben den genannten Behandlungen können auch bestimmte Verhaltensänderungen und Selbsthilfemaßnahmen dazu beitragen, Migräneattacken vorzubeugen und zu lindern:

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  • Regelmäßiger Tagesablauf: Ein regelmäßiger Tagesablauf mit festen Schlaf- und Essenszeiten kann helfen, das Gehirn zu stabilisieren und Triggerfaktoren zu vermeiden.
  • Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser für Migräneattacken. Daher ist es wichtig, Stress abzubauen und Entspannungstechniken zu erlernen.
  • Ausdauersport: Regelmäßiges Ausdauertraining wie Joggen, Schwimmen oder Radfahren kann helfen, Stress abzubauen und die Durchblutung im Gehirn zu verbessern.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten ist wichtig, um den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Heißhungerattacken vorzubeugen. Es kann hilfreich sein, auf bestimmte triggernde Lebensmittel wie Alkohol, Käse oder Schokolade zu verzichten.
  • Vermeidung von Triggerfaktoren: Jeder Mensch hat individuelle Triggerfaktoren, die Migräneattacken auslösen können. Es ist wichtig, diese Faktoren zu identifizieren und möglichst zu vermeiden.
  • Kopfschmerztagebuch: Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken zu dokumentieren und mögliche Triggerfaktoren zu identifizieren.
  • Austausch mit anderen Betroffenen: Der Austausch mit anderen Migränepatienten in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren kann sehr hilfreich sein, um sich gegenseitig zu unterstützen und Erfahrungen auszutauschen.

Die Rolle der Erwartungshaltung: Der Placebo-Effekt

Studien haben gezeigt, dass die Erwartungshaltung einen großen Einfluss auf die Wirksamkeit von Migränemitteln hat. Der sogenannte Placebo-Effekt kann bis zu 60 Prozent der Stärke eines echten Medikaments ausmachen. Das bedeutet, dass ein Placebo, das der Patient für ein echtes Schmerzmittel hält, beinahe so gut wirken kann wie die richtige Arznei, die der Patient für ein Placebo hält.

Daher ist es wichtig, dass Ärzte ihren Patienten vermitteln, dass die Erwartungen gegenüber einem Migränemedikament groß sind. Auch der Patient selbst kann den Placebo-Effekt verstärken, indem er sich einen Behandler sucht, dem er vertraut, und sich erklären lässt, wie das Medikament im Körper wirkt.

Spezialisierte Hilfe suchen

Es ist wichtig, bei häufigen oder sehr starken Kopfschmerzen einen Arzt aufzusuchen, um die Ursache abzuklären und eine geeignete Therapie zu finden. Neurologe Hartmut Göbel hat in den vergangenen Jahren ein bundesweites Kopfschmerz-Behandlungsnetz aufgebaut, mit regionalen Schmerzzentren und fast 500 niedergelassenen Schmerztherapeuten in Deutschland.

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