Migräne: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Etwa 10 % der Bevölkerung leiden unter Migräne, wobei Frauen drei- bis viermal häufiger betroffen sind als Männer. Obwohl die genauen Ursachen der Migräne noch nicht vollständig geklärt sind, gibt es verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen können.

Ursachen von Migräne

Die genauen Ursachen für Migräne sind bis heute nicht vollständig bekannt. Experten gehen jedoch davon aus, dass die Krankheit genetisch bedingt ist, da Migräne häufig bei Familienmitgliedern auftritt. Eine Studie hat ergeben, dass ca. 60 % der Migräne-Fälle genetisch bedingt sind. Die Krankheit ist aber nicht monogenetisch, wie man das von anderen vererbbaren Behinderungen kennt, sondern polygenetisch. Das bedeutet, dass nicht eine einzelne Mutation sie auslöst, sondern mehrere kleinere kombinierte Veränderungen dazu führen können. Insgesamt wurden bisher 38 verschiedene Risikogene gefunden und 44 Veränderungen derselben.

Triggerfaktoren

Neben der genetischen Veranlagung gibt es verschiedene Triggerfaktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Diese Trigger sind von Person zu Person unterschiedlich und können Folgendes umfassen:

  • Hormonelle Schwankungen: Insbesondere bei Frauen spielen hormonelle Veränderungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren eine wichtige Rolle. Tatsächlich sind vor allem Frauen unter 50 von Migräne geplagt. Das hormonelle Auf und Ab während des monatlichen Zyklus gilt als wichtiger Trigger. Insbesondere zu Beginn der monatlichen Regeln sollen Frauen unter Migräne leiden. Dann ist der Level des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen besonders niedrig.
  • Stress: Sowohl akuter als auch chronischer Stress kann Migräneattacken auslösen.
  • Schlafmangel oder übermäßiger Schlaf: Unregelmäßige Schlafgewohnheiten können Migräne begünstigen. Viele haben unter Kopfschmerzen zu leiden, nachdem sie am Wochenende endlich einmal wieder nach Herzenslust ausgeschlafen haben.
  • Nahrungsmittel: Bestimmte Nahrungsmittel wie Käse, Rotwein oder Kaffee können bei manchen Menschen Migräne auslösen. Beispielsweise kann Kaffee (oder Kaffeentzug) Migräne auslösen, weil er dem Körper Magnesium entzieht, indem er die Reabsorption desselben hemmt.
  • Umweltfaktoren: Wetteränderungen, starke Gerüche, helles Licht oder laute Geräusche können ebenfalls Migräneattacken auslösen.
  • Cortical Spreading Depression (CSD): Laut der neuesten Forschung löst eine Cortical Spreading Depression (CSD) oder Kortikale Streudepolarisation die Aura aus. Ein Trigger sendet einen starken Reiz, der einen Bereich auf dem optischen Kortex stark depolarisiert, also die visuelle Wahrnehmung betrifft. Weil Migränepatienten häufig eine gewisse neuronale Sensibilität zu eigen ist, entwickelt sich diese Depolarisation massiv und an einer kritischen Menge von Nerven, indem sie sich auf umliegende Nerven ausbreitet. Dadurch leeren sich die Ionenspeicher dieser restlos, was sie für eine gewisse Zeit außer Gefecht setzt. Die Ionenhomöostase von Kalium und Natrium gerät aus dem Gleichgewicht. Das bedeutet, die Nerven können nicht reagieren, wenn ein neuer Reiz ankommt. Des Weiteren schütten die betroffenen Nerven wegen der Streudepolarisation entzündungsfördernde Stoffe aus. Diese Stoffe sind häufig gefäßerweiternd. Erweiterte Gefäße im Gehirn spüren wir als Kopfschmerzen. Außerdem aktivieren die CSD das trigeminale System. Der Trigeminus Nerv ist für die Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen zuständig und dabei auch für die Schmerzwahrnehmung. Bei einer Aktivierung des Trigeminus’ kann das Neuropeptid Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) ausgeschüttet werden, welches zum Auftreten der Migräne-Schmerzen beiträgt.

Meist ist aber ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren für die Migräne verantwortlich.

Symptome von Migräne

Die Betroffenen nehmen Migräne oft in vier Phasen wahr:

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  1. Frühphase (Prodromalphase): In der Frühphase treten Symptome wie Stimmungsschwankungen, Übelkeit und Heißhunger auf. Diese Phase der Migräne kann mehrere Stunden bis zu zwei Tagen dauern. Ein Migräneanfall kann sich schon bis zu drei Tage im Voraus durch sogenannte Prodromal-Symptome ankündigen. Das ist eine Phase des Vorlaufs, in der es zu Heißhungerattacken oder Stimmungsschwankungen kommen kann.
  2. Aura-Phase: Einige Patienten leiden daraufhin in der sogenannten Aura-Phase unter visuellen und sensorischen Wahrnehmungs- und oder Sehstörungen. Darauf kann eine Phase folgen, während der eine „Aura“ wahrgenommen werden kann. Das bedeutet, dass sich das Sichtfeld einschränkt und/oder Schlieren es durchziehen. Das Licht kann flackern oder pulsieren. Grundsätzlich scheint die Orientierung erschwert zu sein. Die Phase einer solchen Aura kann auch den Sprachapparat beeinträchtigen, was sich durch Wortfindungsstörungen und andere Probleme beim Sprechen äußern kann. Eine Aura wird meistens bis zu einer Stunde lang wahrgenommen und dann durch die Kopfschmerzen abgelöst.
  3. Kopfschmerzphase: Nach 30 bis 60 Minuten folgt die eigentliche Kopfschmerzphase der Migräne, meist ein einseitiger pulsierender, pochender Schmerz. Dabei kann ein Anfall von drei Stunden bis drei Tage andauern. Bei manchen Menschen weiten sich die Kopfschmerzen noch in den Nacken und Rücken aus.
  4. Auflösungs- und Erholungsphase: Zusätzlich können Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit hinzukommen. Diese Symptome können bis zu drei Tage andauern, bis sie in der Auflösungsphase nachlassen. In der Erholungsphase stellt sich das Wohnbefinden der Betroffenen wieder ein. Die Patienten fühlen sich dabei noch müde und erschöpft, bis sie sich nach etwa zwölf bis 24 Stunden wieder vollständig erholt haben.

Migräne ist eine sehr variable Krankheit, nicht jede Phase findet bei allen Patienten und jedem Anfall statt. Anhand der Symptome kann man die Migräne in verschiedene Kategorien einteilen. Es gibt Migräne mit und ohne Aura. Die Migräne ohne Aura ist schwieriger zu diagnostizieren, da man sie eindeutig von anderen Kopfschmerzen abgrenzen können muss. Das kann beispielsweise durch die stark einseitige und pulsierende Art der Schmerzen geschehen. Es gibt auch eine chronische Migräne, die etwa 1-4% der Bevölkerung betrifft. Um als chronisch zu gelten muss an drei aufeinanderfolgenden Monaten mindestens die Hälfte der Tage pro Monat durch Migräne eingeschränkt sein. Die chronische Form schränkt die Betroffenen eklatant in ihrem Alltagsleben ein, viel stärker noch als die nicht-chronische Form.

Was tun gegen Migräne?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Migräne zu behandeln und vorzubeugen.

Akutbehandlung

Bei einem akuten Migräneanfall ziehen sich Migräne-Geplagte oft in abgedunkelte Räume zurück. Der akute Kopfschmerz sollte dann gleich mit einem Schmerzmittel behandelt werden, möglicherweise muss noch ein Medikament gegen Übelkeit dazukommen. In der Leitlinie der DMKG zur Behandlung der Migräne werden zunächst rezeptfreie Schmerzmittel empfohlen. Auch eines der speziellen Migränemittel, das Naratriptan, ist in der Apotheke rezeptfrei erhältlich. Die Experten für Kopfschmerzen raten aber davon ab, das Mittel aus der Familie der Triptane einzunehmen, bevor ein Arzt die Diagnose gestellt hat. Denn es wirkt nicht gegen andere Arten von Kopfweh. Während einer akuten Migräneattacke werden häufig Analgetika der Klasse NSAR eingenommen. Das sind Schmerztabletten, die nicht steroidal wirken und zusätzlich noch eine entzündungshemmende Wirkung haben.

Migräneprophylaxe

Wer mehr als zwei Migräneattacken im Monat und längere Anfälle zu verkraften hat, sollte nach Meinung der Ärzte auch Medikamente nehmen, die vorbeugend gegen Migräne wirken. Damit werden Migräneattacken zumindest abgeschwächt, so dass dann auch weniger Schmerzmittel nötig sind. Allerdings sollten Prophylaxen nur verschrieben werden, wenn der Leidensdruck durch Migräne entsprechend hoch ist. Das bedeutet mindestens drei Tage im Monat mit Migräne.

Es gibt verschiedene Arten von Medikamenten, die zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden können:

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  • Unspezifische Prophylaxen: Es gibt unspezifische Prophylaxen wie Beta-Blocker, die gegen Bluthochdruck helfen und eigentlich arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz und andere Herzkrankheiten behandeln. Beta-Blocker wie Metoprolol und Propanolol haben aber auch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden oder Schwindel, und etwa 10% der Personen, die diese Medikamente einnehmen, leiden darunter. Neben den Beta-Blockern gibt es noch den Kalziumkanal-Blocker Flunarizin und Antikonvulsiva wie Topimarat und Valproat. Flunarizin verhindert den Kalziumeinstrom in die Nervenzellen und kann dadurch einer Streudepolarisation vorbeugen.
  • Spezifische Prophylaxen: Seit 2018 sind spezifische monoklonale Antikörper zur Prophylaxe der Migräne zugelassen. Diese Antikörper richten sich gegen die Rezeptoren des CGRPs, das vom Trigeminus Nerv ausgeschüttet wird.

Inzwischen haben Studien ergeben, dass psychologisch-verhaltensmedizinische Verfahren diesem Zweck genauso gut dienen wie Medikamente. Die Experten empfehlen deshalb, diese Verfahren allein oder mit Medikamenten zu kombinieren.

Weitere Maßnahmen

  • Führen eines Migräne-Tagebuchs: Wer chronisch unter Migräne leidet, kann im Lauf der Jahre gut beobachten, in welchen Situationen sie sich besonders übel bemerkbar macht. Patienten, die solche „Trigger“ kennen, können sich bemühen, sie zu vermeiden. Mediziner empfehlen, zu diesem Zweck ein Tagebuch zu führen und die Kopfschmerzen zu dokumentieren. Darin werden Zeitpunkt und Umstände der Migräne verzeichnet. Neben Nahrungsmitteln wie Käse werden meist Änderungen der Schlafgewohnheiten genannt: Sowohl zu viel als auch zu wenig Schlaf können Kopfschmerzen oder auch Migräne begünstigen.
  • Selbsthilfegruppen: In Selbsthilfegruppen können Erfahrungen ausgetauscht werden, wie man mit der chronischen Migräne am besten durchs Leben kommt. Wie geht man mit den Schmerzen der Migräne um? Beim Arzt bleibt dafür oft nicht genug Zeit. Einige Selbsthilfegruppen laden deshalb regelmäßig auch Experten ein, die über einzelne Aspekte der Migräne Vorträge halten.Viele Betroffene haben die Erfahrung gemacht, dass das soziale Leben unter der regelmäßigen Migräne leidet. Wer Freunden stetig wegen der Migräne absagen muss, der kann befürchten nicht mehr eingeladen zu werden. Bei zahlreichen Migräne-Geplagten werden auf die Dauer die Beziehungen in Mitleidenschaft gezogen, einige haben sogar ihren Arbeitsplatz aufgrund ihrer chronischen Migräne verloren.
  • Alternative Therapien: Frische zitronige Düfte wirken bei den meisten Menschen schmerzlindernd. Die ätherischen Öle von Pfefferminze und Lavendel werden in der Naturheilkunde und Aromatherapie gegen Kopfschmerzen verordnet. Und Muskatellersalbei hilft gegen Verspannungen und Krämpfe. Ein kleines Kissen oder ein Stoffbeutel, gefüllt mit Lavendelblüten, Zitronenmelissenblättern und Rosen, kann sehr gut Spannungen lösen und Kopfschmerzen vertreiben - einfach in die Hände nehmen, sanft knuddeln und daran riechen. Eine Tasse Kamillenblütentee kann ebenso Linderung verschaffen wie ein Ingwerdrink.

Mythen und Vorurteile über Migräne

Da Menschen zwischen ihren Migräneanfällen völlig gesund wirken und man ihnen die Krankheit nicht ansieht, wurden sie - und werden leider immer noch - oft nicht besonders ernst genommen. Migräne wurde schon im alten Ägypten das erste Mal beschrieben, trotzdem haben so allerlei Mythen Einzug gehalten. Eine Studie aus den USA mit 2000 nicht betroffenen Menschen ergab, dass etwa 45% der Befragten denken, Migräne sei leicht behandelbar. Solche Mythen und Fehlinformation führen zu einer Verunsicherung mancher Betroffener, die sich dann oft nicht trauen, von ihrer Krankheit zu berichten.

Fazit

Migräne ist eine häufige Krankheit, die zwar vermehrt Frauen betrifft, Männer bleiben aber auch nicht verschont. In welcher Intensität und Häufigkeit sie sich äußert, kann zwischen den Menschen und verschiedenen Lebenssituationen unterscheiden. Unfraglich werden Betroffene in ihrem Alltag eingeschränkt. Man vermutet, dass Migräne häufig vererbt werden kann und durch eine Überreizung des Nervensystems ausgelöst wird. Betroffene müssen aber nicht hilflos leiden, sondern können mit Schmerztabletten und Prophylaxen arbeiten. Wichtig ist, die Krankheit als solche zu erkennen und Rücksicht auf Betroffene zu nehmen.

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