Migräne und Spätdienst: Ursachen und Bewältigungsstrategien

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch anfallsartige, oft einseitige Kopfschmerzen äußert. Sie ist mehr als nur ein einfacher Kopfschmerz und kann den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Schichtarbeit, insbesondere Spätdienst und Nachtarbeit, stellt eine zusätzliche Belastung dar und kann Migräneattacken begünstigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Migräne im Zusammenhang mit Spätdienst und zeigt Strategien zur Bewältigung auf.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen auszeichnet. Die Kopfschmerzen sind oft pulsierend oder pochend und können von Übelkeit, Erbrechen sowie einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Gerüchen begleitet sein. In manchen Fällen kündigt sich eine Migräneattacke durch eine sogenannte Aura an, die mit neurologischen Symptomen wie Sehstörungen, Kribbeln oder Sprachstörungen einhergehen kann. Migräne ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nicht das Symptom einer anderen Erkrankung. Betroffene sind weder arbeitsunwillig noch psychisch krank oder auf der Suche nach Aufmerksamkeit.

Migräne mit Aura

Zwischen 15 und 20 Prozent der Migränepatienten erleben ihre Migräne mit einer Aura. Die Aura äußert sich durch neurologische Störungen, die zwischen 5 und 60 Minuten andauern können. Hierbei handelt es sich in den meisten Fällen um Sehstörungen, etwa Flimmern oder Lichtblitze. Nach der Aura treten bei den meisten Menschen die migränetypischen Kopfschmerzen ein.

Migräne ohne Aura

Die Mehrheit der von Migräne-Betroffenen (80 bis 85 Prozent) leiden unter eine Migräne ohne Aura. Die Symptome entstehen meist binnen kurzer Zeit und kündigen sich nur selten an. Viele Patienten berichten aber von typischen äußerlichen Einflüssen, die zu einer Attacke führen können.

Ursachen und Auslöser von Migräne

Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Faktoren eine Rolle spielt. Zu den möglichen Auslösern gehören:

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  • Stress: Sowohl akuter als auch chronischer Stress kann Migräneattacken auslösen. Entspannungstechniken wie Yoga, Qi Gong oder Meditationen können Stress reduzieren und das Risiko auf eine durch Stress ausgelöste Migräneepisode reduzieren.
  • Schlafmangel oder unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein gestörter Schlafrhythmus, wie er bei Schichtarbeit häufig vorkommt, kann Migräne begünstigen.
  • Hormonelle Veränderungen: Insbesondere bei Frauen können hormonelle Schwankungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren Migräneattacken auslösen.
  • Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke: Einige Menschen reagieren empfindlich auf bestimmte Nahrungsmittel wie Käse, Schokolade, Rotwein oder Zitrusfrüchte.
  • Wetterveränderungen: Wetterumschwünge, insbesondere steigende Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und ein fallender Luftdruck, können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
  • Sinnesüberreizung: Helles Licht, laute Geräusche oder starke Gerüche können Migräneattacken triggern.
  • Kopfverletzungen und Nackenschmerzen: Diese können ebenfalls Migräne auslösen.

Migräne und Schichtarbeit

Schichtarbeit, insbesondere Nachtarbeit und Spätdienst, stellt eine besondere Herausforderung für den Körper dar. Sie stört den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus und kann zu einer Reihe von gesundheitlichen Problemen führen, darunter auch Migräne.

Die "innere Uhr" und Schichtarbeit

Der menschliche Körper folgt einem natürlichen Biorhythmus, der sogenannten zirkadianen Rhythmik. Diese Rhythmik steuert zahlreiche Körperfunktionen wie Schlaf, Hormonproduktion, Körpertemperatur und Stoffwechsel. Schichtarbeit durchbricht diese natürliche Rhythmik und kann zu einer Desynchronisation der "inneren Uhr" führen.

Die Tageszeit erkennt der Körper über die Lichtintensität der Sonnenstrahlen, daran beteiligt ist ein Sehfarbstoff in der Netzhaut des Auges, das sogenannte Melanopsin. Dieses nimmt die Veränderungen der Lichtintensität sehr genau wahr und leitet die gewonnenen Informationen über den Sehnerv an unser Gehirn weiter. Hier wird der 24-Stunden-Rhythmus gesteuert und die innere Uhr gegebenenfalls etwas nach vorn oder hinten korrigiert. Außerdem spielen bestimmte Gehirndrüsen eine Rolle, die im Tagesverlauf verschiedene Hormone ausschütten, die ebenfalls tagesperiodisch auf zahlreiche Funktionen und Zustände unseres Körpers wirken.

Schichtarbeits-Krankheit

Die sogenannte „Schichtarbeits-Krankheit“ (engl. „shift work disorder“) ist ein vielgestaltiges Erkrankungsbild mit starken körperlichen und emotional-seelischen Komponenten. Die bedeutendste Störung sind Schlafstörungen und eine insgesamt gegenüber Tagarbeitenden verminderte Schlafdauer. Hinzu kommen Störungen im Magen-Darm-Bereich, die langfristig auch zu entzündlichen Erkrankungen des Verdauungstraktes führen können. Auch Herz-Kreislauf-Probleme sind Teil des Krankheitsbildes. Im mentalen Bereich findet man häufig depressive Störungen und Angststörungen, aber auch erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche und Nervosität. Laut einer Auswertung von 29 Erhebungen zum Thema schätzte eine norwegische Forschungsgruppe, dass mehr als jede:r vierte Schichtarbeitende (26,5%) von der Erkrankung betroffen ist.

Erhöhtes Migränerisiko durch Schichtarbeit

Studien haben gezeigt, dass Schichtarbeit das Risiko für Migräneattacken deutlich erhöht. Insbesondere die Anzahl von Nachtschichten pro Monat scheint entscheidend dafür zu sein, wie stark sich die Anzahl der Migräneattacken erhöhen kann. Mitarbeiter im Pflegesektor sind besonders stark vom Risiko für Kopfschmerz als Folge der Arbeit im Schichtbetrieb betroffen. Bezogen auf Migräne fand man - wie auch in der nicht von Schichtarbeit betroffenen Bevölkerung - beträchtliche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Beschäftigten: Letztere hatten ein doppelt so hohes Risiko für Migränekopfschmerz wie ihre männlichen Kollegen.

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Strategien zur Bewältigung von Migräne im Spätdienst

Wenn es für die Betroffenen nicht möglich ist, das Arbeiten im Schichtbetrieb, in der Nacht oder am Wochenende zu vermeiden, gibt es verschiedene Strategien, um das Risiko für Migräneattacken zu reduzieren:

Schlafhygiene

  • Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Achten Sie darauf, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus zumindest bei Wechseln von Früh- in Spätschichten und umgekehrt so konstant wie möglich bleibt.
  • Ausreichend Schlaf: Versuchen Sie, auch bei Schichtarbeit ausreichend Schlaf zu bekommen (7-8 Stunden pro Nacht).
  • Schlafpausen: Falls möglich, sollten während der Nachschicht kurze, etwa halbstündige Schlafpausen eingelegt werden.
  • Dunkelheit: Sorgen Sie für ein dunkles Schlafzimmer, um die Melatoninproduktion zu fördern. Expert*innen empfehlen daher, bei großer Helligkeit auf dem Heimweg eine Sonnenbrille zu tragen.
  • Vermeidung von Koffein und Alkohol: Koffein und Alkohol können den Schlaf stören und Migräneattacken auslösen. In der zweiten Hälfte einer Nachtschicht sowie in der Spätschicht sollte kein Koffein mehr konsumiert werden.

Ernährung

  • Regelmäßige Mahlzeiten: Grundsätzlich ist es für Menschen, die im Schichtbetrieb arbeiten, wichtig, auch über wechselnde Schichten hinweg regelmäßig zu essen.
  • Ausgewogene Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten. Dabei sind als warme Hauptmahlzeit Gerichte mit magerem Fleisch und Fisch sowie kohlenhydratreichen Beilagen wie Kartoffeln, Reis oder Gemüse zu empfehlen. Kalte Mahlzeiten können aus einem bunten Salat und/oder einem reichhaltig belegten Vollkornbrot bestehen.
  • Ausreichend Flüssigkeit: Regelmäßiges Trinken ist entscheidend, ca.
  • Warme Mahlzeiten während der Nachtschicht: Im Laufe der Nacht sinkt die Körpertemperatur ab. Das signalisiert dem Körper, dass es Zeit ist zu schlafen. Eine warme Mahlzeit spendet nicht nur Energie, sondern wirkt dem Absinken der Körpertemperatur entgegen. Zudem fördert sie die Konzentration und das Wachbleiben. Wenn es nicht möglich ist, eine warme Speise zu essen, kann zu einer kalten Brotzeit ein warmer Tee getrunken werden. Die zweite Nachtmahlzeit sollte etwa zwei Stunden vor Schichtende eingenommen werden. Dadurch bleiben Konzentration und Leistungsfähigkeit erhalten. Hierfür eignen sich z. B. eine Gemüsesuppe oder ungesüßtes Früchtekompott, Milch und Milchprodukte sowie Obst und leichte Salate.
  • Leichtes Frühstück nach der Nachtschicht: Nach der Nachtschicht zu Hause angekommen sollte vor dem Schlafengehen noch ein kleines, nicht zu üppiges Frühstück gegessen werden. Vorsicht: Ein zu reichhaltiges Frühstück sowie koffeinhaltige Getränke können zu Einschlafproblemen führen bzw.

Arbeitsplatzgestaltung

  • Helle Beleuchtung während der ersten Nachthälfte: So kann es helfen, in der ersten Nachthälfte für sehr helle Beleuchtung zu sorgen, z. B. durch Tageslichtlampen. Dies verschiebt das Einsetzen der Müdigkeit nach hinten.
  • Reduzierte Beleuchtung während der zweiten Nachthälfte: In der zweiten Hälfte einer Nachtschicht sowie in der Spätschicht sollte die Beleuchtung so weit wie möglich reduziert werden.
  • Pausen: Wer im Schichtdienst arbeitet, sollte besonders auf das Einlegen von kurzen Pausen achten - auch wenn dies etwa im Krankenhausalltag manchmal sehr schwierig ist. Die Pausen sollten möglichst an der frischen Luft verbracht werden. Auf diese Weise wird die Durchblutung unseres Gehirns und damit unsere Konzentrationsfähigkeit verbessert.

Entspannungstechniken

  • Progressive Muskelentspannung nach Jacobson: Ein besonders guter Tipp ist die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, eine medizinisch erprobte und leicht zu erlernende Entspannungstechnik. Durch die bewusste Wahrnehmung der Anspannung und Entspannung der Muskeln erlebt der gesamte Körper eine tiefe Entspanntheit, was die Wirksamkeit auch vergleichsweise kurzer Pausen erhöht.
  • Achtsamkeitsübungen: Achtsamkeitsübungen können helfen, Stress abzubauen und die Körperwahrnehmung zu verbessern.
  • Yoga, Qi Gong oder Meditationen: Diese können Stress reduzieren und das Risiko auf eine durch Stress ausgelöste Migräneepisode reduzieren.

Medikamentöse Behandlung

  • Akutbehandlung: Bei einer akuten Migräneattacke können Schmerzmittel wie Triptane oder NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika) helfen.
  • Prophylaktische Behandlung: Wenn Migräneattacken häufig auftreten, kann eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten wie Betablockern, Antidepressiva oder Antiepileptika in Erwägung gezogen werden. Diese Medikamente und Schmerzmittel wie Triptane sollten bei einer Migräne mit oder ohne Aura jedoch nicht regelmäßig eingesetzt werden, da ein Zuviel an diesen Medikamenten langfristig zu einer chronischen Migräne mit täglichen Attacken führen kann.

Kopfschmerztagebuch

Gerade für im Schichtbetrieb arbeitende Menschen ist die kon¬tinuierliche Dokumentation ihres Verhaltens im Rahmen eines Kopfschmerztagebuchs besonders wichtig - machen es häufig wechselnde Tagesabläufe doch besonders schwer, die individuel¬len Zusammenhänge zu erkennen, die zum Auftreten von Kopf¬schmerzen führen. Ein Hilfsmittel, mit der sich diese Dokumen¬tation besonders einfach und schnell erledigen lässt, ist die Kopfschmerzwissen-App.

Ärztliche Beratung

Es ist wichtig, einen Arzt aufzusuchen, wenn Migräneattacken häufig auftreten oder sehr stark sind. Der Arzt kann die Diagnose stellen, mögliche Auslöser identifizieren und eine individuelle Behandlungsstrategie entwickeln. Sollten Sie Symptome einer Migräne mit Aura zeigen, ohne zuvor eine Migräneattacke erlebt zu haben, sollten Sie einen Arzt beziehungsweise eine Ärztin aufsuchen. Dies insbesondere, falls Sie unter Taubheitsgefühlen, Sprach- oder Sehstörungen leiden, da diese auch auf einen medizinischen Notfall wie einen Schlaganfall hinweisen können.

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