Migräne, Wetterumschwung und Menstruation: Ursachen und Zusammenhänge

Die Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit, gekennzeichnet ist. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, und hormonelle Schwankungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Auch Wetterumschwünge können bei manchen Menschen Migräneattacken auslösen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Zusammenhänge von Migräne in Bezug auf diese Faktoren.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut (Dura) und der jeweiligen Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Während einer Migräneattacke kommt es zu einer vorrübergehenden Fehlfunktion schmerzregulierender Systeme. Früher gingen Wissenschaftler von einer Fehlsteuerung der Blutgefäße im Gehirn aus. Demnach verengen sich kurz vor einer Migräneattacke die Blutgefäße, weswegen die betroffene Hirnregion schlechter durchblutet wird. In einer überschießenden Gegenreaktion erweitern sich anschließend die Blutgefäße. Diese Gefäßdehnung verursacht dann die migränetypischen Schmerzen. Nach aktuellen Untersuchungen ist das Geschehen vermutlich auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen.

Mit Hilfe spezieller bildgebender Verfahren (Positronenemissions-Tomografie) konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das so genannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird. Dieses „Migräne-Zentrum“ reagiert über-empfindlich auf Reize. Zwischen den Blutgefäßen des Gehirns und den Nervenzellen des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus) besteht eine wichtige Verflechtung. Feinste Verästelungen des Trigeminus-nervs befinden sich in den Wänden aller Blutgefäße im Gehirn. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerz-signale an das Gehirn senden (über den trigemino-thalamischen Trakt). Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung so genannter Botenstoffe (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen (Extravasation) und bestimmte Blutbestandteile (z.B. entzündliche Eiweißstoffe) freisetzen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute. Diese so genannte neurogene Entzündung verursacht wiederum Schmerzimpulse, welche ausstrahlen und den Migränekopfschmerz bewirken.

Die Rolle von Hormonen bei Migräne

Die medizinische Forschung zeigt, dass hormonelle Schwankungen zu den häufigsten sogenannten Triggern von Migräne zählen. Dass Hormone eine Rolle bei Migräne spielen, zeigt sich auch daran, dass Jungen und Mädchen vor der Pubertät ähnlich häufig betroffen sind. Mit Beginn der hormonellen Umstellung verändert sich dieses Verhältnis zugunsten einer höheren Migränehäufigkeit bei Frauen. Der Grund für Migräneattacken während der Menstruation scheint das prämenstruelle Syndrom, also die starken Schwankungen des Östrogenspiegels, zu sein. Bei einer Schwangerschaft ist der Körper weit mehr hormonellen Veränderungen ausgesetzt als sonst. Das kann dazu führen, dass Migränepatientinnen während der Schwangerschaft vorübergehend weniger an Migränekopfschmerzen leiden. Der Grund dafür liegt im Wechsel des Hormonhaushalts, da der Östrogenspiegel während der Schwangerschaft konstant hoch ist. ABER: Bei Patientinnen, die an Migräne mit Aura leiden, können die Attacken während der Schwangerschaft auch zunehmen.

Die Zeit vor und während der Menopause ist geprägt von hormonellen Schwankungen. Bei einem starken Abfall des Östrogenspiegels während den Wechseljahren kann es, neben bekannten Leiden wie Hitzewallungen, auch zu einer hormonellen Migräne kommen. Daher geht die Zeit der Menopause häufig mit vermehrt auftretenden Migränekopfschmerzen einher. Ist diese Phase jedoch überstanden, bessert sich das Aufkommen von Migräne häufig. Unabhängig von Alter und Hormonstatus gibt es zahlreiche Möglichkeiten der Migräneprophylaxe. Wie oben bereits genannt, leiden statistisch gesehen Männer seltener an Migräne. Allerdings kann es auch hier zu Kopfschmerzen aufgrund von hormonellen Schwankungen kommen. Eine Möglichkeit ist ein niedriger Testosteronspiegel, eine andere eine überdurchschnittliche Menge Östrogen im Blut. Viele therapeutische Verfahren, die früher noch deutlich häufiger Anwendung fanden, gelten heute als überholt. Bei Migräne in der Menopause empfehlen Ärzt*innen heutzutage Östrogen-Gele, um einem entsprechend niedrigen Hormonspiegel entgegenzuwirken. Ansonsten gelten bei hormoneller Migräne ähnliche Behandlungsmethoden wie bei regulären Migränekopfschmerzen. Neben anderen Triggern kann Migräne auch durch hormonelle Schwankungen ausgelöst werden, wie sie beispielsweise während der Menstruation oder den Wechseljahren verstärkt auftreten. Um die hormonellen Schwankungen auszubremsen, kann es nützlich sein, prophylaktische Maßnahmen zu ergreifen wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung. Außerdem können Bewegungsübungen helfen, die oftmals mit den Kopfschmerzen einhergehenden Verspannungen zu lösen.

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Menstruelle Migräne: Ein spezifischer Zusammenhang

Besonders zum Ende eines Monatszyklus sind Frauen oft von heftigen Kopfschmerzen betroffen. Bei ihnen tritt die Migräne dann während der Periode auf - zwischen zwei Tage vor bis zwei Tage nach der Regelblutung. Es gibt Hinweise darauf, dass außer dem abfallenden Hormonspiegel zum Ende des Monatszyklus auch das Neuropeptid CGRP eine Rolle spielt. CGRP ist ein körpereigener Entzündungsbotenstoff, der die Blutgefäße im Gehirn stark erweitert und dadurch Kopfschmerzen verursachen kann.

Hormonell bedingte Migräne tritt bei den meisten Frauen kurz vor, während oder nach der Periode auf. Zu den Symptomen zählen:

  • Kopfschmerzattacken, die mehrere Tage anhalten können
  • oft einseitiger, pulsierender oder pochender Schmerz
  • mittlere bis starke Schmerzen, die bei Aktivität zunehmen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht, Gerüchen und Geräuschen

Manche Frauen erleben die menstruelle Migräne auch mit einer Aura. So werden neurologische Ausfallerscheinungen und Störungen bezeichnet, die kurz vor der Migräneattacke auftreten. Dazu zählen Sehstörungen wie Lichtblitze, Sprachstörungen, Missempfindungen, Lähmungen oder Schwindel.

Hormonelle Veränderungen im Zyklusverlauf

Ein typischer Verlauf des weiblichen Zyklus sieht wie folgt aus: Der Menstruationszyklus beginnt mit dem ersten Tag der Menstruation. Während der Menstruation wird die Gebärmutterschleimhaut, die im vorhergehenden Zyklus aufgebaut wurde, abgestoßen. Zu Beginn des Zyklus ist der Östrogenspiegel verhältnismäßig niedrig. Sobald die Eierstöcke mit der Bildung reifer Eizellen beginnen, steigt der Östrogenspiegel allmählich an. Dieser Zeitraum wird „Follikelphase“ oder „Eireifungsphase“ genannt, weil die Eizellen sich in den sogenannten „Follikeln“ entwickeln. „Follikel“, auch „Eibläschen“ genannt, sind die im Eierstock angesiedelten Einheiten aus Eizelle und umgebenden Hilfszellen. In der Regel setzt sich ein dominanter Follikel durch und lässt die enthaltene Eizelle zur Reife heranwachsen. Der steigende Östrogenspiegel sorgt dafür, dass die Gebärmutterschleimhaut aufgebaut wird. Sie wird dicker, stark durchblutet und mit Nährstoffen versorgt, um einer eventuellen befruchteten Eizelle den idealen Nährboden zum Wachstum bereitzustellen. Bis zum Eisprung steigt der Östrogenspiegel immer weiter an. Beim Eisprung - der „Ovulation“ - platzt der dominante Follikel, die reife Eizelle wird aus dem Eierstock ausgestoßen und gelangt durch den Eileiter in Richtung der Gebärmutter. Unmittelbar nach dem Eisprung kommt der Zyklus in die sogenannte „Lutealphase“ oder „Gelbkörperphase“. Aus dem verbleibenden Follikel bildet sich der „Gelbkörper“, der mit der Produktion des Hormons Progesteron beginnt. Das Progesteron sorgt für den Erhalt der zuvor mithilfe des Östrogens aufgebauten Gebärmutterschleimhaut. Wird die Eizelle nicht befruchtet, baut sich der Gelbkörper ab und die Progesteronproduktion wird eingestellt. Neben dem Östrogenspiegel fällt auch der Progesteronwert ab. Mit dem Abfall der beiden Hormone beginnt die Ablösung der Gebärmutterschleimhaut.

CGRP und der Zusammenhang mit Hormonen

Ein Forschungsteam der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat jetzt eine mögliche Erklärung dafür gefunden. Der im Fachmagazin Neurology* veröffentlichten Studie zufolge bilden betroffene Frauen während der Menstruation besonders große Mengen an CGRP. Aus dem Tiermodell haben wir Hinweise, dass Schwankungen von weiblichen Hormonen - insbesondere von Östrogen - zu einer verstärkten Freisetzung des Entzündungsbotenstoffs CGRP im Gehirn führen“, erklärt Dr. Bianca Raffaelli vom Kopfschmerzzentrum der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie am Charité Campus Mitte, die die Studie geleitet hat. Bei Frauen, die die Pille einnehmen, gibt es kaum Schwankungen des Östrogenspiegels. Wie die Forschenden in der aktuellen Studie nachwiesen, verändert sich auch die CGRP-Konzentration im Verlauf des „künstlichen Zyklus“ nicht und ist bei Migränepatientinnen vergleichbar mit der gesunder Frauen.

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Wetterumschwung als Migräne-Trigger

Bestimmte innere und äußere Faktoren, so genannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Jeder Migräne-Patient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs/Kalenders seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln.

Viele Betroffene reagieren empfindlich auf schwülwarme Gewitterluft, starken Sturm, Föhnwetter oder sehr helles Licht an einem wolkenlosen Tag. Bei manchen wiederum löst Kälte Migräne-Attacken aus. Warum das so ist, konnte man noch nicht klären.

Wetter- und Höhenveränderungen (Föhn, Kälte etc.) können ebenfalls Migräne auslösen.

Weitere Migräne-Auslöser

Neben hormonellen Schwankungen und Wetterumschwüngen gibt es eine Vielzahl weiterer Faktoren, die Migräneattacken auslösen können:

  • Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus: Z.B. zu viel oder zu wenig Schlaf.
  • Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf: Unterzuckerung/Hungerzustand (z.B. aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten). Achten Sie darauf, regelmäßig zu essen. Häufig setzen Migräne-Anfälle ein, wenn man zu wenig gegessen hat (Unterzuckerung).
  • Stress: In Form körperlicher oder seelischer Belastungen - Migräne tritt meist in der Entspannungsphase danach auf.
  • Verqualmte Räume
  • Bestimmte Nahrungsmittel: Z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (Rotwein!). Bei einigen Produkten wie Bananen oder bestimmten Käsesorten hat man Tyramin im Verdacht. Das ist ein Abbauprodukt von Eiweißbausteinen (Aminosäuren), das unter anderem die Ausschüttung des Botenstoffes Noradrenalin anregt. Dieser wirkt stark gefäßverengend - auch lokal im Gehirn. Dies könnte der Grund für eine Migräne-Attacke nach dem Genuss von tyraminhaltigen Lebensmitteln sein.
  • Äußere Reize: Wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche
  • Starke Emotionen: Z.B. ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst
  • Evtl. Medikamente

Behandlung und Vorbeugung

Frauen, die mit heftigen Migräneanfällen rund um ihre Menstruation kämpfen, sollten dies mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen. Die Migräne selbst ist nicht heilbar, aber die Kopfschmerzen und begleitenden Symptome können behandelt werden. Grundsätzlich gilt: Akute menstruell bedingte Migräneattacken werden genauso behandelt wie andere Migräneattacken. Dabei liegt der Fokus auf einer möglichst effektiven und individuellen Schmerzlinderung. Auch haben viele Frauen bei leichten Beschwerden positive Erfahrungen mit nicht-medikamentösen Methoden gesammelt.

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Bei starken Beschwerden helfen Medikamente, um den Anfall zu unterbrechen und durchzustehen. Dazu zählen Schmerzmittel wie ASS, Ibuprofen oder die Kombination aus ASS, Paracetamol und Koffein, die möglichst am Anfang der Attacke eingenommen werden sollten. Darüber hinaus gibt es auch spezielle Migränemittel wie Triptane. Helfen diese Medikamente nicht, werden sie nicht vertragen oder können sie aus anderen Gründen nicht eingenommen werden, können auch sogenannte CGRP-Inhibitoren in Betracht gezogen werden. Opioide sollten nicht verwendet werden. Zu beachten ist, dass ein übermäßiger Gebrauch von Schmerzmitteln dazu führen kann, dass Kopfschmerzen chronisch werden. Deshalb sollte die Einnahme von Medikamenten immer mit den behandelnden Expertinnen und Experten abgeklärt werden.

Es ist bekannt, dass bestimmte Auslöser eine Migräne begünstigen können. Folgende Tipps können helfen, Migräneattacken vorzubeugen oder sie abzuschwächen:

  • Kurz vor und während der Periode auf Alkohol verzichten.
  • Auf einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus achten. Also möglichst zur selben Zeit ins Bett gehen und aufstehen. Auch ausreichend Schlaf ist wichtig.
  • Stress vermeiden. Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder Yoga können dabei helfen, mit Stress besser umzugehen.
  • Ausdauersportarten wie Radfahren, Joggen oder Schwimmen haben sich als wirksam bei der Vorbeugung von Migräne erwiesen.
  • Das Führen eines Kopfschmerzkalenders kann helfen, auslösende Faktoren zu erkennen und den Erfolg der eingesetzten Medikamente zu bewerten.

Vorbeugung von menstruationsassoziiertem Status migraenosus

Beim menstruationsassoziiertem Status migraenosus handelt es sich um ein vorhersehbares Ereignis, das damit gezielten vorbeugenden Maßnahmen zugänglich ist. Liegt keine Migräne mit Aura vor, kann versucht werden, den Hormonabfall, der diese Migräneattacke triggert, durch eine Hormongabe auszugleichen. Am einfachsten ist dies für Frauen, die sowieso eine hormonelle Kontrazeption mit einem Kombinationspräparat aus Östrogen und Gestagen durchführen. Anstatt die „Pille“ jeweils nach drei Wochen für sieben Tage zu pausieren, nimmt man sie als Langzyklus über 3 x 21 Tage oder 6 x 21 Tage durch. Dabei tritt die Regel und damit die menstruationsassoziierte Migräne damit nur noch alle drei bzw. sechs Monate auf. Ein alternatives Konzept ohne Einsatz von Hormonen sieht vor, ein langwirksames Triptan wie Naratriptan oder Frovatriptan oder das langwirksame Schmerzmittel Naproxen jeweils morgens und abends vorbeugend über eine Woche einzunehmen. Die Behandlung beginnt dabei zwei Tage vor erwartetem Auftreten des menstruationsassoziierten Status migraenosus.

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