Migräne und EMDR-Therapie: Ein umfassender Überblick

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Sie kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken. Die EMDR-Therapie (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist eine psychotherapeutische Methode, die ursprünglich zur Behandlung von Traumata entwickelt wurde. Inzwischen wird sie auch erfolgreich bei anderen psychischen Beschwerden eingesetzt, darunter auch bei Migräne. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung der EMDR-Therapie bei Migräne, ihre Wirkungsweise und den Ablauf einer typischen Behandlung.

Was ist Migräne?

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die von einer Vielzahl von Symptomen begleitet sein kann. Dazu gehören unter anderem:

  • Pulsierende, einseitige Kopfschmerzen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit
  • Sehstörungen (Aura)

Die Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass genetische Faktoren, neurologische Veränderungen und Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Psychische Faktoren wie Stress, Angst und Depressionen können Migräneanfälle auslösen oder verstärken.

EMDR-Therapie: Ursprung und Anwendungsbereiche

EMDR wurde in den 1980er Jahren von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro entwickelt. Ursprünglich wurde die Methode zur Behandlung von Traumata eingesetzt. Durch die bilaterale Stimulation, meist in Form von Augenbewegungen, soll die Verarbeitung traumatischer Erinnerungen erleichtert werden. Inzwischen hat sich EMDR als wirksame Methode auch bei anderen psychischen Beschwerden etabliert, wie beispielsweise Angststörungen, Depressionen und chronischen Schmerzen.

Die Grundlagen der EMDR-Therapie

Die EMDR-Therapie basiert auf der Annahme, dass traumatische Erfahrungen oder belastende Lebenserfahrungen im Gehirn "blockiert" sein können. Diese Blockaden können zu verschiedenen psychischen und körperlichen Symptomen führen. Durch die bilaterale Stimulation soll die natürliche Verarbeitungskapazität des Gehirns aktiviert und die Blockaden gelöst werden.

Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie

Die bilaterale Stimulation erfolgt in der Regel durch Augenbewegungen, bei denen der Patient den Finger des Therapeuten horizontal verfolgt. Es können aber auch andere Formen der Stimulation eingesetzt werden, wie beispielsweise taktile Stimulation (z.B. Tippen auf die Hände) oder auditive Stimulation (z.B. abwechselnde Töne über Kopfhörer).

EMDR bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen sind oft mit einer hohen emotionalen Belastung verbunden. EMDR kann helfen, die emotionalen Aspekte des Schmerzes zu verarbeiten und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Das von den Autoren Jonas Tesarz, Günter H. Seidler und Wolfgang Eich entwickelte Konzept bietet eine niederschwellige Therapieform für alle Arten chronischer Schmerzsyndrome. Das stark anwendungsorientierte Manual erläutert die Grundlagen der EMDR-basierten Schmerztherapie und zeigt anhand ausführlicher Fallbeispiele, wie Therapeuten effizient und sicher vorgehen können. Es stellt eine wertvolle Ergänzung zur alltäglichen Praxis in der Schmerzpsychotherapie dar.

EMDR-Therapie bei Migräne: Ein vielversprechender Ansatz

Die Anwendung von EMDR bei Migräne basiert auf der Erkenntnis, dass psychische Faktoren eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Migräne spielen können. Belastende Lebenserfahrungen, Stress, Angst und Depressionen können Migräneanfälle auslösen oder verstärken. Durch die Verarbeitung dieser psychischen Belastungen mit EMDR können die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen reduziert werden.

IEMDR: Ein spezielles Protokoll für Kopfschmerzen

Steven Marcus, ein Kliniker und Forscher, der seit 1992 mit EMDR arbeitet, hat ein spezielles Protokoll für die Behandlung von Kopfschmerzen entwickelt: IEMDR (Integrative EMDR). IEMDR besteht aus zwei Phasen:

  • Phase 1: Eine Kombination von Atemtechnik, bilateralen Augenbewegungen und Kompression des Kopfes wird eingesetzt, um die Schmerzen schnell zu reduzieren.
  • Phase 2: Direkt am Schmerzgedächtnis wird gearbeitet, um den Lernprozess, auf immer leichtere Reize mit Schmerzen zu reagieren, umzukehren.

In einer Studie (2008) konnte Marcus nachweisen, dass IEMDR die Schmerzen schneller reduzierte als dies durch die Behandlung mit Schmerzmitteln und sogar Triptanen geschah.

Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne

Migränemeister: Epigenetik und EMDR

Migränemeister ist ein innovatives Programm, das epigenetische Ansätze mit EMDR kombiniert, um die Ursachen von Migräne zu verstehen und zu beeinflussen.

Ablauf einer EMDR-Therapie bei Migräne

Eine typische EMDR-Behandlung verläuft in mehreren Phasen:

1. Anamnese und Behandlungsplanung:

  • Zu Beginn der Therapie steht eine ausführliche Anamnese. Der Therapeut erfragt die Krankheitsgeschichte des Patienten, seine aktuellen Beschwerden und seine bisherigen Behandlungserfahrungen.
  • Gemeinsam mit dem Patienten wird ein Behandlungsplan erstellt. Darin werden die Ziele der Therapie festgelegt und die Vorgehensweise besprochen.

2. Vorbereitung des Patienten:

  • Der Patient wird über den Behandlungsplan und die Methode aufgeklärt.
  • Um den Patienten zu stabilisieren, wendet der Therapeut gegebenenfalls vorher Entspannungs- oder imaginative Verfahren an.
  • Je nach Bedarf werden dem Patienten auch Medikamente von einem Arzt verabreicht.

3. Bewertung der Erinnerung:

  • In dieser Phase geht es darum, die besonders belastenden Erinnerungen durch Sinnesreize, Gemütserregungen und auch kognitiv schrittweise so anzusprechen, dass der Klient sie in das gesamte traumatische Geschehen integrieren kann.
  • Das bedeutet, dass der Klient einen vollständigeren Zugang zu seiner Erinnerung bekommt und sie auch gedanklich in sein Gesamterleben einordnen lernt.

4. Reprozessieren:

  • In dieser Phase verarbeitet der Klient seine Traumaerinnerungen neu. Dazu erinnert er sich an bestimmte markante Bilder, an sinnliche Eindrücke und negative Gedankenmuster, die im Zusammenhang mit dem schrecklichen Ereignis stehen.
  • Während sich der Klient auf seine Erinnerungen fokussiert, wird er gleichzeitig vom Therapeuten durch Sinnesreize angeregt.
  • Der Patient erlebt bereits durch die schnelle assoziative Folge wechselnder sinnlicher Eindrücke, Affekte und Gedanken eine stufenweise Entlastung - auch wenn zwischenzeitlich intensivere Affekte anklingen können.

5. Verankerung:

  • Nachdem die Belastung durch die Erinnerung ausreichend abgenommen hat, wird eine positive Kognition (Gedanke, Einstellung oder Meinung) in Erinnerung gerufen und überprüft.
  • Negative Empfindungen werden durch eine schnelle bilaterale Stimulation abgeschwächt, während positive Kognitionen durch eine langsame bilaterale Stimulation verstärkt werden.

6. Körper-Test:

  • Im anschließenden Körper-Test sucht man nach eventuell andauernden sinnlich wahrnehmbaren Erinnerungsfragmenten.
  • Beim Körpertest spricht der Klient seine positive Selbstüberzeugung aus und wandert währenddessen mit seiner Aufmerksamkeit langsam von oben nach unten durch seinen Körper und schildert dem Therapeuten dabei die dabei auftretenden Körperempfindungen.

7. Abschluss:

  • Abschließend wird besprochen, welche Wirkung diese Erfahrung auf den Patienten hatte.
  • Der Therapeut vereinbart mit dem Klienten Interventionsregeln für die Zeit zwischen den Sitzungen.

8. Nachbefragung:

  • Diese letzte Phase findet am Beginn der nächsten Stunde statt.
  • Ausgelöst von der vorherigen EMDR-Sitzung erlebt der Patient zwischen den Sitzungen meist Erinnerungssplitter oder Träume, die zu Beginn der nächsten Sitzung erneut bearbeitet werden, bevor der Therapeut einen Schritt weitergeht.

Dauer und Ablauf einer Sitzung

Während einer Sitzung leitet der EMDR-Therapeut in der Regel mehrere Sequenzen der Augenbewegungen an, die eine halbe bis eine Minute dauern. In der Therapiesitzung werden belastende Erfahrungen bzw. Empfindungen verarbeitet und individuelle positive Gedanken ausgearbeitet. Während der Behandlung gibt der Patient das Feedback über seine Erfahrungen, an dem sich der Therapeut orientiert. Die Patienten wirken so aktiv beim Therapieverlauf mit und bestimmen so über das Tempo und die Dauer der einzelnen Sitzungen mit. Am Ende der EMDR-Therapiesitzung prüft der Therapeut, ob der Patient die Sitzung mit einem guten Körpergefühl beenden kann und bespricht die in der Behandlung gemachte Erfahrung nach. Eine Therapiesitzung kann bis zu 90 Minuten dauern und wird vom Patienten oftmals als anstrengend und gleichzeitig befreiend empfunden. Zu Beginn der folgenden Sitzung fragt der Therapeut nach Veränderungen seit der letzten Stunde. Angeknüpft daran und an die vorherige Therapiestunde wird der Ablauf der darauffolgenden Stunde gemeinsam mit dem Patienten festgelegt. Mit durchschnittlich 3-5 Therapiesitzungen können Sie mit dem Therapeuten aktiv an den belastenden Situationen arbeiten. Sie können dadurch neue Freiräume in Ihrem Leben schaffen, um eine höhere Lebensqualität zu erreichen.

Weitere Therapieansätze bei Migräne

Neben der EMDR-Therapie gibt es noch weitere Therapieansätze, die bei Migräne eingesetzt werden können:

  • Medikamentöse Therapie: Akutmedikamente (z.B. Triptane) zur Behandlung von Migräneanfällen und Prophylaktika zur Vorbeugung von Anfällen.
  • Entspannungsverfahren: Autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga. Autogenes Training ist eine bewährte Methode zur tiefen Entspannung und Stressbewältigung. Durch das Erlernen bestimmter Konzentrationstechniken können Sie Ihren Körper und Geist in einen Zustand der Ruhe versetzen, der die Schmerzwahrnehmung reduziert. Das autogene Training hilft auch dabei, die Muskulatur zu entspannen und Stress abzubauen, was bei der Linderung von muskulären Schmerzen und Verspannungen hilfreich sein kann.
  • Verhaltenstherapie: Erlernen von Strategien zur Stressbewältigung und zur Veränderung von Verhaltensweisen, die Migräneanfälle auslösen können.
  • Osteopressur: Kann gezielt eingesetzt werden, um die Spannung im Kopf- und Nackenbereich zu lösen, was oft mit Migräne verbunden ist.
  • Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR): Kann helfen, Stress abzubauen und die Schmerzwahrnehmung zu reduzieren.

Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?

tags: #migrane #emdr #artikel