Migräne: Genetische Ursachen und Veranlagung

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, oft pulsierende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen treten meist einseitig auf und werden oft von weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet. Die Ursachen für Migräne sind vielfältig, wobei genetische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut (Dura) und der jeweiligen Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Sie ist mehr als nur Kopfschmerz; es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die Millionen von Menschen betrifft. Charakteristisch sind nicht nur starke, einseitige Kopfschmerzen, sondern auch Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und neurologische Ausfälle.

Symptome und Formen

Die Symptome einer Migräne können variieren, aber typische Anzeichen sind:

  • Mäßige bis starke, einseitige Kopfschmerzen
  • Pulsierender, pochender oder hämmernder Schmerz, der sich bei körperlicher Aktivität verstärkt
  • Hohe Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Gerüchen
  • Schwindel und Sehen von Lichtblitzen

Man unterscheidet verschiedene Migräneformen, darunter:

  • Migräne ohne Aura (einfache Migräne): Die häufigste Form, gekennzeichnet durch Kopfschmerzen und Begleitsymptome.
  • Migräne mit Aura (klassische Migräne): Hier treten zusätzlich neurologische Defizite wie Sehstörungen auf.
  • Komplizierte Migräne (Migraine accompagnée): Diese Form ist durch lange neurologische Störungen gekennzeichnet.
  • Okulare Migräne: Eine Form, die Sehstörungen wie Flimmern oder Lichtblitze verursacht, oft ohne Kopfschmerzen.
  • Menstruelle Migräne: Migräne, die in direktem Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus steht.
  • Abdominelle Migräne: Tritt hauptsächlich bei Kindern auf und ist durch Bauchschmerzen und Übelkeit gekennzeichnet.
  • Hemiplegische Migräne: Eine seltene Form, die vorübergehende Lähmungen auf einer Körperseite verursachen kann.
  • Migräne mit Hirnstammaura: Symptome wie Schwindel, Sprachstörungen und Bewusstseinsveränderungen treten auf.
  • Vestibuläre Migräne: Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind die Hauptsymptome.

Genetische Grundlagen der Migräne

Die Wissenschaft vermutet, dass bei häufigen Migräneattacken genetische Faktoren eine Rolle spielen. Neueste medizinische Untersuchungen weisen zusätzlich darauf hin, dass ein Ungleichgewicht von neuronalen Botenstoffen im Gehirn ein Auslöser für Migräne sein könnte.

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Vererbung von Migräne

Migräne hat eine starke genetische Komponente. Studien zeigen, dass bestimmte Gene die neuronale Erregbarkeit beeinflussen und somit die Migräneanfälligkeit erhöhen. Wenn ein oder beide Elternteile an Migräne leiden, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch die Kinder betroffen sind. Allerdings bedeutet eine genetische Veranlagung nicht zwangsläufig, dass man Migräne entwickeln wird.

Arten genetischer Faktoren

Wissenschaftler unterscheiden zwei Hauptkategorien genetischer Faktoren:

  • Seltene, monogenetische Formen: In seltenen Fällen wird Migräne durch eine Mutation in einem einzelnen Gen ausgelöst, wie bei der familiären hemiplegischen Migräne (FHM). Mutationen in Genen wie CACNA1A, ATP1A2 und SCN1A wurden identifiziert. Diese Gene sind entscheidend für die Funktion von Ionenkanälen in Nervenzellen, die eine wesentliche Rolle bei der Signalübertragung im Gehirn spielen.
    • CACNA1A: Dieses Gen kodiert für einen Bestandteil eines Kalziumkanals, der für die Freisetzung von Neurotransmittern verantwortlich ist. Mutationen führen zu einer erhöhten Kalziumaufnahme in Nervenzellen, was die neuronale Erregbarkeit verändert.
    • ATP1A2: Es ist verantwortlich für die Natrium-Kalium-Pumpe, die den Ionengradienten in Nervenzellen aufrechterhält. Mutationen in diesem Gen beeinträchtigen die Fähigkeit der Zellen, das Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Signalen zu regulieren.
    • SCN1A: Dieses Gen kodiert einen Natriumkanal, der für die Erzeugung von Aktionspotenzialen in Neuronen zuständig ist. Mutationen in SCN1A beeinflussen die Erregbarkeit von Nervenzellen und erhöhen so die Anfälligkeit für Migräneanfälle.
  • Häufigere, polygenetische Formen: Die Mehrheit der Migränefälle ist polygenetisch bedingt. Dies bedeutet, dass nicht ein einzelnes Gen verantwortlich ist, sondern eine Kombination verschiedener Gene das Risiko für Migräne erhöht. Eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) aus dem Jahr 2022 identifizierte 123 Genloci, die mit dem Migräne-Risiko in Verbindung stehen - 86 davon waren bisher unbekannt.

Aktuelle Forschungsergebnisse

In den letzten Jahren hat die Genforschung große Fortschritte gemacht, um zu entschlüsseln, welche genetischen Faktoren zur Entstehung der Migräne beitragen.

  • Chromosom 8: Im Jahr 2010 entdeckte ein internationales Forscherteam eine Genvariante (rs1835740) auf Chromosom 8, die an der Entstehung von Migräne beteiligt ist. Diese Genvariante verhindert, dass Glutamat, ein essenzieller Nervenbotenstoff, ausreichend abgebaut wird, was zu einer Ansammlung von Glutamat im Gehirn führt.
  • Weitere genetische Faktoren: Bis 2012 waren bereits sieben genetische Faktoren bekannt, die mit Migräne in Verbindung stehen.
  • Vier neue Gene: Im Jahr 2013 entdeckte ein internationales Forscherkonsortium fünf neue Genregionen, die für die Entstehung von Migräne mitverantwortlich gemacht werden. Die Studie öffnet neue Türen für das Verständnis der Ursachen und biologischen Auslöser von Migräneattacken.
  • Genomweite Meta-Analyse: Eine Meta-Analyse von 375.000 Personen identifizierte 38 Anfälligkeitsloci für Migräne.

Bedeutung der genetischen Entdeckungen

Die Entdeckungen in der Forschung zu Migräne und Genetik werfen ein neues Licht auf die Ursachen und Mechanismen der Migräne. Sie bieten wertvolle Einblicke, die nicht nur unser Verständnis der Krankheit erweitern, sondern auch neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen können.

  • Einblick in die Mechanismen: Viele der identifizierten Gene beeinflussen wichtige Funktionen im Gehirn, insbesondere in Bezug auf Nervenzellen, Blutgefäße und Entzündungsprozesse. Mutationen in diesen Genen können die neuronale Erregbarkeit und die Verarbeitung von Schmerzsignalen stören, was eine Migräne auslösen kann.
  • Unterschiede bei Migräneformen: Die genetischen Unterschiede zwischen Migräne mit Aura und Migräne ohne Aura sind entscheidend für die Vielfalt der Symptome und Auslöser. Das Verständnis dieser genetischen Unterschiede könnte es in Zukunft ermöglichen, Subtypen-spezifische Therapien zu entwickeln, die gezielt auf die Ursachen der jeweiligen Migräneform eingehen.
  • Verbindungen zu anderen Erkrankungen: Einige der entdeckten Migräne-Gene stehen nicht nur mit Migräne in Verbindung, sondern auch mit anderen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und sogar Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • Neue Therapieansätze: Das tiefere Verständnis der genetischen Grundlagen von Migräne bietet neue Therapieansätze. Durch die Identifizierung spezifischer Genregionen und Zielstrukturen können maßgeschneiderte Therapien entwickelt werden, die auf das individuelle genetische Profil eines Patienten abgestimmt sind.

Migräne-Auslöser und Triggerfaktoren

Bestimmte innere und äußere Faktoren, so genannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Jeder Migräne-Patient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs/Kalenders seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln.

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Häufige Triggerfaktoren

  • Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus: Zu viel oder zu wenig Schlaf.
  • Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf: Unterzuckerung/Hungerzustand durch Auslassen von Mahlzeiten.
  • Hormonveränderungen: Während des Zyklus, aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Anti-Baby-Pille).
  • Stress: Körperliche oder seelische Belastungen, wobei Migräne oft in der Entspannungsphase danach auftritt.
  • Äußere Reize: (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche.
  • Wetter- und Höhenveränderungen: Föhn, Kälte etc.
  • Starke Emotionen: Ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst.
  • Bestimmte Nahrungsmittel: Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (Rotwein!).

Migräne-Auslöser: Psyche

Neben einer genetischen Disposition sind vor allem Stress und psychischer Druck die Hauptursache für Migräne. Kreisende Gedanken, Sorgen oder Ängste überfordern Körper und Geist und zeigen sich in Form von Anspannung und Kopfschmerz. In diesem Sinne ist das Auftreten von Migräne ein klares Warnsignal des Körpers mehr auf Ihre Bedürfnisse zu achten.

Migräne-Auslöser: Ernährung

Auch Ernährungsgewohnheiten und Veränderungen davon, können Migräneattacken auslösen. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Unregelmäßige Nahrungsaufnahme
  • Alkoholkonsum, insbesondere Rotwein
  • Kaffee
  • Lebensmittelzusätze
  • Diverse Nahrungsmittel wie z. B. Käse, Schokolade, Nüsse sowie Gewürze
  • Zu wenig Wasser

Was hilft bei Migräne?

Auch wenn Migräne eine nicht heilbare Krankheit ist, lässt sie sich mit Medikamenten gut behandeln. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Medikamenten für akute Migräne und zur Rückfallprophylaxe. Für eine erfolgreiche Medikation muss die Therapie zu Beginn der Migräne angewandt werden.

Medikamentöse Behandlung

  • Bei Übelkeit und Erbrechen: Antiemetika
  • Bei Schmerzen: Analgetika, Triptane oder Cortison

Triptane und Ergotamine sollten bei mittelschweren Migräneanfällen oder Migraine accompagnée eingesetzt werden - allerdings nicht zusammen oder kurz hintereinander. Patientinnen und Patienten können anhand eines Anfallstagebuchs Schlüsse ziehen, wodurch ihre Migräne entsteht.

Nicht-medikamentöse Behandlung

  • Psychotherapeutische Verfahren, bei denen Betroffene lernen, mit ihrer Migräne besser umgehen zu können
  • Verhaltenstherapie
  • Ausdauersport
  • Akupunktur

Vorbeugung

Um auf natürliche Weise einer Migräne vorzubeugen, sollten Betroffene die Ursachen für die anfallsartigen, migränösen Kopfschmerzen kennen und diese möglichst vermeiden. Hilfreich ist daher ein regelmäßiger Schlafrhythmus, die Einhaltung fester Mahlzeiten sowie das Meiden von lauten Geräuschen oder hellem Licht.

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  • Regelmäßige Mahlzeiten und stabiler Blutzuckerspiegel: Studien deuten darauf hin, dass regelmäßige Mahlzeiten und ein stabiler Blutzuckerspiegel dazu beitragen können, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Schlaf: Achte auf deinen Schlafrhythmus: Versuche, jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen.
  • Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder autogenes Training können helfen.
  • Ernährung: Ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf stark verarbeitete Lebensmittel können deinen Blutzuckerspiegel stabil halten.
  • Kopfschmerztagebuch: Schreibe deine Attacken, mögliche Auslöser (z. B. Stress, bestimmte Lebensmittel, Wetteränderungen) und alles andere auf, was dir auffällt.

Digitale Unterstützung

Die sinCephalea App hilft dir dabei, deine Attacken zu dokumentieren, Auslöser zu identifizieren und deinen Lebensstil anzupassen, um Migräneattacken vorzubeugen.

Leben mit Migräne: Was bedeutet das für mich?

Migräne hat tatsächlich eine erbliche Komponente. Wenn ein oder beide Elternteile an Migräne leiden, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch die Kinder betroffen sind. Allerdings ist es wichtig zu betonen: Eine genetische Veranlagung bedeutet nicht, dass man zwangsläufig Migräne entwickeln wird. Selbst mit einer genetischen Prädisposition gibt es viele Faktoren, die du selbst beeinflussen kannst, um deine Migräne zu managen.

Umgang mit der Vererbung

Die Vererbung von Migräne bedeutet nicht, dass man hilflos ist. Es gibt viele evidenzbasierte Strategien zur Migräneprävention:

  • Führe ein Kopfschmerztagebuch: Schreibe deine Attacken, mögliche Auslöser (z. B. Stress, bestimmte Lebensmittel, Wetteränderungen) und alles andere auf, was dir auffällt.
  • Achte auf deinen Schlafrhythmus: Versuche, jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen.
  • Lerne, mit Stress umzugehen: Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder autogenes Training können helfen.
  • Ernähre dich ausgewogen: Regelmäßige Mahlzeiten und der Verzicht auf stark verarbeitete Lebensmittel können deinen Blutzuckerspiegel stabil halten.
  • Hol dir digitale Unterstützung: Die sinCephalea App hilft dir dabei, deine Attacken zu dokumentieren, Auslöser zu identifizieren und deinen Lebensstil anzupassen, um Migräneattacken vorzubeugen.

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