Migräne und Cannabis: Ursachen, Behandlung und Forschungslage

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Millionen Menschen in Deutschland leiden unter wiederkehrenden, oft unerträglichen Attacken, die mit Symptomen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Sehstörungen einhergehen. Klassische Medikamente helfen nicht immer - oder sind mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden. In den letzten Jahren hat sich medizinisches Cannabis als eine mögliche alternative oder ergänzende Behandlungsoption herauskristallisiert. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Migräne, die potenziellen Auswirkungen von Cannabis auf diese Erkrankung und den aktuellen Stand der Forschung.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Weitere Symptome sind Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie Sehstörungen. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, jedoch spielen genetische Faktoren, hormonelle Schwankungen und Umweltreize eine Rolle.

Die Rolle des Endocannabinoid-Systems

Die Wirkung von Cannabis bei Migräne beruht auf der Interaktion seiner Wirkstoffe - insbesondere THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) - mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System. Das Endocannabinoid-System besteht aus Rezeptoren (CB1 und CB2), die überall im Körper verteilt sind. Es reguliert verschiedene physiologische Prozesse. THC besitzt Eigenschaften, die in Zusammenhang mit Entspannung und Appetitregulierung stehen, während CBD entzündungshemmende und ausgleichende Eigenschaften zugeschrieben werden. Das Endocannabinoid-System scheint mit der Schmerzwahrnehmung im Gehirn zusammenzuhängen, auch bei Migräne-Attacken.

Cannabis als Medikament: Ein Überblick

Cannabis steht für Patienten seit Anfang März im Rahmen einer legalen Abgabe in öffentlichen Apotheken, in gleichbleibender Qualität und für bestimmte medizinische Indikationen nach ärztlicher Verordnung zur Verfügung. Aus einem illegalen Rauschmittel wurde ein legales Arzneimittel! Medizinisches Cannabis bezeichnet standardisierte Arzneimittel auf Cannabisbasis, die aus der Cannabispflanze gewonnen und unter kontrollierten Bedingungen angebaut werden. Cannabis kann inhaliert (z. B. durch Verdampfen) oder oral eingenommen werden (z. B. als Öl, Tropfen oder Kapseln).

Wirkstoffe und ihre Effekte

Cannabis wirkt antiphlogistisch, antiemetisch, muskelrelaxierend, sedierend, appetitanregend, analgetisch und antidepressiv. Bisher wurde in Deutschland der Wirkstoff THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) eingesetzt. Verfügbar ist zudem CBD (Cannabidiol). CBD hebt die psychoaktive Wirkung des THC auf, daher sollte medizinisches Cannabis THC und CBD in einem ausgeglichenen Verhältnis enthalten. Das Fertigspray Sativex enthält je 50 % THC und CBD.

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Darreichungsformen und Anwendung

Cannabis steht in verschiedenen Darreichungsformen zur Verfügung:

  • Inhalation (Verdampfen): Wirkt schnell - bereits nach wenigen Minuten.
  • Öle und Tinkturen: Wirken verzögert (15-30 Minuten), dafür länger.

Die Dosierung sollte individuell angepasst und unter ärztlicher Begleitung langsam gesteigert werden.

Rechtliche Rahmenbedingungen in Deutschland

Seit 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland verschreibungsfähig. In der Regel ist eine Genehmigung der Krankenkasse notwendig, wenn die Kosten übernommen werden sollen. Seit dem 1. April ist zusätzlich der private Eigenanbau unter bestimmten Auflagen erlaubt: Erwachsene ab 18 Jahren dürfen bis zu drei Pflanzen zum Eigenbedarf anbauen. Dabei muss der Anbau so erfolgen, dass kein Zugriff durch Kinder oder Dritte möglich ist.

Forschungsergebnisse und Studien

Eine wachsende Zahl an Studien untersucht den Zusammenhang zwischen medizinischem Cannabis und Migränesymptomen.

Positive Ergebnisse

  • Eine Studie der University of Colorado fand heraus, dass 85 % der befragten Personen angaben, eine subjektive Reduktion ihrer Migräneattacken zu erleben.
  • Eine andere Untersuchung aus Israel (2020) deutete darauf hin, dass Migränepatienten mit Cannabis eine verbesserte Lebensqualität berichteten.
  • Eine randomisierte Studie zeigte, dass die Inhalation von THC und CBD die Dauer von Migräneattacken verkürzen kann. Nach zwei Stunden war ein gewisser Anteil der Betroffenen in allen Gruppen schmerzfrei:
    • 34,5 Prozent in der THC/CBD-Gruppe
    • 27,9 Prozent in der reinen THC-Gruppe
    • 22,8 Prozent in der reinen CBD-Gruppe
    • 15,5 Prozent in der Placebogruppe
  • Bei 67,2 Prozent der Betroffenen aus der THC/CBD-Gruppe hatten sich die Schmerzen nach zwei Stunden zumindest reduziert, in der Placebogruppe war das nur bei 46,6 Prozent der Teilnehmenden der Fall.
  • Auch andere unangenehme Migränesymptome wie Licht- und Geräuschempfindlichkeit konnten durch die Cannabistherapie gelindert werden.
  • Eine Studie analysierte Daten der medizinischen App „Strainprint“ und extrahierte über 12 000 Einträge von Kopfschmerzpatienten sowie 7441 Anwendungen von Betroffenen mit Migräne. Cannabis verbesserte bei neun von zehn Kopfschmerzpatienten die Symptome. Mit rund 88 % lag die Quote von Migränikern nur knapp darunter. Die Schwere wurde von den Teilnehmern nach Gebrauch als deutlich geringer gewertet.

Negative Ergebnisse und Einschränkungen

  • Eine Studie der Stanford University School of Medicine untersuchte 368 Personen, die seit mindestens einem Jahr unter chronischer Migräne litten. Im Ergebnis war das Risiko, an regelmäßigen Kopfschmerzen zu leiden, bei den Cannabiskonsumenten sechs Mal höher als bei denen, die darauf verzichteten.
  • Es gibt einzelne Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis, nach denen sich die Symptome verschlimmern. Als Ursache gilt in erster Linie eine zu hohe Dosierung über einen zu langen Zeitraum.
  • Mit der Zeit scheinen sich die Probanden allerdings an den Konsum zu gewöhnen, zumindest an die Wirkung von Cannabisblüten: Sie benötigten zunehmend höhere Dosen, um die Beschwerden zu lindern.

Mögliche Nebenwirkungen

Mögliche Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Müdigkeit, Schwindel oder bei hohen THC-Dosen auch psychische Effekte. Typische Nebeneffekte von Hanfkonsum wie Euphorie oder kognitive Veränderungen können auftreten.

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Kontraindikationen

Kontraindikationen sind Psychosen, affektive Störungen, Angststörung, Kindes- und Jugendalter, da irreversible kognitive Folgeschäden zu erwarten sind.

Cannabis vs. Klassische Medikamente

Typische Migränemittel wie Triptane oder Betablocker zielen auf andere biochemische Prozesse ab als Cannabis. Während Triptane akut eingesetzt werden, setzen viele Betroffene Cannabispräparate eher präventiv oder ergänzend ein. Im Vergleich zu klassischen Medikamenten können bei medizinischem Cannabis Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Mundtrockenheit auftreten.

Spezielle Patientengruppen

Frauen reagieren möglicherweise empfindlicher auf die schmerzlindernde Wirkung von Cannabinoiden als Männer.

Verfügbare Cannabisprodukte

Auf dem Markt gibt es verschiedene Arten von Cannabisprodukten: Blüten, Öle, Vollspektrumextrakte, Isolate und mehr. Vollspektrumprodukte enthalten neben THC und CBD auch Terpene und sekundäre Pflanzenstoffe, die in einem sogenannten Entourage-Effekt zusammenwirken. Reine Isolate hingegen enthalten ausschließlich isoliertes CBD oder THC.

Kostenübernahme durch Krankenkassen

Versicherte mit schwerwiegenden Erkrankungen haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis, wenn es keine alternative Therapie gibt, die etablierten Maßnahmen nicht wirken oder nicht ausreichen und wenn eine Aussicht auf Besserung durch diese Therapie besteht. Die erste Verordnung muss von der Krankenkasse genehmigt werden. Dazu ist ein begründeter Antrag des Arztes erforderlich. Der Arzt ist verpflichtet, Daten für eine Begleiterhebung zu erheben. Die gesetzlichen Krankenkassen können nach begründetem Antrag des behandelnden Arztes die Therapie erstatten. Die Entscheidung, ob ein Patient mit Cannabis behandelt werden muss, liegt beim behandelnden, bzw. verschreibendem Arzt. Die Erstattung muss jedoch von der Krankenkasse genehmigt werden.

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Wichtige Hinweise

  • Individuelle Anpassung: Die Dosierung sollte individuell angepasst und unter ärztlicher Begleitung langsam gesteigert werden.
  • Ärztliche Beratung: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung, sondern dient der Information. Besprich mit deinem Arzt, ob medizinisches Cannabis für deine Migräne eine Behandlungsoption ist.
  • Wechselwirkungen: Ja, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten, die über die Leber abgebaut werden.

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