Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Problem bei Kindern und Jugendlichen. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leidet an Kopfschmerzen, wobei etwa zehn Prozent von Migräne betroffen sind. Experten sehen den übermäßigen Medienkonsum und mangelnde Bewegung als Hauptursachen für diese Zunahme. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an Migräne erkrankt, hat sich zwischen den 1970er Jahren und den frühen 2000er Jahren versechsfacht, und neurologische Störungen haben sich verachtfacht.
Zunehmende Häufigkeit von Kopfschmerzen bei Kindern
Kopfschmerzen sind einer der häufigsten Gründe für Arztbesuche bei Kindern und Jugendlichen. Die veränderten Freizeitaktivitäten, insbesondere der übermäßige Medienkonsum, tragen wesentlich zu diesem Problem bei. Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit vor Handys, Fernsehern, Computern, Tablets und Spielkonsolen. Eine aktuelle Studie der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt, dass mehr als ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland soziale Medien riskant oder krankhaft nutzt. Im internationalen Vergleich gehört Deutschland zu den Spitzenreitern beim Medienkonsum. Nach einer Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verbringen 15-Jährige in Deutschland durchschnittlich 48 Stunden pro Woche vor dem Bildschirm, was fast sieben Stunden pro Tag entspricht.
Faktoren, die Kopfschmerzen bei Kindern beeinflussen
Medienkonsum und Bewegungsmangel
Privatdozentin Dr. Petra Bittigau von der Charité - Universitätsmedizin Berlin betont, dass viele Jugendliche, die ihre Kopfschmerz-Sprechstunde besuchen, täglich fünf bis sieben Stunden vor einem Bildschirm verbringen. Gleichzeitig beobachtet sie, dass Bewegung bei Kindern und Jugendlichen in den Hintergrund tritt. Es fehlt ihnen an „gepflegter Langeweile“, Zeit zum Spielen, Faulenzen, Malen oder für Aktivitäten in der Natur. Studien belegen, dass die Zunahme von Kopfschmerzen eng mit Bewegungsmangel verbunden ist.
Alter und Pubertät
Bei den meisten Kindern beginnen die Kopfschmerzen im Alter von etwa zehn Jahren, also nach den ersten ein bis drei Schuljahren. Teenager sind zwischen 13 und 16 Jahren betroffen, wenn die Pubertät voll im Gange ist. Etwa die Hälfte der betroffenen Kinder leidet auch als Erwachsene noch an Kopfschmerzen.
Körperhaltung
Das stundenlange Betrachten von Bildschirmen mit vorgebeugtem Körper und starrer Kopfhaltung kann eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Kopfschmerzen spielen.
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Arten von Kopfschmerzen bei Kindern
Kopfschmerzen werden in zwei Hauptgruppen eingeteilt: primäre und sekundäre Kopfschmerzen.
Primäre Kopfschmerzen
Primäre Kopfschmerzen treten auf, wenn keine andere Erkrankung zugrunde liegt. Dazu gehören Migräne, Spannungskopfschmerzen und Clusterkopfschmerzen.
- Spannungskopfschmerzen: Diese werden meist als ein enger, festgezurrter Ring um den Kopf wahrgenommen.
- Migräne: Bei Erwachsenen ist Migräne oft einseitig, während sie bei Kindern häufig beidseitig am Kopf gespürt wird. Sie tritt anfallsartig auf und kann mehrere Stunden dauern. Betroffene Kinder sind oft blass, ihnen ist übel und sie müssen sich erbrechen. Helles Licht und laute Geräusche können die Migräne verschlimmern.
Im Kindesalter treten häufig Mischformen von Spannungskopfschmerzen und Migräne auf.
Sekundäre Kopfschmerzen
Sekundäre Kopfschmerzen sind die Folge von Kopfverletzungen, Schädigungen von Gesichtsnerven oder der Halswirbelsäule, Gehirntumoren, Erkrankungen der Sinnesorgane, der Nasennebenhöhlen oder viralen Infektionen. Sie spielen eine untergeordnete Rolle und liegen nur bei etwa 2 Prozent der Kinder vor. Ebenso gehört der sogenannte Schmerzmittel-Kopfschmerz zu den sekundären Formen. Diesen Arzneimittel-induzierten Schmerz entwickeln auch Kinder und Jugendliche, wenn sie zu häufig Analgetika oder Migränemittel einnehmen.
Migräne: Ursachen und Auslöser
Neurologische Aspekte
Migräne entsteht, wenn Nervenzellen im Gehirn ungewöhnlich empfindlich auf bestimmte innere und äußere Reize reagieren. Dies kann zu einer sogenannten Aura führen, bei der bereits vor Beginn der Kopfschmerzen bestimmte Anzeichen auftreten. Die Kopfschmerzen selbst entstehen, wenn der Trigeminusnerv, ein weit verzweigter Hirnnerv, stimuliert wird. Dies führt zur Freisetzung von Substanzen, die eine schmerzhafte Entzündung der Blutgefäße im Gehirn und der bindegewebigen Hirnhäute verursachen.
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Genetische Faktoren
Bei der Migräne spielt die Vererbung eine Rolle. Kinder von Migränepatienten haben ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Migräne zu entwickeln. Es wird vermutet, dass nicht ein einzelnes „Kopfschmerz-Gen“ vererbt wird, sondern eher eine genetische Veranlagung für eine Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Reizen, sogenannten Triggern.
Mögliche Auslöser (Trigger)
Um möglichen Auslösern auf die Schliche zu kommen, ist ein Migräne-Tagebuch empfehlenswert.
- Ernährung: Ein plötzlicher Wechsel in der Ernährung und im Essverhalten ist zu vermeiden.
- Umwelt: Äußere Faktoren wie hohe Luftfeuchtigkeit, große Hitze, plötzliche Wetterveränderungen, schlechte Luftverhältnisse, starke Gerüche, veränderte Lichtverhältnisse oder Lärm können körperlichen Stress verursachen.
- Sport: Exzessive Sportaktivitäten können ebenfalls Migräneanfälle auslösen.
- Digitale Medien und TV: Häufiges Fernsehen, Computerspiele und ein hoher Medienkonsum können Migräneanfälle auslösen.
- Licht: Ständig wechselnde Lichtverhältnisse sollten vermieden werden.
Diagnose und Behandlung
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Treten Kopfschmerzen nur milde und vereinzelt auf, reichen häufig Ruhe, Zuwendung und mehr Trinken aus, um den Kopf zu entspannen. Brechen die Kopfschmerzen jedoch erstmalig, plötzlich und stark aus, sollten Eltern mit ihrem Kind den Kinder- oder Hausarzt aufsuchen, um eine organische Ursache auszuschließen. Ratsam ist auch der Besuch einer Augenarztpraxis, um die Augen untersuchen zu lassen, da eine Sehschwäche und überanstrengte Augenmuskeln Kopfschmerzen verursachen können.
Akutbehandlung
Bei der Behandlung von Migränen geht es zunächst darum, die Schmerzen akut zu beheben. Dr. Bittigau betont, dass ein Kind keinesfalls leiden sollte und eine ausreichende Dosis benötigt, um die Schmerzen erfolgreich zu bekämpfen.
- Leichte bis mäßig starke Schmerzen: Hier hat sich der Wirkstoff Ibuprofen am besten bewährt. Paracetamol wird ebenfalls angewendet.
- Starke Schmerzen: In diesem Fall kann die Substanz Metamizol verabreicht werden.
Die Dosierung hängt vom Körpergewicht des Kindes ab. Als Faustregel gilt: Zehn Milligramm Wirkstoff pro Kilogramm Körpergewicht. Es ist wichtig, das Medikament rechtzeitig zu nehmen. Für Kinder ab einem Alter von 12 Jahren sind Triptane zugelassen, hochwirksame Substanzen, die nur bei Migräne eingesetzt werden. Sie verengen die Blutgefäße im Gehirn und hemmen die Freisetzung der Schmerzbotenstoffe. Triptane gibt es als Tabletten, Schmelztabletten, Zäpfchen und - für schwere Attacken - als schnell wirksame Nasensprays.
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Kinder sollten nicht aufgrund akuter Schmerzen den ganzen Tag zu Hause bleiben. Mit der frühzeitigen Einnahme kann entweder eine Attacke aufgehalten oder verkürzt werden, sodass das Kind später in die Schule gehen kann.
Medikamentenübergebrauch vermeiden
Wichtig ist, die Medikamente gegen Kopfschmerzen nicht länger als 15 Tage im Monat zu nehmen, da Schmerzmittel zu dauerhaften Kopfschmerzen führen können (Medication Overuse Headache, MOH).
Vorbeugende Maßnahmen
Leiden Kinder und Jugendliche an mehr als vier schweren Kopfschmerz-Attacken im Monat, können verschiedene Methoden helfen, einem Migräne-Anfall vorzubeugen oder die Beschwerden zu lindern.
- Medikamentöse Prophylaxe: Manchmal werden in niedriger Dosierung sogenannte Beta-Blocker als Off-Label-Use eingesetzt. Der antidepressiv wirkende Arzneistoff Amitriptylin wird ebenfalls vereinzelt und mit Erfolg zur Behandlung als Off-Label eingesetzt.
- Nicht-medikamentöse Verfahren: Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson, Yoga für Kinder, Selbstachtsamkeits-Training oder Schulungen im Umgang mit den Kopfschmerzen können helfen. In Online-Selbsthilfegruppen können sich die Betroffenen austauschen und gegenseitig unterstützen.
Verhaltensmedizinische Therapieansätze
Verhaltensmedizinische “Multikomponentenprogramme” stellen das Erlernen von Stress- und Schmerzbewältigung und das Reizverarbeitungstraining in den Mittelpunkt der Behandlung. Bei der progressiven Muskelrelaxation lernen die Kinder, die verschiedenen Muskeln ihres Körpers kennen, spannen sie sukzessiv für kurze Zeit an und entspannen sie dann wieder.
Ernährung
Es gibt Hinweise darauf, dass eine oligoantigene Ernährung bei Kindern zu einer Senkung der Migränefrequenz und -intensität führen kann. In jedem Fall muss individuell ausgetestet werden, welche Nahrungsbestandteile zu einer Verstärkung der Migräne führen können und inwieweit eine entsprechende Eliminationsdiät tatsächlich den gewünschten Erfolg hat.
Akupunktur
Für die Akupunktur liegen bislang für das Kindesalter nur unzureichend aussagefähige Studien vor, die allerdings auf eine prophylaktische Wirksamkeit hindeuten. Wie auch bei Erwachsenen kann keine abschließende Empfehlung für Akupunktur bei kindlicher Migräne gegeben werden, eine Wirksamkeit ist jedoch möglich.
Kopfschmerztagebuch
Voraussetzung für eine sinnvolle Therapie der Migräne ist das Führen eines geeigneten Kopfschmerzkalenders. Darin sollten die Symptomstärke und Begleitsymptome sowie deren Auslöser und Auswirkungen eingetragen werden. Kind und Eltern sollten die Kopfschmerzdauer, Schmerzstärke, Begleitsymptome und Medikation über einen Zeitraum von 4 bis 6 Wochen unabhängig voneinander dokumentieren.
Migräne-Vorstufen und -Äquivalente
Migräne bei Kindern beginnt nicht erst beim Symptom Kopfschmerzen. Auch Beschwerden wie Koliken im Säuglingsalter, kindliche Reisekrankheit, paroxysmaler Schwindel oder die sogenannte abdominelle Migräne, die sich nur mit Magen-Darm-Beschwerden äußert, zählen zum Formenkreis Migräne. Kinder mit diesen auch als Migräne-Vorstufe oder Migräne-Äquivalent bezeichneten Störungen weisen in der Symptomatik vorerst keine Kopfschmerzen auf.
Herausforderungen und Perspektiven
Die Therapie der Migräne bereitet im Alltag häufig Schwierigkeiten, obwohl inzwischen auch für Kinder Perspektiven einer pragmatischen Behandlung zur Verfügung stehen. In der Langzeitperspektive ist dabei zu berücksichtigen, dass die Migräne nach Erstmanifestation im Kindesalter bei ca. 50% der Patienten auch im Erwachsenenalter weiterbesteht. Familiäre Belastungen, unkontrollierte Selbstmedikation und Chronifizierung bedingen ein erhöhtes Risiko für Analgetikamißbrauch, medikamentös induzierte Dauerkopfschmerzen und Analgetika-bedingte Komplikationen wie z.B. Nierenversagen.
Die Bedeutung von Aufklärung und Prävention
Information, Wissen und verhaltensmedizinische Maßnahmen sind die wichtigsten Therapiesäulen. Die Kopfschmerztherapie bei Kindern soll sich nicht auf die Behandlung von Symptomen und kritischen Krankheitszuständen beschränken. Die Aktion Mütze - Kindheit ohne Kopfzerbrechen stellt siebten Klassen kostenfreie Unterrichtsmaterialien zur Kopfschmerzprävention zur Verfügung. Die Ergebnisse der begleitenden wissenschaftlichen Befragung belegen hohe Fallzahlen und eine unzureichende Versorgung der kopfschmerzbetroffenen Kinder und Jugendlichen.