Migräne und Magen-Darm-Beschwerden: Ein komplexer Zusammenhang

Migräne ist eine weltweit verbreitete neurologische Erkrankung, von der Millionen Menschen betroffen sind. Doch oft ist Migräne mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Magen-Darm-Beschwerden, was auf einen komplexen Zusammenhang zwischen Kopf und Bauch hindeutet. Aktuelle Studien mehren sich und liefern Hinweise auf Verbindungen zwischen Migräne und verschiedenen Magen-Darm-Erkrankungen.

Die Darm-Hirn-Achse: Eine bidirektionale Verbindung

Bisherige vorklinische Untersuchungen haben einen möglicherweise bidirektionalen Zusammenhang zwischen dem Nervensystem des Magen-Darm-Trakts und dem Gehirn gezeigt. Dieses System, bekannt als Darm-Hirn-Achse, spielt bei vielen Erkrankungen eine Rolle und ermöglicht eine ständige Kommunikation zwischen Kopf und Bauch.

Der Kopf steuert unser Verdauungssystem. Umgekehrt meldet das Verdauungssystem dem Gehirn, ob wir satt oder hungrig sind. Wenn Magen oder Darm Giftstoffe melden, löst das Gehirn Erbrechen oder Durchfall aus, um diese loszuwerden.

Statistische Zusammenhänge zwischen Migräne und Magen-Darm-Erkrankungen

Eine umfassende Auswertung von Daten von 781.115 Patienten mit Magen-Darm-Geschwüren, Dyspepsie, entzündlichen Darmerkrankungen, Reizdarmsyndrom und gastroösophagealen Erkrankungen zeigte ein 3,5-fach häufigeres Vorkommen von Migräne bei Menschen mit einer oder mehreren Magen-Darm-Erkrankungen (adjustierte Odds Ratio, OR: 3,46; 95 % Konfidenzintervall: 3,30 - 3,63; p < 0,001).

Je mehr Magen-Darm-Erkrankungen bei Patienten vorlagen, umso höher war die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch an Migräne litten: Das Risiko stieg von 2,9-fach bei einer Erkrankung auf bis zu 25,7-fach bei fünf Magen-Darm-Erkrankungen. Die Wahrscheinlichkeit einer Migräne war dabei mit sämtlichen Magen-Darmerkrankungen assoziiert, mit Ausnahme von entzündlichen Darmerkrankungen.

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Es gab somit einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen dem Vorkommen von Magen-Darm-Erkrankungen und Migräne.

Symptome und Begleiterscheinungen

Eine Migräne kommt selten allein. Häufig begleiten sie Übelkeit oder Magen- und Darmkrämpfe. Viele Migräne-Patienten leiden bei einem Anfall nicht nur unter starken Kopfschmerzen, mehr als 80 Prozent haben zusätzlich mit Übelkeit zu kämpfen. Während der eigentlichen Attacke macht sich in der Regel eine Appetitlosigkeit breit, und ca. 80 Prozent der Betroffenen leiden zusätzlich unter Übelkeit. Diese steigert sich bei 40 bis 50 Prozent sogar bis zum Erbrechen. Das liegt unter anderem an der reduzierten Peristaltik während eines Migräneanfalls.

Andere Probleme im Verdauungstrakt tauchen bereits vor den Kopfschmerzen auf, beispielsweise Heißhunger, Verstopfung und Harndrang.

Migräne-Patienten haben häufiger Verdauungsbeschwerden oder Reflux als andere Personen, beispielsweise in Form eines Reizdarm-Syndroms - wobei nicht klar ist, ob Migräne den Reizdarm auslöst oder umgekehrt.

Eine weitere Verknüpfung von Migräne und Magen-Darm-Trakt ist die sogenannte Bauchmigräne, auch abdominelle Migräne genannt. Darunter versteht man durch Migräne bedingte Magenschmerzen und Bauchkrämpfe, die regelmäßig in Anfällen auftreten und eine Stunde, aber auch mehrere Tage dauern können. Bei Erwachsenen ist diese Migräne-Form selten, eher Kinder und Jugendliche plagen sich damit. Die Bauchmigräne kann in der Pubertät verschwinden oder in eine Kopfschmerz-Migräne übergehen.

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Migräne durch Bakterien und Entzündungen

Entzündungen im Magen-Darm-Bereich führen bei vielen Menschen zu Kopfschmerzen und begünstigen Migräne. Zum Beispiel haben manche Migräne-Patienten, die mit dem Bakterium Helicobacter pylori infiziert waren, nach der Behandlung des Bakteriums deutlich leichtere, weniger oder sogar gar keine Migräne-Attacken mehr. Helicobacter pylori führt zu entzündeter Magenschleimhaut. Anzeichen für eine Infektion können Völlegefühl, Bauchschmerzen oder Übelkeit sein.

Auch die entzündliche Autoimmunkrankheit Zöliakie hängt mit Migräne zusammen. Bei Menschen mit Zöliakie löst der Verzehr von Weizenprodukten Entzündungen im Dünndarm aus. Sie haben häufiger mit Migräne zu kämpfen als Menschen ohne Zöliakie. Ähnlich geht es Patienten mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn.

Über welche Mechanismen Entzündungen im Magen-Darm-Trakt Migräne begünstigen, ist noch nicht endgültig geklärt. Eine Theorie ist die „Leaky-Gut“-Hypothese, frei übersetzt mit Durchlässiger-Darm-Hypothese.

Die Rolle der Darmflora

Immer mehr Forschung deutet darauf hin, dass die Darmflora - darunter versteht man die Mikroorganismen, die deinen Darm besiedeln, darunter Bakterien, Pilze und sogenannte Protozoen - Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann. Bei Migränikern scheint die Darmflora verändert zu sein.

Eine Studie untersuchte die Zusammensetzung der Darm-Mikroorganismen von Menschen mit episodischer Migräne, mit chronischer Migräne und ohne Migräne. Das Ergebnis: Alle Gruppen unterscheiden sich in der Zusammensetzung ihrer Darmflora. Manche Bakterienarten sind bei besonders vielen Migräne-Patienten vertreten, andere eher bei der Gruppe ohne Migräne.

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Probiotika gegen Migräne?

Du kannst deiner Darmflora jeden Tag etwas Gutes tun, indem du dich ausgewogen ernährst. Denn was wir essen, wirkt sich auf die Zusammensetzung der Mikroorganismen in unserem Darm aus. Und wenn diese mit Migräne zusammenhängen, können dann Probiotika helfen, Migräne vorzubeugen? Vielleicht. Studien können dies nicht eindeutig beweisen: Manche Forscher berichten, dass die Einnahme von Probiotika Migräne-Anfälle reduziert. Andere können diese Ergebnisse nicht bestätigen.

Probiotika bestehen aus lebenden, ungefährlichen Mikroorganismen, welche die körpereigene Darmfunktion unterstützen. Sie stecken beispielsweise in Joghurt, Quark und fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut. Probiere aus, sie in deinen Speiseplan zu integrieren. Aber Achtung: Fermentiertes kann reich an Tyramin sein - und das wiederum triggert bei manchen Menschen Migräne-Attacken.

Medikamentöse Behandlung von Migräne und Übelkeit

Um die beste Wirksamkeit der Analgetika zu erreichen, ist es wichtig, sie bei einer Attacke möglichst frühzeitig einzunehmen. Außerdem könne eine Kombination mit Antiemetika die Wirksamkeit positiv beeinflussen, so der Berufsverband Deutscher Neurologen. Da Antiemetika die Darmperistaltik anregen, könnten Analgetika und Triptane besser aufgenommen werden und deshalb schneller wirken, so ein Experte des BDN. Bei Bedarf sollte dann zuerst das Antiemetikum gegen Übelkeit eingenommen werden.

Für die Behandlung von Kopfschmerzen ist es wichtig, dass die Kopfschmerzmittel - bei Migräne in erster Linie Triptane - möglichst frühzeitig eingenommen werden. Gerade bei der Migräne kommt es sehr häufig im Laufe der Attacke zu einer Störung der Aufnahmefähigkeit von Magen und Darm. Die Wirkstoffe können dann nicht mehr an ihren Wirkort gelangen und ihre Wirkung entsprechend nicht entfalten. Aus diesem Grunde empfehle ich - insbesondere bei Migräne - das Medikament sehr frühzeitig einzunehmen. Eine späte Einnahme kann dazu führen, dass ansonsten sehr wirkungsvolle Medikamente ihre Wirkung nicht ausüben können und die Schmerzen dadurch lange anhalten.

Triptane sind Mittel der 1. Wahl bei Migräne, da sie ganz effektiv und spezifisch Attacken kupieren. Bei Migräneattacken mit Übelkeit und Erbrechen haben sich Nasenspray und Zäpfchen als besonders vorteilhaft erwiesen. Eine weitere Möglichkeit ist, mit einer Fertigspritze sich das Medikament selbst unter die Haut zu spritzen. Grund: Der Magen wird umgangen, der Wirkstoff kann direkt aufgenommen werden.

Die Gabe eines Medikaments gegen Übelkeit und Erbrechen hat sich in der Behandlung der Migräneattacke als sinnvoll erwiesen, da sie einerseits direkt und gezielt die Symptome Übelkeit und Erbrechen reduziert, andererseits die Magen- und Darmaktivität normalisieren kann. Dadurch kann die Aufnahme des Medikamentes gegen die Schmerzen verbessert und beschleunigt werden.

Selbstmedikation und wann man zum Arzt sollte

Prinzipiell sollte eine Selbstmedikation an maximal 10 Tagen pro Monat durchgeführt werden, um Komplikationen zu vermeiden.

Wenn die Beschwerden regelmäßig auftreten, nicht gut auf Analgetika ansprechen oder die Schmerzattacken immer häufiger auftreten, sollten Betroffene einen Arzt konsultieren. Das gilt auch dann, wenn Schmerzmittel aufgrund von Kopfschmerzen häufiger als acht- bis zehnmal im Monat eingenommen werden und auch, wenn Begleiterscheinungen wie Fieber oder neurologische Ausfallsymptome (z. B. Lähmungserscheinungen, Gefühlsstörungen, Wesensänderungen) auftreten. Bei extrem starken Kopfschmerzen, die schlagartig innerhalb von Sekunden ihr Maximum erreichen, bei begleitender Nackensteife, hohem Fieber, epileptischen Anfällen oder akuten neurologischen Ausfallsymptomen sollte man sofort einen Arzt aufsuchen.

Was können PTA und Apotheker empfehlen?

Die meisten Migräne-Patienten suchen Hilfe in der Apotheke. Analgetika wie ASS, Ibuprofen, Paracetamol und Triptane (Naratriptan in Formigran® und Almotriptan in Dolotriptan®) können empfohlen werden. Bei Übelkeit kommen Antiemetika wie Dimenhydrinat bzw. Diphenhydramin (Vomex®, Vomacur®) infrage.

Um die beste Wirksamkeit der Analgetika zu erreichen, ist es wichtig, sie bei einer Attacke möglichst frühzeitig einzunehmen. Außerdem könne eine Kombination mit Antiemetika die Wirksamkeit positiv beeinflussen. Da Antiemetika die Darmperistaltik anregen, könnten Analgetika und Triptane besser aufgenommen werden und deshalb schneller wirken. Bei Bedarf sollte dann zuerst das Antiemetikum gegen Übelkeit eingenommen werden.

Ernährungsumstellung und spezielle Diäten

Eine spezielle Diät bei Migräne gibt es nicht. Es ist in jedem Fall eine gute Idee, sich um ein gesundes Verdauungssystem zu bemühen. Selbst wenn dies nur indirekt einen Effekt auf deine Migräne hat, hast du etwas davon: Je weniger Bauchschmerzen oder Durchfälle dich stressen, desto besser.

Allgemein wird eine ausgewogene Ernährung empfohlen, die reich an Ballaststoffen ist. Eine faserreiche Ernährung fördert die Darmgesundheit und könnte indirekt auch Migräne-Symptome positiv beeinflussen. Gleichzeitig sollten Migränepatienten bekannte Auslöser wie Alkohol, Schokolade oder stark verarbeitete Lebensmittel meiden, da sie die Darmflora negativ beeinflussen können.

Migräne und Komorbiditäten

Migräne ist eine komplexe Erkrankung, die oft mit Begleiterkrankungen, den sogenannten Komorbiditäten, einhergeht. Häufige Komorbiditäten bei Migräne sind:

  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Schlafstörungen
  • Chronische Schmerzen
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Magen-Darm-Erkrankungen

Laut einer Studie leiden Menschen mit Magen-Darm-Erkrankungen etwa 3,5-mal so oft an Migräne wie Menschen ohne diese Erkrankungen. Zudem steigt die Migräne-Wahrscheinlichkeit mit der Anzahl der Magen-Darm-Erkrankungen. Fast alle Arten von Magen-Darm-Erkrankungen hängen mit einem erhöhten Migräne-Risiko zusammen. Nur bei entzündlichen Darmerkrankungen fand man keinen klaren Zusammenhang.

Ganzheitliche Behandlung von Migräne

Um deine Migräne behandeln zu können, ist eine ganzheitliche Herangehensweise entscheidend, die sowohl die Migräne als auch begleitende Erkrankungen berücksichtigt. Deshalb ist es wichtig, dass du dir möglicher Begleiterkrankungen bewusst bist und diese offen mit deinen Ärztinnen und Ärzten besprichst. Oft ist es sinnvoll, dass verschiedene Fachleute zusammenarbeiten - zum Beispiel Internistinnen oder Internisten, Neurologinnen oder Neurologinnen und Psychologinnen oder Psychologen. So können sie gemeinsam einen Behandlungsplan entwickeln, der genau auf dich und deine Situation angepasst ist.

Die Rolle des Mikrobioms bei Migräne

Die Erkenntnisse über die Rolle des Mikrobioms bei Migräne revolutionieren unser Verständnis dieser Erkrankung. Migränepatienten profitieren von einem ganzheitlichen Ansatz, der nicht nur das Gehirn, sondern auch den Darm in den Fokus nimmt. Die Behandlung von Kopfschmerzen wird somit immer individueller und nachhaltiger.

Eine gesunde Darmflora stärkt das Immunsystem, reguliert Entzündungen und verbessert die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn. Das Mikrobiom ist daher ein vielversprechender Ansatzpunkt, um nicht nur Migräneattacken zu lindern, sondern auch deren Häufigkeit zu verringern.

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