Migräne nach der Arbeit: Ursachen, Auswirkungen und Lösungsansätze

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigt, sondern auch massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt und die Volkswirtschaft hat. Kommentare wie „Der macht doch schon wieder blau“ oder „Migräne, ein super Vorwand für ein verlängertes Wochenende“ sind für Migränepatienten am Arbeitsplatz keine Seltenheit und zeugen von einem generellen Unwissen über die Erkrankung. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Migräne nach der Arbeit, ihre Auswirkungen und mögliche Lösungsansätze für Betroffene und Arbeitgeber.

Wirtschaftliche Auswirkungen von Migräne

Migräne hat erhebliche wirtschaftliche Folgen. In Deutschland fallen jährlich rund 547 Millionen Stunden bezahlter Arbeit aufgrund von Migräne aus, was einem volkswirtschaftlichen Verlust von etwa 48,8 Milliarden Euro entspricht. Dies entspricht etwa 1,4 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Zusätzlich gehen jährlich circa 675,8 Millionen Stunden an unbezahlter Arbeit durch Migräne verloren, was jährlich fast ein Prozent der insgesamt in Deutschland für unbezahlte Arbeit aufgewendeten Zeit bedeutet.

Ursachen von Migräne

Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut und der jeweiligen Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Während einer Migräneattacke kommt es zu einer vorübergehenden Fehlfunktion schmerzregulierender Systeme. Früher gingen Wissenschaftler von einer Fehlsteuerung der Blutgefäße im Gehirn aus, wobei sich die Blutgefäße kurz vor einer Attacke verengen und sich anschließend in einer überschießenden Reaktion erweitern. Aktuelle Untersuchungen deuten jedoch auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm hin.

Neurogene Entzündung

Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die Nervenfasern des Gesichtsnervs Schmerzsignale an das Gehirn senden, was eine vermehrte Ausschüttung von Botenstoffen zur Folge hat. Dies bewirkt eine Dehnung der Blutgefäße und macht die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig, was zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute führt. Diese neurogene Entzündung verursacht wiederum Schmerzimpulse, die den Migränekopfschmerz bewirken.

Rolle der Botenstoffe

Die Botenstoffe des Gehirns, insbesondere Serotonin, spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Migräne. Die Konzentration von Serotonin im Blut kann mit dem weiblichen Zyklus schwanken, was das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus erklären kann.

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Individuelle Auslöser (Trigger)

Bestimmte innere und äußere Faktoren, sogenannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Zu den häufigsten Triggern gehören:

  • Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus: Zu viel oder zu wenig Schlaf.
  • Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf: Unterzuckerung/Hungerzustand aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten.
  • Hormonveränderungen: Während des Zyklus oder aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten.
  • Stress: Körperliche oder seelische Belastungen, wobei Migräne oft in der Entspannungsphase danach auftritt.
  • Äußere Reize: (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche.
  • Wetter- und Höhenveränderungen: Föhn, Kälte etc.
  • Starke Emotionen: Ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst.
  • Bestimmte Nahrungsmittel: Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (Rotwein).
  • Verqualmte Räume
  • Medikamente

Jeder Migränepatient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln.

Migräne am Arbeitsplatz: Spezifische Auslöser

Einige Migräneauslöser stehen in direktem Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz. Hier sind einige Beispiele und mögliche Lösungsansätze:

  • Lärm: Klingelnde Telefone, Gespräche und surrende Kopierer/Drucker im Großraumbüro.
    • Lösung: Aufstellung von Trennwänden oder Schaffung ruhigerer Arbeitsbereiche.
  • Bildschirmarbeit: Lange Stunden vor dem Bildschirm können die Augen und die Muskulatur belasten.
    • Lösung: Regelmäßige Pausen mit Entspannungsübungen für Augen und Muskulatur. Bildschirmbrille, eine ergonomische Maus und der höhenverstellbare Schreibtisch im Büro wie auch zu Hause.
  • Stress und Termindruck: Hohes Arbeitspensum und Termindruck können Migräneattacken auslösen.
    • Lösung: Stressmanagement-Techniken, realistische Zeitplanung und Vertretungsregelungen.
  • Schlechte Luft und Beleuchtung: Stickige Räume, Flackerlicht oder Neonlicht.
    • Lösung: Regelmäßiges Lüften, gute Beleuchtung und Vermeidung von Flackerlicht.
  • Unregelmäßiger Tagesablauf: Auslassen von Mahlzeiten oder unregelmäßige Arbeitszeiten.
    • Lösung: Regelmäßige Pausen für Mahlzeiten und feste Arbeitszeiten.

Umgang mit Migräne am Arbeitsplatz

Viele Menschen mit Migräne arbeiten trotz ihrer Beschwerden aus Angst vor negativen Konsequenzen. Es ist jedoch wichtig, offen mit dem Arbeitgeber über die Erkrankung zu sprechen.

Offene Kommunikation

  • Frühzeitige Information: Informieren Sie Ihren Vorgesetzten frühzeitig darüber, dass Sie Migräniker sind und wie Sie damit umgehen.
  • Verständnis schaffen: Erklären Sie, dass Migräne eine Erkrankung ist, die Sie zwingt, während einer Attacke zu Hause zu bleiben, und dass dies nicht an fehlendem Verantwortungsgefühl liegt.
  • Sich nicht rechtfertigen: Migräne ist nichts, wofür man sich schämen oder Schuldgefühle haben müsste.
  • Konzentration auf die Gesundheit: Gehen Sie gegenüber Kollegen und Vorgesetzten nicht zu sehr ins Detail, was die Einzelheiten Ihrer Erkrankung betrifft, sondern konzentrieren Sie sich darauf, auf sich und Ihre Gesundheit Acht zu geben.

Arbeitsrechtliche Aspekte

Eine Kündigung aufgrund von Migräne ist nicht ohne Weiteres möglich, erfordert jedoch einen offenen Austausch mit dem Arbeitgeber. Eine Kündigung wegen häufiger Arbeitsausfälle ist allerdings an strenge Voraussetzungen geknüpft und oft ist es möglich, sich erfolgreich mit einer Kündigungsschutzklage dagegen zu wehren.

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Maßnahmen am Arbeitsplatz

  • Ruheraum: Ein abgedunkelter Raum, in den sich Betroffene während einer Attacke zurückziehen können.
  • Homeoffice: Die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, um belastenden Faktoren am Arbeitsplatz auszuweichen.
  • Flexible Arbeitszeiten: Anpassung der Arbeitszeiten an den individuellen Bedarf.
  • Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: Optimierung des Arbeitsplatzes zur Vermeidung von körperlichen Belastungen.

Behandlung und Prävention

Die Behandlung von Migräneattacken erfolgt in der Regel mit Schmerzmitteln, vorzugsweise kombiniert mit einer Substanz gegen Übelkeit und Erbrechen. Bei häufigeren Attacken kann eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten erforderlich sein.

Medikamentöse Behandlung

  • Akutbehandlung: Schmerzmittel wie Paracetamol, Ibuprofen oder Aspirin, sowie Triptane.
  • Prophylaxe: Betarezeptorenblocker, Antidepressiva oder Antiepileptika. Neu entwickelte Migräne-spezifische Prophylaktika richten sich gegen die Effekte des Botenstoffs CGRP.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

  • Regelmäßiger Ausdauersport: Joggen, Schwimmen, Radfahren.
  • Entspannungstechniken: Yoga, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Biofeedback-Techniken.
  • Verhaltenstherapie: Psychologische Verfahren, insbesondere bei Depressionen oder Angststörungen.
  • Kopfschmerztagebuch: Dokumentation von Kopfschmerzen und Medikation zur Identifizierung von Triggern.

Lebensstiländerungen

  • Regelmäßiger Lebensrhythmus: Feste Schlaf- und Essenszeiten.
  • Stressmanagement: Techniken zur Stressbewältigung.
  • Vermeidung von Triggern: Identifizierung und Vermeidung individueller Auslöser.

Chronische Migräne

Von einem chronischen Verlauf spricht man, wenn über mindestens 3 Monate mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat auftreten. Chronische Verläufe treten bei etwa 2 % der Bevölkerung auf. Bei einer chronischen Migräne bestehen seit 3 Monaten oder länger Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat, davon 8 oder mehr Tage mit Migräne. Haben Sie im Monat mehr Tage mit Kopfschmerzen als ohne, kann das ein Hinweis auf Chronische Migräne sein.

Die Rolle des Arbeitgebers

Arbeitgeber können einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung von Mitarbeitern mit Migräne leisten.

Information und Schulung

  • Aufklärung: Information der Mitarbeiter über Migräne, ihre Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
  • Schulungen: Angebote für Mitarbeiter und Führungskräfte zum Umgang mit Migräne am Arbeitsplatz.

Anpassung des Arbeitsplatzes

  • Räumliche Anpassungen: Schaffung ruhiger Arbeitsbereiche, Ruheräume.
  • Technische Hilfsmittel: Bereitstellung von blendfreien Bildschirmen, ergonomischen Büromöbeln.
  • Organisatorische Maßnahmen: Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, Reduzierung von Termindruck und Dienstreisen.

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