Migräne-Behandlung: Neue Medikamente und ihre Kosten

Viele Menschen, die unter schwerer Migräne leiden, erhalten oft erst spät Zugang zu modernen Migränemitteln. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bemängelt diesen Umstand. Insbesondere die sogenannte Migräne-Spritze, die monoklonale Antikörper enthält, wird von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) als effektive und gut verträgliche Methode zur Vorbeugung (Migräneprophylaxe) von episodischer und chronischer Migräne hervorgehoben. Neben Medikamenten spielen aber auch Lebensstiländerungen eine wichtige Rolle bei der Behandlung und Vorbeugung von Migräne.

Die Migräne-Spritze: Wirkweise und Anwendung

Die Therapie mit monoklonalen Antikörpern, die bei ihrer Zulassung als „Migräne-Spritze“ bekannt wurde, zielt darauf ab, die Häufigkeit von Migräneattacken präventiv zu reduzieren. Die Wirkstoffe greifen in einen Botenstoff ein, der eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Migräne zu spielen scheint: das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP). CGRP ist an Entzündungsprozessen im Körper beteiligt und wird bei Migräne vermehrt ausgeschüttet, wodurch es wesentlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Attacke beiträgt. Bei Menschen mit regelmäßigen Migräneanfällen ist der CGRP-Spiegel dauerhaft erhöht.

Die Antikörper-Therapie setzt hier an, indem sie entweder das CGRP-Molekül selbst hemmt, wie bei den Wirkstoffen Galcanezumab und Fremanezumab, oder sich gegen den Rezeptor richtet, an den das Molekül andockt, wie im Fall von Erenumab und Eptinezumab.

Erfahrungen aus der Praxis

Prof. Dr. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums an der Uniklinik Essen, berichtet von zahlreichen Patienten, die durch die Antikörper-Therapie neue Energie gewonnen haben. Sie betont, dass etwa ein Drittel der Betroffenen sehr gut auf die Behandlung anspricht, was sich beispielsweise in einer Reduzierung der Migräne-Tage von 17 auf zwei pro Monat oder einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität äußert. Ein weiteres Drittel profitiert ebenfalls von der Behandlung, während das letzte Drittel keine Reaktion zeigt, auch nicht bei einem Wechsel der Wirkstoffe.

Indikation und Zugang zur Therapie

Die Behandlung ist für erwachsene Migränepatienten mit mindestens vier Migräne- oder Schmerztagen pro Monat zugelassen. In der Regel werden zunächst andere Methoden zur Migräneprophylaxe versucht. Wenn diese nicht wirken oder nicht vertragen werden, kann die Migräne-Spritze in Betracht gezogen werden. Betroffene sollten dies zunächst mit ihrem Hausarzt besprechen und gegebenenfalls an einen Neurologen überwiesen werden.

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Mögliche Nebenwirkungen

Als typische Nebenwirkungen der Migräne-Spritze wurden Rötungen an der Einstichstelle oder Verstopfung berichtet. Daten deuten zudem auf eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen hin. Im Vergleich zu bisherigen migränevorbeugenden Mitteln sind Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Antriebsreduktion oder Benommenheit laut der Schmerzklinik Kiel jedoch nicht zu erwarten. Weitere Studien müssen jedoch zeigen, ob sich diese Einschätzung bestätigt.

Anwendung und Dosierung

Die Dosierung der Migräne-Spritze variiert je nach Medikament und wird vom Arzt festgelegt. Auch die Häufigkeit der Anwendung hängt vom Wirkstoff ab. Eine typische Anwendung ist beispielsweise einmal monatlich über mehrere Monate. Die Injektion erfolgt unter die Haut. Die Medikamente Galcanezumab, Fremanezumab und Erenumab können mit speziellen Fertigpens und Fertigspritzen selbst verabreicht werden, die jeweils eine einzelne Dosis enthalten. Eptinezumab wird in der Regel alle zwölf Wochen intravenös verabreicht.

Kostenübernahme und Wirtschaftliche Aspekte

Die Kosten für die Migräne-Spritze, die bei etwa 400 Euro pro Spritze liegen, werden von den gesetzlichen Krankenkassen nur übernommen, wenn herkömmliche Therapien nicht erfolgreich waren. Diese hohen Hürden sind auf die hohen Kosten der Therapie zurückzuführen. Die Antikörpertherapie ist für Erwachsene mit Migräne ab vier Schmerztagen im Monat zugelassen.

Einschränkungen und Kontraindikationen

Die Anti-CGRP-Therapie ist nicht für alle geeignet. Sie ist nicht geeignet für Frauen mit Kinderwunsch, da keine Daten über die Auswirkungen der Spritze in der Schwangerschaft vorliegen. Auch in der Stillzeit ist sie nicht erlaubt. Bei bestimmten schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen schweren Begleiterkrankungen ist besondere Vorsicht geboten; die Entscheidung für die Behandlung sollte daher immer individuell durch einen erfahrenen Neurologen getroffen werden. Konventionelle Präparate bleiben daher weiterhin wichtig.

Alternativen zur Migräne-Spritze

Monoklonale Antikörper gelten als Meilenstein in der Migränebehandlung. Vor ihrer Zulassung gab es zur Vorbeugung der schmerzhaften Attacken nur Medikamente, die ursprünglich für andere Krankheiten entwickelt worden waren und sich im Nebeneffekt auch positiv auf Migräne auswirkten. Diese Standardtherapien sind nach wie vor wichtig. „Eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit der Anfallsprophylaxe ist Ausdauersport“, betont Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. Auch Kraftsport, Entspannungsübungen, ein gesunder Takt bei Schlaf und Mahlzeiten sowie Methoden der Stressbewältigung können helfen, Migräneattacken zu vermeiden. „Die Einnahme eines Medikaments scheint bequemer, insbesondere, wenn es gut vertragen wird“, sagt Berlit.

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Neue Entwicklungen: Atogepant

Seit dem 1. März gibt es ein neues Medikament namens Aquipta (Fa. Atogepant) in Deutschland. Atogepant ist der erste orale CGRP-Rezeptorantagonist in Deutschland. Der Wirkstoff gehört zur Gruppe der Gepante und bindet an den Rezeptor des Neuropeptids CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptides). Die Lauer-Taxe listet das Arzneimittel in den Dosierungen zehn und 60 Milligramm. Die Zulassung für die Europäische Union erhielt Atogepant bereits im Sommer. Sie basiert auf zwei großen Studien, denen zufolge der Wirkstoff die Anzahl der Tage, an denen Patientinnen und Patienten unter Migräne leiden, verringert.

Anwendung und Nebenwirkungen von Atogepant

Die weißen, runden Tabletten sind im Ganzen zu schlucken. Sie dürfen nicht geteilt, zerdrückt oder zerkaut werden. Wenn die Einnahme vergessen wird, ist diese so schnell wie möglich nachzuholen. In den Zulassungsstudien traten am häufigsten verminderter Appetit, Übelkeit, Verstopfung, Fatigue und Gewichtsabnahme auf. Atogepant hat keinen oder einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen. Bei einigen Patienten kann es jedoch zu Somnolenz führen. Bisher liegen nur sehr begrenzt Erfahrungen mit der Anwendung von Atogepant bei Schwangeren vor. Tierexperimentelle Studien haben eine Reproduktionstoxizität gezeigt. Ob der Wirkstoff in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt. Im Tierexperiment lässt sich Atogepant in der Milch nachweisen.

Aktualisierte Leitlinien und Empfehlungen

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie sowie die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft haben die wissenschaftlichen Studien zu Migränebehandlungen ausgewertet. Die Ergebnisse sind in die aktualisierte S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ eingeflossen. Als wirksamste Medikamente zur Akutbehandlung gelten weiterhin Triptane. Eine neue Wirkstoffkombination mit einem Triptan und einem langwirksamen Schmerzmittel hat sich nach der aktualisierten Einschätzung der Fachgesellschaften als wirksam gezeigt.

Tipps zur Akutbehandlung und Vorbeugung

  • Je früher Sie ein Triptan bei einer Attacke einsetzen, desto besser die Wirkung - bei Migräne mit Aura aber erst, wenn die Kopfschmerzen losgehen.
  • Hilft ein Triptan-Wirkstoff nicht ausreichend, kann es sinnvoll sein, ein anderes Triptan auszuprobieren.
  • Einige Triptane sind als Nasensprays oder Schmelztabletten erhältlich und daher bei Übelkeit eine gute Alternative zu Tabletten.
  • Wer den Einsatz von Medikamenten gegen Migräne verringern möchte, hat mit verschiedenen Strategien gute Chancen - vor allem vorbeugend, aber auch während einer Attacke.
  • Biofeedback, Entspannungsverfahren, kognitive Verhaltenstherapie und regelmäßiger Ausdauersport können der Vorbeugung von Migräne dienen.
  • Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium oder Vitamin B2 können zur Vorbeugung von Migräne in Betracht gezogen werden.

Wirtschaftliche Belastung durch Migräne

Die Verordnungen von Arzneimitteln nur gegen Migräne verursachten in Schleswig-Holstein im Jahr Kosten in Höhe von 10,8 Milliarden Euro. Laut AOK Nordwest entspricht dies einem Anstieg um 23 Prozent. Gegenüber 2018 haben sich die Ausgaben für dieses Segment mehr als verdreifacht. Dieser Anstieg ist u.a. auf Wirkstoffe zur Vorbeugung von Migräne zurückzuführen, die neu auf den Markt gekommen sind. Obwohl der Verordnungsanteil dieser neuen Wirkstoffe gering ist, verursachen sie enorme Kosten. Die AOK betont, dass die Mehrzahl der Migränepatienten von den bewährten Therapien profitiert, kombiniert mit nicht-medikamentösen Maßnahmen. Nur wenn Patienten auf ihre bisherigen Medikamente nicht ansprechen, diese nicht vertragen oder aufgrund anderer Krankheiten nicht einnehmen können, kann eine Umstellung auf einen der neuen Wirkstoffe angezeigt sein.

Warnung vor übermäßigem Schmerzmittelgebrauch

Viele Betroffene greifen bei Migräne auch zu Schmerzmitteln. Zu den ärztlich verordneten Migränemitteln kommen noch die Schmerzmittel, die ohne Rezept in der Apotheke frei verkäuflich sind. Die AOK warnt in diesem Zusammenhang vor einem „Teufelskreis”, falls Schmerzmittel regelmäßig eingenommen werden: Eine verstärkte Einnahme von Schmerzmitteln könne auch zu einem Anstieg der Schmerzen führen. Es wird empfohlen, den Lebensstil zu verändern und Migräne-Auslöser zu vermeiden.

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Zunehmende Betroffenheit bei Kindern und Jugendlichen

Als „erschreckend" bezeichnet die AOK die Tatsache, dass immer mehr Kinder und Jugendliche von Migräne betroffen sind. Verantwortlich dafür sei die Veränderung der Lebensumstände der Kinder in den letzten Jahren: Sie stehen häufiger unter Stress, sitzen vermehrt vor dem Bildschirm oder PC und bewegen sich weniger.

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