Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die in der Regel mit anfallsartigen Kopfschmerzen verbunden ist. Doch was, wenn die Kopfschmerzen ausbleiben? Dieser Artikel beleuchtet das Phänomen der Migräne ohne Kopfschmerzen, auch bekannt als "stille Migräne" oder "Migraine-sans-Migraine", ihre Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist Migräne ohne Kopfschmerzen?
Bei einer Migräne ohne Kopfschmerzen, auch als "stille Migräne" bezeichnet, verspüren Betroffene möglicherweise andere Migränesymptome, aber keine Schmerzen. Das bedeutet, dass Sie möglicherweise nicht die üblichen Migräneschmerzen um Ihre Augen und Schläfen herum spüren. Diese Art von Migräne kann sogar eine Aura-Phase beinhalten. Es handelt sich um eine isolierte Aura, bei der es zu sogenannten "Auraphasen" kommt, ohne dass nachfolgende Kopfschmerzen auftreten.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen für die Funktionsstörungen im Gehirn, welche die Migräne auslösen, sind immer noch nicht ausreichend erforscht. Nur bei der sogenannten familiären Migräne wurde eine genetische Mutation als eindeutige Ursache ausfindig gemacht. Ansonsten sind aber bereits eine ganze Reihe genetischer Risikofaktoren für das Auftreten von Migräne bekannt.
Es gibt viele Studien zu den Triggern, die bei Menschen mit einer entsprechenden Anfälligkeit Migräneattacken auslösen können. Dabei bleibt häufig unklar, ob es sich um echte oder nur um gefühlte Trigger handelt. Manchmal ist auch nicht klar, ob es sich um eine Ursache der Migräne oder um eine Begleiterscheinung handelt. Es ist z.B. nicht eindeutig geklärt, ob Wetterumschwünge Migräneattacken auslösen oder ob die ersten Anzeichen einer Migräne die Wetterfühligkeit verstärken.
Mögliche Triggerfaktoren:
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- Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus
- Unterzuckerung/Hungerzustand
- Bestimmte Substanzen (v.a. Alkohol, Nikotin, Koffein)
- Äußere Reize (z.B. Licht, Geräusche, Gerüche)
- Medikamente
- Hormonelle Veränderungen
Symptome einer Migräne ohne Kopfschmerzen
Die Symptome einer Migräne ohne Kopfschmerzen können vielfältig sein, wobei die Aura im Vordergrund steht. Eine Aura ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die während eines Migräneanfalls, aber auch ohne Kopfschmerzen, auftreten kann.
Typische Symptome einer Aura:
- Sehstörungen: Dies sind die häufigsten Symptome. Betroffene sehen flackernde Lichtpunkte, Zickzack-Linien, Flimmern, verzerrtes Sehen, Doppelbilder oder Sehausfälle. Diese visuellen Störungen können sich langsam entwickeln und bis zu 60 Minuten dauern. Es können auch Gesichtsfeldausfälle (Skotome) auftreten, die als sogenannte Fortifikationen bezeichnet werden. Sie äußern sich im Verlust des räumlichen Sehens sowie in Unschärfe bis hin zu einem halbseitigen Sehverlust. Bei der retinalen Migräne kommt es zu Sehstörungen oder sogar zur Erblindung auf einem Auge. Diese Symptome halten nicht lange an.
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder ein Verlust der Berührungsempfindung in Armen, Beinen oder im Gesicht. Das dynamische Auftreten der Symptome ist neben dem langsamen Einsetzen und Abklingen das Unterscheidungskriterium zu anderen neurologischen Erkrankungen, insbesondere gegenüber dem Schlaganfall.
- Sprachstörungen: Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden oder sich auszudrücken.
- Motorische Schwäche: In seltenen Fällen kann es zu vorübergehenden Lähmungen einer Körperhälfte (hemiplegische Migräne) kommen. Von der Schwäche betroffene Körperregionen können das Gesicht, der Arm oder das Bein sein. Die Schwäche kann von einer Stunde bis zu mehreren Tagen andauern. In den meisten Fällen verschwindet sie innerhalb von 24 Stunden. Bei dieser Art von Migräne können die Kopfschmerzen vor oder nach der Schwäche auftreten.
- Gleichgewichtsstörungen: Unsicherer Gang oder Schwierigkeiten, gezielte Bewegungen auszuführen. Bei der vestibulären Migräne treten häufig visuelle Auren auf. Sie ist unter anderem durch starken Schwindel gekennzeichnet, da das Gleichgewichtsorgan im Innenohr betroffen ist. Schwindel und Gleichgewichtsstörungen gehen oft mit Übelkeit und Erbrechen einher. Eine Attacke kann zwischen 30 Sekunden bis zu mehreren Stunden dauern, in seltenen Fällen auch mehrere Tage. Kopfschmerzen treten dabei eher selten auf.
- Andere neurologische Symptome: Schwindel, Tinnitus, Hörminderung, Doppeltsehen oder Bewusstseinsstörungen (Migräne mit Hirnstammaura).
Diagnose
Die Diagnose einer Migräne ohne Kopfschmerzen kann schwierig sein, da die typischen Kopfschmerzen fehlen. Es ist wichtig, einen Arzt aufzusuchen, um andere mögliche Ursachen für die Symptome auszuschließen, insbesondere einen Schlaganfall.
Der Arzt wird eine ausführliche Anamnese erheben und eine neurologische Untersuchung durchführen. In einigen Fällen können zusätzliche Untersuchungen wie eine Kernspintomographie (MRT) des Gehirns erforderlich sein.
Behandlung
Die Behandlung einer Migräne ohne Kopfschmerzen zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren.
Akutbehandlung:
Eine Akutbehandlung einer Aura ist nicht möglich. Durch vorbeugende Maßnahmen, die die Migränehäufigkeit senken, lässt sich auch die Aura reduzieren.
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Vorbeugende Maßnahmen:
- Vermeidung von Triggern: Identifizieren und vermeiden Sie mögliche Auslöser für Ihre Migräneattacken.
- Regelmäßiger Lebensstil: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeitszufuhr.
- Stressbewältigung: Erlernen Sie Methoden zur Stressbewältigung wie Entspannungsübungen, Yoga oder Meditation.
- Regelmäßige Bewegung: Treiben Sie regelmäßig Sport, um Stress abzubauen und die allgemeine Gesundheit zu verbessern.
- Medikamentöse Prophylaxe: In einigen Fällen kann eine medikamentöse Prophylaxe mit Betablockern, Antidepressiva oder Antiepileptika sinnvoll sein. Auch Antikörper gegen CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) können zur Vorbeugung eingesetzt werden.
Migräneformen und ihre Besonderheiten
Es gibt verschiedene Formen der Migräne, die sich in ihren Symptomen und Ausprägungen unterscheiden:
- Migräne mit Aura: Hier treten vor den Kopfschmerzen neurologische Symptome auf, die als Aura bezeichnet werden.
- Migräne ohne Aura: Diese Form ist die häufigste und tritt ohne vorherige Aura auf.
- Chronische Migräne: Von einer chronischen Migräne spricht man, wenn an mindestens 15 Tagen im Monat über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten Kopfschmerzen auftreten, von denen an mindestens 8 Tagen die Kriterien einer Migräne erfüllt sind.
- Menstruelle Migräne: Diese Form tritt im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus auf.
- Hemiplegische Migräne: Hier kommt es zu vorübergehenden Lähmungen auf einer Körperseite.
- Vestibuläre Migräne: Bei dieser Form stehen Schwindel und Gleichgewichtsstörungen im Vordergrund.
- Migräne mit Hirnstammaura: Diese seltene Form geht mit Symptomen einher, die auf den Hirnstamm zurückzuführen sind, wie z. B. Sprach- oder Koordinationsstörungen, Tinnitus, Hörminderung, Schwindel, Doppeltsehen oder Bewusstseinsstörungen.
Spezielle Migräneformen
- Abdominelle Migräne: Tritt häufig bei Kindern und Jugendlichen auf und äußert sich durch Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen.
- Retinale Migräne: Verursacht Sehstörungen oder Erblindung auf einem Auge.
Migräne im Kindes- und Jugendalter
Auch Kinder und Jugendliche können von Migräne betroffen sein. Bei ihnen äußert sich die Migräne oft anders als bei Erwachsenen. So sind die Anfälle kürzer und die Symptome vielfältiger.
Die Rolle der Ernährung
Eine ausgewogene Ernährung kann dazu beitragen, Migräneattacken vorzubeugen. Es wird bisweilen ein Triggermanagement empfohlen, bei dem sich Betroffene den Triggern in geringem Umfang aussetzen. Einige Studien haben einen Zusammenhang zwischen Insulinresistenz sowie erhöhten Blutzucker- und Insulinwerten und Migräne festgestellt, was darauf hindeutet, dass ein zentralnervöser Energiemangel im Gehirn (aufgrund unzureichender Versorgung mit Glukose) eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräneanfällen spielt. Eine niedrig-glykämische Ernährung, die den Blutzucker eher niedrig-stabil hält, kann eine effektive Migräneprophylaxe sein.
Migräne und Hormone
Hormonelle Veränderungen, insbesondere bei Frauen, können Migräneattacken auslösen. Die menstruelle Migräne ist ein Beispiel dafür.
Migräne und Stress
Stress ist ein häufiger Auslöser von Migräneattacken. Stressbewältigungstechniken können helfen, die Häufigkeit der Anfälle zu reduzieren.
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Medikamentenübergebrauch
Ein übermäßiger Gebrauch von Schmerzmitteln kann zu einem Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MÜK) führen, der die Migräne verschlimmern kann. Es ist wichtig, die Einnahme von Schmerzmitteln zu begrenzen und sich an die Empfehlungen des Arztes zu halten.
Apps zur Unterstützung
Zur Dokumentation von Symptomen und Auslösern und zum Triggermanagement werden verschiedene Apps (kostenfrei und kostenpflichtig) angeboten. Die Krankenkassen übernehmen auf Rezept die Kosten einer solchen App, wenn das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sie in das Verzeichnis für digitale Gesundheitsanwendungen aufgenommen hat.