Die Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen und kann mit erheblichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität einhergehen. Glücklicherweise gibt es verschiedene Strategien zur Migräneprophylaxe, sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktuellen Behandlungsansätze zur Vorbeugung von Migräneattacken.
Einführung
Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die von einer Vielzahl von Symptomen begleitet sein kann, darunter Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Chronische Migräne, definiert als Kopfschmerzen an 15 oder mehr Tagen pro Monat, von denen mindestens acht Migräneattacken sind, stellt eine besondere Herausforderung dar. Die Migräneprophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Medikamentöse Migräneprophylaxe
Die medikamentöse Migräneprophylaxe umfasst verschiedene Wirkstoffgruppen, die auf unterschiedliche Weise in die Pathophysiologie der Migräne eingreifen.
Betablocker
Betablocker wie Propranolol sind eine etablierte Option zur Migräneprophylaxe. Ihre Wirksamkeit beruht vermutlich auf der Beeinflussung von Neurotransmittern und der Reduktion der neuronalen Erregbarkeit.
Antidepressiva
Tricyclische Antidepressiva (TCA) wie Amitriptylin werden häufig zur Migräneprophylaxe eingesetzt. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs) können ebenfalls in Betracht gezogen werden, obwohl die Evidenzlage hier weniger eindeutig ist. Eine Cochrane-Analyse aus dem Jahr 2015 untersuchte SSRIs und SNRIs zur Prävention von Migräne bei Erwachsenen. Xu XM et al. untersuchten 2017 die Anwendung von trizyklischen Antidepressiva zur Vorbeugung von Migräne bei Erwachsenen.
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Antiepileptika
Topiramat und Valproinsäure sind Antiepileptika, die sich in der Migräneprophylaxe als wirksam erwiesen haben. Topiramat kann jedoch mit kognitiven Nebenwirkungen und Gewichtsverlust einhergehen, während Valproinsäure teratogen ist und bei Frauen im gebärfähigen Alter nur mit Vorsicht eingesetzt werden sollte. Linde M et al. untersuchten 2013 Topiramat zur Prophylaxe von episodischer Migräne bei Erwachsenen. Ebenfalls 2013 untersuchten Linde M et al. Valproat (Valproinsäure oder Natriumvalproat oder eine Kombination aus beidem) zur Prophylaxe von episodischer Migräne bei Erwachsenen. Klapper J. untersuchte Divalproex-Natrium in der Migräneprophylaxe: eine Dosis-kontrollierte Studie.
CGRP-Antikörper
Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) spielt eine zentrale Rolle in der Pathophysiologie der Migräne. Monoklonale Antikörper gegen CGRP oder dessen Rezeptor haben sich als hochwirksam in der Migräneprophylaxe erwiesen und zeichnen sich durch ein günstiges Nebenwirkungsprofil aus. Zu diesen Antikörpern gehören Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab. Hong P et al. führten 2017 eine Metaanalyse zu monoklonalen Antikörpern gegen Calcitonin Gene-Related Peptide zur präventiven Behandlung von episodischer Migräne durch. Hou M et al. untersuchten 2017 die Wirksamkeit und Sicherheit von monoklonalen Antikörpern gegen Calcitonin Gene-Related Peptide und seinen Rezeptor bei Migräne: eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse.
Botulinumtoxin
Botulinumtoxin Typ A (BoNT-A) ist eine etablierte Therapie zur Behandlung der chronischen Migräne. Die Injektion von BoNT-A in bestimmte Kopf- und Nackenmuskeln kann die Häufigkeit und Intensität von Kopfschmerzen reduzieren. Herd CP et al. führten 2019 eine Cochrane-Übersichtsarbeit und Metaanalyse zu Botulinumtoxin zur Vorbeugung von Migräne durch. Ruscheweyh, R.; Foerderreuther, S.; Gaul, C.; Gendolla, A.; Holle-Lee, D.; Jürgens, T.; Neeb, L. untersuchten die Therapie der chronischen Migräne mit Botulinumneurotoxin A.
Weitere Medikamente
Weitere Medikamente, die in der Migräneprophylaxe eingesetzt werden können, sind Flunarizin, ein Kalziumkanalblocker, und Pizotifen, ein Antihistaminikum und Serotonin-Antagonist.
Nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe
Neben der medikamentösen Therapie spielen nicht-medikamentöse Ansätze eine wichtige Rolle in der Migräneprophylaxe.
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Verhaltensmedizinische Therapien
Verhaltensmedizinische Therapien wie kognitive Verhaltenstherapie (KVT), Biofeedback und Entspannungsverfahren können helfen, Stress abzubauen, Bewältigungsstrategien zu entwickeln und die Kontrolle über Migräneattacken zu verbessern. Harris P et al. führten 2015 eine systematische Übersichtsarbeit zu kognitiver Verhaltenstherapie zur Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne bei Erwachsenen durch. Kropp P et al. beschrieben 2016 Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen zur Behandlung der Migräne. Nestoriuc Y, Martin A. untersuchten 2007 die Wirksamkeit von Biofeedback bei Migräne: eine Metaanalyse. Sharpe L et al. analysierten 2019 psychologische Therapien zur Vorbeugung von Migräne bei Erwachsenen. Kindelan-Calvo P et al. untersuchten die Wirksamkeit der therapeutischen Patientenschulung für Erwachsene mit Migräne. Eine systematische Überprüfung und Metaanalyse von randomisierten kontrollierten Studien.
Akupunktur
Akupunktur ist eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, bei der feine Nadeln in bestimmte Punkte des Körpers gestochen werden. Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren kann. Linde K et al. untersuchten 2016 Akupunktur zur Vorbeugung von episodischer Migräne. Giovanardi CM et al. führten 2020 eine systematische Übersichtsarbeit zu Akupunktur vs. pharmakologischer Prophylaxe von Migräne durch: eine systematische Überprüfung von randomisierten kontrollierten Studien.
Bewegung und Sport
Regelmäßige körperliche Aktivität kann sich positiv auf die Migräne auswirken. Aerobes Training, wie z.B. Joggen, Schwimmen oder Radfahren, kann helfen, Stress abzubauen, die kardiovaskuläre Gesundheit zu verbessern und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren. La Touche R et al. untersuchten 2020, ob Aerobic-Übungen bei Patienten mit Migräne hilfreich sind. Eine systematische Überprüfung und Metaanalyse.
Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel
Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, wie z.B. Magnesium, Riboflavin (Vitamin B2) und Coenzym Q10, die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren können. Es ist jedoch wichtig, vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln einen Arzt oder Apotheker zu konsultieren. Chiu HY et al. untersuchten 2016 die Auswirkungen von intravenösem und oralem Magnesium auf die Reduzierung von Migräne: Eine Metaanalyse von randomisierten kontrollierten Studien.
Vermeidung von Triggern
Viele Menschen mit Migräne berichten von bestimmten Auslösern, die eine Migräneattacke provozieren können. Zu den häufigsten Triggern gehören Stress, Schlafmangel, bestimmte Nahrungsmittel und Getränke (z.B. Alkohol, Käse, Schokolade), Wetterumschwünge und hormonelle Veränderungen. Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, individuelle Trigger zu identifizieren und diese nach Möglichkeit zu vermeiden.
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Mutterkraut
Mutterkraut (Tanacetum parthenium) ist ein traditionelles pflanzliches Mittel zur Migräneprophylaxe. Einige Studien deuten darauf hin, dass Mutterkraut die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren kann. Wider B et al. untersuchten 2015 Mutterkraut zur Vorbeugung von Migräne.
Pestwurz
Extrakte aus der Pestwurz (Petasites hybridus) werden ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt. Studien haben gezeigt, dass Pestwurzextrakte die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren können.
Therapie der chronischen Migräne
Die Therapie der chronischen Migräne erfordert oft einen multimodalen Ansatz, der sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Behandlungen umfasst. Ziel ist es, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Kopfschmerzen zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Straube A et al. beschrieben 2012 Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne.
Auslassversuche bei CGRP-Antikörpern
Deutsche und internationale Leitlinien zur Migräneprophylaxe empfehlen einen Auslassversuch nach 6-12-monatiger Therapie mit CGRP-Antikörpern, basierend auf den Erfahrungen mit oralen Prophylaxen. Eine prospektive, longitudinale Beobachtungsstudie untersuchte die Auswirkungen von Auslassversuchen auf die Migränefrequenz und Lebensqualität von Patienten nach 8-12 Monaten prophylaktischer Therapie mit einem CGRP-Antikörper. Die Ergebnisse zeigten, dass die Migränefrequenz nach Absetzen des Antikörpers wieder anstieg und sich die Lebensqualität der Patienten verschlechterte. Die Autoren schlussfolgerten, dass die Behandlung mit den untersuchten Antikörpern für diese Behandlungsdauer keine krankheitsmodifizierende Wirkung auf die Migräne hatte und die Sinnhaftigkeit von Auslassversuchen nach einem festgelegten Zeitpunkt fraglich erscheint.
Bedeutung der interdisziplinären Behandlung
Die Behandlung von Migräne, insbesondere der chronischen Migräne, erfordert oft einen interdisziplinären Ansatz. Neurologen, Schmerztherapeuten, Psychologen und Physiotherapeuten können zusammenarbeiten, um einen individuellen Behandlungsplan zu entwickeln, der die spezifischen Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt.
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