Antikonvulsive Therapie bei Epilepsie: Ein umfassender Überblick

Die antikonvulsive Therapie ist ein Eckpfeiler in der Behandlung von Epilepsie. Ziel ist es, Patienten ein anfallsfreies Leben zu ermöglichen oder zumindest die Anfallshäufigkeit und -schwere zu reduzieren. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte der antikonvulsiven Therapie, von den Grundlagen der Epilepsie bis hin zu spezifischen Behandlungsstrategien und neuen Entwicklungen.

Grundlagen der Epilepsie

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch eine abnorme, übermäßige oder synchrone neuronale Aktivität im Gehirn. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) definiert Epilepsie als einen Zustand des Gehirns, der durch eine Prädisposition zur Generierung wiederholter, unprovozierter epileptischer Anfälle charakterisiert ist.

Es gibt verschiedene Formen von Epilepsie, die basierend auf der klinischen Präsentation (Anfallssemiologie) und der zugrunde liegenden Ursache (Ätiologie) unterschieden werden. Die Klassifikation ist wichtig, da sie prognostische und therapeutische Implikationen hat.

Diagnosestellung

Die Diagnose einer Epilepsie erfordert in der Regel das Auftreten von mindestens zwei unprovozierten epileptischen Anfällen. Ein einzelner Anfall kann jedoch ausreichend sein, wenn ein hohes Rezidivrisiko besteht, z. B. aufgrund von epilepsietypischen Potenzialen im EEG oder einer strukturellen Läsion im Gehirn.

Es ist wichtig, epileptische Anfälle von Gelegenheitsanfällen zu unterscheiden, die durch spezifische Provokationsfaktoren wie Alkoholentzug, Hypoglykämie oder akute ZNS-Infektionen ausgelöst werden können. Bei Gelegenheitsanfällen ist in der Regel keine antikonvulsive Behandlung erforderlich.

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Anfallsformen

Epileptische Anfälle können fokal oder generalisiert sein. Fokale Anfälle beginnen in einem bestimmten Bereich des Gehirns, während generalisierte Anfälle von Anfang an beide Hemisphären betreffen.

  • Fokale Anfälle: Bei fokalen Anfällen ohne Bewusstseinsalteration können Patienten oft selbst über den Beginn der Symptomatik berichten. Die Anfallssemiologie kann wichtige Rückschlüsse auf den Anfallsursprung erlauben. Bei fokalen Anfällen mit Bewusstseinsalteration basiert die Anfallsanamnese meist auf einer Fremdanamnese oder Videoaufnahmen.
  • Generalisierte Anfälle: Typische Merkmale der primär generalisierten Epilepsien sind kurze Abwesenheiten (z. B. Absencen im Kindesalter) und primär generalisierte tonisch-klonische Anfälle ohne einleitende fokale Symptomatik.

Ziele der antikonvulsiven Therapie

Das primäre Ziel der Pharmakotherapie ist der Schutz vor klinischen Manifestationen epileptischer Aktivität, also epileptischen Anfällen. Aufgrund der kurzen Dauer epileptischer Anfälle im Bereich von Sekunden bis zu wenigen Minuten setzt die Wirkung systemisch applizierter Antiepileptika nicht rechtzeitig ein, um einen Anfall nach Beginn der klinischen Manifestation akut zu beeinflussen oder zu unterbrechen. Die pharmakologische Behandlung von Epilepsien mit Standard-Antiepileptika besteht daher in einer Langzeitprophylaxe.

Neben der Anfallskontrolle sind auch die Anfallsschwere und die Verträglichkeit der Behandlung wichtige Zielparameter. Eine gute Verträglichkeit trägt wesentlich zur Lebensqualität der Patienten bei, insbesondere bei Langzeitbehandlungen.

Weitere sekundäre Effekte epileptischer Anfälle können ein wesentliches Behandlungsziel darstellen. Das Konzept der epileptischen Enzephalopathie geht davon aus, dass auch interiktale Spikes und „subklinische“ Anfallsmuster zu einer Störung der kognitiven und sozialen Entwicklung führen.

Pharmakologische Grundlagen der antikonvulsiven Therapie

Die Pharmakotherapie von Epilepsien erreicht bei etwa zwei Drittel aller Epilepsiepatienten eine erfolgreiche Anfallskontrolle. Die medikamentöse Behandlung zielt darauf ab, das gestörte Gleichgewicht zwischen Exzitation und Inhibition im Gehirn wiederherzustellen. Dies kann durch verschiedene Mechanismen erreicht werden:

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  • Reduktion der Neurotransmitterfreisetzung
  • Modulation postsynaptischer Rezeptoraktivierungen
  • Veränderung der Neurotransmitterkonzentrationen im synaptischen Spalt

Klassische Antikonvulsiva haben synaptische Wirkansätze, neuerdings kommen auch erste in die Epileptogenese eingreifende Ansätze zum Einsatz.

Wirkmechanismen von Antikonvulsiva

Die Wirkmechanismen von Antikonvulsiva sind vielfältig und zielen darauf ab, die neuronale Aktivität im Gehirn zu stabilisieren, um die Häufigkeit und Schwere von Anfällen zu reduzieren. Die Hauptwirkmechanismen der verschiedenen Klassen von Antikonvulsiva umfassen:

  • Natriumkanal-Blocker: Diese Medikamente (z.B. Carbamazepin, Phenytoin, Lamotrigin) verhindern die repetitive, hochfrequente Entladung von Aktionspotentialen in den Neuronen, indem sie die spannungsabhängigen Natriumkanäle in einem inaktivierten Zustand stabilisieren. Dies verlangsamt die neuronale Feuerrate und verhindert die Ausbreitung von Anfallsaktivitäten.
  • Calciumkanal-Blocker: Bestimmte Antikonvulsiva (z.B. Ethosuximid, Gabapentin, Pregabalin) wirken, indem sie die T-Typ-Calciumkanäle in den thalamischen Neuronen blockieren. Diese Kanäle sind an der Entstehung thalamokortikaler Rhythmen beteiligt, die bei Absencen-Anfällen eine Rolle spielen. Durch die Hemmung dieser Kanäle wird die abnormale neuronale Aktivität reduziert.
  • GABAerge Wirkung: Viele Antikonvulsiva (z.B. Benzodiazepine wie Diazepam und Lorazepam, Barbiturate wie Phenobarbital, sowie Valproinsäure) verstärken die inhibitorische Wirkung des Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Sie erhöhen entweder die GABA-Freisetzung, verstärken die GABA-Wirkung an GABAA-Rezeptoren oder hemmen den GABA-Abbau. Dies führt zu einer erhöhten neuronalen Hemmung, die die Anfallsaktivität dämpft.
  • Glutamat-Rezeptor-Antagonisten: Einige Antikonvulsiva (z.B. Topiramat, Felbamat) wirken als Antagonisten an Glutamatrezeptoren, insbesondere am NMDA-Rezeptor. Da Glutamat der primäre erregende Neurotransmitter im Zentralnervensystem ist, führt dessen Hemmung zu einer Verringerung der neuronalen Erregbarkeit.
  • SV2A-Liganden: Levetiracetam und Brivaracetam binden an das synaptische Vesikelprotein 2A (SV2A) in präsynaptischen Neuronen. Obwohl der genaue Mechanismus nicht vollständig verstanden ist, wird angenommen, dass diese Bindung die Freisetzung von Neurotransmittern moduliert und dadurch die neuronale Hyperaktivität und Anfallsneigung reduziert.
  • Mehrfachwirkmechanismen: Einige Antikonvulsiva, wie z.B. Valproat und Topiramat, haben mehrere Wirkmechanismen, die sowohl die Verstärkung der GABAergen Aktivität als auch die Hemmung von Natrium- und/oder Calciumkanälen umfassen können.

Auswahl des Antikonvulsivums

Die Auswahl des geeigneten Antikonvulsivums hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter:

  • Anfallsform: Einige Antikonvulsiva sind wirksamer bei fokalen Anfällen, während andere besser für generalisierte Anfälle geeignet sind. Bei generalisierten Epilepsien ist Valproat anderen Antiepileptika in der Wirksamkeit überlegen.
  • Nebenwirkungsprofil: Jedes Antikonvulsivum hat ein eigenes Nebenwirkungsprofil. Die Auswahl sollte daher auch auf der Grundlage der individuellen Verträglichkeit erfolgen. Bei fokalen Epilepsien werden Medikamente primär anhand des Nebenwirkungsspektrums, des Wirkansatzes und in Abhängigkeit von Interaktionen ausgewählt.
  • Interaktionen: Einige Antikonvulsiva können mit anderen Medikamenten interagieren. Es ist wichtig, mögliche Interaktionen zu berücksichtigen, insbesondere bei Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen.
  • Alter und Geschlecht: Das Alter und Geschlecht des Patienten können ebenfalls eine Rolle bei der Auswahl des Antikonvulsivums spielen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter ist besondere Vorsicht geboten, da einige Antikonvulsiva teratogen wirken können. Valproinsäure ist bei Frauen im gebärfähigen Alter sogar streng kontraindiziert.

Dosierung und Einnahme

Das Erzielen eines kontinuierlichen prophylaktischen Effektes setzt bei den meisten Antiepileptika einen dauerhaften minimalen Wirkspiegel voraus. Zudem bestehen bei vielen Antiepileptika, insbesondere im höheren Dosisbereich, serumkonzentrationsabhängige Nebenwirkungen. Aus beiden Gründen werden bei der Dauertherapie möglichst geringe Schwankungen der Wirkspiegel angestrebt.

Viele Antiepileptika können jedoch auch in einer sofort wirksamen hohen Dosis gegeben werden (z. B. Levetiracetam, Brivarazetam, Pregabalin, Valproat und Phenytoin), wenn ein sofortiger Wirkeintritt erforderlich ist, etwa im Rahmen einer Anfallsexazerbation oder von Anfallsclustern.

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In der Regel sollen Medikamente unabhängig von Serumkonzentrationen bis an die individuelle Verträglichkeitsgrenze ausdosiert werden, bevor bei weiter bestehenden Anfällen ein Wechsel der Substanz erfolgt.

Monotherapie vs. Kombinationstherapie

Behandlungen erfolgen aufgrund der einfacheren Einnahme in der Regel zunächst in Monotherapie, d. h. mit Einsatz nur einer Substanz. Bei fokalen Epilepsien gibt es statistisch keine nachgewiesenen Unterschiede hinsichtlich der Wirksamkeit; die Auswahl orientiert sich daher v. a. am Aspekt einer guten Verträglichkeit, praktikabler Einnahmeschemata und einer Minimierung des Interaktionsrisikos.

Bei schwer kontrollierbaren Epilepsien oder bei Nebenwirkungen bei höherer Dosierung partiell wirksamer Antikonvulsiva können Kombinationsbehandlungen bei geeigneter Auswahl jedoch Vorteile sowohl hinsichtlich der Wirksamkeit als auch hinsichtlich der Verträglichkeit haben.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Wie alle Medikamente können auch Antikonvulsiva Nebenwirkungen verursachen. Häufige Nebenwirkungen sind:

  • Allergische Reaktionen: am häufigsten in Form von Exanthemen (bis hin zum Lyell-Syndrom), seltener in Form von Pankreatitiden oder Hepatopathien oder als DRESS-Syndrom. Substanzen mit der höchsten Inzidenz allergischer Reaktionen sind Phenytoin, Carbamazepin, Lamotrigin und Zonisamid, am geringsten ist das Risiko bei Primidon, Vigabatrin, Gabapentin, Topiramat und Levetiracetam.
  • ZNS-toxische Nebenwirkungen: klassischerweise bei Natriumkanalblockern, in Form von Schwindel, Ataxie, Verschwommensehen/Doppelbildern, Kopfschmerzen, Müdigkeit und ggf.
  • Teratogenität: Einige Antikonvulsiva können während der Schwangerschaft zu Fehlbildungen beim Kind führen.

Spezielle Patientengruppen

Frauen im gebärfähigen Alter

Bei Frauen im gebärfähigen Alter ist die Wahl des Antikonvulsivums besonders wichtig. Valproinsäure ist aufgrund ihres hohen teratogenen Potenzials kontraindiziert. Lamotrigin und Levetiracetam gelten als relativ sichere Optionen, wobei während der Schwangerschaft regelmäßige Serumkonzentrationskontrollen erforderlich sein können, um Serumkonzentrationsabfälle auszugleichen.

Ältere Menschen

Epilepsien im Alter sind oft schwerer zu erkennen als bei jungen Patienten. Die Therapie ist durch häufige Komorbidität und multiple Pharmakotherapie kompliziert und erfordert ein behutsames Vorgehen. Hier ist insbesondere auf Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten zu achten.

Bei bestehenden Defiziten im Alter bedeuten selbst geringe Nebenwirkungen bereits eine große Einschränkung, so dass Therapieabbrüche im Vergleich zu jüngeren Patienten häufiger sind. Eine Komedikation bedingt bei klassischen Antikonvulsiva oft Medikamenteninteraktionen mit Wirkungsverlust. Deshalb gilt bei der Auswahl der Antiepileptika im Alter: „Start slow and go slow“. Entgegen den Regeln der Akutneurologie ist hier eine langsame und vorsichtige Eindosierung geboten. Ebenso sollte bei der Änderung einer bestehenden Therapie auf eine überlappende und sehr vorsichtige Umstellung geachtet werden.

Therapie-refraktäre Epilepsie

Eine Epilepsie wird schlussendlich als Therapie-refraktär bezeichnet, wenn die Anfälle trotz zweier, ausreichend dosierter Medikamente persistieren. In diesem Fall können andere Behandlungsoptionen in Betracht gezogen werden, wie z. B.:

  • Epilepsiechirurgie: Bei fokalen Epilepsien, bei denen der Anfallsursprung in einem bestimmten Bereich des Gehirns lokalisiert werden kann, kann eine Operation zur Entfernung des epileptogenen Gewebes in Erwägung gezogen werden.
  • Neurostimulation: Verfahren wie die Vagusnervstimulation (VNS) oder die Tiefe Hirnstimulation (THS) können eingesetzt werden, um die Anfallsfrequenz zu reduzieren.
  • Ketogene Diät: Eine spezielle Diät mit hohem Fett- und niedrigem Kohlenhydratanteil kann bei einigen Patienten mit therapieresistenter Epilepsie wirksam sein.

Neue Entwicklungen

In den letzten Jahren gab es bedeutende Fortschritte in der Entwicklung neuer Antikonvulsiva und anderer Therapieansätze für Epilepsie. Einige vielversprechende Entwicklungen sind:

  • Brivaracetam: Eine Weiterentwicklung von Levetiracetam mit möglicherweise höherer antikonvulsiver Wirksamkeit und günstigerem Nebenwirkungsprofil.
  • Cenobamat: Ein neues Medikament zur Add-on-Therapie bei fokalen Epilepsien.
  • Cannabidiol (CBD): CBD zeigte bei bestimmten, ansonsten schwer einstellbaren Epilepsiesyndromen (z.B. Dravet- oder Lennox-Gastaut-Syndrom) eine gewisse Wirksamkeit.
  • Pharmakogenetik: Aktuelle Forschungsansätze zielen darauf ab, basierend auf Genomsequenzierung bzw.

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