Migräne ist eine weit verbreitete und äußerst belastende neurologische Erkrankung, die von anfallsartigen, oft einseitigen Kopfschmerzen begleitet wird. Die Schmerzen sind typischerweise pulsierend, pochend oder stechend und werden von Betroffenen als moderat bis schwer empfunden. Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz; sie kann den Alltag der Betroffenen erheblich einschränken.
Verbreitung und Ursachen
Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen. Einer repräsentativen Befragung des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge erfüllen etwa 15 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer die Kriterien einer Migräne. Hinzu kommen weitere Personen, die wahrscheinlich betroffen sind. Migräne tritt vor allem im erwerbsfähigen Alter auf, wobei Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen sind als Männer.
Verantwortlich für Migräne ist eine Funktionsstörung des Gehirns, insbesondere der Strukturen, die für die Schmerzentstehung und -verarbeitung zuständig sind. Außerdem ist bei Migränebetroffenen die Hirnrinde überempfindlich, was zu einer verstärkten Wahrnehmung äußerer Reize führt.
Früher gingen Wissenschaftler von einer Fehlsteuerung der Blutgefäße im Gehirn aus. Demnach verengen sich kurz vor einer Migräneattacke die Blutgefäße, weswegen die betroffene Hirnregion schlechter durchblutet wird. In einer überschießenden Gegenreaktion erweitern sich anschließend die Blutgefäße. Diese Gefäßdehnung verursacht dann die migränetypischen Schmerzen. Nach aktuellen Untersuchungen ist das Geschehen vermutlich auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen.
Formen der Migräne
Gemäß der Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3) der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft gibt es verschiedene Formen der Migräne:
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- Migräne ohne Aura: Dies ist die häufigste Form, von der etwa 80 Prozent der Betroffenen betroffen sind.
- Migräne mit Aura: Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen gehen den Kopfschmerzen neurologische Symptome voraus, die als Aura bezeichnet werden. Typische Aurasymptome sind Sehstörungen (z.B. Flimmern, Lichtblitze, Gesichtsfeldausfälle), sensible Störungen (z.B. Kribbeln, Taubheitsgefühle) oder Sprachstörungen.
- Hemiplegische Migräne: Diese seltene Form ist von motorischen Störungen einer Körperhälfte begleitet, die leicht oder unvollständig gelähmt ist. Die Lähmung ist vollständig reversibel.
- Retinale Migräne: Hierbei sind die Kopfschmerzen von einem langsam fortschreitenden Gesichtsfeldausfall auf einem Auge begleitet, der sich anschließend vollständig zurückbildet. Während eines Migräneanfalls kann es dazu kommen, dass Betroffene die Sehkraft auf einem oder beiden Augen für einige Minuten verlieren.
- Migräne mit Hirnstammaura: Diese seltene Form ist von mindestens zwei Aurasymptomen begleitet, die sich in ihrer Herkunft eindeutig dem Hirnstamm zuordnen lassen. Dazu gehören Schwindel, Tinnitus, Sprachstörungen, Hörminderungen, Doppelbilder oder Bewusstseinsstörungen. Die Aurasymptome sind vollständig reversibel, motorische oder retinale Symptome treten nicht auf.
- Chronische Migräne: Eine chronische Migräne liegt vor, wenn Betroffene über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen haben.
- Vestibuläre Migräne: Eine Migräneform, bei der Schwindel und Gleichgewichtsstörungen die Hauptsymptome sind, oft begleitet von den klassischen Migränekopfschmerzen.
- Abdominelle Migräne: Eine Migräneform, die hauptsächlich bei Kindern auftritt und durch wiederkehrende Bauchschmerzen und Übelkeit gekennzeichnet ist, oft ohne Kopfschmerzen.
- Menstruelle Migräne: Migräne, die in direktem Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus steht, oft kurz vor oder während der Menstruation auftritt.
Symptome einer Migräne
Die Symptome einer Migräne können vielfältig sein und variieren von Person zu Person. Typische Symptome sind:
- Kopfschmerzen: Mäßige bis starke, einseitige (seltener beidseitige) Kopfschmerzen, die als pulsierend, pochend oder hämmernd beschrieben werden. Die Schmerzen verstärken sich bei körperlicher Aktivität.
- Aura: Neurologische Symptome, die den Kopfschmerzen vorausgehen können (siehe oben).
- Übelkeit und Erbrechen: Häufige Begleitsymptome der Migräne.
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Betroffene sind während einer Migräneattacke oft sehr empfindlich gegenüber Licht, Geräuschen und Gerüchen.
- Weitere Symptome: Schwindel, Benommenheit, Sehstörungen, Taubheit, Kribbeln in Gliedmaßen, Konzentrationsstörungen, Gereiztheit, Müdigkeit.
Eine Migräne kann in vier verschiedenen Phasen verlaufen, muss es aber nicht:
- Prodromalphase: Bereits Tage vor den eigentlichen Kopfschmerzen können sich erste Anzeichen bemerkbar machen, wie z.B. Gereiztheit, Müdigkeit, Heißhunger oder Stimmungsschwankungen.
- Auraphase: Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen kommt es zu einer Auraphase mit neurologischen Symptomen.
- Kopfschmerzphase: In dieser Phase treten die typischen Migränekopfschmerzen auf.
- Nach- oder Erholungsphase: Nach dem Abklingen der Kopfschmerzphase können noch Erschöpfung, Konzentrationsstörungen oder andere Symptome auftreten.
Auslöser (Trigger)
Es gibt viele Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Diese sogenannten Trigger sind individuell verschieden. Häufige Trigger sind:
- Stress: Körperlicher oder psychischer Stress, insbesondere in der Entspannungsphase nach Stress.
- Schlafstörungen: Schlafmangel oder unregelmäßiger Schlafrhythmus.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel (z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol, insbesondere Rotwein), unregelmäßige Mahlzeiten, Unterzuckerung, Dehydration.
- Hormonelle Veränderungen: Menstruation, Schwangerschaft, Wechseljahre, Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Anti-Baby-Pille).
- Umweltfaktoren: Wetterveränderungen, grelles Licht, Lärm, starke Gerüche, verqualmte Räume.
- Weitere Faktoren: Starke Emotionen, bestimmte Medikamente, körperliche Anstrengung.
Diagnose
Für die Diagnose der Migräne werden die Kriterien der International Headache Society herangezogen. Die Diagnose basiert auf einem ausführlichen Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt, in dem die Häufigkeit, Dauer, Art und Stärke der Kopfschmerzen und möglicher Begleitsymptome erfragt werden. Ein Kopfschmerztagebuch kann die Diagnosefindung erleichtern.
In der neurologischen Untersuchung werden andere Ursachen für die Kopfschmerzen ausgeschlossen. In manchen Fällen sind weitere Untersuchungen notwendig, wie z.B. eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns.
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Behandlung
Die Behandlung der Migräne umfasst verschiedene Ansätze:
- Akutbehandlung: Ziel ist es, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern.
- Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Attacken können Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Paracetamol oder Naproxen helfen. Oft ist eine Kombination mit Koffein sinnvoll.
- Triptane: Bei mittelschweren bis schweren Attacken sind Triptane die Mittel der Wahl. Sie wirken spezifisch gegen Migräne, indem sie die geweiteten Blutgefäße im Gehirn verengen und die Ausschüttung entzündungsfördernder Stoffe hemmen.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingesetzt werden.
- Gepante und Ditane: Neue Wirkstoffgruppen, die bei Unwirksamkeit oder Unverträglichkeit von Triptanen eingesetzt werden können.
- Prophylaxe: Ziel ist es, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren. Eine Prophylaxe ist sinnvoll, wenn die Attacken sehr häufig auftreten, die Akutbehandlung nicht ausreichend wirksam ist oder Nebenwirkungen verursacht.
- Medikamentöse Prophylaxe: Verschiedene Medikamente können zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden, darunter Betablocker, Antidepressiva (z.B. Amitriptylin), Antiepileptika (z.B. Topiramat, Valproinsäure) und CGRP-Antikörper.
- Nicht-medikamentöse Prophylaxe:
- Regelmäßiger Lebensstil: Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Flüssigkeitszufuhr.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken (z.B. progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Yoga), Stressbewältigungstraining.
- Ausdauersport: Regelmäßige körperliche Aktivität, wie z.B. Laufen, Schwimmen, Radfahren.
- Akupunktur: Kann bei manchen Patienten die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Vermeidung von Triggern: Identifizierung und Vermeidung individueller Auslöser.
- Biofeedback: Erlernen der bewussten Beeinflussung von Körperfunktionen wie Blutdruck oder Muskelspannung.
- Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR): Hierbei lernen Betroffene in Form von Fantasiereisen einzelne Muskelbereiche an- und zu entspannen, was auch für Kinder gut geeignet ist.
- Kognitiv-behaviorales Schmerzbewältigungstraining (Stressmanagement): Patientinnen und Patienten lernen, sich mit möglichen Stressfaktoren des Alltags und Berufs im Zusammenhang mit ihren kognitiven Prozessen auseinanderzusetzen und entwickeln Strategien zur Stressbewältigung.
- Weitere Behandlungsansätze:
- Psychotherapie: Kann helfen, mit der Erkrankung besser umzugehen und Stress abzubauen.
- Verhaltenstherapie: Kann helfen, ungünstige Verhaltensmuster zu ändern und die Schmerzwahrnehmung zu beeinflussen.
- Remote Electrical Neuromodulation (REN): Eine Methode, bei der Nervenfasern außerhalb der Migräneschmerzregion stimuliert werden, um den Migränekopfschmerz zu unterdrücken.
- Daith-Piercing: Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) betont: "Das Verfahren beruht auf keiner nachvollziehbaren pathophysiologischen Grundlage." Außerdem gebe es keine wissenschaftlichen Studien, die die Wirksamkeit belegen. Mehr noch: Das Piercing könne sich entzünden und gerade im Bereich des Ohrknorpels sei das Risiko für eine gestörte Wundheilung höher.
Leben mit Migräne
Migräne ist eine chronische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt eine individuelle Behandlungsstrategie zu entwickeln.
Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, Trigger zu identifizieren und die Wirksamkeit der Behandlung zu kontrollieren.
Regelmäßigkeit im Alltag, Stressmanagement und Entspannungstechniken können dazu beitragen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
Es ist wichtig zu akzeptieren, dass Migräne eine reale Erkrankung ist und keine Einbildung. Viele Betroffene leiden unter dem Stigma, dass Migräne keine "echte" Krankheit sei.
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