Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch Funktionsstörungen im Gehirn verursacht wird. Die Krankheit beschreibt starke bis sehr starke, oft einseitige Kopfschmerzen, die mit belastenden Begleitsymptomen einhergehen und einige Stunden bis sogar Tage anhalten können. Migräne kann den Alltag unerträglich machen. Mit einer Prävalenz von 10 bis 15 Prozent zählt die Kopfschmerz-Art zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen.
Einführung
Die selektive Wahrnehmung spielt bei Migräne eine bedeutende Rolle. Betroffene nehmen Reize anders wahr als gesunde Menschen. Licht, Geräusche und Gerüche können als besonders intensiv und störend empfunden werden. US-Forscher haben eine Erklärung dafür gefunden, warum Licht die Kopfschmerzen bei Migräne oft verschlimmert. Bei Studien an Ratten fanden sie eine bisher unbekannte Verbindung zwischen bestimmten lichtempfindlichen Zellen im Auge und Zellen im Gehirn, die für die Wahrnehmung und Weiterleitung von Schmerzen verantwortlich sind.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen für Migräne sind noch nicht vollständig entschlüsselt. Experten sind sich weitgehend einig, dass es nicht nur einen auslösenden Faktor gibt. Als relativ gesichert gilt eine genetische Komponente mit polygenetischer Disposition. Einige der betroffenen Gene spielen bei der Regulation neurologischer Schaltungen eine Rolle, andere beim oxidativen Stresslevel. Über welche biologischen Mechanismen die Mutationen eine Migräne im Detail begünstigen, ist bislang nicht geklärt.
Eine Sonderform stellt die familiäre hemiplegische Migräne (FHM) dar, bei der es sich um eine monogenetische Erkrankung mit dominantem Erbgang handelt. Drei Formen werden unterschieden: Bei der FHM1 finden sich Mutationen im CACNA1A-Gen (Kodierung für einen Kalziumkanal) auf Chromosom 19, bei FHM2 Mutationen im ATP1A2-Gen (Kodierung für eine K/Na-ATPase) auf Chromosom 1 und bei der FHM3 liegen Mutationen im SCN1A-Gen (Kodierung für einen Natriumkanal) auf Chromosom 2 vor. Möglicherweise existieren noch weitere, bisher nicht identifizierte Genloci.
Etwa 90 Prozent der Migräne-Patienten können als Auslöser der Kopfschmerzattacken interne oder externe Faktoren benennen. Diese Trigger sind von Mensch zu Mensch verschieden. Häufig werden Schlafmangel und Stress als migränefördernd angegeben, bei Frauen ist ein direkter Zusammenhang mit der Menstruation oder Ovulation zu beobachten. Auch sollen bestimmte Nahrungs- und Genussmittel (insbesondere Käse, Rotwein, Schokolade, Zitrusfrüchte, Nikotin, Coffein und Alkohol), Fasten oder Flüssigkeitsmangel einen Migräneanfall provozieren können.
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Gründe für das lichtinduzierte Unbehagen, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit könnten niedrigere Schwellenwerte sein, die Betroffene im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung aufweisen.
Die Rolle des Gehirns bei Migräne
Das Gehirn eines Menschen, der unter Migräne leidet, ist reaktionsbereiter als das anderer Menschen. Es ist quasi immer auf dem Sprung. Doch irgendwann nimmt das Gehirn sich eine qualvolle Auszeit. Erstens sind die meisten Migräniker Frauen und zweitens sind Migräne-Kranke offenbar besonders reaktionsschnell. Ihr Gehirn nimmt Reize ungewöhnlich rasch wahr und verarbeitet sie auch sehr schnell. Das geschieht in aller Regel unbewusst, ohne dass die Betroffenen es merken. Doch das Gehirn von Migränikern ist stets aktiv. Es läuft ständig auf Hochtouren und saugt Reize auf wie ein Schwamm das Wasser. „Der Migräne liegt eine Übererregbarkeit des Gehirns zugrunde“, erklärt der Kopfschmerzexperte Dr. Diese Übererregbarkeit sichert Migränikern möglicherweise in ihrem Alltag so manchen Vorteil. Doch sie hat auch unangenehme Konsequenzen: Die Nervenzellen, die Neuronen, stehen bei Migräne-Kranken unter Dauerstress. In kürzester Zeit erhalten sie unzählige elektrische Impulse, bilden Botenstoffe, die so genannten Neurotransmitter, und stimulieren damit Nachbar-Neuronen. Sie feuern ihre Signale durch das Gehirn und steuern so die Reaktionen unseres Körpers. Das kostet Kraft. Wird eine Schwelle der Erregbarkeit überschritten, so sind die Neuronen erschöpft, regelrecht ausgebrannt. „Die Energiespeicher sind leer, das Gehirn braucht Erholung“, sagt Evers, Präsident des Deutschen Schmerzkongresses in Münster.
Neuronale Theorie
Nach aktueller Lehrmeinung in der Migräneforschung ist die neurogene Entzündungshypothese in Verbindung mit einer neuronalen Überaktivität am wahrscheinlichsten. Demnach verändern biochemische Impulse und mechanische Reize die neuronale elektrische Aktivität im Gehirn. Der neuronalen Theorie zufolge ist Migräne auf eine neurogene Entzündung an den Gefäßen der Pia mater zurückzuführen, die über eine Stimulation afferenter C-Fasern des N. trigeminus die Kopfschmerzen auslöst (trigeminothalamischer Weg). Genauer vermittelt die retrograde Ausschüttung von Neuropeptiden und vasoaktiven Substanzen wie Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), Stickstoffmonoxid (NO), Substanz P (SP) und vasoaktives intestinales Peptid (VIP) aus den Axonendigungen von Aδ- und C‑Fasern eine perivaskuläre neurogene Entzündung der meningealen Blutgefäße. Die dünn myelinisierten Aδ- und nicht myelinisierten C‑Fasern sind pseudounipolare Neurone, deren Zellkörper im Ganglion trigeminale liegen. Von hier laufen die Axone sowohl in die Peripherie zu Meningen und Blutgefäßen als auch nach zentral in das Trigeminuskerngebiet. Augenscheinlich gehen der neurogenen Inflammation eine Vasodilatation und Plasmaextravasation voraus, die eine Sensibilisierung der nozizeptiven Afferenzen zur Folge haben.
Eine zentrale pathophysiologische Bedeutung wird dem vasodilatativ wirkenden CGRP zugeschrieben. Im Rahmen der Migränepathophysiologie sind vermutlich die CGRP-Rezeptoren im Nucleus spinalis nervi trigemini, im Ganglion trigeminale und in den Nervenenden des N. trigeminus entscheidend.
Pathomechanismus der Aura
Bei etwa einem Drittel der Betroffenen geht der Kopfschmerzattacke eine Aura voraus. Pathophysiologisch scheint eine „cortical spreading depression“ (CSD) verantwortlich zu sein. Hierbei vermindert eine sich langsam (wenige Millimeter pro Sekunde) über den Kortex ausbreitende neuronale und gliale Depolarisation die neuronale Aktivität und führt zu entsprechenden Symptomen der betroffenen Hirnregion. Im Okzipitallappen wird dementsprechend eine visuelle Aura mit beispielsweise Fortifikationen, Blitzlichtern oder Skotomen hervorgerufen; eine Ausbreitung in der Postzentralregion ist mit sensiblen Symptomen assoziiert. Wodurch genau die CSD getriggert wird oder ob gar die CSD Initiator der Migräneattacke ist, ist Gegenstand der Forschung und noch nicht abschließend geklärt. Sehr wahrscheinlich bedingen genetische Faktoren eine individuell erhöhte Suszeptibilität für eine CSD, indem sie die Schwelle der Exzitabilität verändern und eine CSD erleichtern.
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Die Aura-Symptome treten - abhängig vom betroffenen Areal - meist sequenzartig hintereinander auf und verschwinden wieder. Die mit der verminderten neuronalen Aktivität einhergehende Minderdurchblutung beginnt üblicherweise im hinteren Kortex und dehnt sich nach vorne aus. Sie liegt gewöhnlich über der ischämischen Schwelle.
Symptome und Verlauf von Migräne
Migräne kann unterschiedlich ablaufen. Oft kommt es zu Attacken heftiger, häufig einseitiger pulsierend-pochender Kopfschmerzen. Bei einem Drittel der Patienten - insbesondere bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren - bestehen holokranielle Kopfschmerzen. Die einzelnen Attacken sind begleitet von Appetitlosigkeit (fast immer), Übelkeit (80%), Erbrechen (40-50%), Lichtscheu (60%), Lärmempfindlichkeit (50%) und Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Gerüchen (10%).
Grundsätzlich wird zwischen einer „Migräne ohne Aura“ und einer „Migräne mit Aura“ inklusive diverser Unterformen unterschieden.
Migräne ohne Aura
Migräne ohne Aura ist die häufigste Migräneform. Typische Kopfschmerzcharakteristika sind:
- einseitige Lokalisation
- pulsierender Charakter
- mäßige bis starke Intensität
- Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten
- begleitendes Auftreten von Übelkeit und/oder Licht- und Lärmüberempfindlichkeit
Die Kopfschmerzen halten vier (bei Kindern und Jugendlichen zwei) bis 72 Stunden an.
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Migräne mit Aura
Migräne mit Aura ist sehr viel seltener als Migräne ohne Aura. Eine Aura ist definiert als wiederkehrende, für Minuten anhaltende Attacke mit einseitigen, komplett reversiblen visuellen, somatosensorischen oder motorischen Symptomen, die sich allmählich entwickeln und denen in der Regel Kopfschmerzen und damit verbundene Migränesymptome folgen. Bleibt die Aura ohne begleitenden oder nachfolgenden Migränekopfschmerz wird sie als „Typische Aura ohne Kopfschmerz“ eingestuft.
Ein Drittel der Betroffenen leidet unter einer Aura. Diese steht meist am Beginn einer Kopfschmerz-Attacke und kündigt diese an. Die Dauer der Aura kann unterschiedlich lange sein, meist hält sie Minuten bis Stunden an. Während dieser Phase kommt es noch nicht zu den migränetypischen Kopfschmerzen. Vielmehr stehen Seh- und Wahrnehmungsstörungen und im Vordergrund: Betroffene berichten über blendende Kreise oder Vierecke, Zickzacklinien, Blitze oder Flimmern vor den Augen. Einige leiden auch unter Gesichtsfeldausfällen, bei denen die Sehkraft in bestimmten Bereichen nachlässt oder komplett ausfällt. Manche Patient:innen klagen zudem über Kribbelgefühle oder Taubheit in den Händen oder Armen. Selten sind auch Sprachstörungen möglich. Ähnliche Symptome werden auch bei ischämischen Schlaganfällen oder traumatischen Hirnverletzungen beobachtet.
Sehstörungen während einer Migräneaura können unterschiedlicher Natur sein - von der Wahrnehmung von flimmernden Blitzen bis hin zu Gesichtsfeldausfällen. Wissenschaftler des Dänischen Kopfschmerzzentrums, der Neurologie der Universität Kopenhagen und der Universitätsaugenklinik Magdeburg haben herausgefunden, dass verschiedene Aura-Symptome unterschiedliche Funktionsveränderungen im Gehirn widerspiegeln. Mit fMRT untersuchten sie fünf Patienten während Aura-Attacken. Es zeigte sich, dass Patienten mit visuellen Aura-Symptomen wie Gesichtsfeldausfällen, erniedrigte Antworten der Sehrinde hatten, während Patienten, die beispielsweise Lichtblitze und Flimmern wahrnahmen, vergrößerte Antworten hatten. Betrafen die visuellen Symptome beide Gesichtsfeldhälften, so wurden die Änderungen der Aktivität der Sehrinde auch in beiden Hirnhälften beobachtet.
Migräne-Phasen
Eine Migräneattacke kann grundsätzlich in verschiedenen Phasen ablaufen: dem Prodromalstadium, der Aura, der Kopfschmerzattacke und der Postdromalphase. Diese werden in Gänze aber nicht zwingend von jedem Patienten durchlaufen oder bemerkt. Oft fehlen klare Übergänge der einzelnen Phasen, vielmehr überlappen sich die Symptome.
Prodromalstadium
Etwa ein Drittel der Patienten nimmt Anzeichen wahr, die auf eine kommende Migräneattacke hindeuten. Diese Prodromal- oder Vorbotenphase kann Stunden bis Tage vor der eigentlichen Kopfschmerzphase auftreten und stark variieren. Typische Prodromi sind:
- Nackenschmerzen (meist ohne strukturelle Pathologie)
- häufiges Gähnen
- unspezifische Magen-Darm-Beschwerden
- Polyurie
- übermäßige Gereiztheit
- Fatigue
- Schwindel
- Blässe
- Heißhungerattacken
- Inappetenz
- Obstipation
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Geräuschempfindlichkeit
- depressive Verstimmung
Aura-Phase
Ewa bis zu 30 Prozent aller Migränepatienten entwickeln unmittelbar vor Einsetzen des Kopfschmerzes nacheinander verschiedene neurologische Symptome.
Als häufigster Auratyp ist die visuelle Aura zu beobachten, die bei mehr als 90 Prozent der Patienten mit einer „Migräne mit Aura“ zumindest bei einigen Anfällen vorkommt. Charakteristisch ist das sogenannte Fortifikationsphänomen. Darunter wird ein sich langsam öffnendes halbes Oval mit ausgezackter, flimmernd-leuchtender Umrandung nahe dem Fixationspunkt verstanden, das sich entsprechend der kortikalen Retinopathie zur Gesichtsfeldperipherie hin nach links und rechts ausbreitet und in ihrem Zentrum ein graduell unterschiedliches absolutes oder relatives Skotom hinterlässt. Ein Gesichtsfeldausfall ist auch ohne positive visuelle Phänomene möglich.
Zweithäufiges Aurasymptom sind Sensibilitätsstörungen in Form von nadelstichartigen Parästhesien, die sich langsam vom Ursprungsort ausbreiten und größere oder kleinere Teile einer Körperhälfte einschließlich des Gesichts und/oder der Zunge erfassen können. Daran anschließend kann ein sensibles Defizit anhalten.
Weniger häufig sind Sprachschwierigkeiten, üblicherweise aphasische Störungen in Form von Wortfindungsstörungen.
Systematische Studien konnten zeigen, dass viele Patienten mit einer visuellen Aura gelegentlich auch Aurasymptome im Bereich der Extremitäten haben und/oder sprachbezogene Symptome aufweisen. Umgekehrt scheinen bei Symptomen in den Extremitäten und/oder Sprach- und Sprechschwierigkeiten fast immer (zumindest bei einigen Attacken) visuelle Aurasymptome aufzutreten.
Die Aurasymptome folgen gewöhnlich aufeinander, meist beginnend mit visuellen Phänomenen, gefolgt von Sensibilitätsstörungen und gegebenenfalls einer Aphasie. Eine umgekehrte Reihenfolge oder eine andere Reihung ist beschrieben. Die anerkannte Dauer beträgt für die meisten Aurasymptome 60 Minuten, motorische Beschwerden persistieren häufig auch länger als eine Stunde.
Kopfschmerz-Phase
Der klassische Migränekopfschmerz zeigt typische Charakteristika. Meist sind die Kopfschmerzen einseitig lokalisiert, können sich aber auch auf die andere Kopfhälfte ausbreiten oder während einer Attacke die Seite wechseln. Selten beginnen Migränekopfschmerzen beidseitig.
Die Kopfschmerzintensität reicht von mittel bis stark und wird von den Betroffenen als pulsierend, pochend, klopfend, hämmernd oder bohrend beschrieben. Kopfbewegungen und körperliche Anstrengung verstärken die Schmerzen meist. Patienten sind oft blass und wirken schwer krank. Nach Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft hält eine Kopfschmerzattacke zwischen vier und 72 Stunden an.
Häufig bestehen vegetative Begleitsymptome wie Inappetenz, Nausea und Emesis sowie eine Photophobie, Phonophobie oder Osmophobie.
Postdromalphase
Im Anschluss an einen Migräneanfall kann eine Postdromalphase folgen, in der die Beschwerden allmählich abklingen. Diese Rückbildungsphase ist recht unspezifisch und wird individuell anders wahrgenommen. Viele Betroffene sind müde, erschöpft und reizbar. Selten wird über Euphorie-ähnliche Zustände berichtet. Konzentrationsstörungen, Schwäche und Appetitlosigkeit werden noch Stunden nach der Migräneattacke beschrieben.
Diagnose von Migräne
Die Migräne-Diagnose stützt sich auf die Anamnese und neurologische Untersuchung. Bei Kopfschmerzen mit ungewöhnlicher Klinik - etwa zum Ausschluss einer Subarachnoidalblutung - und bei Kopfschmerzen mit persistierenden neurologischen oder psychopathologischen Auffälligkeiten sind zusätzliche diagnostische Maßnahmen wie Laboruntersuchungen und insbesondere eine Bildgebung notwendig. Ein erstmalig auftretender Kopfschmerzanfall im Kindesalter muss ebenfalls differentialdiagnostisch abgeklärt werden.
Eine sichere Migräne-Diagnose kann erst nach mindestens fünf anamnestischen Migräneattacken gestellt werden. Der neurologische Untersuchungsbefund muss unauffällig sein.
Behandlung von Migräne
Grundsätzlich wird bei der Therapie von Migräne zwischen der Akuttherapie und Intervallprophylaxe unterschieden.
Akuttherapie
Bei akuten Migräneattacken wird eine möglichst frühzeitige Einnahme von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) empfohlen, bei unzureichender Wirksamkeit und mittelschweren bis schweren Attacken die Anwendung von Triptanen. Letztere sind in verschiedenen Applikationsformen erhältlich, zum Beispiel als Schmelztablette, Nasenspray oder subkutane Injektion.
Leichtere Migräneanfälle
Bei leichten Migräneanfällen empfiehlt die aktuelle S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ die Einnahme von Acetylsalicylsäure und NSAR, auch kombiniert mit Coffein.
Werden die Kopfschmerzen von vegetativen Reizsymptomen wie Nausea und Emesis begleitet, sollten die Analgetika zwingend mit antiemetischen Wirkstoffen kombiniert werden. Selbst Patienten, die keine Übelkeit zeigen, werden aufgrund der prokinetischen Wirkung Antiemetika nahegelegt, die idealerweise 10-20 Minuten vor den Analgetika eingenommen werden.
Als Analgetika sind empfohlen:
- Acetylsalicylsäure (ASS 1000 mg oder ASS 900 mg + MCP 10 mg p.o.)
- Ibuprofen (200/400/600 mg p.o.)
- Metamizol 1000 mg p.o. oder i.v.
- Diclofenac-Kalium 50 mg/100 mg p.o.
- Kombinationsanalgetika: 2 Tabletten ASS 250/265 mg + Paracetamol 200/265 mg + Coffein50/65 mg)
Bei Kontraindikation von NSAR: Paracetamol 1000 mg oder Metamizol 1000 mg p.o
Bei Übelkeit und Erbrechen empfehlen die Leitlinienexperten 10 mg Metoclopramid p.o. (ggf. supp.) oder 10 mg Domperidon p.o.
Gemäß der Leitlinie:
- sind Analgetika und NSAR bei der Behandlung von akuten Migräneattacken wirksam.
- ist die Wirkung für Acetylsalicylsäure und Ibuprofen am besten belegt.
- liegt die Schwelle für die Entstehung von Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz nach ICHD-3 für Kombinationsanalgetika bei ≥ 10 Einnahmetagen/Monat, für Monoanalgetika bei ≥ 15 Einnahmetagen/Monat.
Neue Therapieoptionen
Gerade für Menschen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen könnten die Wirkstoffgruppen der Ditane (selektive 5-HT1F-Rezeptor-Agonisten) und Gepante (CGRP-Rezeptor-Antagonisten) eine neue Therapieoption sein.
Neuere Medikamente setzen auf den Effekt von sogenannten Gepants, künstlich hergestellten Molekülen, die extra zur Migränebehandlung und -prävention entwickelt wurden. Sie sind direkte CGRP-Antagonisten und blockieren direkt die CGRP-Rezeptoren an den Muskelzellen, was die Entzündung und Vasodilatation verhindert. Im Gegensatz zu Triptanen haben Gepants keine Auswirkungen auf die Blutgefäße und auch generell weniger Nebenwirkungen. Beispielsweise kann sich ein übermäßiger Medikamentengebrauch negativ auf den Körper auswirken, indem Medikamente selbst die Migräne fördern, anstatt sie zu verhindern. Gepants sind besonders für Menschen mit häufiger Migräne von Vorteil, da sich einigen Studien zufolge ein Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz weniger wahrscheinlich entwickelt. Ähnlich wie Triptane wirken auch sie nach ca. einer bis zwei Stunden. Bereits 2022 hat Rimegepant eine deutsche Zulassung erhalten, am 1. März 2025 folgt nun Atogepant, der jedoch erstmal nur prophylaktisch eingesetzt wird. Die Zulassungsstudien zeigten, dass Atogenpant bei episodischer Migräne die Migränetage um mindestens 50 % reduziert, wenn es drei Monate lang täglich eingenommen wird. Bei chronischer Migräne mit mindestens 15 Kopfschmerztagen im Monat sank die Attackenhäufigkeit nach vier Monaten um bis zu 7,5 Tage.
Intervallprophylaxe
Medikamente kommen auch prophylaktisch zum Einsatz, wie beispielsweise CGRP-monoklonale Antikörper, welche ebenfalls an den CGRP Rezeptoren binden und deren Aktivität blockieren. Anders als Gepants, welche in Tablettenform eingenommen werden, werden die Antikörper intravenös injiziert. Auch wenn die meisten bei Botox (Botulinumtoxin Typ A) vermutlich eher an weniger Falten auf der Stirn denken, wird es interessanterweise auch als präventive Migränetherapie eingesetzt. Das Gift des Bakteriums Clostridium botulinum wird gezielt im Kopf- sowie Nackenbereich injiziert. Es blockiert die Ausschüttung von Acetylcholin und CGRP, wodurch sich die Muskeln entspannen und Entzündungsreaktionen im Gehirn verhindert und vorgebeugt werden.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Die wichtigste nichtmedikamentöse Maßnahme zur Vorbeugung ist das Vermeiden von Triggern. Mit Selbstbeobachtung können 50 - 75 Prozent der Patientinnen und Patienten ihre persönlichen Trigger identifizieren und im Akutfall richtig handeln. Generell ist ein strukturierter Alltag hilfreich. Man sollte auf genügend Schlaf, Sport, ausgewogene Mahlzeiten und auch Reduzierung von äußeren Reizen achten, um besonders Stress zu vermeiden. Ebenso Entspannungs- und Atemtechniken oder Akupunktur können hilfreich sein. Vielen hilft außerdem ein sogenanntes Migränetagebuch, in welches entweder händisch oder auch mithilfe von Apps die Charakteristika der Migräneattacke eingetragen werden können. Dadurch werden oft persönliche Trigger enthüllt, die einem nicht bewusst waren.
Zur Linderung von Migräne gibt es außerdem spezialisierte Kühlmützen, die sowohl als Schlafmaske dienen und jegliches Licht fernhalten, als auch durch ein integriertes Gel den Kopf abkühlen. Zudem gibt es extra für Patientinnen und Patienten entwickelte Migränebrillen, welche mithilfe eines speziellen Filters (FL-41) blaues Licht abhalten und die Lichtempfindlichkeit und demnach die Anzahl der Migräneattacken reduzieren können.
Vestibuläre Migräne
Es gibt keinen Test oder bildgebende Verfahren, welche „positiv für vestibuläre Migräne“ sind. Tests können lediglich helfen, andere vestibuläre Störungen auszuschließen. Die Diagnose basiert auf der Krankengeschichte des Patienten und den Diagnosekriterien.
Nach einem ersten Besuch beim Hausarzt, wirst du wahrscheinlich an einen auf Migräne oder Schwindel spezialisierten Neurologen überwiesen. Diese spezialisierten Ärzte werden eine gründliche Anamnese erheben, eine neurologische Untersuchung und verschiedene Tests, um die Funktion deines vestibulären Systems zu beurteilen, durchführen.
Viele der Symptome von vestibulärer Migräne ähneln den Symptomen anderer Innenohrerkrankungen wie Morbus Menière, benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS) und der Vestibularisparoxysmie. Andere Erkrankungen wie deie transitorische ischämische Attacke (TIA), der Schlaganfall mit vertebrobasilärer Insuffizienz (VBI) und die episodische Ataxie Typ 2 (EA2) können ähnliche Symptome wie vestibuläre Migräne aufweisen. Die Ähnlichkeit der Symptome kann die Diagnose zusätzlich erschweren.
Bevor du eine endgültige Diagnose erhältst, werden möglicherweise diagnostische Tests durchgeführt, um andere Krankheiten auszuschließen. Untersuchungen mit einer speziellen Brille können hilfreich sein. Dadurch lässt sich zwischen Lagerungsschwindel und Lagenystagmus (unwillkürliche, schnelle Augenbewegungen), der bei vestibulärer Migräne auftritt, unterscheiden.
Die derzeit anerkannten Diagnosekriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft und der Barany Society (Internationale Gesellschaft für Neuro-otologie) für vestibuläre Migräne sind:
- Mindestens 5 Episoden mit vestibulären Störungen von moderater oder schwerer Intensität, die 5 Minuten bis 72 Stunden andauern.
- Moderat bedeutet, dass die Symptome zwar die alltäglichen Aktivitäten beeinträchtigen, aber dennoch möglich sind.
Es wird geschätzt, dass viele Menschen mit vestibuläre Migräne nicht erkannt oder falsch diagnostiziert werden. Die Voreingenommenheit von Ärzten und Patienten kann problematisch sein. Für manche Patienten ist es schwer zu verstehen und zu akzeptieren, dass eine Migräne auch ohne Kopfschmerzen auftreten kann. Manche Ärzte wissen nicht, wie sie diese ungewöhnlichen, atypischen Formen der Migräne erkennen können. Der Schlüssel zur korrekten Diagnose von vestibulärer Migräne liegt darin, einen Zusammenhang zwischen vestibulären Symptomen und Migräne zu erkennen und sich der vielen verschiedenen Erscheinungsformen dieser Erkrankung bewusst zu sein.
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