Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich vielfältig äußern kann. Während viele Menschen Migräne mit starken, pochenden Kopfschmerzen assoziieren, gibt es auch die weniger bekannte Form der Migräne ohne Kopfschmerzen, auch als "stille Migräne" oder "Migraine-sans-Migraine" bekannt. Diese Form kann für Betroffene und Ärzte gleichermaßen verwirrend sein, da die typischen Kopfschmerzen fehlen.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, deren Hauptsymptom anfallsartig auftretende Kopfschmerzen sind. Diese Kopfschmerzen werden oft von anderen Symptomen begleitet, darunter:
- Übelkeit
- Erbrechen
- Lichtempfindlichkeit (Photophobie)
- Geräuschempfindlichkeit (Phonophobie)
- Geruchsempfindlichkeit (Osmophobie)
Migräneattacken können zwischen vier und 72 Stunden dauern und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Frauen sind etwa dreimal häufiger von Migräne betroffen als Männer. Schätzungsweise leiden in Deutschland etwa neun Millionen Menschen unter Migräne.
Migräne mit und ohne Aura
Eine wichtige Unterscheidung bei Migräne ist das Vorhandensein oder Fehlen einer Aura. Die Aura ist eine vorübergehende neurologische Störung, die dem Kopfschmerz vorausgehen, ihn begleiten oder nachfolgen kann. Etwa 15 bis 25 Prozent der Migränepatienten erleben Auren.
Symptome einer Aura können sein:
- Visuelle Störungen: Flimmern, Blitze, Zickzacklinien, Gesichtsfeldausfälle (Skotome), verschwommenes Sehen, Doppelbilder
- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühl, Verlust der Berührungsempfindung, wandernde Sensibilitätsstörungen in Armen, Beinen und Gesicht
- Sprachstörungen: Aphasische Aura, Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden
- Motorische Schwäche: Selten, halbseitige Lähmungen (hemiplegische Migräne)
- Gleichgewichtsstörungen: Schwindel
Die Symptome einer Aura entwickeln sich typischerweise langsam über einen Zeitraum von fünf bis 60 Minuten und klingen dann wieder ab. Das dynamische Auftreten der Symptome ist ein wichtiges Unterscheidungskriterium zu anderen neurologischen Erkrankungen, insbesondere zum Schlaganfall.
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Migräne ohne Kopfschmerzen: Die isolierte Aura
Bei der Migräne ohne Kopfschmerzen, auch isolierte Aura genannt, treten die typischen Aurasymptome auf, ohne dass danach Kopfschmerzen folgen. Dies kann die Diagnose erschweren, da die Betroffenen die Symptome möglicherweise nicht als Migräne erkennen und stattdessen einen Schlaganfall oder eine andere neurologische Erkrankung vermuten.
Professor Dr. Andreas Straube von der Neurologischen Klinik der Universität München erklärt, dass etwa 10 Prozent der Migränepatienten mit Aura von Zeit zu Zeit isolierte Auren entwickeln. Es kommt jedoch selten vor, dass Betroffene ausschließlich isolierte Auren haben.
Typische Symptome einer isolierten Aura:
- Visuelle Störungen wie Flimmern, Lichtblitze oder Gesichtsfeldausfälle
- Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl
- Sprachstörungen
Die Symptome dauern in der Regel zwischen 15 und 60 Minuten.
Ursachen und Pathophysiologie
Die genauen Ursachen der Migräne, einschließlich der Migräne ohne Kopfschmerzen, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen, neurologischen und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
Mögliche Ursachen und Mechanismen:
- Genetische Veranlagung: Etwa zwei Drittel der Migränepatienten haben weitere betroffene Familienmitglieder. Die Genetik scheint bei der Migräne mit Aura eine größere Rolle zu spielen als bei der Migräne ohne Aura.
- Übererregbarkeit der Hirnrinde: Eine Theorie besagt, dass die Zellen der Hirnrinde bei Migränepatienten übererregbar sind. Dies führt zu einer Depolarisation, die sich als Welle von Hyperaktivität über den Cortex ausbreitet (Cortical Spreading Depression). Diese Welle kann das Sehzentrum erreichen und visuelle Symptome auslösen.
- Rolle des Trigeminusnervs: Wenn die Depolarisationswelle den Trigeminusnerv erreicht, kann dieser aktiviert werden und Schmerzsignale aussenden, was zu Kopfschmerzen führt. Bei Menschen mit isolierten Auren könnte die Reizschwelle für die Aktivierung des Trigeminusnervs höher liegen, sodass der Kopfschmerz ausbleibt.
- Neurotransmitter: Schmerzauslösende Neurotransmitter wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne. Diese Botenstoffe werden im Kerngebiet der Drillingsnerven (N. trigeminus) im Gehirn und an seinen Endungen an der Hirnhaut und den Gefäßen ausgeschüttet.
- Durchblutungsstörungen: Eine spontane Durchblutungsstörung im Gehirn wird als mögliche Theorie bei der Entstehung von Migräne mit Aura diskutiert. Äußere Faktoren können zu einer kurzfristigen Verengung der Blutgefäße im Gehirn und der Hirnhaut führen, was zu einer reduzierten Durchblutung und Sauerstoffversorgung führen kann.
Triggerfaktoren
Viele Migränepatienten kennen bestimmte Auslöser (Trigger), die eine Migräneattacke auslösen können. Diese Trigger können individuell verschieden sein.
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Häufige Triggerfaktoren:
- Unregelmäßiger Schlaf: Schlafmangel oder unregelmäßiger Schlafrhythmus
- Ausgelassene Mahlzeiten: Längere Phasen ohne ausreichend zu essen und zu trinken
- Stress: Starke psychische oder körperliche Belastungen
- Bestimmte Reize: Flackerlicht, schlechte Luft in stickigen Räumen
- Alkohol: Insbesondere Rotwein
- Bestimmte Nahrungsmittel:
- Hormonelle Schwankungen: Menstruation, Schwangerschaft, Wechseljahre
- Wetterumschwünge:
Es ist wichtig, die eigenen Triggerfaktoren zu identifizieren und nach Möglichkeit zu vermeiden. Ein Kopfschmerztagebuch kann dabei helfen, Muster zu erkennen und Auslöser zu identifizieren.
Diagnose
Die Diagnose einer Migräne ohne Kopfschmerzen kann schwierig sein, da die typischen Kopfschmerzen fehlen. Ein Arzt wird in der Regel eine gründliche Anamnese erheben und eine neurologische Untersuchung durchführen, um andere mögliche Ursachen der Symptome auszuschließen.
Differenzialdiagnose:
Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können, darunter:
- Schlaganfall
- Transitorische ischämische Attacke (TIA)
- Epilepsie
- Morbus Menière (Erkrankung des Innenohrs)
- Fibromyalgie
- Neurologische Störungen
- Wiederkehrende Hypoglykämien
In einigen Fällen kann eine Kernspintomographie (MRT) des Gehirns erforderlich sein, um andere Ursachen auszuschließen.
Behandlung
Die Behandlung der Migräne ohne Kopfschmerzen zielt in erster Linie darauf ab, die Symptome der Aura zu lindern und die Häufigkeit von Attacken zu reduzieren.
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Behandlungsmöglichkeiten:
- Akutbehandlung: Eine Akutbehandlung der Aura ist nicht möglich.
- Vorbeugende Maßnahmen: Medikamente, die die Migränehäufigkeit senken, können auch die Aura reduzieren. Einige vorbeugende Medikamente wirken besonders gut bei Migräne mit Aura.
- Ketaminspray: In einigen Fällen kann Ketaminspray als Therapieversuch eingesetzt werden, obwohl es für diese Indikation nicht zugelassen ist.
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen:
- Regelmäßiger Ausdauersport (z.B. Joggen, Schwimmen, Radfahren)
- Entspannungstechniken (z.B. Yoga, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training, Biofeedback)
- Psychologische Verfahren (z.B. Verhaltenstherapie)
- Regelmäßiger Tagesablauf (Schlaf, Mahlzeiten)
- Vermeidung von Triggerfaktoren
- Nahrungsergänzungsmittel: Magnesium, Coenzym Q10 und Vitamin B2 (Riboflavin) können in der Energiebereitstellung der Zelle eine Rolle spielen und die migräneprophylaktische Wirkung in Studien gezeigt haben.
- Pflanzliche Präparate: Einige pflanzliche Präparate (Phytotherapeutika wie Mutterkraut, Pestwurz) und ein homöopathisches Komplex-Medikament haben in Studien ihre kopfschmerzprophylaktische Wirkung belegt.
- CGRP-Antikörper: Seit einigen Jahren gibt es eine neue Behandlung mit Antikörpern gegen den Botenstoff CGRP, der während der Migräne-Attacke ausgeschüttet wird. Diese Antikörper können den Botenstoff abfangen bzw. dessen Wirkung an den Nervenzellen und Hirngefäßen vermindern.
Umgang mit Migräne ohne Kopfschmerzen
Der Umgang mit Migräne ohne Kopfschmerzen erfordert ein gutes Verständnis der Erkrankung und ihrer Symptome. Es ist wichtig, sich selbst zu beobachten, Triggerfaktoren zu identifizieren und Strategien zu entwickeln, um mit den Symptomen umzugehen.
Tipps für den Umgang mit Migräne ohne Kopfschmerzen:
- Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch: Notieren Sie Ihre Symptome, Triggerfaktoren und die Wirksamkeit von Behandlungen.
- Vermeiden Sie Triggerfaktoren: Identifizieren Sie Ihre persönlichen Trigger und versuchen Sie, diese zu vermeiden.
- Sorgen Sie für einen regelmäßigen Tagesablauf: Achten Sie auf ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und Stressabbau.
- Nutzen Sie Entspannungstechniken: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Yoga, um Stress abzubauen und die Symptome zu lindern.
- Bewegen Sie sich regelmäßig: Regelmäßige körperliche Aktivität kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Suchen Sie professionelle Hilfe: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Symptome und lassen Sie sich beraten, welche Behandlungen für Sie geeignet sind.
- Finden Sie die richtige Einstellung zu Ihrer Migräne: Akzeptieren Sie die Erkrankung und lernen Sie, damit umzugehen.
- Gönnen Sie sich etwas Gutes: Unternehmen Sie Aktivitäten, die Ihnen Freude bereiten und Ihnen helfen, sich zu entspannen.
Spezialisierte Hilfe
Für Menschen mit Migräne ohne Kopfschmerzen gibt es spezialisierte Kliniken und Therapieangebote. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet beispielsweise eine spezielle Therapie für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzerkrankungen an. Die Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein bietet ein multimodales Therapieprogramm, das individuell auf die jeweiligen Patienten zugeschnitten ist.