Migräne-Spritze Erenumab: Wirkung, Anwendung und alles Wissenswerte

Migräne-Spritzen, insbesondere solche, die den Wirkstoff Erenumab enthalten, sind Medikamente zur Vorbeugung von Migräneanfällen. Sie enthalten Wirkstoffe, die bestimmte Rezeptoren blockieren, die an der Entstehung von Migräne beteiligt sind. Bei regelmäßiger Anwendung können sie die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen reduzieren.

Was ist eine Migräne-Spritze?

Als Migräne-Spritze werden Medikamente bezeichnet, die in Form von Fertigpens zur Verfügung stehen. Diese Einwegspritzen sind bereits mit der Injektionslösung befüllt. Derzeit sind vier Wirkstoffe zugelassen:

  • Erenumab (Aimovig®)
  • Galcanezumab (Emgality®)
  • Fremanezumab (Ajovy®)
  • Eptinezumab (Vyepti®)

Migräne-Spritzen enthalten monoklonale Antikörper, spezielle Eiweiße (Proteine), die nur an eine bestimmte Zielstruktur binden. Monoklonale Antikörper unterscheiden sich von körpereigenen Antikörpern, die polyklonal sind und an mehrere Zielstrukturen binden können.

Es ist wichtig zu beachten, dass die "Anti-Migräne-Spritzen" nur bei regelmäßiger Anwendung wirken. Sie beugen Migräne-Kopfschmerzen vor, helfen aber nicht bei akuten Attacken. Das Migräne-Medikament Sumatriptan kann auch unter die Haut gespritzt werden, wirkt aber nicht vorbeugend, sondern nur bei akuten Attacken. Umgangssprachlich sind mit dem Ausdruck „Migräne-Spritze“ monoklonale Antikörper gemeint.

Wirkung von Erenumab und anderen CGRP-Antikörpern

Die in der Spritze enthaltenen monoklonalen Antikörper wirken, indem sie an den Botenstoff Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor binden und diese Bindungsstellen inaktivieren. Aufgrund ihrer spezifischen Wirkung werden sie als CGRP-Antikörper bezeichnet.

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CGRP spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräne-Anfällen, da es gefäßerweiternd und entzündungsfördernd wirkt. Viele Menschen, die unter Migräne leiden, produzieren diesen Botenstoff im Überschuss. Die monoklonalen Antikörper unterbrechen den Signalweg an einer bestimmten Stelle und verhindern so das Auftreten einer Migräne-Attacke.

CGRP-Antikörper werden im Körper sehr langsam abgebaut. Es reicht deshalb aus, wenn man sie - je nach Präparat - monatlich oder sogar nur alle drei Monate verabreicht. Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab werden über das Unterhautfettgewebe aufgenommen, während Eptinezumab direkt in die Blutbahn injiziert werden muss. Für den Abbau der CGRP-Antikörper sind eiweißspaltende Enzyme verantwortlich. Sie zerlegen die Antikörper in ihre Einzelteile, die anschließend wiederverwertet oder vom Körper ausgeschieden werden.

Anwendungsgebiete der Migräne-Spritze

Die Migräne-Spritze wird bei Erwachsenen zur Vorbeugung von Migräne angewendet, die an mindestens vier Tagen pro Monat auftritt. In Deutschland und Österreich müssen es mindestens vier, in der Schweiz mindestens acht Migräne-Tage im Monat sein, damit die Kosten von der Krankenkasse erstattet werden.

Anwendung von Erenumab und anderen Migräne-Spritzen

Wie die Migräne-Spritze angewendet wird, hängt vom jeweiligen Präparat ab. Ihr Arzt zeigt Ihnen die korrekte Handhabung. Außerdem wird er den Behandlungserfolg regelmäßig überprüfen und gemeinsam mit Ihnen besprechen.

Erenumab:

Spritzen Sie eine Einzeldosis Erenumab alle vier Wochen unter die Haut. Der Fertigpen enthält normalerweise 70 Milligramm Injektionslösung. Reicht die Menge nicht aus, kann Ihnen Ihre Ärztin oder Ihr Arzt auch 140 Milligramm verordnen. Injizieren Sie Erenumab in den Bauch oder Oberschenkel. Wenn Ihnen eine andere Person Erenumab verabreicht, kann das Medikament auch in die Außenseite des Oberarms gespritzt werden.

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Galcanezumab:

Die Behandlung mit Galcanezumab beginnt mit einer Anfangsdosis von 240 Milligramm. Anschließend werden alle vier Wochen 120 Milligramm unter die Haut gespritzt. Sie können Galcanezumab in den Bauch oder den Oberschenkel injizieren. Wenn Ihnen eine andere Person die Spritze verabreicht, ist dies auch an der Außenseite des Oberarbs oder im Gesäßbereich möglich.

Fremanezumab:

Fremanezumab ist in zwei Dosierungen erhältlich: Erfolgt die Injektion monatlich, erhalten Betroffene 225 Milligramm. Bei Anwendung alle drei Monate werden 675 Milligramm (aufgeteilt in drei Pens / Spritzen) verabreicht. Fremanezumab soll in den Bauch, Oberschenkel oder Oberarm gespritzt werden.

Eptinezumab:

Eptinezumab muss - im Gegensatz zu den drei anderen CGRP-Antikörpern - von medizinischem Fachpersonal verabreicht werden. Der Wirkstoff wird nicht in das Unterhautfettgewebe gespritzt, sondern als intravenöse Infusion verabreicht. Normalerweise werden 100 Milligramm Eptinezumab als intravenöse Infusion alle 12 Wochen gegeben. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kann diese Dosis bei Bedarf auf 300 Milligramm steigern. Eine Infusion dauert ungefähr 30 Minuten.

Allgemeine Hinweise:

Wechseln Sie bei allen Präparaten zur Selbstinjektion regelmäßig die Einstichstelle. Wenn Sie eine Injektion vergessen, holen Sie diese möglichst rasch nach. Spritzen Sie in keine geröteten oder verhärteten Hautareale.

Gegenanzeigen

Migräne-Spritzen darf man im Allgemeinen nicht anwenden, wenn man überempfindlich oder allergisch auf den Wirkstoff oder einen anderen Bestandteil des Medikaments reagiert. Auch Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Schwangere und Stillende sollen nicht mit Migräne-Spritzen behandelt werden. Bei Frauen mit Kinderwunsch ist sie nicht geeignet, weil man keine Daten hat, wie sich die Spritze in der Schwangerschaft auswirkt. Auch in der Stillzeit ist sie tabu.Bei bestimmten schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen schweren Begleiterkrankungen ist besondere Vorsicht geboten; die Entscheidung für die Behandlung sollte daher immer individuell durch einen erfahrenen Neurologen oder eine Neurologin erfolgen.

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Wechselwirkungen

Es sind keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bekannt. Erenumab ist ein humaner monoklonaler Antikörper. Der Körper zerlegt den Wirkstoff - wie alle körpereigenen Antikörper - zum Abbau in kleinere Bestandteile, zum Beispiel in Aminosäuren. Erenumab stört die Stoffwechselvorgänge in der Leber oder Niere nicht. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die in der Leber oder Niere vom Körper verarbeitet werden, sind daher unwahrscheinlich.

Nebenwirkungen

Erenumab ist in der Regel gut verträglich. Patienten leiden während der Therapie häufig (bis zu 1 von 10 Behandelten) unter Verstopfung oder Muskelkrämpfen. Vereinzelt leiden sie unter Haarausfall oder Mundschleimhautentzündungen während der Erenumab-Behandlung. Die Einstichstelle schmerzt manchmal oder die Haut ist gerötet und juckt. Meist vergehen die Beschwerden nach kurzer Zeit von selbst. Nach der Erenumab-Anwendung haben Patienten häufig allergische Reaktionen. Dabei juckt die Haut stark oder es bildet sich ein Ausschlag mit Quaddeln. Möglicherweise schwellen Gesicht, Zunge oder Rachen an. Das Risiko für einen allergischen Schock mit Kreislauf- und Atemstillstand steigt. Wenn Sie Hinweise auf eine allergische Reaktion bemerken, wenden sie Erenumab nicht mehr an. Lassen Sie die Beschwerden möglichst schnell ärztlich abklären. Schwellen Mund oder Rachen an, ist Ihnen schwindelig oder bekommen Sie schlechter Luft, rufen Sie einen Notarzt.

Abgabevorschriften und Kosten

Migräne-Spritzen sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz rezeptpflichtig. Die Kosten einer Therapie mit Erenumab hängen davon ab, wie oft und über welchen Zeitraum das Medikament gespritzt wird. Bei dem empfohlenen Anwendungsintervall von vier Wochen (28 Tage) erhalten Patienten also 13 Anwendungen pro Jahr. Die Jahrestherapiekosten belaufen sich auf einen höheren vierstelligen Betrag. Erhalten Patienten eine höhere Dosis, steigen die Kosten entsprechend. Ob die gesetzliche Krankenkasse die Kosten der Behandlung übernimmt, kommt auf den Einzelfall an. Meist müssen Patienten vorher andere Medikamente zur Migräne-Prophylaxe eingenommen haben, zum Beispiel den Betablocker Metoprolol oder das Antidepressivum Amitriptylin. Zudem hängt die Kostenerstattung davon ab, an wie vielen Tagen pro Monat die Patienten an Migräne leiden. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten für Erenumab, wenn andere Medikamente nicht ausreichend wirken, starke Nebenwirkungen auftreten oder nicht vertragen werden. Bessern sich die Beschwerden nach drei bis sechs Monaten nicht, erstatten die Krankenkassen in der Regel jedoch keine weiteren Erenumab-Behandlungen. Informieren Sie sich vorher bei Ihrer Krankenkasse, ob und unter welchen Bedingungen sie die Kosten für eine Therapie mit Erenumab übernimmt.

Erenumab: Ein erster Migräne-Antikörper und seine Konkurrenten

Erenumab (Aimovig®) war der erste Antikörper, der zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden konnte. Es adressiert ein völlig neues Target (Zielstruktur) in der Therapie der Migräne. Der Antikörper bindet an den Rezeptor von CGRP. Durch die Bindung von Erenumab an den Rezeptor von CGRP, wird die entzündungsfördernde Wirkung des Peptids verhindert - und somit ein Faktor im Krankheitsgeschehen der Migräne ausgeschaltet.

Aimovig® hat zwar das Rennen um den ersten Antikörper gegen Migräne gewonnen, doch auch andere forschende Pharmaunternehmen setzen auf das CGRP-Antikörper-Prinzip. Am weitesten sind Galcanezumab (Emgality®) und Fremanezumab (Ajovy®) bereits gediehen. Beide Antikörper sind in den USA mittlerweile zugelassen. In Europa dauert es wohl noch etwas, bis Erenumab in Aimovig® Konkurrenz bekommt. Zwar hat der Humanarzneimittelausschuss der EMA für Galcanezumab seine Zulassungsempfehlung ausgesprochen, bei Fremanezumab allerdings ist bislang die Zulassung lediglich beantragt. Eine Entscheidung gibt es noch nicht. Beide Antikörper verhindern ebenfalls die Wirkung von CGRP, allerdings auf eine etwas andere Art als Erenumab in Aimovig®. Denn Galcanezumab und Fremanezumab richten sich nicht gegen den Rezeptor von CGRP, sondern neutralisieren CGRP direkt (binden an CGRP). Der vierte Migräne-Antikörper im Boot ist Eptinezumab.

Studienergebnisse und Wirksamkeit von Erenumab

Erenumab wurde in zwei Zulassungsstudien untersucht. In der internationalen, multizentrischen, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-IIb-Studie wurden 667 Patienten mit chronischer Migräne (CM) mit oder ohne Aura eingeschlossen. Der Rückgang der durchschnittlichen monatlichen Migränetage im Vergleich zu Placebo war unter beiden Dosierungen signifikant höher. Signifikante Ergebnisse zugunsten von Erenumab zeigten sich auch bezüglich der Reduktion der monatlichen Akutmedikationstage.

Die zweite Studie war eine internationale, multizentrische, randomisierte, doppelblinde placebokontrollierte Phase-III-Studie, die Patienten mit episodischer Migräne (EM) einschloss. Die Reduktion der durchschnittlichen monatlichen Migränetage im Vergleich zu Placebo war unter beiden Dosierungen signifikant höher, wenn auch schwach ausgeprägt. Signifikante Ergebnisse zugunsten von Erenumab zeigten sich auch bezüglich der Reduktion der monatlichen Akutmedikationstage sowie hinsichtlich körperlicher Beeinträchtigungen und Alltagsaktivitäten.

Durchgeführt wurde auch eine weitere zwölfwöchige doppelblinde placebokontrollierte Phase-III-Studie (ARISE1), die 577 Patienten mit EM einschloss. Im primären Endpunkt - Änderung der durchschnittlichen monatlichen Migränetage - zeigte sich unter Erenumab im Vergleich zu Placebo eine statistisch signifikante Reduktion.

Voraussetzungen für die Erstattung durch die Krankenkasse

Der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) sieht eine Übernahme der Therapiekosten durch die gesetzliche Krankenversicherung bei Patienten mit episodischer Migräne vor, wenn mindestens die folgenden 5 zugelassenen medikamentösen Prophylaktika Betablocker (Metoprolol oder Propranolol), Flunarizin, Topiramat, Valproinsäure und Amitriptylin nicht wirksam waren, nicht vertragen wurden oder wenn gegen deren Einnahme Kontraindikationen oder Warnhinweise bestehen. Bei Patienten mit chronischer Migräne wird als zusätzliches Kriterium empfohlen, dass diese nicht auf eine Therapie mit OnabotulinumtoxinA angesprochen haben.

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