Migräne kann für Frauen eine belastende Erkrankung sein, besonders während der Stillzeit. Viele Migränikerinnen erfahren während der Schwangerschaft eine Besserung ihrer Symptome, jedoch kehrt die Migräne in der Stillzeit häufig zu ihrem ursprünglichen Muster zurück. Dieser Artikel beleuchtet, wie sich Migräne in der Stillzeit äußert, welche medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlungsoptionen zur Verfügung stehen und was stillende Mütter beachten sollten.
Migräne und die Stillzeit: Ein Überblick
Migräne ist eine chronische neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Frauen im gebärfähigen Alter sind besonders häufig betroffen. Während der Schwangerschaft erleben viele Frauen eine Linderung ihrer Migräne, insbesondere ab dem zweiten Trimester. Dies wird auf die stabilen Spiegel der Hormone Östrogen und Gestagen sowie körpereigene Opioide zurückgeführt.
Nach der Geburt kehren die Migräneattacken oft innerhalb des ersten Monats zurück. Dies könnte auf den raschen Abfall des Östrogenspiegels, postpartale Depressionen oder die neue Situation als Mutter mit Schlafentzug und Ängsten zurückzuführen sein. Die hormonellen Schwankungen im Wochenbett können ebenfalls Spannungskopfschmerzen und Migräne-Attacken auslösen. Einige Mediziner vermuten, dass das vermehrt ausgeschüttete Hormon Prolaktin, das die Milchbildung in den Brüsten fördert, eine Rolle spielt.
Symptome von Migräne in der Stillzeit
Die Symptome von Migräne in der Stillzeit können denen vor der Schwangerschaft ähneln. Typische Symptome sind:
- Pulsierende, oft einseitige Kopfschmerzen
- Übelkeit und Erbrechen
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit
- Sehstörungen (Aura)
Bei manchen Frauen bessern sich die Migräne-Symptome während der Stillzeit, ähnlich wie in der Schwangerschaft. Dies liegt an den stabilen Hormonspiegeln. Direkt nach der Geburt sinkt der Östrogenspiegel stark ab, stabilisiert sich dann aber während der anschließenden Stillzeit. Das starke Absinken kann ein Grund für das Wiederauftreten der Migräne kurz nach der Geburt sein.
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Medikamentöse Behandlung von Migräne in der Stillzeit
Nicht immer können stillende Frauen ihre gewohnten Migräne-Arzneimittel anwenden, da manche nicht geeignet sind oder die Datenlage schlecht ist. Es ist wichtig, jede Medikamenteneinnahme mit einem Arzt zu besprechen.
Schmerzmittel
- Paracetamol und Ibuprofen: Laut Embryotox sind Paracetamol und Ibuprofen die Mittel der Wahl in der Stillzeit. Beide Wirkstoffe dürfen auch Säuglinge erhalten. Nebenwirkungen wurden bei gestillten Kindern in mehreren Untersuchungen nicht beobachtet. Die Leitlinienautoren sehen Paracetamol aufgrund seiner geringen Wirksamkeit bei Migräne nicht als erste Wahl, raten aber dazu, wenn andere Analgetika nicht möglich sind. Sie empfehlen eher NSAR wie Ibuprofen und ASS.
- ASS (Acetylsalicylsäure): Embryotox hält die gelegentliche Einnahme von ASS in der Stillzeit für vertretbar, bei Früh- und Neugeborenen ist jedoch Vorsicht geboten.
Triptane
Triptane sind Arzneimittel mit der besten Wirksamkeit bei mittelschweren und schweren Migräneattacken.
- Sumatriptan: Embryotox empfiehlt Sumatriptan als bevorzugtes Triptan in der Stillzeit, da die meisten Daten zur Anwendung vorliegen.
- Andere Triptane: Eine Einzeldosis eines anderen Triptans wie Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan oder Zolimtriptan sei akzeptabel. Die Leitlinienautoren sehen Triptane als vereinbar mit dem Stillen und empfehlen Sumatriptan und Eletriptan (Eletriptan sei in geringeren Konzentration in der Muttermilch nachgewiesen worden als Sumatriptan). Ein Abpumpen sei nicht erforderlich. Da es für andere Triptane keine eindeutigen Nachweise zur Unbedenklichkeit gibt, können Stillende vor Anwendung des Triptans Muttermilch abpumpen und diese dem Baby in der Zeit nach Anwendung zufüttern. Nach der Anwendung eines dieser Triptane sollte die Muttermilch für 24 Stunden abgepumpt und verworfen werden.
Neue Wirkstoffe
Für die neuen Wirkstoffe Lasmiditan (Reyvow®) und Rimegepant (Vydura®) bei Migräne liegen keine klinischen Erfahrungen in Schwangerschaft und Stillzeit vor, weshalb man eher zurückhaltend in der Anwendung ist.
Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen
Bei Migräne-bedingter Übelkeit und Erbrechen raten die Leitlinienautoren von Metoclopramid (MCP), Dimenhydrinat und Ondansetron ab, da die Wirkstoffe in die Muttermilch übergehen. Embryotox sagt, dass MCP indikationsgerecht über kurze Zeit eingesetzt werden dürfe. MCP wirkt auf die Prolaktinspiegel, erhöht diese und kann dadurch jedoch die Milchbildung fördern. Zudem geht MCP in die Muttermilch über und kann auch beim gestillten Baby zu messbaren Plasmaspiegeln führen (1 bis 8 Prozent des mütterlichen Spiegels). Es seien in Einzelfällen Blähungen und milde abdominelle Symptome beschrieben. Bei Dimenhydrinat, dem Wirkstoff in Vomex®, fehlt bei Migräne ohnehin die Wirksamkeit.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen bei Migräne in der Stillzeit
Neben Medikamenten gibt es verschiedene nicht-medikamentöse Maßnahmen, die bei Migräne in der Stillzeit helfen können:
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- Reizabschirmung und Ruhe: Ruhe, Entspannung, Eispackungen und Reizabschirmung können leichte Migräneanfälle lindern.
- Regelmäßigkeit: Eine ausgeglichene Lebensführung ist bei Migräne immer von Vorteil. Regelmäßige Schlafzeiten oder eine gute Schlafqualität sind in der Stillzeit eher Glückssache, aber zum Beispiel kann man auf regelmäßige Einschlafzeiten und Mahlzeiten achten. Solche potentiellen Auslöser behält man am besten mit einem Kopfschmerztagebuch im Blick - analog, digital oder per App.
- Ernährung: Neuere Studien haben Zusammenhänge zwischen unserem Zuckerstoffwechsel und Migräne festgestellt. Besonders stark schwankende Blutzuckerreaktionen nach dem Essen können auf mehreren Ebenen Migräneanfälle fördern. Eine niedrig-glykämische Ernährung, die den Blutzucker eher niedrig und stabil hält, ist daher eine effektive Migräneprophylaxe.
- Entspannungsübungen: Durch gezieltes Entspannungstraining, wie z.B. Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenem Training oder Atem-Meditation, kann sich die Muskulatur entspannen, Stresshormone abgebaut und körpereigene Schmerzabwehrsysteme regeneriert werden.
- Ausdauersport: Ausdauersport ist ebenfalls eine gute Methode, um Migräne- und Kopfschmerz-Attacken vorzubeugen. Mit Schwimmen, Radfahren, Walking oder leichtem Joggen kann man ja bereits in den ersten Monaten nach der Geburt wieder beginnen. Erfolge können sich jedoch bei solchen alternativen Behandlungsmethoden nur dann einstellen, wenn die Übungen regelmäßig über einen längeren Zeitraum ausgeführt werden.
- Akupunktur: Akupunktur zeigt bei einigen ebenfalls eine gute Wirksamkeit in der Schwangerschaft und Stillzeit, und kann ohne weitere Bedenken angewandt werden.
- Magnesium: Hochdosiertes Magnesium kann ebenso in der Schwangerschaft und Stillzeit eingenommen werden. Das Nahrungsergänzungsmittel entspannt die Muskeln, wirkt entzündungshemmend, stabilisiert den Blutdruck und beruhigt das Nervensystem.
- Ätherische Öle: Kühlende Kompressen, sanfte Gesichtsmassagen und beruhigende ätherische Öle (wie Pfefferminz- oder Lavendelöl) können zur Linderung beitragen. Vorsicht: Ätherische Öle können Babys schaden! Eukalyptus-, Menthol-, Thymian-, Kampfer-, Fichten- oder Terpentinöl (die übrigens auch häufig in Erkältungstropfen oder -salben enthalten sind) können schwere gesundheitliche Schäden bei Babys und Kleinkindern hervorrufen.
Migräneprophylaxe in der Stillzeit
Sollte in der Stillzeit eine medikamentöse Migräneprophylaxe begonnen werden, stehen einige Wirkstoffe zur Verfügung, die nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung angewendet werden sollen.
- Betablocker: Die Anwendung von Betablockern wie Metoprolol oder Propranolol gilt als sicher und Behandlung der Wahl. Betablocker gehen in begrenzten Mengen in die Muttermilch über. Die Exposition des Säuglings ist wahrscheinlich klinisch irrelevant; in den Fachinformationen wird aus Sicherheitsgründen die Anwendung nicht empfohlen.
- Amitriptylin: Amitriptylin ist eine weitere Option, ebenso die monoklonalen Antikörper. Amitriptylin und seine Metaboliten gehen zwar nur in geringen Mengen in die Muttermilch über, geringe Konzentrationen wurden jedoch im Plasma und Urin gestillter Säuglinge gefunden. Es ist während der Stillzeit nicht zugelassen, wird jedoch teilweise als stillverträglich und Zweitlinienoption eingestuft. Es scheint keine negativen Auswirkungen auf das Kind zu haben, trotzdem können Schläfrigkeit, Mundtrockenheit oder Obstipation auftreten.
- Flunarizin: Flunarizin sollte während der Stillzeit nicht eingenommen werden, da es in die Muttermilch übergeht und sich anreichern kann.
- Valproinsäure: Valproinsäure bindet stark an Plasmaproteine und geht in geringen Mengen in die Muttermilch über. Eine Anwendung gilt als mit dem Stillen vereinbar, obwohl der Wirkstoff während der Stillzeit nicht zugelassen ist und bei einigen gestillten Säuglingen niedrige Wirkstoffspiegel sowie vorübergehende hämatologische Störungen nachgewiesen wurden. Es gibt keine Indikation für routinemäßige Untersuchungen. Trotzdem sollten Säuglinge auf hämatologische oder hepatologische Anomalien (z. B. später Ikterus) überwacht und Valproinsäure während der Stillzeit nur mit Vorsicht angewendet werden.
- Topiramat: Topiramat geht erheblich in die Muttermilch über. Obwohl aus klinischen Studien keine spez…
Wichtige Hinweise und Empfehlungen
- Arzt konsultieren: Bei häufigen und schweren Schmerzattacken wie einem Migräneanfall ist es wichtig, einen Arzt aufzusuchen, am besten einen Neurologen oder Anästhesisten.
- Schmerztagebuch führen: Das Führen eines Schmerztagebuches kann helfen, sogenannte Trigger-Faktoren zu identifizieren. Typische Migräne-Trigger sind z.B. zu wenig Schlaf, Stress oder auch bestimmte Speisen, Gewürze oder große Mahlzeiten zur „falschen“ Tageszeit, insbesondere abends.
- Selbstmedikation vermeiden: Eine unkontrollierte Selbstmedikation ist zu vermeiden. Im Rahmen der Selbstmedikation chemisch-synthetische Schmerzmittel indiziert, rät man während der Stillzeit zu Ibuprofen, da es noch weniger in die Muttermilch übergeht als Paracetamol. Aber das heißt: EINE Tablette, und nur wenn es wirklich sein muss. Diese eine Tablette wird in der Regel gut vertragen und löst auch keine Analgetika-bedingten Kopfschmerzen aus ( das sind Kopfschmerzen, die durch einen Übergebrauch an Schmerzmitteln ausgelöst werden können). Und selbstredend, eine ärztlich verordnete Schmerzmitteleinnahme ist ganz klar von der hier besprochenen Selbstmedikation abzugrenzen.
- Stress reduzieren: Dem mittlerweile allgegenwärtigen Stress können Migräne-geplagte Stillende in erster Linie mit Entspannungsübungen begegnen. Aus dem Bereich der Komplementärmedizin steht bei Kopfschmerzen, Verspannung und Stress das Schüssler Salz Nr. 7, Magnesium phosphoricum, zur Verfügung. Aus der klassischen Homöopathie bietet sich Nux vomica D12 an, wenn „alles einfach zu viel ist“.
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