Migräne und Stress am Arbeitsplatz: Ursachen, Auswirkungen und Lösungsansätze

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, oft einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, die von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden können. Viele Betroffene erleben auch neurologische Ausfälle wie Wahrnehmungsstörungen. Stress am Arbeitsplatz kann ein wesentlicher Auslöser für Migräneattacken sein und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

Migräne: Eine weit verbreitete Erkrankung

In Deutschland leiden schätzungsweise neun Millionen Menschen an Migräne. Frauen sind mit 14,8 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer mit sechs Prozent. Die meisten Kopfschmerztage treten zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr auf, also in der Zeit, in der die Betroffenen mitten im Berufsleben stehen. Laut Techniker Krankenkasse sind pro Tag 100.000 Menschen aufgrund einer Migräne arbeitsunfähig. Dies führt zu einem erheblichen volkswirtschaftlichen Verlust.

Ursachen von Migräne

Die Ursachen von Migräne sind vielfältig und komplex. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

Genetische Veranlagung

Die Veranlagung für Migräne wird vererbt. Zwei Drittel der Migräne-Betroffenen berichten über weitere Betroffene in ihrer Familie. In der größten Migränestudie überhaupt mit über 375.000 Probanden wurden 38 Risikogene und 44 Genvarianten entdeckt. Diese Gene sind für zwei wesentliche Steuerungsmechanismen im Körper verantwortlich: das Herz-Kreislauf-System sowie psychische und sensorische Mechanismen.

Triggerfaktoren

Bei vielen Migräne-Betroffenen lösen bestimmte Umweltfaktoren, sogenannte Trigger, eine Attacke aus. Dazu zählen Stress, die Menstruation, das Auslassen von Mahlzeiten, eine Änderung des Schlaf-Wach-Rhythmus sowie Wetterwechsel. Auch bestimmte Nahrungsmittel wie Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte oder Alkohol können als Trigger wirken. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass der Heißhunger auf bestimmte Speisen bereits ein Symptom der Migräne sein kann.

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Stress als Migräneauslöser am Arbeitsplatz

Stress am Arbeitsplatz ist ein häufiger Auslöser für Migräneattacken. Ständige Erreichbarkeit, Termindruck und hohe Arbeitsbelastung können den Körper stark beanspruchen. Besonders häufig treten die Beschwerden bei intensiver Bildschirmarbeit und langem Aufenthalt in klimatisierten Räumen auf.

Wie Stress Migräne auslöst

Stress versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Es werden Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet, die kurzfristig zu Höchstleistungen anspornen, aber auch negative Auswirkungen haben können. Die Folgen können Verspannungen der Muskulatur, insbesondere im Nacken- und Schulterbereich, mit nachfolgenden Kopfschmerzen sein. Wer unter Kopfschmerzen leidet, ist weniger belastbar und reagiert empfindlicher auf Stress. Ein Teufelskreis beginnt, denn die Angst vor dem nächsten Schmerz erzeugt zusätzlichen Stress.

Weitere Stressverstärker am Arbeitsplatz

Verschiedene Faktoren können den Zusammenhang zwischen Stress und Migräne verstärken:

  • Schlafmangel: Zu wenig Schlaf macht uns nicht nur müde, sondern auch schmerzempfindlicher.
  • Ungesunde Stressbewältigung: Übermäßiger Kaffeekonsum, Bewegungsmangel und unregelmäßige und ungesunde Mahlzeiten können Kopfschmerzen begünstigen.
  • Weitere Stressverstärker im Alltag: Ständiges Scrollen auf dem Smartphone, zu wenig Pausen im Arbeitsalltag, mangelnde Work-Life-Balance sowie Perfektionismus und zu hohe Ansprüche an sich selbst.

Die Rolle des Arbeitsplatzes

Die Patientenorganisation MigräneLiga Deutschland hat mögliche Trigger am Arbeitsplatz identifiziert. Dabei steht die Bildschirmarbeit laut einer Umfrage mit 64 Prozent an erster Stelle. Auch flackernde Bildschirme, Lärm und starke Gerüche können Migräne auslösen.

Auswirkungen von Migräne am Arbeitsplatz

Migräne kann die Leistungsfähigkeit einschränken und zu häufigen Kurzzeiterkrankungen führen. Betroffene sind oft nicht in der Lage, mit voller Leistung weiterzuarbeiten. Hinzu kommt, dass es im Vorfeld zu neurologischen Ausfällen wie Wahrnehmungsstörungen kommen kann, was je nach Tätigkeit erhebliche Risiken birgt.

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Wirtschaftliche Auswirkungen

Die Migräne verursacht in Deutschland vor allem indirekte Kosten von 6,27 Milliarden Euro jährlich, im Sinne von Leistungseinschränkungen am Arbeitsplatz und Arbeitsunfähigkeitstagen. Da das Verhältnis der direkten zu indirekten Kosten 1:13 ist, wird ersichtlich, dass von den Kosten am meisten die Arbeitgebenden betroffen sind. Die entstehenden jährlichen krankheitsbedingten Kosten der Migräne in einem Unternehmen mit 10.000 Mitarbeiter:innen beziffert eine Untersuchung auf 1.3 Mio. Euro.

Medikamentenübergebrauch

Problematisch ist, dass Betroffene Medikamente oft häufiger und in höheren Dosen einnehmen als sie eigentlich sollten, damit sie weiterarbeiten können. Dies kann zu zusätzlichen Nebenwirkungen führen und die Abstände zukünftiger Anfälle verkürzen oder sogar Kopfschmerzen infolge der überhöhten Medikamenteneinnahme entstehen lassen.

Strategien zur Bewältigung von Migräne am Arbeitsplatz

Es gibt verschiedene Strategien, die Betroffenen helfen können, Migräne am Arbeitsplatz zu bewältigen:

Offene Kommunikation

Es kann günstig sein, Kollegen und Arbeitgeber offen über die Krankheit zu informieren, um einen angemessenen Umgang mit Migräneattacken zu ermöglichen. Es kann helfen, wenn Betroffene offen mit Vorgesetzten und Kollegen über ihre Krankheit und die damit verbundenen Auswirkungen sprechen, da die Erkrankung von Nichtbetroffenen meist nicht ernst genommen wird.

Anpassung des Arbeitsplatzes

Arbeitgeber können versuchen, durch betriebliche Veränderungen bekannten Migräneauslösern (Triggern) entgegenzuwirken. Ein sicherer, ergonomischer Arbeitsplatz, der die Gesundheit der Arbeitnehmer:innen gewährleisten soll, ist gesetzlich in der Arbeitsstättenverordnung geregelt und kann einigen Migräneauslösern vorbeugen.

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Betriebliches Gesundheitsmanagement

Durch leitliniengerechte Therapie-Optimierung können die migränebedingten Kosten bei einem Unternehmen mit 10.000 Mitarbeiter:innen jährlich um 600.000 Euro verringert werden, da die Leistungseinschränkungen am Arbeitsplatz bzw. durch Abwesenheit reduziert werden und die Ausfallkosten entfallen. Ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement kann helfen, dem vorzubeugen.

Maßnahmen für Arbeitgeber

Die/der Arbeitgeber:in ist dazu verpflichtet, Maßnahmen durchzuführen, die der Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz dienen - so regelt es das Arbeitsschutzgesetz. Dazu gehört die standardisierte Gefährdungsbeurteilung. Demnach muss neben der Gestaltung und Einrichtung des Arbeitsplatzes beispielsweise auch der Lärmpegel im Büro beurteilt werden. Die Gefährdungsbeurteilung reduziert und vermeidet Belastungen der Beschäftigten und damit Zusatzkosten, die zum Beispiel durch Arbeitsausfälle entstehen.

Tipps für Betroffene

  • Frühzeitige Behandlung: Wichtig ist, eine Attacke frühzeitig zu behandeln. Erste Maßnahme ist, sich von Reizen abzuschirmen. Gegen die Kopfschmerzen helfen gängige Schmerzmittel - ausreichend hoch dosiert - sowie spezielle Migränemedikamente namens Triptane.
  • Lebensstiländerungen: Ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und Bewegung im Alltag helfen, das Risiko für Migräne zu senken. Ebenso wichtig sind Stressbewältigungstechniken wie Yoga, Achtsamkeit oder progressive Muskelentspannung. Ein stabiler Tagesrhythmus kann Migräneanfälle ebenfalls reduzieren, denn unregelmäßiger Schlaf und Schwankungen im Koffeinkonsum gehören zu den häufigsten Ursachen.
  • Entspannungsmethoden: Verschiedene Entspannungstechniken können Verspannungen lösen und Kopfschmerzen vorbeugen: Progressive Muskelentspannung für einen entspannten Nacken, Achtsamkeitsübungen zum Stressabbau, gezielte Atemtechniken in akuten Stressphasen und autogenes Training zur Verbesserung der Körperwahrnehmung.
  • Cleveres Zeitmanagement: Strukturieren Sie Ihren Tag und setzen Sie Prioritäten. Erledigen Sie wichtige Aufgaben in den produktivsten Stunden, planen Sie regelmäßige Pausen und reduzieren Sie die Bildschirmzeiten.
  • Grenzen setzen: Auch wenn es nicht immer einfach ist: Lernen Sie, „Nein“ zu sagen und Ihre Grenzen zu kommunizieren.
  • Gesunder Schlaf: Ein erholsamer Schlaf ist die Grundlage für eine bessere Stressresistenz und weniger Kopfschmerzen. Wichtig sind regelmäßige Schlafenszeiten und eine entspannende Abendroutine. Experten empfehlen sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht, um die Schmerzempfindlichkeit des Körpers zu reduzieren.

Migränefreundlicher Arbeitsplatz: Ein Pilotprojekt als Vorbild

Dass Veränderungen im Unternehmen hilfreich sind, zeigte ein Pilotprojekt der Firma Novartis, das sie mit Kopfschmerz-Experten für ihre über 12.000 Mitarbeiter entwickelte. Die krankheitsbedingte Beeinträchtigung reduzierte sich nach sechs Monaten um 54 Prozent; die Betroffenen hatten fast elf Arbeitstage weniger Migräne.

Rechtliche Aspekte

Die Sorge, wegen der Migräne den Arbeitsplatz zu verlieren, ist bei sehr häufigen Migräneattacken nicht ganz unberechtigt. Die eigentlich günstige Offenheit kann sich in manchen Fällen dann doch ungünstig auswirken. Denn der Arbeitgeber muss sehr häufige Kurzzeiterkrankungen durch eine Migräne mit schlechter Krankheitsprognose nicht immer hinnehmen. Eine Kündigung wegen häufiger Arbeitsausfälle ist allerdings an strenge Voraussetzungen geknüpft und oft ist es möglich, sich erfolgreich mit einer Kündigungsschutzklage dagegen zu wehren.

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