Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Schmerzen werden oft als pulsierend oder pochend beschrieben und können von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein. In einigen Fällen können neurologische Symptome, sogenannte Auren, den Kopfschmerzen vorausgehen. Eine Migräneattacke kann zwischen vier und 72 Stunden dauern.
Was ist ein Status migraenosus?
In einigen Fällen dauern Migräneattacken jedoch länger als 72 Stunden an. Dieser Zustand wird als Status migraenosus bezeichnet und stellt eine schwerwiegende Komplikation der Migräne dar. Die langen Migräne-Attacken lassen keine Zeit zur Erholung und sind extrem kräftezehrend. Die meisten Patienten empfinden die Symptome als besonders stark, was die Situation noch verschärft.
Ursachen und Risikofaktoren
Ein Status migraenosus tritt nur selten als erstmalige Migräne auf. Vielmehr wird die tagelange Migräne bei Patienten beobachtet, die über längere Zeit ohne ärztliche Beratung viele Medikamente gegen ihre Erkrankung eingenommen haben. Ein solcher Medikamentenübergebrauch kann schließlich zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung führen. Weiterhin entsteht oft ein Teufelskreis durch die Verwendung von migränespezifischen Triptanen: Dabei nimmt der Patient bei einer Attacke das Mittel ein, die Symptome bessern sich - aber nur für einige Stunden. Anschließend flammen die Schmerzen erneut auf, was wieder mit der Einnahme von Triptanen bekämpft wird. Nun schlagen die Arzneien noch schlechter an, die Schmerzen sind wieder da, sodass sich der Betroffene schließlich nur noch zurückziehen kann. Bei ihm steigen Frust und Verzweiflung über die Situation, denn die Berg- und Talfahrt ist zermürbend. Eine weitere Ursache für die Migräne-Komplikation kann bei Frauen die hormonelle Situation sein, etwa während der Menstruation.
Symptome
Den Status migraenosus kennzeichnen die üblichen Migräne-Symptome. Meist sind allerdings einseitige Kopfschmerzen, Übelkeit bis hin zu Erbrechen sowie Geräusch- und Lichtempfindlichkeit besonders ausgeprägt. Wie lange ein Status migraenosus andauert, kann individuell unterschiedlich sein - mindestens sind es drei Tage. Bei manchen Patienten gehen beispielsweise mehrere Migräne-Attacken ineinander über, ohne zwischendurch komplett abzuklingen.
Formen
Experten unterscheiden drei Formen des Status migraenosus. Maßgeblich für die Einordung sind die Ursache und das Ansprechen auf Medikamente. Im Vergleich zum Status migraenosus durch Medikamentenübergebrauch sprechen die Patienten der therapieresistenten Form auf ansonsten wirksame Medikamente gar nicht an. Sie greifen zunächst auf ihre sonst übliche Dosis an Schmerzmitteln zurück, doch ohne Erfolg. Anschließend probieren sie in der Regel viele verschiedene Präparate und Substanzen aus, ohne dass sich eine Wirkung zeigt.
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Behandlung des Status migraenosus
Allgemein gestaltet sich die Behandlung eines Status migraenosus schwierig, da die Betroffenen auf die Wirkung der üblichen Medikamente nicht mehr ansprechen. Um den akuten Schmerz zu stoppen, werden gelegentlich Schmerzmittel und Triptane ausprobiert. Die Zweckmäßigkeit ist jedoch umstritten. Leiden Kinder länger als drei Tage an einer Migräne, wird dies als ein medizinischer Notfall eingestuft. Sie müssen schnellstmöglich in ein Krankenhaus, wo sie fachmännisch betreut werden.
Akutbehandlung
- Medikamentöse Therapie:
- Schmerzmittel und Triptane: Die Einnahme von Triptanen und/oder Schmerzmitteln im Status migraenosus ist mit jedem Tag weniger und kürzer wirksam. Sie verlängern die Attacke nur noch, anstatt die Migräne zu beenden. Daher gilt die generelle Empfehlung, ab dem vierten Tage einer Migräne auf Schmerzmittel und Triptane zu verzichten.
- Medikamente gegen Übelkeit: Zielführender sind Medikamente gegen Übelkeit. Das rezeptfrei erhältliche Dimenhydrinat bietet jetzt gegenüber MCP den Vorteil einer zusätzlich leicht müde machenden Wirkung. Diesen sogenannten sedierenden Effekt erreicht man auch mit schwach wirksamen Neuroleptika wie Promethazin oder Melperon, mit trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin, Doxepin oder Trimipramin. Im Ausnahmefall kann auch ein Beruhigungsmittel wie Diazepam erwogen werden, diese sollten jedoch wegen der möglichen Gewöhnungsproblematik sehr zurückhaltend eingesetzt werden. Die Substanzen sind durchweg rezeptpflichtig. Ziel ist letztlich über einen schmerzdistanzierenden Effekt dem Betroffenen zu ermöglichen, den Schmerz bewusstseinsfern zu halten, ohne ein Schmerzmittel oder ein Triptan nehmen zu müssen. Müdigkeit und Bettlägerigkeit muss dabei in Kauf genommen werden.
- Kortison: Ein weiterer Therapieansatz ist, die dem Migräneschmerz zugrundeliegende Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute durch Gabe von Prednisolon oder anderen Kortison-Zubereitungen zu blockieren und damit dem Schmerz die biologische Grundlage zu nehmen. In der Notfallsituation wird das Kortison meist intravenös verabreicht, was den Vorteil eines relativ schnellen Wirkeintritts unter Umgehung der Aufnahme im Magen-Darmbereich bietet. Bei vielen Betroffenen führt aber auch die selbständige Einnahme von Prednisolon 50 bis 100 mg als Tablette zu einer Besserung innerhalb einer akzeptablen Zeitspanne. Gegebenenfalls kann die morgendliche Einnahme für zwei oder drei Tage wiederholt werden, bis die Entzündung ganz abklingt.
- Nicht-medikamentöse Therapie:
- Ruhe und Dunkelheit: Migränebetroffene leiden während eines Anfalls oft unter Überempfindlichkeit. Vielen hilft es, sich dann in einen abgedunkelten, stillen Raum zurückzuziehen.
- Kühlung: Wie auch bei anderen Kopfschmerzarten ist ein feuchtes Tuch oder eine kühle Auflage häufig eine akute Hilfe bei Migräne.
- Stimulation des Nervus trigeminus: Mithilfe eines speziellen Geräts, das auf die Stirn geklebt wird, kann der für Schmerz verantwortliche Nerv des Gesichts stimuliert werden, was die Schmerzen lindert.
Ursachenforschung und Langzeitbehandlung
Nach der akuten Behandlung des Status migraenosus folgt in der Regel die Ursachenforschung. Bei Patienten, die viele Medikamente eingenommen haben, kann auch eine Medikamentenpause sinnvoll sein. Das bedeutet, die Betroffenen müssen unter stationärer oder ambulanter Kontrolle einen Entzug durchführen und dürfen bestimmte Substanzen nicht mehr verwenden. Dadurch soll sich die Schmerzempfindlichkeit wieder normalisieren. Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Status migraenosus und dem weiblichen Zyklus, kann eventuell die regelmäßige Einnahme von Östrogenen vorbeugend wirken. Weiterhin existiert die Möglichkeit, Antikörpertherapien einzusetzen.
Vorbeugende Maßnahmen
Vorbeugende Maßnahmen kommen zu spät, wenn ein Status migraenosus bereits eingetreten ist.Tritt ein Status migraenosus unabhängig vom menstrualem Zeitfenster auf, so kommen grundsätzlich alle üblichen medikamentösen und nichtmedikamentösen Optionen zur Migränevorbeugung in Betracht. Eine weitere Option zur Vermeidung eines Status migraenosus ist die primäre Vermeidung von Wiederkehrkopfschmerzen. Gerade bei alleiniger Gabe von Triptanen ist der Wiederkehrkopfschmerz substanzabhängig bei 25 bis 50% der Attacken zu beobachten.
- Hormonelle Kontrazeption: Beim menstruationsassoziiertem Status migraenosus handelt es sich um ein vorhersehbares Ereignis, das damit gezielten vorbeugenden Maßnahmen zugänglich ist. Liegt keine Migräne mit Aura vor, kann versucht werden, den Hormonabfall, der diese Migräneattacke triggert, durch eine Hormongabe auszugleichen. Am einfachsten ist dies für Frauen, die sowieso eine hormonelle Kontrazeption mit einem Kombinationspräparat aus Östrogen und Gestagen durchführen. Anstatt die „Pille“ jeweils nach drei Wochen für sieben Tage zu pausieren, nimmt man sie als Langzyklus über 3 x 21 Tage oder 6 x 21 Tage durch. Dabei tritt die Regel und damit die menstruationsassoziierte Migräne damit nur noch alle drei bzw. sechs Monate auf.
- Langwirksame Medikamente: Ein alternatives Konzept ohne Einsatz von Hormonen sieht vor, ein langwirksames Triptan wie Naratriptan oder Frovatriptan oder das langwirksame Schmerzmittel Naproxen jeweils morgens und abends vorbeugend über eine Woche einzunehmen. Die Behandlung beginnt dabei zwei Tage vor erwartetem Auftreten des menstruationsassoziierten Status migraenosus.
- Medikamentöse Prophylaxe:
- Antiepileptika: Antiepileptika sind krampflösende Wirkstoffe und finden eigentlich Anwendung in der Therapie von Epilepsie, werden aber auch in der Migränebehandlung eingesetzt. Mögliche Nebenwirkungen von Antiepileptika als Prophylaktika bei Migräne sind z.B. Müdigkeit, Hautausschläge oder Missempfindungen wie Kribbeln der Haut und Schwindel.
- Blutdrucksenker: Bestimmte Blutdrucksenker werden zur Vorbeugung von Migräneattacken angewendet. Sie beruhigen das Nervensystem, verlangsamen den Herzschlag und senken den Blutdruck. Es können sowohl Betablocker als auch ACE-Hemmer oder Sartane zum Einsatz kommen. Zu den Nebenwirkungen von Betablockern gehören z.B. Müdigkeit, Schwindel, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen und Magen-Darm-Beschwerden.
- Calciumantagonisten: Der Kalziumkanal-Blocker Flunarizin wird vorwiegend zur Behandlung von Schwindel eingesetzt, diese zeigt auch Effekte in der Migräneprophylaxe. Die Wirkweise ist noch nicht gänzlich geklärt. Sie basiert vermutlich auf der Blockade des Calciumstroms in die Muskelzellen, welcher fürs Zusammenziehen und Anspannen von Muskeln sorgt. Allerdings kommt es unter der Einnahme vermehrt zu Nebenwirkungen wie z.B. Depressionen und Gewichtzunahme.
- Gegen CGRP und seinen Rezeptor gerichtete Wirkstoffe: Der Botenstoff CGRP (Calcitonin-Gene-Related-Peptide) wirkt gefäßerweiternd. CGRP wird eine wichtige Rolle in der Pathophysiologie der Migräne zugeschrieben. Es gibt so genannte monoklonale Antikörper, die unter die Haut gespritzt oder als Infusion gegeben werden. Als Nebenwirkungen können z.B. Rötungen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Verstopfung oder Schwindel auftreten. Es gibt auch Gepante, die oral gegeben werden. Als Nebenwirkungen können z.B. Übelkeit, Verstopfungen, Müdigkeit oder Schläfrigkeit, verminderter Appetit oder Gewichtsabnahme auftreten.
- Neuromodulatoren: Die Zahl der Migräneanfälle kann durch Injektionen eines sogenannten Neuromodulators verringert werden. Der Wirkstoff kann hilfreich in der Medizin eingesetzt werden, indem er z. B. die Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin an der Verbindung von Nerven und Muskeln hemmt. Zudem wird vermutet, dass der Wirkstoff die an der Migräneentstehung beteiligte Neuropeptiden wie CGRP beeinflusst. Nebenwirkungen können z.B. muskelkaterähnliche Beschwerden, hängende Augenlider oder Schmerzen an der Injektionsstelle sein.
- Trizyklische Antidepressiva: Unter den Antidepressiva, die normalerweise zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden, wird nur ein Medikament zur Vorbeugung einer Migräne empfohlen: der nicht selektive Monoamin-Rückaufnahme-Hemmer Amitriptylin. Möglich Nebenwirkungen sind z.B. Verstopfung oder Kreislaufschwäche.
- Nicht-medikamentöse Prophylaxe:
- Regelmäßiger Schlafrhythmus: Auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus achten.
- Stressmanagement: Stress, Alkohol und Flüssigkeitsmangel möglichst vermeiden.
- Ernährung: Regelmäßig essen.
- Entspannung: Auf schnelle Wechsel von An- zu Entspannung verzichten. Bewusste Pausen einplanen.
- Sport- und Physiotherapie:
- Psychologische Beratung:
- Entspannungsverfahren:
- Akupunktur:
- Neurostimulation:
- Biofeedback-Therapie:
Migräne verstehen und behandeln
Die Migräne ist eine sehr häufige Kopfschmerzform. Neben den Kopfschmerzen können weitere Beschwerden und Symptome auftreten. Ihre Behandlung ist für die Lebensqualität der Betroffenen von großer Bedeutung. Es gibt eine Vielzahl an Medikamenten zur Behandlung von Migräneattacken und Vorbeugung der Migräne. Welche Therapien stehen zur Auswahl? Welche Besonderheiten gibt es während einer Schwangerschaft oder im Kindes- oder Jugendalter?
Diagnose
Für die Diagnose der Migräne werden die Kriterien der International Headache Society herangezogen, auf deren Grundlage sich mehr als 95 Prozent aller Migränebetroffenen korrekt diagnostizieren lassen. Die Diagnose basiert auf einem ausführlichen Gespräch, in dem die Ärztin oder der Arzt die Häufigkeit, Dauer, Art und Stärke der Kopfschmerzen und möglicher Begleitsymptome erfragt. Die Diagnosefindung kann erleichtert werden, indem Sie selbst ein Kopfschmerztagebuch führen.
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Triggerfaktoren
Es gibt viele Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Das Kennen und Meiden der Trigger kann dabei helfen, das persönliche Risiko für das Auftreten einer Migräneattacke zu reduzieren. Insbesondere zu viel Kaffee kann Kopfschmerzen auslösen, plötzlicher Verzicht darauf allerdings auch. Migräneattacken treten zudem häufig am Wochenende oder im Urlaub auf, wenn sich der Körper nach anhaltendem Stress langsam entspannt.
Selbsthilfe
Viele Menschen mit Migräne handeln instinktiv richtig, wenn es darum geht, was sie selbst tun können. Bei einem Anfall sollten sich Patienten nach Möglichkeit in einen abgedunkelten, geräuscharmen Raum zurückziehen. Vielen hilft Schlaf. Eine kühlende Kompresse kann ebenfalls helfen.
Die Neurologisch-Verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
Die Neurologisch-Verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen sowie alle Kopfschmerzen, wie z. B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.
Aufnahmeformalitäten
Zur Planung Ihres Aufnahmetermins bitten wir Sie, folgende drei Punkte zu erledigen:
- Ihr behandelnder Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Bitten Sie Ihren Arzt, die Aufnahme-Checkliste auszufüllen.
- Füllen Sie den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
Senden Sie alle Unterlagen und zusätzlich Kopien aller relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. an die auf der Aufnahme-Checkliste angegebene Anschrift. Je nach Krankenkasse gelten folgende Regelungen für die Kostenübernahme. Zahlreiche Krankenkassen haben eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten mit unserem Behandlungsnetz vertraglich geregelt.
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