Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) kann vielfältige Beschwerden verursachen, wobei Kopfschmerzen und Migräne zu den häufigsten Symptomen zählen. In Deutschland erleiden jährlich etwa 400.000 Menschen ein SHT, das von einer leichten Gehirnerschütterung bis hin zu schweren Schädelverletzungen reichen kann. Während akute Kopfschmerzen nach einem SHT als normale Reaktion gelten, entwickeln bis zu einem Drittel der Betroffenen chronische Kopfschmerzen, die über Monate oder sogar Jahre andauern können. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung von Migräne und Kopfschmerzen nach einem Schädel-Hirn-Trauma.
Ursachen von Kopfschmerzen nach Schädel-Hirn-Trauma
Akute Kopfschmerzen nach einem Schädel-Hirn-Trauma sind meist vorübergehender Natur und bedürfen nicht immer einer spezifischen Behandlung. Als eine mögliche Ursache für diese akuten Schmerzen wird eine schlagartige Veränderung der Durchlässigkeit der Nervenzellmembranen diskutiert, die durch die mechanische Belastung des Kopfes verursacht wird. Diese Veränderung kann zu Störungen im Botenstoffwechsel, der neuronalen Aktivität und den Ionenströmen führen. Normalerweise normalisieren sich diese akuten Veränderungen innerhalb weniger Tage oder Wochen.
Die Ursachen für die Chronifizierung posttraumatischer Kopfschmerzen sind komplex und noch nicht vollständig geklärt. Folgende Faktoren werden diskutiert:
- Dauerhaft veränderte Schmerzwahrnehmung: Das Gehirn verarbeitet Schmerzsignale anders als vor dem Trauma.
- Veränderung der körpereigenen schmerzhemmenden Systeme: Die natürlichen Mechanismen zur Schmerzlinderung funktionieren nicht mehr effektiv.
- Dysbalance des autonomen Nervensystems: Diese Dysbalance kann auch andere Symptome wie Schlafstörungen, Depressionen oder Angststörungen erklären.
- Entzündungsprozesse: Die Freisetzung entzündungsfördernder Substanzen im Gehirn könnte ebenfalls zur Schmerzentstehung beitragen.
Risikofaktoren für die Entwicklung chronischer Kopfschmerzen nach einem SHT sind:
- Junges Alter
- Weibliches Geschlecht
- Vorhandensein von Kopfschmerzen oder Migräne vor dem Trauma
- Depressionen und Angststörungen in der Vorgeschichte
- Psychosoziale Belastungen wie Stress am Arbeitsplatz oder familiäre Probleme
- Medikamentenübergebrauch
Arten von Kopfschmerzen nach Schädel-Hirn-Trauma
Nach einem Schädel-Hirn-Trauma können verschiedene Arten von Kopfschmerzen auftreten, darunter:
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- Migränekopfschmerz: Charakterisiert durch pulsierende Schmerzen, oft einseitig, begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
- Spannungskopfschmerz: Wird als dumpfer, drückender Schmerz beschrieben, der sich wie ein enges Band um den Kopf anfühlt.
- Okzipital-neuralgischer Kopfschmerz: Schmerzen im Bereich des Hinterkopfes, die von den Nackenmuskeln ausgehen können.
- Zervikogener Kopfschmerz: Kopfschmerzen, die durch Probleme mit der Halswirbelsäule verursacht werden.
- Medikamenteninduzierter Kopfschmerz: Kopfschmerzen, die durch den übermäßigen Gebrauch von Schmerzmitteln entstehen.
Häufig treten auch Mischformen dieser Kopfschmerzarten auf.
Das Postkommotionelle Syndrom
Das postkommotionelle Syndrom (PCS) ist ein Symptomkomplex, der nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder Schleudertrauma auftreten kann. Es umfasst somatische, emotionale, psychische und kognitive Beschwerden. Zu den Symptomen gehören:
- Kopfschmerzen
- Schwindel
- Müdigkeit
- Reizbarkeit
- Schlafstörungen
- Angst und Depression
- Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
- Gedächtnisstörungen
- Eingeschränkte Belastbarkeit
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit
Die genauen Ursachen des PCS sind nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass sowohl direkte Hirnschädigungen als auch psychologische Faktoren wie Angst und Sorge vor bleibenden Schäden eine Rolle spielen können.
Diagnose von Kopfschmerzen nach Schädel-Hirn-Trauma
Die Diagnose von Kopfschmerzen nach einem Schädel-Hirn-Trauma umfasst eine detaillierte Anamnese, eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere diagnostische Maßnahmen.
Anamnese
Im Anamnesegespräch werden folgende Punkte erfragt:
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- Unfallhergang: Wie ist es zum Schädel-Hirn-Trauma gekommen?
- Symptome: Welche Beschwerden treten auf? Seit wann bestehen sie?
- Kopfschmerzcharakteristika: Lokalisation, Dauer, Häufigkeit und Qualität der Schmerzen.
- Vorerkrankungen: Gab es bereits vor dem Trauma Kopfschmerzen oder Migräne?
- Medikamenteneinnahme: Werden Schmerzmittel eingenommen? Wenn ja, welche und wie oft?
- Psychische Belastungsfaktoren: Gibt es Stress oder andere psychische Probleme?
Körperliche Untersuchung
Die körperliche Untersuchung umfasst:
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Nervenfunktionen, Reflexe, Motorik, Sprache und des Gedächtnisses.
- Untersuchung der Halswirbelsäule: Überprüfung der Beweglichkeit der Halswirbelsäule.
- Hirnnervenuntersuchung: Überprüfung der Funktion der Hirnnerven, insbesondere der Nerven, die für Sehen und Augenbewegungen zuständig sind.
- Koordinationstests: Überprüfung der Koordination und des Gleichgewichts.
Weitere diagnostische Maßnahmen
Je nach Bedarf können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen oder die Diagnose zu sichern:
- Bildgebende Verfahren: Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes, um Blutungen, Frakturen oder andere strukturelle Veränderungen auszuschließen. Eine genauere MRT-Untersuchung (Stichwort: „diffuse axonal injury“) kann in manchen Fällen notwendig sein.
- Blutuntersuchungen: Um andere Erkrankungen auszuschließen.
- Neuropsychologische Testung: Um Einschränkungen von Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnis zu untersuchen.
- Spezielle Tests: Zur Untersuchung von Gleichgewichtsstörungen und Schwindel.
Behandlung von Kopfschmerzen nach Schädel-Hirn-Trauma
Die Behandlung von Kopfschmerzen nach einem Schädel-Hirn-Trauma richtet sich nach der Art der Kopfschmerzen, der Schwere des Traumas und den individuellen Bedürfnissen des Patienten. Ziel der Behandlung ist es, die Schmerzen zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern.
Akutbehandlung
- Schmerzmittel: Bei akuten Kopfschmerzen können Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol oder Ibuprofen eingesetzt werden. Bei migräneartigen Beschwerden können Triptane helfen.
- Ruhe: Körperliche und geistige Ruhe ist wichtig, um das Gehirn zu entlasten.
- Vermeidung von Triggern: Kopfschmerztrigger wie Lärm, helles Licht und Stress sollten vermieden werden.
Prophylaktische Behandlung
- Medikamente: Bei chronischen Kopfschmerzen können Medikamente zur Vorbeugung von Kopfschmerzattacken eingesetzt werden. Die Wahl des Medikaments richtet sich nach der Art der Kopfschmerzen. In Frage kommen beispielsweise trizyklische Antidepressiva, Betablocker oder Antikonvulsiva.
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Sport und Entspannungsverfahren wie autogenes Training können helfen, die Schmerzen zu reduzieren und den Medikamentengebrauch zu verringern.
Weitere Behandlungsansätze
- Physiotherapie: Kann helfen, Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich zu lösen und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule zu verbessern.
- Psychotherapie: Kann helfen, psychische Belastungsfaktoren wie Stress, Angst und Depression zu bewältigen.
- Biofeedback: Kann helfen, die Körperwahrnehmung zu verbessern und Entspannungstechniken zu erlernen.
- Manuelle Therapie der HWS: Kann in den ersten Wochen nach Gehirnerschütterung zur einer deutlichen Kopfschmerzreduktion beitragen.
- Triggerpunkt-Injektionen: Können bei bestimmten Arten von Kopfschmerzen helfen.
- Okzipitale Nervenblock-Behandlungen: Können bei okzipital-neuralgischen Kopfschmerzen helfen.
- Transkutane Nervenstimulationen: Können bei chronischen Schmerzen eingesetzt werden.
Wichtige Aspekte der Behandlung
- Frühzeitige Intervention: Eine frühzeitige Behandlung ist wichtig, um die Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern. Niedergelassene Ärzte sollten über die Risikofaktoren für die Chronifizierung von Kopfschmerzen informiert sein und frühzeitig therapeutisch eingreifen.
- Individuelle Therapie: Die Therapie sollte individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt sein.
- Multimodaler Ansatz: Die Kombination verschiedener Therapieansätze (medikamentöse, nicht-medikamentöse, psychotherapeutische) ist oft am wirksamsten.
- Reduktion des Medikamentenübergebrauchs: Um den Übergebrauch von Schmerzmitteln zu reduzieren, sollten auch die nichtmedikamentösen Möglichkeiten ausgeschöpft werden.
- Einbeziehung psychosozialer Faktoren: An der Entstehung und Aufrechterhaltung von chronischen Schmerzen sind neben biologischen Ursachen auch psychische und soziale Komponenten beteiligt. Daher sollte auch ein Augenmerk auf psychosoziale Belastungen gelegt werden.
- Stufenweise Re-Integration: Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sollte in enger Zusammenarbeit mit den Eltern und der Schule eine stufenweise Re-Integration in den Schulalltag erfolgen.
Schädelhirnverletzungen im Sport
Das Thema Schädelhirnverletzungen im Sport hat in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit erhalten. Neurologische und neuropsychologische Testungen nach Kopfverletzungen sind insbesondere in den USA mit stärkerer Verbreitung „unfallanfälliger Sportarten“ sowohl im Profisport als auch im Collegesport mittlerweile etabliert. Es konnte gezeigt werden, dass auch nach scheinbar leichten Kopfverletzungen oft Konzentration und Aufmerksamkeit gestört sind. Dies ist auch daran messbar, dass das Risiko für eine erneute Kopfprellung erhöht ist. Eine spezialisierte neurologische Abklärung soll helfen, behandelbare Traumafolgen (zum Beispiel bei Schwindel oft der Fall) aufzudecken. Auch bestehen medizinische Risiken (Stichworte: langsamere Rückbildung, „second hit“, Folgeschäden) wenn die Belastung zu früh wieder aufgenommen wird. Durch gezielte neurologische und neuropsychologische Untersuchungen können sichere „return to play“ Empfehlungen gegeben werden.
Return-to-Play Empfehlungen
Auf Basis neurologischer und neuropsychologischer Untersuchungen können gezieltere „return-to-play“ Empfehlungen gegeben werden. Idealerweise liegt von jedem Sportler mit erhöhtem Risiko eine Baseline Untersuchung vor (Untersuchung vor dem Unfall, z.B. zu Saisonbeginn). Nach einer Kopfverletzung kann dann das Leistungsniveau mit dem individuellen Leistungsniveau des Spielers vor Kopfverletzung vergleichen werden. So kann exakt festgestellt werden, ob ein Leistungsabfall vorliegt und auch wann wieder das Vorniveau erreicht ist.
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