Die Blutegeltherapie, ein traditionelles Heilverfahren, erlebt in der modernen Medizin eine Renaissance. Dabei werden medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis) eingesetzt, um durch ihren Biss und die Abgabe von Speichelsekreten therapeutische Effekte zu erzielen. Obwohl die Therapie vor allem für schmerzhafte Venenerkrankungen, Arthrosen und Tinnitus bekannt ist, wird sie auch bei Migräne in Betracht gezogen.
Der medizinische Blutegel: Ein kleiner Heiler
Der medizinische Blutegel wird seit Jahrhunderten zur medizinischen Behandlung eingesetzt. Sein Beißwerkzeug besteht aus drei Chitinkiefern, mit denen er mit Leichtigkeit selbst dickes Tierfell durchdringen kann. Er saugt ca. 10 - 15 ml Blut und gibt gleichzeitig über den Speichel verschiedene medizinisch wirksame Substanzen, wie Hirudin, Eglin C, Calin, Bdellin und andere, ab. Die erwünschte Wirkung wird einerseits über den lokalen Aderlass und andererseits über die Substanzwirkungen (gerinnungs-, entzündungshemmend, lymphabstrombeschleunigend) erreicht.
Die hier genutzten Blutegel werden ausschließlich für medizinische Zwecke in Deutschland gezüchtet. Sie sind daher als Fertigarzneimittel eingestuft. Einen Tag vor und am Tag der Behandlung sollten Sie keine parfümierte Creme, kein Duschgel oder medizinische Salben und Öle verwenden.
Die Blutegeltherapie: Anwendung und Wirkung
Die eigentliche Blutegeltherapie beläuft sich auf ca. 2 Stunden. Sie sollten sich in diesem Zeitraum ruhig verhalten. Am Tag der Behandlung und am Folgetag sollten Sie sich schonen und keine starke körperliche Aktivität vornehmen.
Nach Abschluss der Behandlung bekommen Sie einen wattierten Saugverband, der Sie eventuell in der Bewegungsfreiheit einschränkt. Wir raten Ihnen dazu, weite Kleidung, ggf. weite (offene) Schuhe zu tragen. Der Verband muss bis zum nächsten Tag belassen werden. Anschließend können handelsübliche Pflaster verwendet werden, bis die Nachblutung vollständig beendet ist.
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Um eine Reizung der Bissstelle zu verhindern, sollten Sie Wärmeanwendungen, sowie längere Aufenthalte im Wasser (Duschen) und das Auftragen ätherischer Öle in den nachfolgenden 1-2 Tagen vermeiden.
Häufig kommt es zu einer juckenden Rötung um die Bissstellen. Dies ist in der Regel nicht bedrohlich und Teil der Wirkung. Diese Symptome lassen sich meist mit einfachen Mitteln (z.B. Kälteauflagen, Salbe gegen Insektenstiche) gut behandeln. Kratzen sollte unbedingt unterlassen werden, um eine Infektion zu vermeiden.
An der Bissstelle des Blutegels bildet sich anschließend eine kleine punktförmige Narbe aus, die im Lauf der Zeit verblasst. Die Blutegeltherapie wird vor allem bei schmerzhaften Venenerkrankungen, Arthrosen und Tinnitus eingesetzt. Aus medizinischer Sicht ist es oft sinnvoll, die Blutegelbehandlung zu wiederholen und drei Blutegelbehandlungen im Abstand von 2-3 Monaten durchzuführen.
Die ambulante Blutegelbehandlung findet immer mittwochs statt. Sie benötigen eine Krankenhauseinweisung, können aber noch am selben Tag wieder nach Hause entlassen werden. Die Kosten der Behandlung werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel übernommen. Auch während eines stationären Aufenthaltes in der Klinik für Naturheilkunde kann eine Blutegelbehandlung erfolgen. Eine Blutegeltherapie darf nicht erfolgen, wenn blutverdünnende Medikamente (z. B. Wir raten dringend von einem eigenmächtigen Pausieren ab und bitten um vorherige Rücksprache über das Sekretariat.
Wirkstoffe und ihre Effekte
Wenn Blutegel beißen, zapfen sie nicht nur Blut ab, sie geben auch Substanzen in die Wunde ab. "Der bekannteste Wirkstoff ist das Hirudin, mit seinen blutverdünnenden Eigenschaften", sagt Moser. All seine Geheimnisse hat er allerdings noch nicht preisgegeben: Die volle Heilkraft entsteht erst durch einen ganzen Cocktail an Wirkstoffen, deren exakte Wirkung noch nicht bekannt ist.
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Die Blutegeltherapie zählt ebenso wie der Aderlass oder das blutige Schröpfen zu den so genannten Ausleitungsverfahren, bei denen die Ausscheidung eingelagerter Schlacken und anderer Schadstoffe über das Blut forciert wird. Das, was die Blutegeltherapie jedoch von allen anderen Ausleitungsverfahren unterscheidet, ist die einzigartige Wirkung des Speichelsekrets der kleinen Egel, welches sie während des Saugens ins Blut der Patienten leiten. Wissenschaftler haben über 20 verschiedene Inhaltsstoffe im Speichel der kleinen Tierchen gefunden.
- Eglin: Eine Substanz, die entzündungsauslösende Enzyme in ihrer Aktivität blockiert.
- Hirudin: Hemmt die Blutgerinnung, indem es den Gerinnungsfaktor Thrombin in seiner Wirkung beeinträchtigt, was sich sehr positiv auf die Fliesseigenschaft des Blutes auswirkt. Darüber hinaus fördert es die Bildung der weissen Blutkörperchen (Leukozyten) ebenso wie deren Aktivität. Da Leukozyten eine ganz wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern spielen, entlastet deren erhöhte Anzahl sowie deren gesteigerte Tätigkeit das Immunsystem erheblich. Zu guter Letzt beschleunigt Hirudin zudem auch noch den Lymphfluss, wodurch die in der Lymphe enthaltenen Schadstoffe schnell zur Ausscheidung gebracht werden.
Die unterschiedlichen Wirkstoffe im Speichel der Blutegel unterstützen den Körper auf vielfache Weise. Auch bei Leberstau, Lymphstau, Blutergüssen oder Migräne ist die Blutegeltherapie äusserst hilfreich.
Ablauf einer Behandlung
Prinzipiell können Blutegel am ganzen Körper angesetzt werden. Über die Anzahl der Blutegel, die für die Therapie benötigt werden, entscheidet der Therapeut individuell. In der Regel werden 2-6 Tiere eingesetzt. Der Blutegel wird mittels einer Pinzette auf den ausgewählten Hautbereich platziert. Hat der Egel schliesslich eine ihm genehme Stelle gefunden, dringt er mit seinen Zähnchen in die Haut ein und gibt seinen Speichel in die Öffnung. Ein Blutegel fällt immer von alleine vom Körper ab, sobald er genügend Blut gesaugt hat. Diese Prozedur kann zwischen 30 und 90 Minuten dauern.
Nach der Behandlung
Nachdem der Egel abgefallen ist, beginnt die Wunde zu bluten. Dieses Nachbluten ist erwünscht und sollte nicht unterbunden werden, denn es erhöht die Wirksamkeit der Blutegeltherapie und hat eine entstauende Wirkung. Das Nachbluten dauert in der Regel bis zu 12 Stunden. Die durch den Biss entstandene kleine Wunde verheilt innerhalb von einer bis drei Wochen.
Blutegeltherapie bei Migräne: Evidenz und Studienlage
Bei Krampfadern, Gelenkserkrankungen und sogar bei Migräne werden mit der Blutegeltherapie große Erfolge erzielt, um nur einige Anwendungsmöglichkeiten zu nennen. In ihrer Wirkung lässt die Anwendung der schleimigen Tiere teilweise moderne Medikamente und Salben hinter sich.
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Auch sonst kommen Blutegel, vor allem in der Naturheilkunde, bei Erkrankungen zum Einsatz, die mit der Durchblutung zusammenhängen. Dazu zählen Venenleiden, Tinnitus, Migräne, Zyklusstörungen oder die Nachsorge von Schlaganfällen. »Doch fehlen auf diesen Gebieten moderne klinische Wirksamkeitsnachweise«, sagt Stange.
Die Wirksamkeit der Blutegeltherapie bei Migräne ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt. Es gibt jedoch einige Hinweise und traditionelle Anwendungen, die eine positive Wirkung nahelegen.
Mögliche Wirkmechanismen bei Migräne
Die potenziellen Vorteile der Blutegeltherapie bei Migräne könnten auf verschiedenen Mechanismen beruhen:
- Entzündungshemmende Wirkung: Die im Blutegelspeichel enthaltenen Substanzen, insbesondere Eglin, wirken entzündungshemmend. Da Entzündungen eine Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen können, könnte die Therapie hier ansetzen.
- Durchblutungsförderung: Hirudin und andere Inhaltsstoffe des Speichels fördern die Durchblutung und wirken gefäßerweiternd. Dies könnte helfen, die bei Migräne oft gestörte Hirndurchblutung zu verbessern.
- Schmerzlinderung: Der Bissreiz und die Inhaltsstoffe des Speichels können die körpereigene Schmerzregulation anregen und so die Schmerzwahrnehmung reduzieren.
- Ausleitende Wirkung: Durch den Aderlass werden dem Körper potenziell entzündungstreibende Gifte, Säuren und Schadstoffe entzogen.
Fallbeispiele und Erfahrungsberichte
Es gibt Berichte von Patienten, die nach einer Blutegeltherapie eine Linderung ihrer Migränebeschwerden erfahren haben. Diese Berichte sind jedoch anekdotisch und ersetzen keine wissenschaftlichen Studien.
Einschränkungen und Kontraindikationen
Keinesfalls angewandt werden sollte die Blutegeltherapie bei Menschen, die Blutverdünner, wie Acetylsalicylsäure, Marcumar etc. einnehmen.
Die Wirkstoffe im Blutegelspeichel dürfen nicht jedem Patienten verabreicht werden, wir sprechen hier von Kontraindikationen. Außerdem können die Wirksubstanzen auch unerwünschte Reaktionen auslösen.
Kontraindiziert ist eine Blutegeltherapie bei immunsupprimierten Patienten, Menschen mit Anämie oder Hämophilie sowie Nieren- und Leberkranken. Nehmen Ihre Kunden gerinnungshemmende Cumarinmedikamente ein, sollten Sie ihnen von einer Blutegelbehandlung ebenfalls abraten. Auch die Anwendung von Salben mit Antikoagulanzien sollte nicht gleichzeitig mit einer Blutegeltherapie erfolgen. Die Tiere dürfen nicht auf krankhaft veränderte Hautareale oder solche mit arteriellen Durchblutungsstörungen aufgesetzt werden.
Die Behandlung erhöht zudem die Toxizität von Quecksilber, was eine gleichzeitige Anwendung von quecksilberhaltigen Antiseptika wie zum Beispiel Merbromin oder Konservierungsmitteln wie Thiomersal verbietet. Eine Wechselwirkung mit Amalgam besteht hingegen nicht. Acetylsalicylsäure kann die Nachblutungszeit verlängern.
Hygiene und Sicherheit
Für Blutegeltherapien gelten Inzwischen strenge Hygienevorschriften. Sie finden sich in einer Leitlinie des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfARM) vom März 2007 und dienen vor allem dem Infektionsschutz. Denn die Egel könnten sich vor ihrem therapeutischen Einsatz von Tier- oder Menschenblut ernährt haben, das Bakterien, Viren oder andere Krankheitserreger enthält. Dann wäre ihr Darminhalt und damit auch ihr Biss infektiös, und zwar bis zu anderthalb Jahre. So lange kann bei Blutegeln der Verdauungsprozess dauern.
Weiterhin kommt in ihrem Darm meist das Bakterium Aeromonas hydrophilia vor, das nach dem Biss mitunter Wundinfektionen verursacht. Deshalb müssen die anwendenden Ärzte und Heilpraktiker gemäß Leitlinie patientenbezogen entscheiden, ob sie prophylaktisch eine Antibiotika-Therapie durchführen. Als Mittel der Wahl gelten Cephalosporine der dritten Generation.
Weiterhin verbietet das BfArM aus Sicherheitsgründen die Wiederverwendung und das Aussetzen medizinischer Blutegel nach dem Gebrauch. Auch die Anbieter von Blutegeln müssen strenge Anforderungen erfüllen.