Migräne und Hörsturz: Ein möglicher Zusammenhang

Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Sinneswahrnehmungsstörungen wie Tinnitus, Hyperakusis oder Diplopie können die Attacken dominieren. Es stellt sich die Frage, ob Migräne generell für Erkrankungen der Cochlea prädisponiert.

Migräne und Innenohrerkrankungen: Eine erhöhte Anfälligkeit

Migräniker leiden häufiger an Erkrankungen des Innenohrs als Nichtmigränepatienten, ihr Risiko liegt fast dreimal höher. Eine taiwanesische Studie analysierte Daten von 1056 Migränepatienten im mittleren Alter von 37 Jahren, die zwischen 1996 und 2012 eine Migräne-Diagnose erhalten hatten. Die Forscher verglichen die Raten an Neuerkrankungen innerhalb von 17 Jahren mit denen von 4224 Kontrollpersonen. Im Beobachtungszeitraum traten bei Migränikern häufiger Cochleaerkrankungen auf (12,2 % vs. 5,5 %). Das Risiko, an Schädigungen der Hörschnecke zu erkranken, war fast dreimal höher als bei den Kontrollen.

Erhöhtes Risiko für Tinnitus und Hörsturz

Betrachtet man die einzelnen Krankheitsbilder, wiesen Migränepatienten eine mehr als dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Tinnitus auf. Das Risiko eines Hörsturzes lag um das 1,2-Fache höher. Für die sensorineurale Schwerhörigkeit ermittelten die Forscher nur eine schwache Assoziation.

Tinnitus: Mehr als nur ein Klingeln im Ohr

Tinnitus (vom lateinischen Wort „tinnire“, zu Deutsch „klingeln“) bezeichnet Ohrgeräusche, die wiederkehrend oder anhaltend auftreten und von den Betroffenen als störend empfunden werden. Die Betroffenen nehmen die Töne subjektiv wahr. Am häufigsten manifestieren sie sich als hohes Pfeifen oder tiefes Rauschen, aber auch Pochen, Klicken und Summen sind möglich. Starke Lärmbelastung gilt als wesentlicher Risikofaktor, da übermäßige Lautstärke wahrscheinlich zu Schädigungen im Innenohr und somit zu einer fehlerhaften Schallverarbeitung führt. Ein Tinnitus kann sowohl ein- als auch beidseitig auftreten und an- oder abschwellen.

Der Zusammenhang zwischen Migräne und Tinnitus

Menschen mit Migräne nehmen häufiger einen Tinnitus wahr als gesunde Menschen. Eine taiwanesische Studie kam zu dem Ergebnis, dass Studienteilnehmer mit Migräne Ohrgeräusche und Hörstörungen 2,7-mal häufiger als die Kontrollgruppe erfuhren. Das galt vor allem für Tinnitus, aber auch für Höreinschränkungen oder plötzlichen Hörverlust. Die Symptome traten nicht immer gemeinsam mit Kopfschmerzen auf, daher müsse die Form einer cochleären Migräne in Betracht gezogen werden. Eine Auswertung relevanter Studien und Literatur zeigte ähnliche Erkenntnisse. Demnach kann Migräne Symptome wie Schwindel, Tinnitus und Hörverlust auslösen - auch ohne den charakteristischen Migränekopfschmerz.

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Behandlungsformen für Tinnitus bei Migräne

Häufig lässt sich bei einem chronischen Tinnitus keine behandelbare Ursache ermitteln. Die Therapie stellt dann ein sogenanntes Tinnitus-Counseling in den Mittelpunkt - eine umfassende Aufklärung und Beratung. Ergänzend können eine Tinnitus-spezifische Verhaltenstherapie, Entspannungstechniken und hörverbessernde Maßnahmen (etwa durch Hörgeräte) hinzukommen. Die Betroffenen sollen dadurch eine Habituation erreichen, also eine Gewöhnung. Das bedeutet, dass sie den Tinnitus als weniger störend wahrnehmen oder dass er idealerweise gänzlich aus der Wahrnehmung verschwindet. Ein akuter Tinnitus wird in der Regel mit einer Kortison-Therapie behandelt. Bei Hinweisen auf einen Zusammenhang mit Migräne können Migräne-Medikamente wie Triptane den Tinnitus unter Umständen positiv beeinflussen.

Hörsturz: Plötzlicher Hörverlust bei Migräne

Koreanische Forscher berichten, dass Migränepatienten ein höheres Risiko für einen Hörverlust aufgrund von Schädigungen an Sinneszellen oder Nerven haben als andere Menschen. Der sogenannte plötzliche sensorineurale Hörverlust (SNHL) ist eine Schwerhörigkeit, die durch Schädigung der sensorischen Nerven des Gehörs zustande kommt. Dabei können die Sinneszellen im Ohr, oder aber auch der Schallsignale zum Gehirn weiterleitende Hörnerv betroffen sein. Einen plötzlichen Hörverlust dieser Art nennt man auch Hörsturz.

Studie zum Hörverlustrisiko bei Migräne

Dies wurde anhand einer koreanischen nationalen Gesundheitsdatenbank mit Daten von 2002 bis 2013 ermittelt. Migränepatienten wurden Kontrollpersonen gegenübergestellt, die in Alter, Geschlecht, Einkommen und verschiedenen gesundheitlichen Aspekten wie Bluthochdruck, Diabeteserkrankungen und Fettstoffwechselstörungen vergleichbar waren. Ob jeweils ein sensorineuraler Hörverlust vorlag, wurde aus der Datenbank mit dem internationalen Diagnosekürzel ICD-10 (H91.2) erkannt. Dazu mussten auch ein Hörtest und eine dabei typische Steroidbehandlung durchgeführt worden sein. Außerdem wurden bei den Hörverlust-Fällen auch die Krankheitsgeschichte auf Anzeichen für verschiedene Vorerkrankungen untersucht. Dabei wurden u. a. Bluthochdruck und Diabetes, aber auch Herzerkrankungen, Schlaganfall, Depression sowie Tinnitus und die Menièresche Krankheit (Erkrankung des Innenohrs, typischerweise mit starkem Schwindel) berücksichtigt.

Ergebnisse der Studie

Insgesamt konnten die Daten von 45.114 Migränepatienten und 180.456 Kontrollpersonen analysiert werden. Sämtliche relevanten Informationen waren von 44.714 Migränepatienten nutzbar und von 179.287 Kontrollpersonen. Dabei zeigte sich, dass 0,9 % (399/44.714) der Migränepatienten und 0,6 % (1.169/179.287) der Kontrollpersonen mit einem sensorineuralen Hörverlust diagnostiziert worden waren. Migränepatienten waren demnach messbar häufiger betroffen. Nach Berücksichtigung der verschiedenen Vorerkrankungen blieb das erhöhte Risiko für Hörverlust bei Migräne bestehen. Die sogenannte Hazard Ratio für einen Hörverlust bei Migränepatienten betrug 1,34. Dies bedeutet, dass im Schnitt der Hörverlust bei Migränepatienten um 34 % wahrscheinlicher war als bei den Kontrollen. Sowohl jüngere (unter 60 Jahren) als auch ältere Migränepatienten (ab 60 Jahren) hatten häufiger als die Kontrollen mit Hörproblemen zu kämpfen.

Bedeutung der Ergebnisse

Migränepatienten haben demnach ein höheres Risiko für einen Hörverlust aufgrund von Schädigungen an Sinneszellen oder Nerven, besser bekannt als Hörsturz, als dies bei anderen Menschen gesehen wird. Im Schnitt war in dieser koreanischen Populationsstudie etwa einer von hundert Patienten betroffen, unabhängig von Alter oder Geschlecht.

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Ohrgeräusche und Hörverlust als Aurasymptome bei Migräne

Ohrgeräusche und Hörverlust bei Migräne sind noch recht unbekannt. Betroffene berichten von Schwankungen der Lautstärke und auch, das alles gedämpft und weit entfernt klingt. Solche Symptome spielen eine Rolle bei der Diagnose der Migräneform, dennoch wird ihnen oft keine Beachtung geschenkt oder es hält gar die Angst vor dem Vorwurf, sich solche subjektiven Symptome nur einzubilden, viele davon ab, Hilfe zu suchen.

Die Migräneaura und ihre vielfältigen Erscheinungsformen

Sehstörungen sind häufige und mittlerweile relativ bekannte Symptome zu Beginn einer Migräneattacke: Oft sieht man ein wanderndes Zickzackmuster, das einen blinden Fleck hinterlässt. Die Migräneaura kann allerdings alle klassischen fünf Sinne des Menschen betreffen, also neben dem Sehen auch Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Allgemein fasst man unter der Migräneaura eine noch viel größere Gruppe neurologischer Reiz- und Ausfallerscheinungen zusammen, auch positive und negative neurologische Symptome genannt, sowie andere motorische und kognitive Einschränkungen (bis zu 60 verschiedene Symptomgruppen). Das Zickzackmuster, das man ähnlich einer Halluzination durchs Gesichtsfeld wandern sieht, ist ein positives neurologisches Symptom; der blinder Fleck ist ein negatives neurologisches Symptom. Entsprechend sind Ohrgeräusche und Hörverlust positive bzw. negative neurologische Symptome. Ohrgeräusche und Hörverlust bei Migräne sind deutlich weniger bekannt als Sehstörungen. Diese Aurasymptome sind eine Form des Tinnitus. Weil sich das Hörvermögen nach etwa einer Stunde wieder deutlich verbessert, sind diese Symptome für Betroffenen auch ähnlich einem kurzzeitigen Hörsturz oder Knalltrauma.

Diagnose anhand der Anamnese

Ohrgeräusche und Hörverlust spielen eine Rolle bei der Diagnose der Migräneform. Die genaue Verlaufsform einer Migräne wird anhand eines Klassifikationsschemas diagnostiziert und zwar symptombasiert, d.h. anhand der persönlichen Erfahrung der Betroffenen. Diese anamnestischen Angaben des Patienten sind subjektiv geprägt und nicht wie medizinische Befund für außenstehende unmittelbar nachvollziehbar. Das macht die Diagnose schwierig. Hinzu kommt, dass das aktuelle Schema der Klassifikation der Migräneformen bezüglich Ohrgeräuschen und Hörverlust gerade Veränderungen erfährt.

Klassifikation der Migräneformen

In der veralteten, jedoch zur Zeit noch geltenden Klassifikation werden Ohrgeräusche und Hörverlust (bzw. der Begriff Tinnitus) nur bei Migräne vom Basilaristyp erwähnt. Die Migräne vom Basilaristyp ist eine Unterform der Migräne mit Aura und zeichnet sich durch das Zusammentreffen von Kopfschmerzen mit neurologischen Symptomen aus, die entweder vom Hirnstamm ausgehen oder gleichzeitig von beiden Gehirnhälften. In der neuen Klassifikation, die sich jedoch noch in einer Testphase befindet, gibt es ebenso die Verlaufsform Migräne mit Aura, die nun allerdings anders weiter unterteilt wird. Man trennt strikt zwischen dem Hirnstamm als Ursprungsort und anderen Orten (Großhirnrinde, Kleinhirn und Netzhaut). In dieser neuen Klassifikation gehören Ohrgeräusche und Hörverlust aller Wahrscheinlichkeit nach zur Verlaufsform typische Aura mit Migränekopfschmerz als eine der vier Unterformen der Migräne mit Aura.

Bedeutung für die Behandlung

Egal ob in der neuen oder alten Klassifikation, Ohrgeräusche und Hörverlust, die gewisse charakteristische Formen annehmen und zusammen mit den Kopfschmerzattacken auftreten, gehören zu Verlaufsform Migräne mit Aura, also auch ohne das zusätzlich Sehstörungen oder andere Auren auftreten. Während der Auraphase - wozu also Ohrgeräusche und Hörverlust zählen - sollten gewisse, gefäßverengende Wirkstoffe nicht eingenommen werden. Nur ein Arzt kann die Symptome eindeutig zuordnen.

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Beispiele aus dem Alltag

Einige Betroffene beschreiben ihre Erfahrungen wie folgt:

  • "Ich versuche herauszufinden, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen vorübergehenden Hörverlust und Migräne-Kopfschmerzen. Ich suche nach temporären Hörverlust, Tunnelhören während einer Episode."
  • "Ich erlebe einen rauschenden Ton und alles klingt weit entfernt für etwa einen Tag ‘vor’ einer Migräne […]. Es setzt sich in die Migräne manchmal weiter fort."
  • "Mein Mann sagt, dass ich sehr laut werde (auch lauter als üblich), wenn ich eine Migräne bekommen. Alles scheint so weit weg."
  • "Letzte Nacht hatte ich Kopfschmerzen, so stand ich aus dem Bett auf, um etwas zu trinken und schaltete den Fernseher ein, während ich ein Glas Milch trank… nach ca. 2 Minuten begannen meine Ohren weh zu tun (wie Ohrenschmerzen) und dann, etwa eine Minute später, bemerkte ich, wie die Lautstärke des TV plötzlich abzunehmen schien, als ob ich auf der Lautstärke-Taste saß. Die Lautstärke hob sich und sank etwa dreimal, bevor ich aufgab und schlafen ging."
  • "Für mich ist es begleitet von einem schwachen, fernen Pfeifen, und der Lärm um mich herum klingt ‘gedämpft’. Das ist mir nur sehr selten passiert, Gott sei Dank! Es ist sehr beunruhigend!"

Die Bedeutung der subjektiven Erfahrung

Solche Schilderungen der Symptome einer Migräneattacke helfen, denn man kann seine eigenen, subjektiven Erlebnisse vergleichen und so leichter kommunizieren, wenn man auf andere Mitmenschen verweisen kann, die gleiches erleben. Immer noch leiden Migräneerkrankte neben ihren Symptomen auch unter der Stigmatisierung durch ihre Mitmenschen. Nicht selten hält sie Angst vor dem Vorwurf, sich Symptome nur einzubilden, davon ab, professionelle Hilfe zu suchen. Auch die Angst vor einer Benachteiligung existiert, zumal Migräne als neurologische und stark behindernde Erkrankung kaum anerkannt ist.

Was tun bei Migräne und Hörstörungen?

Wenn Sie unter Migräne leiden und bei Ihnen Ohrgeräusche oder andere Hörstörungen auftreten, sollten Sie umgehend einen HNO-Arzt aufsuchen. Selbstverständlich gilt das auch, sollte das Klingeln im Ohr ohne den Schmerz im Kopf auftreten. Dann kann Ihnen der HNO-Arzt Ihres Vertrauens die richtige Behandlung der Ohrgeräusche empfehlen.

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