Die Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die von starken Kopfschmerzen und autonomen Begleitsymptomen gekennzeichnet ist. Die Ursachen und Entstehungsmechanismen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Aufgrund der Beteiligung der Hirngefäße an der Migränesymptomatik wird seit längerem untersucht, ob es Zusammenhänge zwischen der Kopfschmerzerkrankung und dem Auftreten von Gefäßerkrankungen, Schlaganfällen oder dem Verlust kognitiver Fähigkeiten gibt.
Migräne: Eine Enzyklopädie der Neurologie
Die Komplexität der Migräne als besondere neurologische Erkrankung äußert sich mit bedeutsamen Zusammenhängen sowohl mit psychischen als auch neurologischen Symptomen. Migräne wird daher zu Recht als Enzyklopädie der Neurologie bezeichnet. Die Daten belegen auch die umfassende Symptomatik der Migräne und machen verständlich, warum das Risiko an psychischen Erkrankungen wie Depression, Angst und Persönlichkeitsänderungen bei Migränepatienten um den Faktor 8 erhöht ist.
Genetische Zusammenhänge zwischen psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen
In einer umfassenden internationalen Zusammenarbeit wurden genetische Zusammenhänge zwischen psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen entdeckt. Die Forschungsgruppe erfasste genetische Überlappungen durch Nutzung von genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) von 265.218 Patienten und 784.643 Kontrollpersonen. Als Hauptbefund zeigte sich, dass es eine große Überlappung der molekularen Grundlagen von psychiatrischen Erkrankungen gibt, besonders betrifft dies das Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), die manisch-depressiven Erkrankungen, die depressiven Episoden und die Schizophrenie. Im Gegensatz dazu zeigten sich die molekularen Grundlagen von neurologischen Erkrankungen wie z. B. Morbus Parkinson oder multipler Sklerose deutlicher unabhängig. Eine Ausnahme bildete jedoch die Migräne mit Aura und die Migräne ohne Aura.
Migräne und das Risiko für vaskuläre Erkrankungen
Aufgrund der vaskulären Komponente in der Pathogenese der Migräne wird seit längerem untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen Migräne und dem Auftreten vaskulärer Erkrankungen gibt. So zeigen beispielsweise zwei Studien aus dem Jahr 2018, dass Migränepatienten ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte haben. Das Schlaganfallrisiko ist besonders bei Migränepatienten mit Aura erhöht. Im Hirngewebe von Migränepatienten zeigen sich im MRT Hyperintensitäten in der weißen Substanz und schlaganfallähnliche Läsionen, sogenannte stumme Infarkte. Solche magnetresonanztomographischen Veränderungen im Hirngewebe gehen mit einem erhöhten Risiko für kognitive Störungen einher.
Migräne-Attacken mit einer Aura (MA) sind mit einem 2-fach erhöhtem Risiko für einen migränösen Infarkt verbunden. Zudem besteht ein 1,75-fach erhöhtes Risiko für einen perioperativen Schlaganfall.
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Migräne und Demenz: Besteht ein Zusammenhang?
Es zeigte sich, dass insbesondere Migräneerkrankungen mit Aura Auffälligkeiten im Hirngewebe aufweisen. Solche Auffälligkeiten im Hirngewebe sind wiederum mit einem erhöhten Risiko kognitiver Störungen assoziiert, woraus sich die Frage ergibt, ob eine Migräne selbst auch einen Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenzerkrankung darstellt.
Eine prospektive Kohortenstudie untersuchte eine mögliche Assoziation zwischen Migräne und Demenz. Insgesamt gingen 12.495 Teilnehmer in die Studie mit ein, 1.397 Teilnehmer litten unter Migräne. Das Alter der Studienteilnehmer lag zwischen 51 und 70 Jahren und die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 21 Jahre. Im Ergebnis zeigte sich keine Assoziation zwischen Migräne und der Demenz-Inzidenz (Hazard Ratio 1,04).
„Trotz der Tatsache, dass Migränepatienten in seltenen Fällen Veränderungen im Hirngewebe aufweisen, haben die Betroffenen kein höheres Risiko, eine Demenz zu entwickeln“, so Professor Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).
Allerdings weist der Experte darauf hin, dass die Betroffenen, vor allem Frauen, die an einer Migräne mit Aura leiden, hinsichtlich ihres Schlaganfallrisikos überwacht und zusätzliche Gefäßrisiken reduziert werden sollten.
Eine koreanische Studie griff auf die Daten von 11.438 Menschen mit Demenz sowie 45.752 Kontrollpersonen zurück. Ausgewertet wurden die Daten von Menschen ab 60 Jahren, die eine Migräne-Vorgeschichte hatten. Die Forschenden stellten fest: „Eine Migräne-Vorgeschichte scheint das Demenzrisiko zu erhöhen, insbesondere bei Frauen über 60 Jahren.“ Bei Männern konnte jedoch kein Zusammenhang zwischen Migräne und Demenz nachgewiesen werden.
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Weitere Erkrankungen, die mit Migräne in Verbindung stehen
- Depressionen: Bei episodischer Migräne ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Migräne.
- Angststörungen: Wie bei Depressionen kann die Angst oder die Migräne an erster Stelle stehen.
- Schlaganfall: Menschen, die an Migräne mit Aura leiden, haben ein etwa doppelt so hohes Schlaganfallrisiko wie die Allgemeinbevölkerung.
- Epilepsie: Die Anfallserkrankung Epilepsie und Migräne können beide mit Empfindungsstörungen und Stimmungsschwankungen einhergehen.
- Herzkrankheiten: Menschen mit Migräne haben nicht nur ein höheres Schlaganfallrisiko, sondern auch ein höheres Risiko für Herzerkrankungen.
- Asthma: Auch wenn Asthma eine Atemwegserkrankung und Migräne eine neurologische Erkrankung ist, können beide zusammen auftreten.
- Fettleibigkeit: Übergewicht kann Migräne verschlimmern oder sogar auslösen.
- Parkinson-Krankheit: Möglicherweise gibt es auch einen Zusammenhang zwischen Migräne und der Parkinson-Krankheit.
- Verdauungsprobleme: Es gibt eine komplizierte Beziehung zwischen dem Darm und dem Gehirn - man nennt die die Darm-Hirn-Achse.
- Bellsche Lähmung: Menschen mit Migräne haben ein erhöhtes Risiko für die Bellsche Lähmung.
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