Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Viele Frauen leiden unter Migräneattacken, die oft kurz vor oder während der Monatsblutung auftreten. Hormonschwankungen, insbesondere des Östrogenspiegels, spielen dabei eine entscheidende Rolle. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Migräne, dem weiblichen Zyklus und hormonellen Verhütungsmethoden wie der Pille. Dabei werden mögliche Ursachen, Risiken und alternative Verhütungsmethoden für Migränepatientinnen aufgezeigt.
Was hat Östrogen mit Migräne zu tun?
Einige Frauen bemerken, dass ihre Migräneattacken kurz vor, nach oder während ihrer Periode auftreten. Studien belegen, dass ein absinkender Östrogenspiegel Migräneattacken begünstigt. Entscheidend ist dabei nicht die absolute Höhe des Hormonspiegels, sondern dessen Veränderung. Während des weiblichen Zyklus gibt es zahlreiche Schwankungen: In der ersten Hälfte steigt der Östrogenspiegel stetig an, nimmt danach leicht ab und steigt ca. 4-5 Tage vor der Periode wieder an. Kurz vor oder während der Regelblutung fällt er jedoch plötzlich stark ab, was häufig eine Migräneattacke auslöst.
Menstruelle oder menstruationsassoziierte Migräne?
Es besteht ein wissenschaftlich belegter Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Migräne und den verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus. In einer Studie trat die Migräne bei 22% der weiblichen Migräne-Betroffenen besonders häufig (über 50%) in einer bestimmten Phase ihres Menstruationszyklus auf. Dabei muss zwischen einer reinen menstruellen Migräne (5-10 % der Patient:innen mit Migräne) und einer menstruationsassoziierten Migräne unterschieden werden.
Bei der menstruellen Migräne treten die Attacken in mindestens zwei Drittel der Menstruationszyklen ausschließlich kurz vor oder nach der Periode auf. Bei der menstruationsassoziierten Migräne fallen die Attacken zwar gehäuft in die Tage rund um die Menstruation, treten zusätzlich aber auch in anderen Zyklusphasen auf. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, herauszufinden, ob es sich um eine menstruelle oder eine menstruationsassoziierte Migräne handelt.
Neben dem sinkenden Östrogenspiegel gibt es weitere Einflussfaktoren, die mit Hormonen und deren Schwankungen assoziiert sind. Hormone wie Östrogen und Progesteron beeinflussen die Verarbeitung schmerzhafter Reize im Gehirn. Betroffene reagieren durch hormonell bedingte physische Veränderungen vor der Periode besonders empfindlich auf Stressfaktoren. Es ist also häufig das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das eine Migräneattacke auslöst.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Migräne durch die Pille?
Früher wurde die Pille oft zur Migräneprophylaxe eingesetzt, da viele Attacken durch den Hormonumschwung kurz vor der Regelblutung ausgelöst werden. Mittlerweile raten Ärzt:innen eher von einer hormonellen Therapie durch die orale Gabe von Östrogen oder Hormonpflastern ab, da die Migräne- oder Kopfschmerz-Attacke dadurch nur für ein paar Tage verschoben, aber nicht verhindert wird.
Es scheint sogar einen Zusammenhang zwischen hormonellen Verhütungsmethoden wie der Pille und der Kopfschmerzhäufigkeit zu geben. Eine norwegische Studie ergab, dass Frauen, die östrogenhaltige orale Kontrazeptiva (Pille) einnahmen, durchschnittlich 1,4-mal häufiger Migräne-Attacken und 1,2-mal häufiger Spannungskopfschmerzen hatten als diejenigen, die auf eine andere Weise verhüteten. Dabei wurde kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Höhe der Östrogendosis und der Kopfschmerzhäufigkeit gefunden.
Die Anfälligkeit war sowohl bei der normalen Antibabypille (Kombinationspille mit Gestagen und Östrogen) als auch bei der Mikro-Pille (niedrig dosiert) vorhanden. Für die Mini-Pille, ein reines Gestagen-Präparat, wurde kein Zusammenhang mit dem Auftreten von Kopfschmerzen oder Migräne gefunden. Treten Kopfschmerzattacken erstmalig bei Anwendung einer Pille auf, sollte das Präparat abgesetzt werden.
Menstruation und Migräne-Aura - Was sind die Zusammenhänge?
Bei der Frage nach einer geeigneten Verhütungsmethode muss zwischen einer Migräne mit und ohne Aura unterschieden werden.
Migräne ohne Aura
Bei Migräne ohne Aura ist die Verhütung mit der Pille oft hilfreich, um weitere Attacken abzuschwächen oder sogar zu verhindern. Dabei ist es wichtig, Dosierung und Einnahmefrequenz zu beachten, denn Migräne ohne Aura wird häufig beim prämenstruellen Abfall des Östrogenspiegels vor der Periode getriggert. Bei dieser Form der Migräne können Kombinationspillen, die sowohl Östrogen als auch Gestagen enthalten, eingenommen werden. Diese sollten aber möglichst niedrig dosiert sein und über einen längeren Zeitraum (bis zu 6 Monate) ohne Pillenpause eingenommen werden, damit der Abfall der Hormone während der Pillenpause ausbleibt.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Durch den konstanten Östrogen- und Gestagenspiegel reduziert sich bei vielen Betroffenen die Attackenanzahl deutlich. Die Mikropille (Kombinationspille aus Gestagen und Östrogen) eignet sich, neben der östrogenfreien Minipille, am Besten, für die Einnahme über einen längeren Zeitraum. Nach einem halben Jahr sollte man jedoch eine 7-tägige Pillenpause einlegen. Aufgrund vom Wegfall der Hormone in dieser Pause kommt es erneut zur Abbruchblutung und häufig ebenfalls zu Migräne Attacken, bei einigen jedoch mit geringerer Intensität.
Migräne mit Aura
Bei Migräne mit Aura hat die Pille leider keinen positiven Nebeneffekt, denn sie wird selten menstruell assoziiert. Die WHO rät Aura-Patient:innen mit Migräne sowohl von östrogenhaltigen als auch gestagenhaltigen Pillen in jeden Altersstufen ab, weswegen alternative Verhütungsmethoden besonders interessant und wichtig sind.
Schlaganfallrisiko
Migräne mit Aura und auch ohne stellt einen zusätzlichen Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse dar. Epidemiologische Daten sprechen für einen Zusammenhang zwischen Menstruation und Migräne. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DKMG) führt auf, dass das absolute Schlaganfallrisiko für junge Frauen bei einer Migräne mit Aura leicht erhöht sei, abhängig von der Aktivität der Migräne. Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft empfiehlt Aura-Migränikerinnen, die Kombination von Rauchen und Antibabypille zu vermeiden, da sich das Schlaganfallrisiko dadurch um das Zehnfache erhöhe.
Alternativen zur Pille - Verhütungsmethoden für Patient:innen mit Migräne
Wenn Kopfschmerz- oder Migräne-Attacken unabhängig vom Zyklus auftreten, sollte man eher auf Alternativen zur hormonellen Verhütung zurückgreifen. Kupfer- oder Gold-Spiralen, mechanische (z.B. Kondome oder Diaphragma) oder natürliche Verhütungsmethoden sind mögliche Alternativen.
Etwas weniger zuverlässig, aber ebenfalls möglich ist die Verhütung durch Zeitplanung. Zur sogenannten NFP (Natürliche Familien Planung) zählt zum einen die Symptothermal-Methode, bei der man zyklische Temperaturschwankungen des Körpers und die Veränderung des Gebärmutterschleims beobachtet, und ggf. auch den Zustand des Gebärmutterhalses ertastet, um Rückschlüsse auf die fruchtbaren Tage zu erhalten. Zum anderen besteht die Möglichkeit anhand von Zyklus-Apps oder Hormon- bzw. Temperaturcomputern den Eisprung zu berechnen. Bei diesen Methoden ist eine zuverlässige und sorgsame Anwendung, sowie ein regelmäßiger Rhythmus der Periode, allerdings Voraussetzung für eine hohe Sicherheit.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Wer trotz Migräne hormonell verhüten möchte, wählt am besten eine niedrig dosierte Pille, die nur das Hormon Gestagen (z.B. Mini-Pille) enthält, statt zusätzlich noch Östrogen, wie es bei den meisten Kombinationspillen der Fall ist. Diese wird ohne Pause eingenommen, sodass hier auch der Abfall des Hormonspiegels wegfällt.
Vorgestellt: Eine neue, nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe
Der Zuckerstoffwechsel und insbesondere starke Blutzuckerschwankungen spielen eine Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken. Eine Ernährung, die den Blutzucker eher niedrig und stabil hält, kann Migräneanfällen vorbeugen. Die digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) sinCephalea bietet die Gelegenheit mittels eines Blutzuckersensors die Reaktion des Blutzuckers auf gewisse Mahlzeiten und Lebensmittel zu testen. Im Anschluss an die Testphase erhält man individuell auf sich zugeschnittene Ernährungsempfehlungen, mit denen man mit nur wenigen Änderungen wirksam Migräneattacken vorbeugen kann. Die Kosten für diese wirksame Migräneprophylaxe werden von den Krankenkassen übernommen.
Die Rolle von CGRP
Ein Forschungsteam der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat eine mögliche Erklärung dafür gefunden, warum Frauen häufiger von Migräne betroffen sind als Männer und warum sie besonders zahlreiche und heftige Attacken rund um die Regelblutung erleben. Der im Fachmagazin Neurology veröffentlichten Studie zufolge bilden betroffene Frauen während der Menstruation besonders große Mengen an CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide). CGRP ist eine körpereigene Substanz, die bei Migräne vermehrt ausgeschüttet wird und die Blutgefäße im Gehirn stark erweitert.
Bei Frauen, die die Pille einnehmen, gibt es kaum Schwankungen des Östrogenspiegels. Wie die Forschenden in der aktuellen Studie nachwiesen, verändert sich auch die CGRP-Konzentration im Verlauf des „künstlichen Zyklus“ nicht und ist bei Migränepatientinnen vergleichbar mit der gesunder Frauen.
Fazit
Die aktuelle Studienlage liefert keine eindeutige Antwort auf die Frage, inwieweit die Pille die Migräne beeinflusst, vor allem da Migräne eine idiopathische Krankheit ist. Die Pille kann sich sowohl positiv, negativ als auch neutral auf die Häufigkeit und Schwere der Migräneattacken auswirken. Es bedarf in jedem Fall einer ausführlichen Beratung durch sowohl Gynäkolog:innen und Neurolog:innen zwecks der geeigneten Verhütungsmethode.
Hat man die Pille aber als Auslöser im Verdacht, sollte man sie -wenn möglich- eine Zeit lang absetzen um festzustellen, wie das die Migräne beeinflusst. Viele Frauen berichten davon, dass das Absetzen der Pille ihre Migräne deutlich verbessert hat, und bei einigen ist sie komplett weg.
Migräneprophylaxe mit der sinCephalea App
Die digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) sinCephalea bietet eine neue, nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe. Durch die Messung des Blutzuckerspiegels und individuelle Ernährungsempfehlungen können Migräneattacken wirksam vorgebeugt werden. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen.
tags: #migrane #und #ostrogenfreie #pille