Migräne und Serotoninmangel: Ursachen, Zusammenhänge und Behandlungsmöglichkeiten

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Diese Attacken können von verschiedenen Symptomen begleitet sein, darunter Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Die Ursachen von Migräne sind komplex und noch nicht vollständig erforscht. Es wird jedoch angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Ein wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit Migräne ist der Neurotransmitter Serotonin.

Was ist Migräne?

Migräne wird zu den neurologischen Erkrankungen gezählt. Sie äußert sich in sehr starken Kopfschmerzen, die sich klassischerweise in Form von Migräneattacken äußern. Unabhängig von den Migräne-Ursachen verläuft eine solche neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns in der Regel in mehreren Phasen.

Früher ging man davon aus, dass Migräne entsteht, wenn sich die Blutgefäße im Gehirn aufgrund einer Fehlsteuerung verengen, sodass es zu einer kurzzeitigen Durchblutungsstörung in betroffenen Hirnarealen kommt. Heute geht man davon aus, dass es sich bei Migräne um ein Ungleichgewicht der Schmerzzentren, die im Hirnstamm liegen, handelt. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Betroffenen das genannte Migräne-Zentrum sehr stark durchblutet und damit aktiv ist. So soll nach neuesten Erkenntnissen eine Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm ein Migräne-Auslöser sein bzw. an deren Entstehung beteiligt, was zu einer Fehlfunktion schmerzregulierender Systeme führt. Infolgedessen reagieren Betroffene vorübergehend überempfindlich auf bestimmte Reize.

Neben der „klassischen“ Migräne leiden bis zu 20 % der Betroffenen an der sogenannten Migräne mit Aura. In dem Fall kündigt sich eine Migräneattacke mit Symptomen wie Sehstörungen, darunter Lichtblitze oder Doppelbilder, Taubheit oder ein kribbliges Gefühl im Gesicht, Sprachstörungen, Schwindel oder Schwierigkeiten beim Gehen an, um nur einige zu nennen. Die Gründe für Migräne mit Aura sind ebenso vielfältig wie die Ursachen einer Migräne ohne Aura.

Serotonin und seine Rolle im Körper

Serotonin ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle im menschlichen Körper spielt. Es wird auch als "Wohlfühlhormon" bezeichnet, da es die Stimmung positiv beeinflussen und für Gelassenheit, Harmonie und Zufriedenheit sorgen kann. Gefühle wie Angst oder Aggression werden unterdrückt. Serotonin spielt außerdem eine wichtige Rolle bei der Steuerung des Sättigungsgefühls.

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Serotonin beeinflusst fast alle Gehirnfunktionen - mittelbar und unmittelbar.

Die komplexen Aufgaben des Serotonins im Herz-Kreislauf-System beziehen sich vor allem auf das Zusammenziehen und das Entspannen der Blutgefäße - besser gesagt, deren glatter Muskulatur. So ist der Serotoninspiegel vor allem wichtig für eine Verengung der Blutgefäße in den Nieren und der Lunge.

Im Magen-Darm-Trakt hingegen hat das Serotonin sowohl motorische als auch sensorische Funktionen: Serotonin aktiviert mittels verschiedener Serotoninrezeptoren die Neuronen des Darmnervensystems. Dabei kommt es bei der Darmmuskulatur zu einer abwechselnden Anspannung und Entspannung.

Der Serotoninspiegel im Blut hat zudem Auswirkungen auf die Blutgerinnung. Die Blutplättchen, die das Serotonin speichern und freisetzen, tragen auch selbst Serotoninrezeptoren. Durch sie wird die Granula (knochenförmige Einlagerungen in den Zellen) der Thrombozyten entleert. Außerdem kommt es zu einer Verstärkung anderer Botenstoffe, was die Blutgerinnung fördert.

Serotonin hat weiterhin auch Einfluss auf unser Auge. Über eine Aktivierung verschiedener Rezeptoren können Nerven, die Serotonin als Neurotransmitter nutzen, den Augeninnendruck regulieren. Dieser ist vor allem dafür zuständig, zwischen Hornhaut, Linse und Netzhaut des Auges einen gleichmäßigen Abstand zu bewirken.

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Ein niedriger Serotoninspiegel wird mit einer Reihe von Beschwerden in Verbindung gebracht, darunter Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen und Migräne.

Der Zusammenhang zwischen Serotoninmangel und Migräne

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Migränepatienten häufig einen niedrigen Serotoninspiegel haben. Möglicherweise kann der niedrige Serotoninspiegel zu einer Weitung der Blutgefäße führen und Schmerzrezeptoren sensibler gegenüber Schmerzreizen machen. Einige Migränepatient:innen berichten außerdem, dass die Migräneattacken aufhören, nachdem sie erbrochen haben. Auch dies könnte zumindest teilweise durch den Serotoninspiegel erklärt werden. Denn Erbrechen erhöht über komplexe Stoffwechselwege den Serotoninspiegel.

Bei Migräne-Patienten produzieren die Nervenzellen durch sogenannte Triggerfaktoren (Auslöser), die individuell verschieden sind, eine Überdosis von Botenstoffen, unter anderem auch von Serotonin. Die Folge eines erhöhten Serotoninspiegels ist, dass sich die Adern im Gehirn verengen und Entzündungsprozesse gehemmt werden. Der Organismus versucht als Reaktion darauf, diese Überdosis an Serotonin abzubauen, bis nur noch eine sehr geringe Menge vorhanden ist. Der daraus folgende Serotoninmangel bewirkt, dass sich die Hirnhautgefäße wieder weiten und so durchlässig für gewebefeindliche Stoffe werden, wie zum Beispiel entzündliche Eiweißstoffe.

Mit dem weiblichen Zyklus schwankt auch die Konzentration von Serotonin. Konkret bedeutet das: Ist der Östrogenspiegel hoch, ist auch der Serotoninspiegel hoch. Zu Beginn der Menstruation sinkt der Östrogenspiegel dann ab. In der Folge sinkt auch der Serotoninspiegel. Sowohl das Absinken von Östrogen als auch von Serotonin können zu der Entstehung einer menstruellen Migräne beitragen. Wenn man diese Mechanismen berücksichtigt, ist auch verständlich, warum Triptane (speziell zur Therapie von Migräne eingesetzte Arzneimittel) das Auftreten der menstruellen Migräne verhindern können. Denn Triptane sind sogenannte Serotonin-Rezeptor-Agonisten. Sie wirken also ähnlich wie Serotonin selbst und können so Migräneattacken verhindern.

Ein typischer Migräneverlauf sieht bei vielen Betroffenen ähnlich aus wie die soeben beschriebenen Auswirkungen des Serotoninspiegels: So startet eine Migräne im Regelfall mit Heißhunger auf energiereiche Nahrungsmittel (niedriger Serotoninspiegel) und endet in Übelkeit und Erbrechen (hoher Serotoninspiegel) durch starke Migräneschmerzen.

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Weitere Faktoren, die Migräne beeinflussen können

Neben Serotonin spielen auch andere Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von Migräne:

  • Hormone: Insbesondere bei Frauen spielen hormonelle Schwankungen eine Rolle. So sind Frauen insgesamt häufiger von Migräne betroffen als Männer. Durch ein Absinken des Östrogenspiegels zu Beginn der Periode kann außerdem eine sogenannte menstruelle Migräne entstehen. Während der Schwangerschaft bessern sich die Migräneattacken in vielen Fällen.
  • Dopamin: Studien konnten zeigen, dass Migräne Betroffene während einer Attacke häufig einen niedrigen Dopaminspiegel aufweisen und dass Schwankungen die Entstehung von Migräne begünstigen können.
  • Stress: Einige Studien zeigen, dass Stress die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken erhöhen kann.
  • Blutzuckerspiegel: Starke Schwankungen des Blutzuckers werden mit dem Auftreten von Migräne in Verbindung gebracht.
  • Genetische Veranlagung: Es gibt klare Hinweise darauf, dass genetische Prädispositionen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen.

Ursachen von Migräne

Die Entstehung und der Verlauf einer Migräne sind ein komplexer Prozess. Wie bereits erwähnt sind ihre Ursachen bis heute nicht vollständig erforscht. Es gibt viele Vermutungen und Theorien über Migräne-Auslöser. Als einer der häufigsten Migräne-Gründe wird Stress genannt. Hierbei spielt die beschriebene Stoffwechselstörung der Hirnzellen eine Rolle, wodurch die Schmerzareale getriggert und aktiviert werden.

Trigger beschreiben innere und äußere Faktoren, die zu einer Migräne führen können. Es sind also potentielle Migräne-Ursachen, die das Entstehen einer Attacke begünstigen können. Trigger unterscheiden sich von Patient zu Patient und lassen sich nur mit einer guten Selbstbeobachtung identifizieren. Die Identifikation der individuellen Migräne-Ursachen ist für eine professionelle Behandlung unabdingbar und hat großen Einfluss auf den Behandlungserfolg. Nur so lassen sich Maßnahmen gezielt auf die Migräne-Auslöser abstimmen und prophylaktische Lösungen finden.

Häufige Triggerfaktoren

  • Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus: (z. B. am Wochenende)
  • Ernährung: Unregelmäßige Nahrungsaufnahme, Alkoholkonsum, Kaffee, Lebensmittelzusätze, diverse Nahrungsmittel wie z. B. Käse, Schokolade, Nüsse sowie Gewürze, zu wenig Wasser.
  • Stress
  • Wetterwechsel
  • Hormonelle Schwankungen: insbesondere während der Menstruation
  • Einnahme von Hormonpräparaten: (z. B. die Pille)
  • Psychische Belastung
  • Äußere Reize: wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche
  • Wetter- und Höhenveränderungen: (Föhn, Kälte etc.)
  • Starke Emotionen: z.B. ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst
  • evtl. Medikamente

Behandlungsmöglichkeiten bei Migräne und Serotoninmangel

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Serotoninspiegel zu erhöhen und Migräneattacken vorzubeugen oder zu lindern:

  • Ernährung: Serotonin wird im Körper aus der Aminosäure Tryptophan hergestellt, welche in verschiedenen Lebensmitteln enthalten ist. Dazu gehören besonders Nüsse, Hülsenfrüchte, Fisch oder Vollkorngetreide. Ein Großteil des Serotonins wird im Darm unter der Beteiligung von wichtigen Darmbakterien gebildet. Die gesundheitsfördernden Darmbakterien benötigen wiederum Ballaststoffe und auch probiotische Lebensmittel können unterstützen, dass sich diese vermehren. Daher sollte auch hier auf eine ausreichende Zufuhr geachtet werden.
  • Sport und Bewegung: Sowohl Sport und Bewegung als auch Achtsamkeitsübungen wie Meditation und Yoga können dazu beitragen, die Ausschüttung von Dopamin zu erhöhen. Sonnenlicht kann darüber hinaus nicht nur den Vitamin D Spiegel, sondern auch den Dopaminspiegel erhöhen.
  • Stressmanagement: Stressmanagement inklusive Achtsamkeit, Meditation und Yoga sowie ausreichend Bewegung und Schlaf können helfen, das Stresslevel zu senken. Das wirkt sich auch positiv auf den Blutzucker aus. Meditieren kann außerdem Kopfschmerzen reduzieren und die Lebensqualität der Migräne Betroffenen verbessern.
  • Medikamentöse Behandlung: Bei akuten Migräneattacken können Schmerzmittel wie Triptane helfen. Diese wirken ähnlich wie Serotonin und können so Migräneattacken verhindern. Es gibt auch Medikamente zur Migräneprophylaxe, die den Serotoninspiegel erhöhen können.

Die Rolle von Insulin und Blutzucker

Aktuelle Studien zeigen, dass starke Blutzuckerschwankungen zur Entstehung von Migräne beitragen. Schnelle Blutzuckeranstiege können zu raschen Blutzuckerabfällen führen. Eine Unterzuckerung kann wiederum zu einem Energiedefizit im Gehirn führen und Migräneattacken auslösen. Ein niedriger Blutzucker stimuliert außerdem die Ausschüttung des Botenstoffs CGRP (calcitonin gene-related peptide), welcher in schmerzsensiblen Bereichen des Gehirns nachgewiesen wurde und an der Entstehung von Migräne beteiligt ist. Zum anderen können hohe Blutzucker- und Insulinwerte Entzündungsprozesse im Körper befeuern. Auch das erhöht die Wahrscheinlichkeit für Migräneattacken.

Um Migräneattacken vorzubeugen, ist es wichtig, den Blutzuckerspiegel möglichst niedrig und konstant zu halten. Dadurch wird auch weniger Insulin ausgeschüttet und so einer Insulinresistenz entgegengewirkt.

Einfache Kohlenhydrate wie Zucker lassen den Blutzuckerspiegel stark ansteigen. Die Bauchspeicheldrüse produziert daraufhin Insulin. Das Insulin sorgt anschließend dafür, dass der Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangt und dort zur Energiegewinnung genutzt werden kann.

Werden nun aber über einen langen Zeitraum zu viele Kohlenhydrate aufgenommen, werden die Zellen zunehmend unempfindlich gegenüber Insulin. Die produzierte Menge Insulin reicht dann nicht mehr aus und es muss immer mehr gebildet werden. Die Bauchspeicheldrüse kommt an ihre Grenzen und es entsteht eine Insulinresistenz.

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Cortisol und Stress

Um zu verstehen, warum das Stresshormon Cortisol in Bezug auf Migräne wichtig ist, wollen wir zunächst kurz in die Evolution des Menschen eintauchen: Unsere Urahnen mussten sich schnell verteidigen oder fliehen können, sobald sie einer Gefahrensituation ausgesetzt waren. Im Nervensystem gibt es daher zwei Gegenspieler: Den Sympathikus und den Parasympathikus. Sie sind nicht gleichzeitig aktiv und haben gegensätzliche Effekte. Wird der Sympathikus aktiviert, reagiert der Körper nach dem Prinzip „fight or flight“ („Kämpfen oder Fliehen“).

Die erhöhte Flucht- und Alarmbereitschaft führt zur Ausschüttung der Stresshormone, zu denen auch Cortisol gehört. In der Folge steigen Blutdruck und Herzfrequenz, die Atmung wird schneller und flacher und die Skelettmuskeln werden stärker durchblutet. All das dient einer erhöhten Aufmerksamkeit.

Die Ausschüttung von Cortisol hat aber noch einen anderen, nicht zu unterschätzenden Effekt. Denn der Körper mobilisiert Energiereserven. Konkret heißt das, der Körper verbraucht die gespeicherten Glukosereserven. Die Folge: Der Blutzuckerspiegel steigt. Stress und der damit einhergehende hohe Cortisolspiegel bewirken außerdem, dass die Wirkung von Insulin gehemmt wird. Das trägt noch einmal zusätzlich zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel und einem möglichen Mangel an Energie in den Zellen.

Sind wir in der heutigen Zeit permanentem Dauerstress ausgesetzt - sei es durch die Arbeit oder andere Belastungen - hält das den Sympathikus dauerhaft aktiv. Das wird auch als „sympathetic overdrive“ bezeichnet. Die dauerhafte Aktivierung des Sympathikus kann zu chronischem Stress führen. Der Körper erschöpft. Chronischer Stress bringt diverse gesundheitliche Nachteile mit sich. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, bestimmte Krebserkrankungen oder neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer steigt.

Studien zeigen außerdem, dass Stress die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken erhöhen kann. Stark belastende Lebensereignisse können außerdem das Risiko erhöhen, von der episodischen in die chronische Migräne überzugehen. In einigen Studien wurde beobachtet, dass Migräne Betroffene oft hohe Cortisolspiegel haben. Andere Studien fanden keine veränderten Cortisolspiegel.

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