Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Rund 12 % der Bevölkerung sind betroffen, wobei Frauen drei- bis viermal häufiger betroffen sind als Männer. Migräne kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen und erhebliche gesellschaftliche und finanzielle Auswirkungen haben. Ein Viertel der Betroffenen hat mindestens eine Migräneattacke pro Woche und kann in dieser Zeit nicht zur Arbeit gehen. Die Erkrankung ist ein Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen und ist mit vielen anderen Erkrankungen assoziiert, etwa mit Depression, Schlafstörungen oder Epilepsie.
Definition und Formen der Migräne
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die in der Regel mit anfallsartigen Kopfschmerzen verbunden ist. Die Schmerzen treten meist nur auf einer Kopfseite auf und sind deutlich stärker als herkömmliche Kopfschmerzen. Es gibt verschiedene Formen von Migräne, darunter:
- Migräne ohne Aura (einfache Migräne): Diese Form zeichnet sich durch mäßige bis starke, einseitige Kopfschmerzen aus, die von einer hohen Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Gerüchen begleitet werden können. Schwindel und das Sehen von Lichtblitzen oder eigenartigen Formen sind ebenfalls möglich.
- Migräne mit Aura (klassische Migräne): Bei dieser Form treten zusätzlich zu den Kopfschmerzen neurologische Defizite auf, die als Aura bezeichnet werden. Diese können sich in Form von Sehstörungen wie Lichtblitzen äußern. Der halbseitige Kopfschmerz kann mit Rötungen im Gesicht einhergehen und durch eine temporäre Störung der Zirkulation in den Blutgefäßen erklärt werden.
- Komplizierte Migräne (Migraine accompagnée): Diese Form ist durch lange neurologische Störungen im Vergleich zur Migräne mit Aura gekennzeichnet. Die Vorboten können den jeweiligen Migräneanfall auch überdauern. Zu den Unterformen zählen die hemiplegische Migräne, die Basilaris-Migräne sowie die ophthalmoplegische Migräne. Die Symptome reichen von leichten Lähmungserscheinungen über Gang- und Sehstörungen bis hin zu Sprachverlust oder Sprachstörungen.
- Weitere Unterformen: Es gibt noch weitere Unterformen der Migräne, wie z. B. die Migräne der Augen (okulare Migräne), die menstruelle Migräne, die abdominelle Migräne, die hemiplegische Migräne, die Migräne mit Hirnstammaura (früher als Basilaris-Migräne bekannt) und die vestibuläre Migräne.
Symptome und Phasen einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke kann in verschiedenen Phasen verlaufen:
- Prodromalphase (Anzeichen einer Migräne): Vor einer Attacke leiden Betroffene an ersten Anzeichen einer Migräne. Diese können wenige Stunden oder schon einen Tag zuvor auftreten. Symptome sind Hochstimmungen, das Gefühl, besonders leistungsfähig zu sein, sowie Gereiztheit und depressive Verstimmungen.
- Auraphase: Die Aura geht den starken Kopfschmerzen einer Migräne direkt voraus und entwickelt sich in einem Zeitraum von fünf bis zehn Minuten. Dabei dauern die Symptome der Auraphase etwa 15 bis 30 Minuten an und äußern sich durch Sehstörungen wie etwa Lichtblitze, blinde Flecken im Sehfeld, Doppelbilder, Schwäche, Schwindel, Taubheit, Kribbeln in Gliedmaßen oder Gangunsicherheit.
- Kopfschmerzphase: Bei der eigentlichen Migräne treten die pochenden Schmerzen einseitig auf und verschlimmern sich durch körperliche Tätigkeiten. Je nach Migräneform und ihrer Schwere wird Migräne von vegetativen Störungen wie Schwindel oder Benommenheit oder neurologischen Störungen wie Sehstörungen, Taubheit oder Kribbeln begleitet. Die Kopfschmerzphase hat eine typische Dauer von 4-72 Stunden. Im Rahmen eines Status migraenosus kann die Kopfschmerzphase auch darüber hinaus anhalten.
- Postdromalphase: Die letzte Phase ähnelt in Bezug auf die Symptome der Prodromalphase. Hier verspüren die Patienten bis zu 48 Stunden Müdigkeit, Asthenie, erhöhte Reizbarkeit, Reduktion der Denkvorgänge und weiterer kognitiver Funktionen.
Ursachen und Auslöser der Migräne
Für Migräne besteht generell eine genetische Veranlagung. Bei Menschen mit bestehender Veranlagung können folgende Auslöser für Migräne verantwortlich sein:
- Schlafüberschuss oder Schlafmangel
- Hunger oder Unterzuckerung
- Hormonumstellungen wie während des Zyklus oder bei Einnahme der Anti-Baby-Pille
- Körperlicher oder psychischer Stress
- Bestimmte Nahrungsmittel wie Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol
- Licht, Geräusche oder Gerüche
- Wetterveränderungen
- Starke Emotionen
- Bestimmte Medikamente
- Räume, in denen geraucht wird
Pathophysiologie der Migräne
Bei Migräne handelt es sich um eine Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut und ihrer Blutgefäße. Während eines Migräneanfalls funktionieren die schmerzregulierenden Systeme fehlerhaft und machen Betroffene überempfindlich gegenüber Reizen. Zudem haben die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) Einfluss auf den Migränekopfschmerz.
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Diagnose der Migräne
Die Diagnose der Migräne erfolgt in der Regel anhand der Anamnese und der klinischen Untersuchung. Es ist wichtig, andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes erforderlich sein. Die Migräne wird entsprechend der diagnostischen Kriterien der 3. Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation ICHD-3 diagnostiziert.
Therapie der Migräne
Auch wenn Migräne eine nicht heilbare Krankheit ist, lässt sie sich mit Medikamenten gut behandeln. Dabei gibt es einen Unterschied zwischen Medikamenten für akute Migräne und zur Rückfallprophylaxe. Für eine erfolgreiche Medikation muss die Therapie zu Beginn der Migräne angewandt werden.
Akuttherapie
- Analgetika: Gegen Schmerzen können Analgetika, Triptane oder Cortison eingesetzt werden. Laut deutscher Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft ist eine schrittweise und für den Bedarf gerechte Medikation vorgesehen.
- Triptane: Triptane und Ergotamine sollten bei mittelschweren Migräneanfällen oder Migraine accompagnée eingesetzt werden - allerdings nicht zusammen oder kurz hintereinander. Allerdings sollten Triptane erst nach Abklingen der Aura und beim beginnenden Migränekopfschmerz angewandt werden.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen kann ein Antiemetikum eingesetzt werden.
Prophylaxe
- Medikamentöse Prophylaxe: Eine medikamentöse Vorbeugung kann zwar die Erkrankung nicht völlig verhindern, doch sie kann die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräne mindern. Vorbeugend können Medikamente wie Betablocker, Flunarizin, Antiepileptika oder Topiramat verwendet werden.
- Nicht-medikamentöse Prophylaxe: Patientinnen und Patienten können anhand eines Anfallstagebuchs Schlüsse ziehen, wodurch ihre Migräne entsteht. Davon ausgehend können sie ggf. ihren Lebensstil verändern und dadurch langfristig Migräneanfälle senken. Zudem gibt es psychotherapeutische Verfahren, bei denen Betroffene lernen, mit ihrer Migräne besser umgehen zu können. Neben einer psychotherapeutischen Verhaltenstherapie, Ausdauersport und Akkupunktur können Medikamente einer Migräne vorbeugen. Zudem sollten Migräneauslöser möglichst vermieden werden. Hilfreich ist daher ein regelmäßiger Schlafrhythmus, die Einhaltung fester Mahlzeiten sowie das Meiden von lauten Geräuschen oder hellem Licht.
Psychologische Interventionen
Die Betrachtung von Kopfschmerzerkrankungen im Rahmen des biopsychosozialen Modells indiziert eine interdisziplinäre Behandlung unter Einbezug psychologisch-psychotherapeutischer Maßnahmen. Es stehen verschiedene psychologische Interventionskategorien zur Verfügung, die maßgeschneidert auf die jeweilige Kopfschmerzerkrankung angewendet werden sollten.
Vestibuläre Migräne
Die vestibuläre Migräne ist die häufigste Drehschwindelerkrankung und die zweithäufigste Form des Schwindels. Kennzeichnend für die Erkrankung sind anfallsweise auftretende vestibuläre Symptome von mittelstarker bis starker Intensität und einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden. Dabei können verschiedene Schwindelformen wie akuter Drehschwindel, posturale Instabilität oder visuell induzierter Schwindel auftreten - auch in Kombination. Ein Drittel der Betroffenen hat immer gleichzeitig mit dem Schwindel Kopfschmerzen, mehr als die Hälfte manchmal, die übrigen nie. Diagnostisches Kernkriterium für vestibuläre Migräne sind die Begleitsymptome: Lärmempfindlichkeit, Lichtscheu und visuelle Auren.
Vaskuläre Kopfschmerzen
Der Begriff "vaskuläre Kopfschmerzen" ist nicht mehr zeitgemäß und wird in der modernen Medizin nicht mehr verwendet. Früher wurde angenommen, dass Veränderungen in den Blutgefäßen des Gehirns eine Hauptursache für bestimmte Arten von Kopfschmerzen sind, insbesondere Migräne. Daher wurde der Begriff "vaskuläre Kopfschmerzen" verwendet, um diese Arten von Kopfschmerzen zu beschreiben.
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Heute wissen wir, dass die Pathophysiologie von Kopfschmerzen komplexer ist und viele Faktoren eine Rolle spielen, darunter neuronale, genetische und Umweltfaktoren. Obwohl Veränderungen in den Blutgefäßen während einer Migräneattacke auftreten können, sind sie nicht die einzige oder primäre Ursache der Schmerzen.
Daher wird der Begriff "vaskuläre Kopfschmerzen" nicht mehr als eine genaue oder hilfreiche Beschreibung angesehen. Stattdessen werden Kopfschmerzen nach ihren spezifischen Merkmalen und Ursachen klassifiziert, wie in der Internationalen Kopfschmerzklassifikation (ICHD) festgelegt.
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