Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, von der in Deutschland rund 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung betroffen sind, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Die Ursachen sind vielfältig und oft nicht leicht zu identifizieren. Neben genetischer Veranlagung und individuellen Triggern spielen auch saisonale Faktoren eine Rolle. Besonders im Frühjahr können bestimmte Bedingungen Migräneattacken begünstigen.
Zeitumstellung und gestörter Biorhythmus
Ein spezifischer Auslöser im Frühjahr ist die Zeitumstellung auf die Sommerzeit. Eine aktuelle Studie der Schmerzklinik Kiel aus dem Jahr 2025 hat gezeigt, dass die Umstellung auf die Sommerzeit im Frühjahr die Häufigkeit von Migräneattacken um 6,4 Prozent erhöht. Im Herbst hingegen sinkt die Migränehäufigkeit eine Woche nach der Rückkehr zur Normalzeit um 5,5 %. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Wechsel zur Sommerzeit die Anpassung der inneren Uhr verzögert, während die Rückkehr zur Standardzeit im Herbst die Synchronisation mit den natürlichen Lichtverhältnissen wiederherstellt.
Die innere Uhr, auch zirkadianer Rhythmus genannt, bestimmt, ob jemand ein Frühaufsteher oder ein Spätaufsteher ist. Migränepatienten sollten insgesamt versuchen, ihren Schlafrhythmus stabil zu halten und ausreichend Schlaf zu bekommen. Die Störung des biologischen Rhythmus durch die Zeitumstellung kann gravierende Auswirkungen auf das Wohlbefinden von Menschen mit Migräne haben. Die Ergebnisse der Studie liefern neue Argumente für eine stabile Zeitregelung, um gesundheitliche Belastungen durch die Zeitumstellung zu minimieren.
Wetterfühligkeit und Biowetter
Für viele Migränepatienten ist klar, dass das Wetter ihre Migräne auslöst. Abrupte Wetterwechsel können das „Gewitter im Kopf“ verursachen. In einer Studie gaben knapp 53 Prozent der über 1000 befragten Migränepatienten an, dass Umschwünge des Wetters ihre Migräne auslösen. Nach Stress, Hormonschwankungen und fehlenden Mahlzeiten liegt das Wetter damit auf dem vierten Platz der am häufigsten beobachteten, subjektiven Trigger.
Der Deutsche Wetterdienst fasst unter dem Begriff Biowetter das Wetter zusammen, welches das Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und Gesundheit des Menschen auf unterschiedliche Weise beeinflusst. Befindlichkeitsstörungen, aber auch Änderungen von Krankheitsbildern wie kardiovaskuläre Probleme, sind oft auf Wettereinflüsse zurückzuführen. Der Körper muss auf Änderungen der Temperatur und des Wetters reagieren, um die Organfunktionen optimal laufen zu lassen. Darum kümmert sich das vegetative Nervensystem. Menschen, die derartige Veränderungen bemerken, werden als wetterfühlig bezeichnet.
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Migräne-Wetterkarten können einen Anhaltspunkt geben, wann das Wetter Migräne und andere Stresssituationen für den menschlichen Organismus mit sich bringen kann. Sie zeigen zum Beispiel, wann sich die nächste Migräne, ausgelöst durch das Wetter, bemerkbar machen könnte. Ziehen Gewitter auf, kann die Schwüle unter anderem ein Risikofaktor für Kopfschmerzwetter sein. Aber auch hohe Temperaturen, die mitunter zu Schlafmangel führen, sind mögliche Ursachen für Migräne. Die Wettervorhersagen stellen zwar nur einen Hinweis für Biowetter als Auslöser der speziellen Kopfschmerzen dar, helfen aber manchen Patienten, sich darauf vorzubereiten.
Weitere Wetterfaktoren als Trigger
Eine Reihe von Studien deutet auf einen Zusammenhang zwischen dem Wetter und der Migräne hin. Sie fokussieren sich jedoch auf unterschiedliche Wetterfaktoren und lassen daher keine einheitlichen Rückschlüsse zu. Auslösende Bedingungen, die in einigen Studien nachgewiesen wurden, sind unter anderem:
- Luftdruckänderungen (Wechsel von Tief- auf Hochdruckwetter)
- Anstieg der Durchschnittstemperatur um 5 Grad Celsius (innerhalb eines Tages)
- Föhnwetterlagen
Allgemein lassen die Erkenntnisse vermuten, dass in erster Linie die Veränderungen von meteorologischen Parametern (zum Beispiel Luftdruck) eine Rolle spielen könnten. Es gibt aber auch Zweifel am Einfluss des Wetters auf die Migräne. Gegen einen Zusammenhang zwischen dem Wetter und der Migräne spricht, dass sich in verschiedenen Klimazonen sowohl der Anteil von Betroffenen als auch die Häufigkeit der Schmerzattacken nicht signifikant unterscheiden. Zudem konnten Studien, die die Aufzeichnungen von Patienten in Migränekalendern mit den Daten aus Wetterstationen verglichen, keinen Zusammenhang entdecken.
Experten vermuten, dass Betroffene mit der Erwartung „bei Gewitter bekomme ich Migräne“ eher dazu tendieren, das Wetter aufmerksamer zu beobachten; sich unter Umständen also selbst so stark beeinflussen, dass es tatsächlich zu einer Attacke kommt. Bei Migräne spielen also oft mehrere auslösende Faktoren zusammen. So haben beispielsweise viele Menschen bei schönem Wetter bessere Stimmung und sind dadurch weniger gestresst. Schlechte Witterung kann hingegen auf die Laune drücken und das Risiko einer Migräne erhöhen. Da es oft subjektiv wahrgenommen wird, steht das Wetter als möglicher Einfluss auf der Liste der Migräne-Trigger.
Cluster-Kopfschmerz im Frühjahr
Auch der Cluster-Kopfschmerz, eine bestimmte Schmerzerkrankung, die anfallsartig auftritt und sich als einseitiger intensiver bohrender oder brennender Schmerz im Bereich von Schläfe und Auge äußert, tritt oft in den „Zwischenjahreszeiten“ Frühjahr oder Herbst verstärkt auf. Mit Beginn des Frühlings erleben Betroffene gehäuft diese ausgeprägten Schmerz-Attacken. Dabei kommt es neben starken einseitigen Kopfschmerzen typischerweise zu weiteren Symptomen wie Bindehautrötung, Tränenfluss, einer Schwellung der Nasenschleimhaut, Schweißbildung und Rötungen im Gesicht.
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Diagnostik
Für die Diagnose von Migräne macht die Ärztin oder der Arzt eine körperliche Untersuchung und benötigt eine detaillierte Beschreibung der Beschwerden, die während eines Anfalls auftreten. Entscheidend sind Angaben, wo genau der Schmerz sitzt und wie lange er anhält. Ebenfalls wichtig ist der Abstand zwischen den Attacken und eventuelle Begleitsymptome. Ein Kopfschmerz-Fragebogen und -Tagebuch (in Papierform oder als App) erleichtern die Diagnose.
Behandlungsmöglichkeiten
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Migräne zu behandeln und vorzubeugen.
Akutbehandlung
Die Leitlinie zur Therapie von Migräne der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) empfiehlt bei akuten Attacken, möglichst früh Medikamente einzunehmen. Denn grundsätzlich gilt: je früher der Zeitpunkt der Einnahme, desto besser die Wirkung.
Wirksame Medikamente zur Therapie mittelschwerer bis schwerer Migräneattacken sind die Triptane. Diese spezifischen Migränemedikamente wirken auf Rezeptoren der geweiteten Blutgefäße im Gehirn, die sich daraufhin wieder verengen. Außerdem verhindern sie die Aktivierung entzündungsauslösender Eiweißstoffe. Triptane mit den Wirkstoffen Almotriptan, Naratriptan und Sumatriptan gibt es als Tabletten in kleiner Packung rezeptfrei in der Apotheke. Voraussetzung: Die Migräneerkrankung wurde ärztlich bestätigt. Größere Packungen sowie die Wirkstoffe Eletriptan, Frovatriptan, Rizatriptan und Zolmitriptan gibt es nur auf Rezept.
Prophylaxe
Wenn eine Patientin oder ein Patient an vier oder mehr Tagen im Monat Migräne hat oder wenn die Behandlung mit Triptanen keine ausreichende Besserung von Anfällen bietet, gibt es die Möglichkeit, die Migräne vorbeugend zu behandeln. Zur Prophylaxe mit Tabletten kommen unter anderem Betablocker, Antidepressiva oder Mittel gegen Epilepsie infrage. Bevor moderne Antikörper zur Migräneprophylaxe verschrieben werden können, muss mindestens eine der Tablettentherapien versucht werden, manchmal auch mehrere. Migräne-Antikörper werden alle vier Wochen unter die Haut gespritzt und richten sich gegen CGRP - das steht für Calcitonin Gene-Related-Peptide, ein Molekül, das an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Eine neue Wirkstoffgruppe, die sogenannten Gepante, sollen verhindern, dass sich überhaupt CGRP-Proteine bilden. Sie sollen nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch bei akuten Migräneattacken. Atogepant (Aquipta®) ist der erste orale CGRP-Rezeptorantagonist zur Migräneprophylaxe. Zugelassen für Erwachsene mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat. Die Einnahme erfolgt als 1 Tablette (60 mg) täglich, unabhängig von Mahlzeiten.
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Weitere Tipps
- Migränetagebuch führen: Wer Tagebuch über seine Migräneattacken führt, kommt so möglicherweise den individuellen Triggern auf die Spur und kann sie meiden.
- Regelmäßigkeit: Für viele Patientinnen und Patienten hilfreich ist Regelmäßigkeit. Das gilt für Schlafens- und Aufwachzeiten aber auch für Mahlzeiten. Hetze, Unregelmäßigkeit, Naschen und Überspringen von Mahlzeiten können Migränebeschwerden verschlimmern.
- Entspannung und Sport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren sowie Entspannungsverfahren, zum Beispiel Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training, können den Stresspegel verringern und helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Wettervorhersage beachten: Migräne-Wetterkarten können einen Anhaltspunkt geben, wann das Wetter Migräne und andere Stresssituationen für den menschlichen Organismus mit sich bringen kann.
- Schutz vor Kälte: Schon bei geringen Temperaturabfällen, die das (nass)kalte Wetter mit sich bringt, verspannen sich schnell Blutgefäße, Nerven und Muskeln in der Kopfhaut. Das kann Kopfschmerzen auslösen. Wer friert, neigt dazu, die Schultern hochzuziehen und im Nackenbereich zu verkrampfen. Kopfschmerzen sind häufig die Folge. Deshalb zur Mütze immer auch den Schal tragen oder eine Kapuze aufsetzen. Pullis mit Rollkragen sind ebenfalls eine gute Idee.
Migräne-Radar
Der Migräne-Radar (kurz „Mira“) ist ein Projekt der Hochschule Hof, der Migräne- und Kopfschmerz-Klinik Königstein und der Universitätsmedizin Rostock. Er hat das Ziel, die Auslöser von Migräne genauer zu erforschen. Wetter, Stress, hormonelle Schwankungen - als Teil des Forschungsprojekts tragen Betroffene dazu bei, Erkenntnisse in dieser Richtung voranzubringen. Migränepatienten können sich dafür über eine Web-Anwendung oder über Smartphone-Apps anmelden und danach jede Attacke im Programm vermerken.