Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Für die Betroffenen ist es oft eine Qual, die ihre Lebensqualität erheblich einschränkt. Typische Symptome sind plötzliche, meist einseitige, heftige Kopfschmerzen, Übelkeit und Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen und Licht. Die gute Nachricht ist, dass es verschiedene Strategien und Behandlungen gibt, um Migräneattacken zu lindern und vorzubeugen. Dieser Artikel gibt einen Überblick darüber, was Sie tun können, wenn herkömmliche Methoden nicht helfen.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der allein in Deutschland etwa 10 Millionen Menschen betroffen sind. Bei einer Migräneattacke treten typischerweise starke, pulsierende Kopfschmerzen meist auf nur einer Seite des Kopfes auf. Sie verschlimmern sich bei körperlicher Bewegung. Häufig treten Begleitsymptome wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen oder eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen auf. In manchen Fällen geht der Migräne eine sogenannte Aura voraus, die etwa Sehstörungen und weitere Symptome umfassen kann.
Die Attacken treten besonders oft zwischen dem 20. und dem 50. Lebensjahr auf. In dieser Lebensphase sind Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer. Bereits Kinder können an Migräne leiden, typisch ist aber ein erstes Auftreten nach der Pubertät. Jungen und Mädchen sind in etwa gleich häufig betroffen. In der Regel haben Betroffene nur an manchen Tagen Kopfschmerz-Attacken, sind an den meisten Tagen im Monat aber schmerzfrei.
Ursachen und Auslöser erkennen
Obwohl die genauen Ursachen der Migräne noch nicht vollständig geklärt sind, gibt es eine Reihe von Faktoren, die eine Attacke auslösen können. Diese sogenannten Trigger sind sehr individuell. Zu den häufigsten Triggern gehören:
- Stress: Besonders bei unregelmäßigem Tagesablauf, emotionalem Stress oder auch nach einer anstrengenden, stressigen Zeit treten Migräneanfälle auf.
- Schlafmangel: Zu wenig Schlaf oder ein unregelmäßiger Schlafrhythmus erhöhen das Risiko.
- Flüssigkeitsmangel: Häufig beginnen Migräneanfälle, wenn zu wenig getrunken wurde.
- Hormonelle Schwankungen: Viele Frauen berichten von Migräneanfällen kurz vor und während der Menstruation.
- Ernährung: Bestimmte Lebensmittel gelten als Auslöser, wie zum Beispiel Rotwein. Aber auch der Verzicht auf Lebensmittel kann Anfälle triggern. So kann beispielsweise Fasten Migräne fördern.
- Wetter und Reizüberflutung: Migräne kann außerdem durch Überflutung mit Licht- und Lärmreizen ausgelöst werden.
Es ist empfehlenswert, ein Kopfschmerztagebuch zu führen, um die individuellen Auslöser zu identifizieren und diese künftig zu vermeiden.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Akutmaßnahmen bei einem Migräneanfall
Ein Migräne-Anfall kommt scheinbar aus heiterem Himmel. Ganz plötzlich beginnt der Kopf heftig zu schmerzen, Geräusche oder Licht fühlen sich unerträglich an und übel wird Ihnen auch noch. Was hilft sofort? Wenn Sie erste Anzeichen einer Migräne spüren, ziehen Sie sich am besten gleich in einen dunklen, ruhigen Raum zurück. Versuchen Sie, sich zu entspannen. Vielleicht können Sie sogar schlafen? Manchmal wird es auch ohne Medikamente besser.
Hausmittel und natürliche Helfer
- Kälteanwendungen: Eine kalte Kompresse auf die Stirn oder im Nacken kann den Schmerz etwas betäuben. Auch Salz-Eis-Packungen können Linderung verschaffen.
- Pfefferminzöl: Ein paar Tropfen Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen einmassieren.
- Lavendelöl: Eine klinische Studie von 2012 zeigte ebenfalls positive Wirkung von Lavendelöl.
- Kaffee: Eine Tasse Kaffee, am Anfang der Migräne-Attacke getrunken, kann die Schmerzen lindern.
- Tees: Bestimmte Teesorten wie Gewürznelkentee, Ingwertee, Kamillentee oder Weidenrindentee können gegen Migräne und Kopfschmerzen helfen.
Medikamentöse Akuttherapie
Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft (DMKG) gibt zur Selbstmedikation akuter Migräne-Attacken eine hervorgehobene Empfehlung für zwei Tabletten der fixen Kombination ASS (250 bis 265 mg), Paracetamol (200 bis 265 mg) und Koffein (50 bis 65 mg). Die Kombination der Wirkstoffe sorgt dafür, dass das Schmerzmittel 15 Minuten schneller und außerdem stärker wirkt.
Patienten, die starke Migräne haben, können sich von ihrem Arzt Triptane verschreiben lassen. Diese Wirkstoffe besetzen die Serotonin-Rezeptoren und sorgen so für eine Verengung der Blutgefäße. Außerdem verhindern sie das Freisetzen von Neuropeptiden (das sind entzündliche Eiweißstoffe) im Gehirn. Es gibt sieben Triptane (Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan). Drei davon (Almo-, Nara- und Sumatriptan) gibt es rezeptfrei als Tabletten, die anderen muss der Arzt verschreiben.
Bei vielen Patienten tritt Migräne in Verbindung mit Übelkeit und Erbrechen auf. Für sie können Schmerzmittel in Zäpfchenform eine verträglichere Alternative sein, weil die Mittel so nicht durch den Magen hindurchmüssen. Die Patienten können die Schmerzmittel aber auch in Verbindung mit einem Antiemetikum, also einem Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen (zum Beispiel Metoclopramid), einnehmen. Nehmen Sie am besten zuerst das Antiemetikum und danach das Schmerzmittel ein. Sprechen Sie aber wegen möglicher Wechselwirkungen vorab mit Ihrem Arzt. Fragen Sie ihn auch, ob er Ihnen ein Triptan als Nasenspray oder Fertigspritze verschreibt.
Migräne in der Schwangerschaft
Normalerweise nehmen Patienten Schmerzmittel, wenn sie eine Migräneattacke haben - aber wie ist es in der Schwangerschaft? Eine gute Nachricht: 50 bis 80 Prozent der Schwangeren haben während der Schwangerschaft deutlich weniger und zudem weniger intensive Migräneanfälle, bei einigen hört die Migräne für diese Zeit sogar ganz auf. Ein häufiger Migräne-Auslöser für Frauen ist der durch den monatlichen Zyklus schwankende Östrogenspiegel. Im Verlauf der Schwangerschaft stabilisiert sich der Hormonspiegel.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Schmerzmittel sollten Schwangere grundsätzlich nur nach Absprache mit dem Arzt und in der niedrigstmöglichen Dauer und Dosis einnehmen. Und nicht alle Medikamente sind geeignet. Ibuprofen, ASS, Diclofenac und Naproxen sind, so die Experten der DMKG, im zweiten Trimester zulässig, im ersten sollten sie nur gelegentlich genommen werden, falls Paracetamol nicht wirkt. Im dritten Trimester empfiehlt die DMKG, auf NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen und ASS) zu verzichten.
Migräne mit Aura
Wenn Ihre Migräne mit Lichtblitzen, Flimmern, einem kurzzeitigen Verlust des Sehvermögens, Schwindel, Taubheitsgefühl oder Sprechstörungen verbunden ist, die vor Beginn des Kopfschmerzes auftreten, dann leiden Sie unter einer Migräne mit Aura. Sobald Aura-Symptome auftreten, sollten Sie sich in einen dunklen, ruhigen Raum zurückziehen, sich hinlegen und die Augen schließen. Wichtig: Falls Sie bisher keine Migräne mit Aura hatten und plötzlich auch noch ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl auf einer Körperseite spüren bzw. Schwierigkeiten beim Sprechen haben, sollten Sie sofort zum Arzt gehen. Grundsätzlich ist die Behandlung bei beiden Migräne-Formen die gleiche. Schnelle Linderung bringen Schmerztabletten, die Koffein enthalten. Sollte die Aura sehr lang sein, kann der Arzt zudem eine medikamentöse Prophylaxe über mindestens drei Monate empfehlen. Vorübergehende Sehstörungen auf beiden Augen (seltener auf einem) können auch Anzeichen einer Augen-Migräne sein. Patienten sehen dann Flimmern oder Lichtblitze oder sie haben ein eigeschränktes Sichtfeld. Die Symptome kommen ganz plötzlich und verschwinden meistens nach einer halben Stunde wieder. Auslöser können zu wenig Schlaf, Stress oder unterschiedliche Nahrungsmittel sein.
Vorbeugende Maßnahmen bei chronischer Migräne
Etwa zehn Prozent der Migräne-Patienten leiden unter einem chronischen Verlauf der Krankheit. Um das zu vermeiden, kann Ihnen Ihr Arzt eine medikamentöse Migräne-Vorbeugung verschreiben. Hier wird eine andere Form von Medikamenten eingesetzt. Etwa Betablocker wie Metoprolol bzw. Propranolol, Antiepileptika wie Topiramat und Kalziumkanalblocker wie Flunarizin.
Es gibt auch Behandlungsmethoden ohne Medikamente, die vorbeugend unterstützen können. Etwa das Vermeiden von Triggern. Die können sehr unterschiedlich sein - manchmal hängt die Migräne auch mit dem Wetter zusammen: Ein plötzlicher Temperaturwechsel kann dann eine Attacke auslösen. Empfehlenswert ist es auch, wenn Migräne-Patienten einmal ihren Lebensstil überprüfen - auch auf diese Weise kann man Migräne vorbeugen: Regelmäßiger Schlaf, feste Mahlzeiten, ausreichend Flüssigkeit und das Vermeiden von Stress können sich positiv auswirken. Gute Mittel gegen Stress sind Entspannungsübungen wie Biofeedback und Progressive Muskelentspannung, außerdem leichtes Ausdauertraining (Laufen, Radfahren an der frischen Luft) und Bewegungsarten wie Yoga.
Medikamentöse Prophylaxe
Eine medikamentöse Migräne-Prophylaxe kommt in Betracht, wenn die Betroffenen sehr unter der Migräne leiden, in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sind und wenn die Gefahr eines übermäßigen Medikamentengebrauchs (ASS, Triptane etc.) besteht. Arzt und Patient entscheiden in einem gemeinsamen Gespräch im Vorfeld, welches Medikament zur Migräne-Vorbeugung am sinnvollsten ist. Kriterien sind dabei unter anderem die Wirksamkeit verschiedener Arzneistoffe, die Nebenwirkungen sowie individuelle Faktoren wie Häufigkeit der Migräne-Anfälle, Begleiterkrankungen und persönliche Lebensumstände (z. B. Arbeit im Schichtdienst).
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Zur Vorbeugung stehen verschiedene Wirkstoffe zur Auswahl. Sie wurden ursprünglich für andere Anwendungsgebiete entwickelt, später zum Teil aber auch für die Migräne-Prophylaxe zugelassen. Bei den folgenden Medikamenten ist die Wirksamkeit sehr gut belegt:
- Betablocker (Propranolol, Metoprolol, Bisoprolol): Sie senken den Blutdruck.
- Kalzium-Antagonist (Flunarizin): Wird auch gegen Schwindel eingesetzt.
- Antikonvulsiva (Valproinsäure, Topiramat): Mittel gegen Krampfanfälle.
- Trizyklisches Antidepressivum (Amitriptylin): Neben Depressionen und Nervenschmerzen zählt auch Migräne zu seinen Anwendungsgebieten.
- Onabotulinumtoxin A (Botox): Kann bei chronischer Migräne vorbeugend wirken.
Wenn die normalerweise gut wirksamen Mittel zur Vorbeugung nicht helfen, nicht vertragen werden oder aus bestimmten Gründen nicht angewendet werden dürfen, kann man seit einiger Zeit auf monoklonale Antikörper zur Vorbeugung von Migräne zurückgreifen. Weil sie nur als Injektionslösung zur Verfügung stehen, spricht man auch von „Anti-Migräne-Spritzen“.
Nicht-medikamentöse Prophylaxe
- Regelmäßiger Ausdauersport: Joggen, Fahrrad fahren oder Schwimmen.
- Entspannungstechniken: Yoga, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Biofeedback-Techniken.
- Psychologische Verfahren: Verhaltenstherapeutische Verfahren können helfen, insbesondere wenn auch eine Depression oder eine Angststörung bestehen.
- Akupunktur: Die Daten zur Wirksamkeit von Akupunktur sind widersprüchlich.
Was tun, wenn nichts hilft? Der Status migraenosus
Eine der Eigenarten von Migräneattacken aus Sicht der Betroffenen ist, dass sie immer dann auftreten, wenn man sie gerade überhaupt nicht gebrauchen kann. So wenig vorhersehbar der individuelle Verlauf der Migräne ist, sie hält sich jedoch auch an Regeln: spätestens nach 72 Stunden ist die Migräne vorbei. Aber bedauerlicherweise gibt es auch von dieser Regel eine Ausnahme: den Status migraenosus. Mit diesem Begriff bezeichnet man Migräneattacken, die aus welchen Gründen auch immer länger als 72 Stunden anhalten.
Ein häufiger Auslöser von langen Migräneattacken sind die hormonellen Veränderungen zum Zeitpunkt der Menstruation. Durch immer neue Einnahmen von Schmerzmitteln und Triptanen kann zwar jeweils eine vorübergehende Besserung erreicht werden, die Wirkung wird jedoch immer geringer und hält immer kürzer an. Irgendwann kommt dann der Moment, an dem nichts mehr hilft.
Behandlung des Status migraenosus
Vorbeugende Maßnahmen kommen zu spät, wenn ein Status migraenosus bereits eingetreten ist. Die Erfahrung zeigt, dass die Einnahme von Triptanen und/oder Schmerzmitteln im Status migraenosus mit jedem Tag weniger und kürzer wirksam ist und anstatt die Migräne zu beenden, verlängern die Medikamente die Attacke nur noch. Daher gilt die generelle Empfehlung, ab dem vierten Tage einer Migräne auf Schmerzmittel und Triptane zu verzichten.
Auch wenn man es sich nicht vorstellen kann, die schnellste Art aus dem Status migraenosus herauszukommen, ist in dieser keine Akutmedikation wie Schmerzmittel oder Triptane mehr einzunehmen, die man bereits vorher eingenommen hat. Zielführender sind Medikamente gegen Übelkeit. Das rezeptfrei erhältliche Dimenhydrinat, u.a. unter dem Handelsnamen Vomex® A bekannt, bietet jetzt gegenüber MCP den Vorteil einer zusätzlich leicht müde machenden Wirkung. Diesen sogenannten sedierenden Effekt erreicht man auch mit schwach wirksamen Neuroleptika wie Promethazin oder Melperon, mit trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin, Doxepin oder Trimipramin. Im Ausnahmefall kann auch ein Beruhigungsmittel wie Diazepam erwogen werden, diese sollten jedoch wegen der möglichen Gewöhnungsproblematik sehr zurückhaltend eingesetzt werden.
Ein weiterer Therapieansatz ist, die dem Migräneschmerz zugrundeliegende Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute durch Gabe von Prednisolon oder anderen Kortison-Zubereitungen zu blockieren und damit dem Schmerz die biologische Grundlage zu nehmen. In der Notfallsituation wird das Kortison meist intravenös verabreicht, was den Vorteil eines relativ schnellen Wirkeintritts unter Umgehung der Aufnahme im Magen-Darmbereich bietet.
Tipps für das Gespräch mit dem Arzt
Das Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt kann darüber entscheiden, wie schnell Sie eine Diagnose und die richtige Therapie bekommen. Je besser Sie Ihre Schmerzen beschreiben können, desto eher werden die Fachleute verstehen, was los ist.
- Bereiten Sie sich gut vor: Notieren Sie Ihre Schmerzen und andere Begleiterscheinungen in einem Migräne- oder Kopfschmerztagebuch.
- Finden Sie die richtigen Worte: Beschreiben Sie Ihre Schmerzen genau (pochend, pulsierend, stechend, drückend, einseitig, etc.).
- Seien Sie konkret und bleiben Sie sachlich: Erklären Sie, wie oft und wie lange die Schmerzen auftreten und welche Begleitsymptome Sie haben.
- Erwähnen Sie, wie die Schmerzen Ihr Leben beeinflussen: Berichten Sie, ob Sie durch die Kopfschmerzen Arbeit, Universität oder Schule verpassen müssen, sich nicht um Ihre Familie kümmern können, nachts schlecht schlafen können oder sich sozial zurückziehen.
- Fragen Sie gezielt nach: Fragen Sie, ob es sich um Migräne handeln könnte, welche weiteren Untersuchungen sinnvoll sind und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.
- Holen Sie sich eine zweite Meinung ein: Falls Sie sich nicht ernstgenommen fühlen, scheuen Sie sich nicht, eine andere Ärztin oder einen anderen Arzt aufzusuchen.