Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Doch was steckt wirklich hinter der Migräne? Was will uns unser Körper damit sagen? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Migräne, von den neurologischen Grundlagen bis hin zu möglichen psychologischen Botschaften.
Die neurologische Perspektive: Eine besondere Reizverarbeitung
Das Gehirn von Menschen mit Migräne weist eine besondere Art der Reizverarbeitung auf. Die Forschung geht davon aus, dass das Gehirn Reize schneller und intensiver verarbeitet als bei Menschen ohne Migräneveranlagung. Dies kann dazu führen, dass das Nervensystem ständig unter "Hochspannung" steht.
Genetische Veranlagung
In der jüngeren Zeit konnten spezifische Veränderungen im menschlichen Erbgut für diese besondere kognitive Veranlagung sorgen. Man suchte nach kleinsten Veränderungen im Erbgut, die mit der Veranlagung für Migräne im Zusammenhang stehen könnten. Eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2016 präsentierte die Ergebnisse von Forschungen an über 375.000 Teilnehmer*innen.
Die "Hochspannung" des Nervensystems
Das Nervensystem von Migränebetroffenen steht wegen der gesteigerten Reizverarbeitung ständig unter ‚Hochspannung‘. Bei zu schneller oder zu lang anhaltender Reizverarbeitung kann es zu einem Zusammenbruch der Energieversorgung der Nerven kommen. Die Steuerung der Nervenfunktionen entgleist und schmerzauslösende Botenstoffe werden ungehindert freigesetzt - die hämmernden Migränekopfschmerzen stellen sich ein.
Kognitive Fähigkeiten und Migräne
Menschen mit Migräne verfügen grundsätzlich über eine besondere Leistungsfähigkeit des Gehirns. Allerdings können während der Migräneattacken Beeinträchtigungen der kognitiven Funktionen auftreten. Studien haben gezeigt, dass kognitive Symptome die herannahende Attacke ankündigen können. Dazu gehören Sprach- und Lesestörungen sowie Konzentrationsschwäche. In der akuten Phase der Attacke können Sprachstörungen und Konzentrationsschwäche auftreten. Die Betroffenen berichten von einer Verlangsamung ihres Denkens, Orientierungsproblemen oder Retardierung von Denkprozessen. Auch Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kraftlosigkeit oder depressive Gefühle können auftreten.
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Episodische vs. chronische Migräne
Bei der episodischen Migräne (≤14 Migränetage pro Monat) normalisiert sich in der Zeit zwischen den Attacken die Kognition der Betroffenen meist wieder. Im Fall der chronischen Migräne (≥15 Migränetage pro Monat) verkürzen sich oft die Erholungsphasen zwischen den Attacken. Bildgebende Verfahren zeigen, dass die Übererregbarkeit bestimmter Nervenareale zwischen den Attacken nicht ganz zurückgeht, in besonders schweren Fällen sogar bestehen bleibt. Eine Studie von 2017 stellte fest, dass die durch Chronizität erhöhte Häufigkeit der Attacken negative Auswirkungen auf die Kognition der Betroffenen mit sich bringt. Sie fanden signifikante Defizite im Sprach- und Erinnerungsvermögen, bei der sogenannten „kognitiven Kontrolle“ von bewusstem und aufmerksamem Handeln sowie im Rechen- und Orientierungsvermögen.
Migräne verstehen: Mehr als nur Kopfschmerzen
Migräne ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nie das Symptom einer anderen Erkrankung! Betroffene sind weder arbeitsunwillig, psychisch krank noch suchen sie nach Aufmerksamkeit. Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung, die nicht durch Allergien bedingt ist. Auch besteht keine Vergiftung im Körper, nichts muss ausgeleitet, entschlackt oder entsäuert werden. Diäten sind wirkungslos. Wichtig ist vielmehr eine vollwertige Mischkost, die ausreichend Kohlenhydrate enthalten sollte.
Symptome und Begleiterscheinungen
Migräne ist kein simpler Kopfschmerz, sondern eine der schlimmsten Schmerzzustände, die Menschen heimsuchen. So bestehen nicht nur die typischen meist einseitigen, stechenden, hämmernden, pulsierenden Kopfschmerzen - nein, der gesamte Körper ist in Mitleidenschaft gezogen. Viele sind bettlägerig und fühlen sich schwer krank.
Migräne und Hormone
Mehr Frauen von Migräne betroffen sind als Männer, da die hormonellen Trigger hinzukommen. Rund 14 Prozent der Frauen sind von der neurologischen Krankheit betroffen, doppelt so viele wie Männer. Meist tritt sie erstmalig in der Pubertät auf, verschwindet in der Menopause.
Migräne mit Aura
Neben diesen "Vorsymptomen", wie extreme Müdigkeit oder häufiges Wasserlassen, haben rund 20 bis 30 Prozent der Migräne-Patientinnen und -Patienten auch noch eine sogenannte Aura. Bei einigen kommt es aber auch zu Ausfällen an einer Gesichtshälfte und Empfindungsstörungen in den Händen. Hier scheint der erhöhte Serotonin-Spiegel die Gefäße in bestimmten Bereichen, wie in der Nähe des Sehnervs, sehr zu verengen. Untersuchungen haben allerdings auch gezeigt, dass die Migräne mit Aura meist schwerer und schmerzhafter ist.
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Was passiert im Gehirn während einer Migräneattacke?
Der Neurologe Arne May leitet die Kopfschmerzambulanz an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Mit diesem bildgebenden Verfahren entstehen Schnittbilder des Gehirns, mit der auch kleine Veränderungen sichtbar werden. Während der Untersuchung wurden Schmerzreize in Form von Ammoniak eingesetzt und mit dem Effekt von Flackerlicht und dem Geruch von Rosenduft verglichen.
Die Rolle des Hypothalamus
Bestimmte Netzwerke fangen schon ein, zwei Tage vor der eigentlichen Attacke an zu arbeiten. Aktiver wird zum Beispiel der Hypothalamus. Dieser Bereich des Zwischenhirns ist der Rhythmusgeber fast aller körperlichen Funktionen und steuert auch die Funktionen des vegetativen Nervensystems. Und genau diese ganzen Rhythmen, Schlafrhythmen, Essrhythmus, Temperaturrhythmen, die werden da generiert und spielen alle eine große Rolle bei der Migräne. Und so wird eine Migräne vorbereitet. Dann ist irgendwann der Punkt erreicht, wo auch der Hirnstamm sich so aufgebaut hat, dass er feuert und dann kommt der eigentlich Kopfschmerz.
Die Kommunikation im Gehirn
Drei Bereiche des Gehirns kommunizieren miteinander und bestimmen, wann die Attacke losgeht: allen voran der Hypothalamus, der sogenannte Hirnstammgenerator und der Trigeminusnerv. Letzterer ist für die Weiterleitung von Schmerzimpulsen aus Kopf und Gesicht zuständig und begünstigt deshalb die Entstehung von diesen anfallsartigen Kopfschmerzen.
Die Rolle von Botenstoffen
Schmerzempfindlich sind vor allem die Blutgefäße und auch die Hirnhaut. Die bereits genannten Hirnareale kommunizieren mit Hilfe von Botenstoffen - sogenannten Neurotransmittern. Die Theorie: Der Trigeminus teilt den Gefäßen der Hirnhaut über die Botenstoffe mit, dass sich diese entzünden sollen.
Glutamat-Wölkchen
Der Neurologe K. C. Brennan beschreibt vermehrte Ansammlungen des erregenden Neurotransmitters "Glutamat" in kleinen Wölkchen bei Mäusen mit Migräne. Das deutet darauf hin, dass dieser Neurotransmitter nicht seinen eigentlichen Zweck erfüllt, also die nächste Zelle erregt, sondern sich im Hirn staut. Ob und wie diese Glutamat-Wölkchen beim Menschen auftreten, kann er noch nicht sagen.
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Therapie und Behandlungsmöglichkeiten
Lange Zeit gab es für Betroffene wenig Hoffnung auf Linderung der Schmerzen. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die helfen können, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
Medikamentöse Therapie
Triptane sind die ersten Medikamente, die speziell bei Migräne helfen sollen. Die Mittel stoppen die Entzündung an den Gefäßen, hemmen die Weiterleitung des Botenstoffs CGRP, und verhindern auch, dass der Schmerzreiz von den Hirnhäuten an das Gehirn gemeldet wird. So helfen Triptane akut gegen den Schmerz. Doch die Ärztinnen und Ärzte haben mittlerweile auch noch andere Werkzeuge: die medikamentöse Prophylaxe. Dazu gehören unter anderem Antidepressiva und Betablocker.
CGRP-Antagonisten
Antikörper-Spritzen oder auch CGRP-Antagonisten basieren maßgeblich auf der Entdeckung des CGRPs, dem Neuropeptid, das aus 37 Aminosäuren besteht. Die Entdeckung seiner Bedeutung für die Migräne ist maßgeblich Peter Goadsby zuzuschreiben. Diese Behandlungen reduzieren oder blockieren den Effekt von CGRP. Es stellt sich heraus, dass das während der Attacke hilft und auch bei der Prävention von Migräne. Immerhin mindert die Immuntherapie mit Antikörpern bei rund 50 Prozent der Patientinnen und Patienten die Migräne
Alternative und ergänzende Behandlungsmethoden
- Gemäßigter Ausdauersport: Kann prophylaktisch wirken und wird auch oft betrieben in schmerzfreien Zeiten. Während einer Attacke ist sportliche Betätigung nicht möglich.
- Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen: Leitlinien der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft empfehlen Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen zur Behandlung der Migräne.
- Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion: Eine randomisiert kontrollierte Studie zeigte, dass achtsamkeitsbasierte Stressreduktion zur prophylaktischen Behandlung der episodischen Migräne eingesetzt werden kann.
Die Schmerzklinik Kiel
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet spezielle Therapien für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzformen an.
Was will mir mein Körper sagen? Die psychologische Perspektive
Gesundheitsaufstellungen sind eine besondere Form der systemischen Aufstellungsarbeit. Sie helfen dabei, die versteckten Dynamiken hinter körperlichen Symptomen und Krankheiten sichtbar zu machen. Im Grunde betrachtet eine Gesundheitsaufstellung nicht nur das Symptom, sondern die Frage: Was will mir mein Körper sagen?
Mögliche Botschaften des Körpers
- Chronische Schmerzen: Können auf unterdrückte Emotionen oder ungelöste Konflikte hinweisen.
- Erschöpfung und Burnout: Können ein Zeichen dafür sein, dass man sich überfordert und seine Grenzen nicht achtet.
- Migräne: Wird oft mit einer Überforderung des Nervensystems in Verbindung gebracht - psychisch wie körperlich. Hinterkopfschmerzen können auf mentalen Druck durch äußere Erwartungen oder eine starke Selbstkritik hindeuten.
- Verspannungen: Ein ständig angespannter Körper ist oft ein Hinweis darauf, dass das Nervensystem im „Überlebensmodus“ ist - Fight, Flight oder Freeze.
- Emotionale Vernachlässigung: Viele Menschen, die mit emotionaler Vernachlässigung, überhöhter Anpassung oder einem narzisstischen Elternteil aufgewachsen sind, erleben ihren Körper später wie ein Rätsel.
Beispiele aus der Praxis
- Sabine (Rückenschmerzen): Hatte sich unbewusst die Sorgen und den Schmerz ihrer Mutter „auf den Rücken geladen“.
- Markus (Hashimoto): Hatte gelernt, seine Meinung nicht zu sagen und sich anzupassen.
- Carla (Migräne): Vermied es, über den Zustand ihrer Ehe nachzudenken.
- Lena (Panikattacken): Ihr Körper erinnerte sich an eine Angst, die gar nicht ihre eigene war. Ihr Großvater hatte als Soldat im Krieg in einem Keller ausharren müssen.
Mentales Training
Mentales Training kann einen großen Einfluss auf die Schmerzen haben. Es gibt tausende Formen davon: autogenes Training, Neuro-Linguistisches Programmieren, Hypnose, Energieadern klopfen.
Die Bedeutung von Selbstfürsorge
Migräneattacken sind keine Schwäche. Und Selbstfürsorge ist keine Ausrede, sondern eine Notwendigkeit, wenn ich halbwegs gut durch meinen Tag kommen möchte. Es ist wichtig, liebevoller mit sich zu sprechen. Statt Sätzen wie: „Du nervst, wenn du schon wieder nicht kannst“ möchte ich mir bewusst sagen: „Du machst das gut - jeden einzelnen Tag, trotz allem.“
Leben mit Migräne: Balance finden
Ein neues Jahr bedeutet vor allem eins: Balance im Alltag mit Migräneattacken finden. Es ist wichtig, für sich und seine Bedürfnisse einzustehen.
Vorsätze für ein besseres Leben mit Migräne
- Energie schützen: Organisiere deinen Alltag so, dass deine Kraft reicht - keine Termine auf Kosten deiner Gesundheit.
- Pausen einplanen: Kurze Atemübungen, Dehnen oder kurz mal Augen schließen entlasten dein Nervensystem rechtzeitig.
- Grenzen setzen: Sag klar, was möglich ist - ohne Schuldgefühle und ohne dich erklären zu müssen.
- Freundlich zu dir sein: Begegne dir besonders an schweren Tagen mit Wärme statt Selbstkritik.
- Raum für Freude schaffen: Gib den Dingen Platz, die dir guttun und dein Leben leichter machen.