Migräne: Eine globale Herausforderung mit besonderer Prävalenz bei Frauen

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die Menschen weltweit betrifft. Eine aktuelle Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung unter wiederkehrenden Kopfschmerzen leidet, wobei etwa 16 Prozent sogar täglich betroffen sind. Diese Kopfschmerzen können durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden, von Bluthochdruck und Herzerkrankungen bis hin zu Stress und Wetterumschwüngen.

In West-Europa stellt Migräne die am stärksten behindernde neurologische Erkrankung dar, insbesondere für Frauen. Eine aktuelle Auswertung des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) bestätigt, dass Frauen etwa dreimal häufiger an Migräne leiden als Männer.

Prävalenz von Migräne bei Frauen

Die BARMER-Auswertung aus dem Jahr 2022 zeigt, dass in Deutschland rund 55 von 1.000 Einwohnerinnen eine Migräne-Diagnose erhielten, verglichen mit 16 von 1.000 Einwohnern bei Männern. Diese Zahlen blieben im Vergleich zum Vorjahr (2021) nahezu konstant. Eine Studie gibt an, dass 17 Prozent der Frauen jedes Jahr unter Migräne leiden, aber nur rund neun Prozent der Männer. Auch Kopfschmerzen an 15 oder mehr Tagen im Monat waren bei Frauen viel häufiger.

Die Techniker Krankenkasse (TK) veröffentlichte 2019 einen Gesundheitsreport, der ebenfalls die höhere Prävalenz von Migräne bei Frauen belegt. Demnach erhielten 2018 fast fünfmal so viele Frauen spezifische Medikamente gegen Migräne und Kopfschmerzen (Triptane) wie Männer. Im Schnitt wurden 25 Frauen je 1.000 Versicherte Präparate gegen Migräne verordnet, während es bei den Männern nur fünf je 1.000 Versicherte waren.

Regionale Unterschiede in Deutschland

Die BARMER-Auswertung zeigt auch regionale Unterschiede in der Häufigkeit von Migräne-Diagnosen. Besonders häufig wird Migräne in Thüringen diagnostiziert, wo rund 40 von 1.000 Einwohnern betroffen sind, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (etwa 39 je 1.000 Personen) und Sachsen-Anhalt (etwa 38 je 1.000 Personen). Hildburghausen in Thüringen und Speyer in Rheinland-Pfalz sind Hotspots der Erkrankung auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte. Am geringsten betroffen sind der Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt und Eichstätt in Bayern, die deutlich unter dem Bundesschnitt liegen.

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Laut BARMER-Chef Straub sind die regionalen Unterschiede rein medizinisch nicht erklärbar. Eventuell spielen unterschiedliche Altersstrukturen oder verschiedene Versorgungsmuster eine Rolle. Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um den regionalen Besonderheiten auf den Grund zu gehen.

Alter und Einkommen als Faktoren

Migräne tritt vor allem im Alter von 40 bis 59 Jahren auf, während chronischer Schmerz vor allem Menschen ab dem 70. Lebensjahr betrifft. Migräne kommt bei Personen sämtlicher Einkommensschichten relativ gleich häufig vor, abgesehen von Spitzenverdienern. Chronischer Schmerz hingegen betrifft vor allem Menschen in unteren Einkommensschichten.

Die TK-Daten zeigen, dass Frauen im mittleren Alter zwischen 45 und 54 Jahren besonders häufig betroffen sind. Hier kommen im Schnitt 32 Migränepatientinnen mit Triptane-Verordnung auf 1.000 Versicherte. Bei den Männern sind es sechs je 1.000. Bei den über Sechzigjährigen ist der Anteil der Versicherten mit Triptane-Verordnung dagegen deutlich geringer.

Symptome, Ursachen und Auslöser

Migräneanfälle sind in der Regel gekennzeichnet durch pochenden, stechenden Schmerz auf einer Kopfseite. Lärm- und Lichtempfindlichkeit, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen können weitere Symptome sein. Die genauen Ursachen der Krankheit sind nicht vollständig geklärt. Neben genetischer Veranlagung können bestimmte chemische Entzündungsprozesse eine Migräneattacke auslösen. Wetterumschwünge, Stress, hormonelle Schwankungen während der Menstruation, unregelmäßiger Schlaf, aber auch Geruchs- und Lärmbelästigungen können ebenfalls individuelle Auslöser einer Migräneattacke sein.

Phasen eines Migräneanfalls

Während eines Migräneanfalls können verschiedene Phasen mit unterschiedlichen charakteristischen Symptomen durchlaufen werden:

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  • Vorbotenphase (Prodromalphase): Bei mindestens 30 % der Migränepatienten kündigt sich eine Migräneattacke bereits frühzeitig in Form von Vorbotensymptomen an. Die Vorbotenphase kann wenige Stunden bis zwei Tage einer Migräneattacke vorausgehen und dauert bei den meisten Patienten ein bis zwei Stunden an. Während der Vorbotenphase treten insbesondere psychische, neurologische und vegetative Symptome auf, die sich von denen der Auraphase unterscheiden. Am häufigsten sind Müdigkeit, Geräuschempfindlichkeit und häufiges Gähnen. Vielfach zeigen sich auch Störungen im Magen-Darm-Trakt, die Verstopfungen einschließen können. Charakteristisch ist bei vielen Patienten ein Heißhunger auf bestimmte Nahrungsmittel, der meist als Migräneauslöser fehlinterpretiert wird.
  • Auraphase: Migräne geht in ca. 15 % bis 20 % der Fälle mit einer Aura einher. Es werden in der Auraphase meist visuelle Störungen wie Skotome, Fortifikationen, Verlust des räumlichen Sehens und Unschärfe oder Sensibilitätsstörungen wie der Verlust der Berührungsempfindung oder Kribbeln in den Armen, Beinen und im Gesicht empfunden, die langsam einsetzen und wieder vollständig abklingen. Zusätzlich können Störungen des Geruchsempfindens, Gleichgewichtsstörungen, Sprachstörungen oder andere neurologische Ausfälle auftreten.
  • Kopfschmerzphase: Der Kopfschmerz tritt in der Kopfschmerzphase meistens halbseitig (etwa 70 % der Fälle) insbesondere im Bereich von Stirn, Schläfe und Auge auf. Er ist meist pulsierend und nimmt bei körperlicher Betätigung an Intensität zu, während Ruhe und Dunkelheit zur Linderung der Kopfschmerzen beitragen. Die Kopfschmerzen des Migräneanfalls werden oft von zusätzlichen Symptomen wie Appetitlosigkeit (> 80 %), Übelkeit (80 %), Erbrechen (40 % bis 50 %) sowie Photophobie (60 %), Phonophobie (50 %) und seltener Osmophobie (Geruchsempfindlichkeit, < 10 % bis 30 %) begleitet.
  • Rückbildungsphase: In der Rückbildungsphase nehmen der Migränekopfschmerz und die Begleitsymptome bis zur vollständigen Erholung langsam ab. Der Patient fühlt sich müde und angespannt. Diese Phase kann bis zu 24 Stunden dauern.

Auslösende Faktoren (Trigger)

Migräne kann bei empfindlichen Personen durch spezielle Situationen oder Substanzen, sogenannte Trigger (Schlüsselreize), ausgelöst werden. Dazu zählen insbesondere hormonelle Faktoren, Schlaf, Stress, Lebensmittel und Umweltfaktoren. Diese Auslösefaktoren sind jedoch individuell sehr unterschiedlich und können mit Hilfe eines Kopfschmerztagebuchs in Erfahrung gebracht werden. Zu den häufigsten Auslösern einer Migräne zählen Stress, unregelmäßiger Biorhythmus mit Schlafmangel oder zu viel Schlaf und Umweltfaktoren. Bei einigen Migränepatienten folgt ein Migräneanfall erst in der Poststress-Entspannungsphase („Wochenendmigräne“).

Bei Frauen sind hormonelle Schwankungen ein wichtiger Faktor. Über die Hälfte aller weiblichen Migränepatienten gibt den Menstruationszyklus als Auslöser einer Migräne an. Ein Migräneanfall kann insbesondere während der späten lutealen Phase des Zyklus oder während der einnahmefreien Zeit bei der Empfängnisverhütung mit oralen Kontrazeptiva auftreten.

Etwa zwei Drittel aller Migränepatienten sehen einen Zusammenhang zwischen dem Konsum bestimmter Lebens- und Genussmittel und dem Auslösen eines Migräneanfalls. Als wichtigster Migränetrigger dieser Gruppe gilt Alkohol. Darüber hinaus werden insbesondere glutamat-, tyramin-, histamin- und serotoninhaltige Lebens- und Genussmittel wie Rotwein, Schokolade und Käse als Auslösefaktoren genannt. Auch Kaffee wird häufig als ein Auslösefaktor empfunden.

Klassifikation der Migräne

Die Klassifikation der Migräne erfolgt primär anhand des Auftretens oder der Abwesenheit einer Migräneaura:

  1. Migräne ohne Aura (Gewöhnliche Migräne): Die Migräne ohne Aura ist mit etwa 80 % bis 85 % der Migräneanfälle die häufigste Form der Migräne.
  2. Migräne mit Aura (Klassische Migräne): Eine Migräne mit Aura ist geprägt durch reversible neurologische Symptome, die Sehstörungen mit Gesichtsfeldausfällen, Skotomen, Lichtblitzen oder Wahrnehmen von bunten, schillernden, gezackten Linien oder Flimmern, Gefühlsstörungen mit Kribbeln oder Taubheitsgefühl und Sprachstörungen einschließen.

Psychosoziale Aspekte und Komorbiditäten

Frauen unterliegen etwa in stärkerem Maße als Männer den psychosozialen Folgen, die die Schwere der Erkrankung beeinflussen und dazu beitragen können, dass die Beschwerden chronisch werden. Migränepatientinnen leiden laut einer aktuellen Studie aus der Schweiz häufiger als Migränepatienten unter Beziehungsproblemen, Unverständnis des familiären Umfelds sowie vermehrter Angst in der anfallsfreien Zeit vor erneuten Attacken.

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In Anbetracht der Verkettung der körperlichen Symptome mit den psychosozialen Folgen ist es wenig verwunderlich, dass Migränepatientinnen und -patienten häufig unter psychischen Komorbiditäten wie Depressionen (Odds ratio 2,2 bis 4,0), generalisierten Angststörungen (OR 4,1 bis 5,5) oder Panikstörungen (OR 3,0 bis 10,4) leiden.

Behandlung und Vorbeugung

Menschen mit Migräne sollten sich vor der dauerhaften Einnahme von Schmerzmitteln unbedingt in der Arztpraxis beraten lassen. Insbesondere Maßnahmen wie Entspannungstraining, progressive Muskelentspannung nach Jacobson sowie Ausdauersport seien nach Einschätzung von Ärztinnen und Ärzten in vielen Fällen empfehlenswert.

Die Behandlung der einzelnen Kopfschmerzattacke erfolgt mit überwiegend ohne Rezept erhältlichen Schmerzmitteln, vorzugsweise kombiniert mit einer Substanz gegen Übelkeit und Erbrechen. Treten Attacken mehr als 3-mal pro Monat auf, wird vorübergehend mit vorbeugend wirksamen Medikamenten behandelt. Diese müssen vom Arzt verordnet und ihre Wirkung muss kontrolliert werden. Die häufigsten Substanzen zur Migräne-Prophylaxe sind Betarezeptorenblocker und eine Reihe von Substanzen, die auch zur Behandlung von Epilepsie oder Depressionen eingesetzt werden. Neu entwickelte Migräne-spezifische Prophylaktika richten sich gegen die Effekte des Botenstoffs CGRP, der bei der Ausbildung der neurovaskulären Entzündung eine bedeutende Rolle spielt.

Jeder Betroffene muss lernen, mit dieser Erkrankung zu leben. Dazu gehört, modifizierbare Auslöser für Attacken nach Möglichkeit zu reduzieren und sich auf der anderen Seite einzugestehen, dass schwere Attacken zu einer reellen Minderung der Leistungsfähigkeit führen.

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