Traurigkeit, bedrückte Stimmung und Schwermut sind Gefühle, die zum Leben dazugehören. Sie helfen uns, Krisen zu verstehen und zu verarbeiten. Der Begriff "depressiv" wird im Alltag oft verwendet, aber in der Medizin wird er enger und präziser gefasst. Es ist wichtig, die Signale von Psyche und Körper richtig zu deuten.
Was ist eine reaktive Depression?
Die reaktive Depression, auch situative oder anpassungsbedingte Depression genannt, ist eine Form der Depression, die in Verbindung mit belastenden Lebensereignissen auftritt. Im Gegensatz zu anderen Depressionsformen, bei denen die Ursachen vielfältig sein können, steht bei der reaktiven Depression ein klar identifizierbares auslösendes Ereignis im Vordergrund.
Historischer Kontext und Terminologie
Früher wurde der Begriff "neurotische Depression" verwendet, der jedoch in der internationalen Klassifikation der Erkrankungen (ICD) nicht mehr vorkommt. Stattdessen spricht man von Dysthymie oder Dysthymia. Auch das frühere Entstehungsmodell, das von einer psychogenen oder endogenen Störung ausging, gilt nicht mehr, da biologische und metabolische Faktoren bei der Entstehung von Depressionen jeder Art eine zentrale Rolle spielen.
Ursachen und Risikofaktoren
Stress und belastende Lebensereignisse können eine reaktive Depression auslösen. Auslöser sind in der Regel mehrere Risikofaktoren, wie z. B.:
- Erbliche Veranlagung
- Bestimmte Wesenszüge
- Andauernder Stress (Beziehungen, Ausbildung, Job, Finanzen)
- Traumatische Erfahrungen (Missbrauch, Vernachlässigung)
- Verlusterlebnisse (durch Tod, Trennung, schwere Kränkung)
- Eine Phase biologischer und psychosozialer Veränderungen (Schwangerschaft, Wechseljahre)
Zu den somatischen Risikofaktoren, depressiv zu erkranken, zählen z. B.:
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- Schwere chronische Erkrankungen
- Schlafstörungen
- Diabetes
- Demenz
- Herzinfarkt
- Schlaganfall
Das Depressionsrisiko für körperlich chronisch Kranke ist im Vergleich zu organisch Gesunden doppelt so hoch.
Genetische Prädisposition
Eine genetische Disposition wird vermutet, da Fälle von Dysthymie in Familien gehäuft auftreten. Zwillingsforschung mit ein- und zweieiigen Zwillingen ergab für eineiige Zwillinge eine höhere Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken.
Psychosoziale Faktoren
Psychosoziale Faktoren wie Stress, soziale Isolation oder ein Fehlen sozialer Unterstützung können ebenfalls zur Manifestation einer reaktiven Depression beitragen.
HPA-Achse
Seit den 2000er Jahren wird ein Zusammenhang zwischen der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse) und Dysthymie diskutiert. Diese HPA-Achse, auch Stressachse genannt, gilt als verantwortlich dafür, wie anpassungsfähig wir unter Stress sind.
Neurotransmitter
Oft wird die Rolle des Neurotransmitters Serotonin im Bereich neurotische Depression diskutiert, jedoch fehlen bislang wissenschaftliche Belege dafür.
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Neurologische Indikatoren
Die Existenz neurologischer Indikatoren für eine manifestierte Dysthymie ist wissenschaftlich belegt. Untersuchungen von Gehirnstrukturen (Corpus callosum, Frontallappen) ergaben, dass diese bei Dysthymie-Betroffenen anders als bei Nichtbetroffenen ausgeprägt sind. Mithilfe von MRT-Techniken wurde festgestellt, dass bestimmte Hirnregionen von PatientInnen mit Dysthymie wie Amygdala (Emotionsverarbeitung), Inselrinde (verknüpft mit Gefühlen wie Trauer) und Gyrus cinguli (Brücke zwischen Aufmerksamkeit und Gefühlen) aktiver waren.
Symptome
Betroffene fühlen sich traurig, müde und ohne Energie. Interesse und Lust an Dingen, die früher Freude bereiteten, sind verschwunden. Schlafprobleme können plagen, Appetitlosigkeit führt oft zu Gewichtsabnahme. Gefühle der Wertlosigkeit, aber auch die Beschäftigung mit dem eigenen Tod können die Gedanken bestimmen. Andere Symptome für eine depressive Episode oder neurotische Depression sind z. B.:
- Konzentrationsprobleme
- Schuldgefühle
- Negative Gedanken
- Kopfschmerzen
- Magenbeschwerden
- Reduzierte Libido
Die Symptome können emotional, körperlich oder kognitiv sein. Nach diagnostischen Kriterien liegt eine Depression vor, wenn mindestens zwei Haupt- und weitere Nebensymptome über mehrere Wochen bestehen. Je nach Schweregrad kommen weitere Symptome hinzu.
Hauptsymptome
- Gedrückte, depressive Stimmung, geprägt von Hoffnungslosigkeit oder Niedergeschlagenheit
- Verlust von Interesse und Freude an Aktivitäten, die früher Freude bereitet haben oder wichtig waren
- Verminderter Antrieb, verbunden mit anhaltendem Energiemangel oder ausgeprägter Müdigkeit
Nebensymptome
- Schlafstörungen (Ein- und Durchschlafprobleme oder frühes Erwachen)
- Psychische und kognitive Begleitsymptome (Gefühle von Wertlosigkeit, Schuld oder geringem Selbstwert, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme)
- Körperliche Symptome (Kopf-, Magen- oder Muskelschmerzen, Veränderungen im Appetit und Gewicht)
Diagnose
Um eine reaktive Depression zu diagnostizieren, wird ein strukturiertes klinisches Interview geführt. Zu den diagnostischen Kriterien zählt:
- Der Interviewte sagt, dass er oder sie an mehr als 50 Prozent aller Tage binnen zwei oder mehr Jahren schwermütiger Stimmung war oder andere ihn oder sie als schwermütig wahrnahmen.
- Außerdem müssen zwei oder mehr dieser Kriterien zutreffen:
- Weniger oder mehr Appetit als zuvor
- Weniger oder mehr Schlaf (Schlafstörung oder Schlafsucht)
- Erschöpfung oder nur wenig Energie
- Verringertes Selbstvertrauen
- Verringerte Konzentration oder Probleme, Entscheidungen zu treffen
- Hoffnungslosigkeit oder Pessimismus
Im Zweijahreszeitraum fehlen diese Symptome nie länger als zwei Monate am Stück. Außerdem hatte der Patient keine (hyper-)manischen oder gemischten Episoden. Er erfüllte nie die Kriterien der Zyklothymia (hierbei wechseln kurze Hochphasen mit kurzen Phasen der Trauer) und leidet nicht an einer chronischen Psychose (wie z. B. Schizophrenie). Auch sind seine Symptome nicht die Folge von Substanzen wie Drogen oder Medikamenten oder einer Erkrankung wie z. B. einer Schilddrüsenunterfunktion.
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Differenzialdiagnose
Eine neurotische Depression zu entdecken, kann eine Herausforderung sein. Es ist wichtig, die reaktive Depression von anderen psychischen Störungen abzugrenzen, wie z. B.:
- Bipolare affektive Störung (manisch-depressive Störung)
- Zyklothymia (einer leichteren Form der bipolaren Störung)
- ADHS
- Depression (akute Symptome, die nur wenige Wochen dauern)
Ebenfalls kann eine neurotische Depression kombiniert mit depressiven Episoden auftreten (Double Depression).
Behandlung
Die Behandlung einer reaktiven Depression umfasst in der Regel eine Kombination aus Psychotherapie, Medikamenten und der Anpassung des Lebensstils.
Psychotherapie
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Hilft, negative Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern.
- Psychodynamische Psychotherapie und interpersonelle Psychotherapie: Geeignet, um Ursachenforschung zu betreiben, selbstentwertende Sichtweisen zu korrigieren und bessere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
- Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP): Ein Psychotherapieprogramm, das kognitive, behaviorale, interpersonelle und psychodynamische Elemente vereint.
- Gruppentherapie: Psychoedukationsgruppen Betroffener und Selbsthilfegruppen können die Behandlung wirksam ergänzen.
Medikamentöse Therapie
- Antidepressiva: Können chemische Ungleichgewichte im Gehirn korrigieren. Oft werden Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingesetzt, die den Serotoninspiegel ansteigen lassen.
Weitere Behandlungsansätze
- Lichttherapie: Kann bei saisonalen Depressionen hilfreich sein.
- Biologische Therapien: Z. B. Schlafentzugstherapie oder Elektrokrampftherapie.
- Kunsttherapie: Kann helfen, Emotionen auszudrücken und zu verarbeiten.
- Anpassung des Lebensstils: Regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichender Schlaf unterstützen den Genesungsprozess.
Therapie resistenz
Nicht verschwiegen werden soll, dass eine Dysthymia (weil chronisch) nicht selten therapieresistent ist. Bei medikamentöser Therapie spricht man von Therapieresistenz, wenn sich die Symptome unter Behandlung mit zwei oder mehr unterschiedlich wirkenden Antidepressiva über jeweils mindestens vier Wochen nicht verbessern; bei Psychotherapie sollten die Symptome innerhalb von mindestens zwei bis drei Monaten um 50 bis 70 Prozent zurückgegangen sein. Um eine Prognose bzgl. der Behandlung zu treffen, nehmen klinisch tätige PsychologInnen und PsychiaterInnen Persönlichkeitsstruktur und psychosoziale Faktoren (z. B. Traumatisierung) als wichtige Einflüsse in den Blick.
Prognose
Im Gegensatz zur klinischen Depression, die sich im Laufe mehrerer Wochen und Monate nur langsam verbessert, kann eine akute reaktive Depression innerhalb von ein bis zwei Wochen gut behandelt werden. Dann sollte sich jedoch eine passende Psychotherapie anschließen, um das auslösende Ereignis bestmöglich aufzuarbeiten.
Unterstützung
Wenn Sie unter Symptomen einer Depression leiden, ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen. Anlaufstellen sind:
- Ärzte und Psychotherapeuten
- Psychologische Beratungsstellen
- Sozialpsychiatrische Dienste
- Telefonseelsorge (Tel.: 0800/1110111 oder 0800/1110222)
- Deutschlandweites Info-Telefon Depression der Deutschen Depressionshilfe (Tel.: 0800/3344533)
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